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 Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"

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Mini_2010

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BeitragThema: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 09 2012, 18:51

das Eingangsposting lautete :

Liebe Leser,

Die nachfolgende Geschiche habe ich vor etwa zwei Jahren einmal geschrieben. Bisher verweilte sie geduldig auf meinem Laptop. Nach langen Überlegungen habe ich mich nun doch dazu durchgerungen, sie hier im Forum zu veröffentlichen. Ich weise vorab darauf hin, dass die Geschichte Passagen enthält, die in die Kategorie FSK 16/18 gehören. Ansonsten freue ich mich natürlich, wenn sie euren Zuspruch findet. Sollte das nicht der Fall sein, wäre es schön, das zu wissen, dann würde ich davon absehen, sie fortzuführen.

Danke und viel Spaß beim Lesen.

Liebe Grüße
Mini


****************************************

Prolog
Schweden, Juni 2005


Unruhig warf er sich auf seinem Bett hin und her. Es war wieder einer jener grausigen Träume, der ihn seit Monaten verfolgten. Erschöpft und verwirrt von seiner träumenden Pein drehte er sich auf den Rücken und starrte an den weißen Baldachin, der anmutig über seinem Bett schwebte. Warum immer wieder dieser Traum? War es bald wieder soweit? Immer, wenn die Zeit drängte, mehrten sich diese seltsam beunruhigenden Träume. Und er hatte keine Zeit mehr, soviel wusste er. Und noch etwas lag in der Luft. Etwas, was er noch nicht greifen konnte, etwas, was ihn beunruhigte und sein Herz zum Rasen brachte. Keuchend stieß er den Atem aus und legte sich die Hand über seine Augen. Ein schwaches Licht drang von draußen durch die feinen seidenen Vorhänge. Mit schwirrendem Kopf erhob er sich von seinem Bett, durchquerte auf schlaftrunkenen Füßen das Schlafzimmer und trat auf den Balkon des großzügigen Hauses, welches er seit ein paar Jahren sein Eigen nannte. Er war viel herumgekommen, und einst würde der Moment kommen, dass er wieder gehen müsste. Aber noch war es nicht soweit, noch hatte er die Möglichkeit, seine Aufgabe zu erfüllen, um dem Bann zu entgehen, der auf ihm lastete. Als er damals ausgesprochen wurde, hatte er es zunächst für den kompromittierenden Versuch einer zynischen Frau gehalten. Aber er hätte es besser wissen müssen, schließlich hatte er sie bis aufs Blut gereizt. Und wenn er ehrlich war, hatte er sich auch keineswegs dafür geschämt. Seine Arroganz war ein sicherer Schild seiner virilen Selbstsicherheit, und seine Wut stärkte ihn regelmäßig, damit er nicht vergaß, dass eine Offenbarung seiner Seele ihm nur mehr Leid zuführen konnte. Wann er so geworden war, wusste er nicht mehr, und dass sie dieses Wesen an ihm hasste, gab ihm den notwenigen Nährboden, sich sicher zu fühlen – von der Welt gehasst und nur von den Allerengsten wirklich erkannt und geliebt. Im Grunde war er selbst schuld an seinem Leid, und das wusste er. Wie oft hatte er sich gewünscht, so zu sein, wie seine Geschwister, gesegnet mit der Liebe einer Mutter und dem Wissen, dass er ihr etwas bedeutete. Er wusste, dass er ihr mit diesem Wunsch unrecht tat, da sie auch ihm das gegeben hatte, was er den anderen tief in seinem Inneren neidete. Nur leider schien er für ihr Geschenk nicht empfänglich zu sein. Wie eine Krankheit war das Geschenk in seinen Händen verdorben und unbrauchbar geworden und hatte stattdessen seinen Hass und seinen Zorn geboren und stetig genährt. Am Ende war es sein innerer Gram, sein Hass allein auf sich selbst, der ihr die Schuld an seinem Unglück gab.

Sein Vater war stolz auf ihn. Als er ihn nach dem Grund gefragt hatte, hatte er gesagt, dass er besser für den Kampf geeignet wäre als sein Bruder. Er erinnerte sich, wie glücklich er über diese Anerkennung gewesen war. Und als er seinen Vater gefragt hatte, warum er das so sah, hatte dieser nur gemeint, dass er nicht das verschwenderische Herz eines Liebenden besäße. Es sei gerade soviel Gefühl in ihm, dass er seinen Feinden den Gnadenstoß gewähren würde, anstatt wie ein feiger Hund jaulend vom Schlachtfeld zu flüchten. Er besaß nicht das Herz eines Liebenden? Er war betrübt, ja sogar entsetzt darüber gewesen, was sein Vater von ihm hielt. Daraufhin hatte er sich geweigert, an seiner Seite zu kämpfen und begonnen, das Leben eines Eremiten zu führen. Hinter dem Schutzmantel der Gleichgültigkeit hatte er seine verletzte Seele vor der Welt verborgen. Niemand sollte je an sie herankommen. Mit den Jahren wurden Einsamkeit und Selbsthass seine besten Verbündeten, halfen sie ihm doch, den Panzer um seine Seele zu stählen, die das winzige Gefühlsaufkommen beinhaltete, was ihm zueigen war. Und mit der Zeit wurde er gut darin, diese kostbaren Gefühle tief in sich zu verbergen, bis sie fast gar nicht mehr zum Vorschein kamen. Nur sehr selten und meist nur dann, wenn er selbst keinen Einfluss darauf hatte, zeigten sie sich. Der sichere Panzer hatte ihn die Äonen seines Daseins über geschützt. Doch urplötzlich schien die Zeit aus den Fugen geraten zu sein. Eigentlich sollte er es als einen Segen empfinden, aber die Tatsache, dass er nicht selbst über sein Dasein entscheiden konnte, ließ diese Empfindung nicht zu. Er war ein Narr – ein kaltes Herz, was einer Seele nachjagte, die er doch nie erwärmen können würde. „Du siehst aus, als hättest du schlecht geträumt.“, vernahm er eine sanfte weibliche Stimme, gefolgt von leisem Rauschen. Er sah auf und konnte einen schwebenden Schatten am nächtlichen Himmel ausmachen. Die schöne Gestalt schwebte, getragen von anmutigen Schwingen, auf seinen Balkon. Augenblicklich verschwanden ihre schönen Flügel, die er immer bewundert hatte. „Nemesis. Was verschafft mir die Ehre deines nächtlichen Besuchs?“, erwiderte er beinahe gelangweilt. Es tat ihm leid, dass er sie so schroff begrüßte, denn er mochte Nemesis. Sie waren sich auf eine ungewöhnliche Weise sehr ähnlich. „Ich habe dich gesucht. Und du hast dich ziemlich gut versteckt. Doch dein Zorn hat dich verraten. Ich hab ihn gespürt. Du weißt doch, wie sehr ich dafür empfänglich bin.“, erklärte sie und tippte sich lächelnd gegen ihre kleine hübsche Nase. „Zornradar …“ Er lachte leise. „Ich rieche ihn … und dann bin ich da. Wer hat dir Unrecht getan?“, fragte sie mit fester Stimme, in der ein Hauch Missbilligung mitschwang.

Er schnaubte leise und winkte mit einer lässigen Handbewegung ab. „Die Kurzfassung?“, fragte er trocken. Nemesis nickte wortlos. Aus ihrem hübschen Gesicht, welches von einer dichten blonden Lockenpracht umrahmt wurde, blickten ihn zwei silbergraue Augen streng an. Er kannte diesen Blick, der ihm nur zu deutlich sagte, dass sie keine Ruhe geben würde, bevor er nicht ausgesprochen hatte, was sie zu wissen verlangte. Es war schon so lange her, seit dieser Bann gesprochen wurde, und erst jetzt fiel ihm auf, dass er Nemesis lange nicht gesehen hatte. Er seufzte indigniert. „Mein Bruder hatte einen Anfall von Geltungssucht, ich hab mich provozieren lassen und ein paar … wie soll ich sagen … Dinge laut ausgesprochen, die andere nicht mal im Stillen gedacht hätten, und sie – er sprach dieses Wort aus, als wäre es eine Krankheit – hat mich darauf hin verflucht. Nun sitze ich hier, inmitten der Zeit, die mir so unaufhaltsam durch die Finger rinnt, und bin doch nicht schlauer als gestern oder vorgestern. Zumindest habe ich schon mal gelernt, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Alternativ droht mir ja ohnehin nur das Getuschel sensationssüchtiger Dummköpfe, und da mir das eh nicht behagt, bleibe ich, wo ich bin. Du weißt ja, Selbstmitleid war noch nie meine Stärke.“ Nemesis hob fragend die Augenbrauen. Kopfschüttelnd sah sie ihn an. „Das übliche also?“ Er nickte betrübt. Nemesis stieß ein leises Seufzen aus. „Du weißt, dass ich sie nicht für etwas zur Rechenschaft ziehen kann, was sie nicht zu beeinflussen in der Lage ist. Sie liebt dich, das weißt du genauso gut wie ich. Dass ihre Gabe in dir keine Wurzeln schlägt und Früchte trägt, ist einem höheren Schicksal zuzuschreiben.“, erklärte sie ruhig und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er seufzte wieder. Sein innerer Schutzpanzer war brüchig geworden, aber Nemesis konnte er vertrauen. Selbst wenn er sein Gesicht verlöre, sie würde ihn nicht verhöhnen oder verurteilen. Sie war ihm treu, wie kaum ein anderer, den er kannte. Dann sah er sie an und lächelte gemein. „Vielleicht könntest du ja meinem Bruder mal einen Denkzettel verpassen. Glaub mir, der Knabe hat es mehr als verdient.“ Nemesis lächelte zaghaft. „Ja, da gebe ich dir recht. Aber sein Hass ist ehrlich. Er empfindet keine Liebe für dich, die man als herzlos oder falsch bezeichnen könnte. Glaub mir, wenn dem so wäre, würdest du meine Rache schon bemerkt haben.“ Jetzt grinste sie breit. Er bedachte sie mit einem gequältem Lächeln, und Nemesis hob ihre Hand, um ihm zärtlich über seine Wange zu streichen. „Du bist mir unter all denen Unsrigen der Liebste, mein schöner dunkler Engel.“, raunte Nemesis.

Er sah auf sie herab und verzog mürrisch das Gesicht. Er hasste es, wenn sie ihn so nannte. Er war kein Engel, doch Nemesis schien die Tatsache allein, dass er Flügel besaß – die er so gut wie nie zeigte, geschweige denn, benutzte – zu genügen, ihn regelmäßig damit aufzuziehen. Er sah sie tadelnd an, doch sie grinste nur verschmitzt zurück. „Du bist, was du bist. Wir zwei sind uns in manchen Punkten so ähnlich.“, erklärte sie feierlich. „Eigentlich ein perfektes Paar.“ Sie machte sich nicht die Mühe, das schelmische Grinsen zu verbergen. „Ja, das ist dein Glück. Andernfalls hätte ich dich schon längst übers Knie gelegt und dir den Hintern versohlt.“, knurrte er leise.“ Nemesis grinste noch breiter, trat näher zu ihm und stellte sich auf die Zehenspitzen. Dann legte sie ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn zu sich hinunter. Ihre Lippen an seinem Ohr jagten ihm einen kurzen Schauer über den Rücken. „Mein schöner Engel, komm, lass uns die Nacht ein wenig unsicher machen.“, säuselte sie. Er sah sie argwöhnisch an. „Ich weiß nicht …“ Er wollte sich aus ihrer Umarmung lösen, doch sie hielt ihn fest. „Komm, ich weiß dass du das nicht magst, aber es ist jetzt genau das, was du brauchst. Und morgen stellst du dich wieder deinem Leben. Glaub mir, auch das Schicksal braucht mal eine Pause.“, meinte sie leichthin. Er zögerte einen Moment und sah sie schweigend aus traurigen Augen an. „Also gut, kleine Schwester. Nur für dich.“, flüsterte er mit einem kleinen Lächeln. Dann wuchsen zwei wunderschöne mitternachtsschwarze Flügel aus seinem Rücken, und Nemesis’ Augen leuchteten begeistert auf. Dann stießen sie sich von dem Balkon seines Schlafzimmers ab und entschwanden gemeinsam lautlos in der Nacht. Eine Weile streiften sie durch die Gegend, bis sie sich auf einer kleinen unbewohnten Insel nahe einem Fjord an der Schwedischen Küste niederließen und in die Magie des Midsommar fühlten. Er liebte diesen Moment im Jahr, an dem der Sommer gefeiert wurde. Die Sommersonnenwende und der Beginn der weißen Nächte. Er sah zum Himmel auf. Das Zwielicht des Midsommar ließ die Sterne in einem anderen Glanz funkeln. Sterne. Ein leises Seufzen entwich seinem Inneren. Sie hatten etwas mit ihm gemeinsam. Sie waren genauso weit entfernt wie er von seiner Erlösung.

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„Vor dem Schicksal zu fliehen,
ist manchmal der beste Weg,
um zu sich selbst zu finden.“


Zuletzt von Mini_2010 am Do Aug 30 2012, 20:39 bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet
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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Sep 14 2012, 08:22

Teil 31


Gedankenverloren griff er nach einer Haarlocke, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte und auf ihre Schulter gefallen war. Gemächlich wickelte er sie um seinen Finger. „Ist das so verwunderlich? Ich meine … du bist einfach … hinreißend.“, murmelte er beinahe ehrfürchtig. Helena starrte ihn an und war schier sprachlos ob seiner unglaublich direkten Antwort. Sie begegnete seinem Blick, und der warme Glanz, den sie ihn seinen Augen erkannte, ließ ihr Herz augenblicklich höher schlagen. „Äh … aber …“, stotterte sie verlegen, nachdem sie sich von seinen Augen losgerissen hatte. Mit einem Schmunzeln im Gesicht sah er sie an, was sie augenblicklich auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte. Augenblicklich verdüsterte sich ihr Gesicht. Zornig stemmte sie die Hände in die Hüften. „… du spionierst mir nach?“, erboste sie sich und hoffte, dass sie entrüstet genug rüberkam, um ihm trotz der Heftigkeit dieser verwirrenden Gefühle klarzumachen, wie sehr sie seine Vorgehensweise missbilligte. Sein Grinsen wurde noch breiter. Er antwortete jedoch nicht darauf. Stattdessen seufzte er ein wehmütiges „Schade, dass du nicht zu unserer Verabredung gekommen bist …“ Helena stutzte für einen Sekundenbruchteil, vertrieb aber sofort ihre abschweifenden Gedanken. Sie glaubte ihm keine Sekunde. Das ist nicht real. Nur gespielt … Sie war überzeugt, dass er einen perfekten Schauspieler abgeben würde, sollte er sich jemals für diese Richtung erwärmen. „Es hätte dir wirklich gefallen. Du hast echt war verpasst.“, erklärte er und gab sich nicht die geringste Mühe, sein Bedauern in der Stimme zu verbergen. Diese Aussage brachte sie vollends aus dem Konzept. Helena wandte den Kopf ab und starrte auf ihre Hände. „Lenk nicht vom Thema ab …“, erwiderte sie schroff und nahm ihre gesamte Selbstbeherrschung zusammen. „Also, warum spionierst du mir nach?“ Er hob in voller Verwunderung die Augenbrauen. „Tue ich das?“ Ja, woher sollst du denn sonst wissen, dass ich hier bin? Und erzähl mir nichts von Zufall, ich bin schließlich nicht ganz doof … „Ich hatte lediglich gesagt, dass ich dir nachgegangen war. Und das einzig aus dem Grund, weil ich für einen kurzen Moment dem Irrglauben verfallen war, dass dir wohlmöglich etwas zugestoßen war, … etwas, was dich an unserer Verabredung hinderte.“ Er sah sie sehr ernst an und Helena starrte mit purem Unglauben zurück. Es dauerte einen Moment, bis sie wieder Herr über ihre Gedanken war.

Was für eine galante Ausrede, … wirklich sehr kreativ …, durchfuhr es sie spöttisch, während sie sich verbissen darauf konzentrierte, den flüchtigen Anflug von Bewunderung zu vertreiben und stattdessen seine Aussage als pure Anmaßung abzutun. Seine unverblümte Arroganz war geradezu widerlich. Der Typ schaffte es tatsächlich, sie mit erstaunlich wenig Worten auf eine erstaunlich hohe Palme zu bringen. Was bildete er sich eigentlich ein? War er etwa so von sich überzeugt, dass sie dem Treffen auf jeden Fall zugestimmt hätte, wenn Beth mit ihrem Kinobesuch nicht dazwischen gekommen wäre? Gott, diese Arroganz stank förmlich zum Himmel. Ihn so zu sehen, gab ihr die Sicherheit zurück, die sie brauchte, um ihre Gefühle im Zaum zu halten. Aber im Grunde hatte er Recht. Sie wäre tausendmal lieber in den Louvre gegangen, als vor einer Horde schmachtender Brad Pitt Fans zu flüchten. Aber Beth hätte mir den Kopf abgerissen, wenn ich den Louvre Brad Pitt vorgezogen hätte. Meine Güte, was für ein beschissener Abend … Er lachte leise, was Helenas Aufmerksamkeit sofort wieder auf ihn lenkte. „Was ist so witzig?“, fragte sie bissig. Er verstummte und sah sie einfach nur an. Das Grün seiner Augen schien unergründlich, und Helena glaubte, eine leise Sehnsucht darin zu erkennen, je tiefer sie in sie schaute. Eine Sehnsucht, die sie noch nicht so ganz definieren konnte. „Du hast mir immer noch nicht gesagt, woher du wusstest, wo du mich findest.“ Er schenkte ihr ein Lächeln, was schlichtweg zum Niederknien war und Helena erneut aus der Fassung brachte. Wie macht er das nur? „Ich muss wieder los … Ich bin noch verabredet.“, unterbrach er ihre Gedanken mit einer seltsam wehmütigen Stimme. „Wir sehen uns?“ Eine Frage diesmal, keine Feststellung. Und sie klang drängend, so als erwarte er zwingend eine positive Antwort. Jetzt. Sofort. Verwundert sah sie ihn an, während sie versuchte, den Grund für diesen abrupten Stimmungswandel in seinen Augen zu ergründen, als sich unvermittelt die Frage, mit wem er wohl verabredet war, in ihr Hirn drängte. Eine Frau? Dem Gedanken folgte ein brennender Stich, der sich unerbittlich durch ihre Brust fraß. Verwirrt runzelte sie die Stirn. Dieses Gefühl konnte unmöglich echt sein. Schmonzes. Rasch verbannte sie den daran geknüpften Gedanken. Im Grunde konnte es ihr doch völlig egal sein, mit wem er sich verabredete. Sie kannte ihn ja nicht einmal. Warum also diese irrationalen Gedanken? Augenblicklich erwachte sie aus ihrem belämmerten Zustand und fand auch Sekunden später ihre Sprache wieder. „Ich schätze, es wird sich wohl nicht vermeiden lassen, dass du mir immer wieder über den Weg läufst.“, antwortete Helena schließlich trocken und hob vielsagend die Brauen, um über ihre eigene Verunsicherung hinwegzutäuschen. Er lachte leise und lächelte. „Vermutlich nicht.“

In genau diesem Moment ging die Tür zu dem Kinosaal auf und die Brad Pitt anbetende Gemeinschaft quoll aus dem Saal heraus wie Eiter aus einem Geschwür. Helena schüttelte sich bei dem Gedanken und wandte sich wieder dem Unbekannten zu. Doch der war genauso plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war. Ein seltsames Gefühl der Traurigkeit durchfuhr sie. Als hätte sie plötzlich etwas Wertvolles verloren. Und für einen Sekundenbruchteil wünschte sie sich, er würde zurückkommen. Unsinn. Entschieden wischte sie diesen Gedanken beiseite, wobei sie eine weitere seltsame Erkenntnis ereilte. Hatte der Kerl vor ein paar Sekunden tatsächlich seinen Charme dazu missbraucht, sie von ihrer Frage abzulenken? Verärgert verengten sich ihre Augen. Na warte, mein Freund … so leicht kommst du mir nicht davon … „Hel …“, vernahm Helena Beths kreischende Stimme. Kaum fünf Sekunden später schob sie sich unter Einsatz ihrer Ellbogen durch die wühlende Menge und hielt wild winken auf sie zu. Von einer Sekunde zur nächsten erwachte Helena aus ihrem Tagtraum und landete mit einem flauen Gefühl im Magen direkt in der Realität, als sie sich wieder daran erinnerte, dass sie den Saal vorzeitig verlassen hatte, weil sie auf die Toilette musste, und dann einfach keinen Bock mehr hatte, sich den Abspann des Filmes anzutun. Sicherlich wird Beth sich gewundert haben, warum sie nicht zurückgekommen war, und sie wird ihr mit einem wütenden Fauchen den Kopf abreißen. Innerlich schlotternd, trieb ihr Hirn auf Hochtouren, während sie sich eine überzeugende Ausrede zurechtbastelte, die Beth hoffentlich besänftigen würde. Dann kam ihr ein ganz anderer Gedanke, der Helena verschmitzt in sich hineingrinsen ließ. Vielleicht hat sie noch nicht mal mitbekommen, dass ich weg war, so fasziniert wie sie auf die Leinwand gestarrt hat. Dennoch mahnte sie sich, eine betont gequälte Miene aufzusetzen, um Beth das Gefühl zu geben, dass sie es aufrichtig bedauere, den Film nicht bis zum bitteren Ende gesehen zu haben. Helena seufzte tief. Es gefiel ihr nicht, ihre beste Freundin auf diese Weise anzulügen, aber das Letzte, was sie wollte, war, sie derart zu verärgern, dass sie sich genötigt sah, sie nochmals in diesen Film zu schleifen. Ein Umstand, der purer Folter gleichkam, und den sie auf keinen Fall zulassen würde. „Hel … Hel, war der Film nicht genial …?“, schwärmte sie und verdrehte träumerisch die Augen. Helena runzelte die Stirn und seufzte innerlich. „Sorry Beth, dass ich nicht wieder reingekommen bin, … aber die stickige Luft da drin … mir war irgendwie speiübel.“, erklärte Helena und setzte eine reuevolle Miene auf. Na gut, das war wenigstens nicht ganz gelogen. Ihr war tatsächlich übel gewesen. „Oh Mann, Brad Pitt war echt der Hammer …“, seufzte sie. „… und der sieht so … boah … geil aus.“, quiekte sie und hüpfte wie ein Flummi auf und ab, während ihre Mundwinkel ihre Ohrläppchen gleichzeitig zu erreichen versuchten – ein wirklich äußerst groteskes Bild.

Helena starrte ihre Freundin mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Unverständnis an. Sie hatte ihrer Freundin soeben gebeichtet, dass sie sich aus dem Film davon gestohlen hatte, und Beth schien das nicht mal im Ansatz zu interessieren. Kann es sein, dass Beth tatsächlich nicht einmal die Abwesendheit ihrer Freundin, die direkt neben ihr gesessen hatte, registriert hatte? Oh Gott, ich hätte überfallen werden können … ich hätte im Klo tot umfallen können … und niemand hätte es gemerkt. Irgendetwas, was sich wie Zorn anfühlte, keimte in ihr auf, verschwand allerdings genauso schnell wieder, wie es gekommen war. Vielleicht sollte sie die Angelegenheit einfach als eine Erfahrung, die man nicht unbedingt machen musste, abtun, brav lächeln und artig nicken und dem in Beth vorherrschenden Brad-Pitt-Gen dankbar sein. Eine durchaus weise Entscheidung. Als Beth jedoch nicht aufhörte, wie ein kleines Kind, dass sich über die Aussicht auf ein Eis freute, vor ihr auf und ab zu hüpfen, überlegte sie kurz, ob sie sich nicht doch lieber umdrehen und einfach gehen sollte. Nicht dass die Leute noch denken, wir gehören zusammen … Verstohlen sah Helena sich um, aber keiner der Gäste nahm die beiden wahr. Zum Glück. Besorgt schüttelte sie den Kopf, während ihre Freundin unermüdlich plappernd den kompletten Film rezitierte. Helenas Fassungslosigkeit wandte sich in Sprachlosigkeit, während sie noch immer mit der Tatsache zugange war, dass Beth tatsächlich nicht mitbekommen zu haben schien, dass sie die letzten zwanzig Minuten des Films gar nicht neben ihr gesessen hatte? Verdammter Fanatismus. Der schlägt wirklich in jeder Form um sich. Zum Glück war Helena gegen derartige Epidemien immun. „Ja, ganz toll … Bethie.“, bestätigte Helena mit einem halbherzigen Lächeln und deutlicher Verzögerung und unterdrückte gleichzeitig ein innerliches Würgen. Der Film war durchaus nicht schlecht gewesen – zumindest so weit wie sie ihn gesehen hatte. Ohne Brad Pitt wäre er sicher noch besser gewesen. Entschlossen, Beth aus ihrer Trance zu reißen, bevor sie in ein Stadium verzückter Ekstase abdriftete und sich vollkommen zum Eimer machte, stand Helena auf und hakte sich bei ihrer Freundin unter. Zielstrebig schleifte sie sie Richtung Ausgang, bevor sie gänzlich in eine Parallelwelt abtauchte und noch auf die abnorme Idee kam, das Kinoplakat mit dem lebensgroßen Brad Pitt abzulecken, vor dem sie gerade stand. Fanatismus ist wahrlich eine verflucht gefährliche Krankheit.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Sep 14 2012, 20:26

Hm, da fühlt man sich doch selbst plötzlich verlassen, wenn der Kerl von jetzt auf gleich wieder verschwindet. Das muss Helena ja irgendwie wahnsinnig machen, auch wenn sie es mit Ablenkung gut verdrängt. Und dann immer wieder diese gedanklichen Verwirrungen, die Stimmen die sie hört oder zu hören meint.
Die Brad Pitt-Einlagen sind auch mal wieder sehr amüsant geschrieben.
Wie immer ein toller Teil, der mich sehr erfreut hat. Rolling Eyes

Natürlich hab ich deinen neuen Teil sofort entdeckt. Habe halt noch mal geschaut ob es was Neues gibt, bevor ich ins Bett gegangen bin Wink
Und ja, du hast recht, im Gegensatz zu dir, bin ich wohl arg im Rückstand mit neuen Teilen... Sorry, die Woche war weg wie nichts. silent

Aber ich bemüh mich noch was zu liefern, versprochen Surprised

LG, Katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Sep 14 2012, 20:49

katha schrieb:
Hm, da fühlt man sich doch selbst plötzlich verlassen, wenn der Kerl von jetzt auf gleich wieder verschwindet. Das muss Helena ja irgendwie wahnsinnig machen, auch wenn sie es mit Ablenkung gut verdrängt. Und dann immer wieder diese gedanklichen Verwirrungen, die Stimmen die sie hört oder zu hören meint.
Die Brad Pitt-Einlagen sind auch mal wieder sehr amüsant geschrieben.
Wie immer ein toller Teil, der mich sehr erfreut hat. Rolling Eyes

Natürlich hab ich deinen neuen Teil sofort entdeckt. Habe halt noch mal geschaut ob es was Neues gibt, bevor ich ins Bett gegangen bin Wink
Und ja, du hast recht, im Gegensatz zu dir, bin ich wohl arg im Rückstand mit neuen Teilen... Sorry, die Woche war weg wie nichts. silent

Aber ich bemüh mich noch was zu liefern, versprochen Surprised

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Oh ja, da freu ich mich. Aber bitte machs nicht auf Biegen und Brechen. Ich bin ja bis Sonntag noch da. Wink

Danke dir für dein liebes Kommi ... Drück dich, Mini

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Sa Sep 15 2012, 13:15

Teil 32


Ein Geräusch, welches eindeutig nicht in diesen Film passte, ließ sie innehalten. Erstaunt sah sie sich um, versuchte die Quelle auszumachen, bis sie den Fehler erkannte … Mit einem Ruck fuhr Helena aus dem Schlaf hoch. Ihr Handy brummte mit unnachgiebiger Entschlossenheit auf ihrem Nachttisch und brachte das Holz desselbigen zum Vibrieren. Die Uhr zeigte kurz vor Neun. Mit einem Seufzen ließ sie sich in die Kissen zurückfallen und verfluchte die Tatsache, dass der Tag die so geruhsame Nacht schon wieder verdrängt hatte. Sie fühlte sich keineswegs ausgeschlafen. Mit geschlossenen Augen tastete sie mehr unbeholfen als zielsicher nach dem Störenfried und warf einen Blick aufs Display. Unbekannter Anrufer. Ohne intensiver darüber nachzudenken, drückte sie auf die Annahmetaste und brachte ein verschlafenes „Hallo“ hervor. „Guten Morgen, Helena.“, ertönte eine ihr sehr bekannte Stimme. Eine Sekunde später saß sie wieder aufrecht im Bett. Oh Gott, nein, nicht schon wieder. Mike. Konnte ein Tag beschissener beginnen? Warum zum Teufel ist sie überhaupt rangegangen? Zu spät. Also, Augen zu und durch. „Was gibt es, Mike?“, fragte sie mit unüberhörbar genervter Stimme. „Hab ich dich geweckt?“, kam es vom anderen Ende der Leitung. Was für eine bescheuerte Frage. Konnte es eine treffendere Art von Sarkasmus geben, als jemanden zu wecken, um dann zu fragen, ob man ihn oder sie geweckt hatte? Erwartete er wirklich eine Antwort auf diese Frage? Um ihm das Gefühl zu geben, deplatziert zu sein, entschied sie sich für die Wahrheit. „Ja, hast du. Aber das war nicht die Antwort auf meine Frage.“, gab sie patzig zurück, ohne gewillt zu sein, ihre spontan aufgekeimte schlechte Laune zu verbergen. Sie vernahm ein leises niedergeschlagenes Seufzen und irgendwo in ihr versuchte sich ein Funken Mitgefühl durch den Wust ihrer wirren Gefühle hindurchzuschleichen. „Tut mir leid.“, entschuldigte er sich, und sie hatte das Gefühl, dass er das sogar ehrlich meinte. Der Funken Mitgefühl kämpfte sich an die Oberfläche und gewann an Größe. „Ich dachte nur, es ist so ein schöner Morgen. Und es wäre doch eine schöne Idee, gemeinsam zu frühstücken. Ich lade dich ein.“, erklärte er. Bildete sie sich den unsicheren Ton in seiner Stimme nur ein oder täuschte das? Augenblicklich war aus dem Funken Mitgefühl eine kleine lodernde Flamme geworden, die sich unaufhaltsam durch ihre Eingeweide zu fressen begann. Helena stieß einen tiefen Seufzer, als sie sich daran erinnerte, wie ungalant sie ihn neulich abgewimmelt hatte, obwohl er gar nicht der Grund dafür war. „Also gut.“, sagte sie schließlich ergeben, ehrlich gewillt, ihre unpassende Reaktion vor ein paar Tagen wieder gut zu machen.

Mit gemischten Gefühlen zog sie sich an und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel, bevor sie das Haus verließ. Eine gute Stunde nachdem sie aufgelegt hatten, trafen sie sich in einem hübschen kleinen Café. Das Wetter war wirklich wie gemacht für ein Brunch am Ufer der Seine. Mike gab sich charmant, und Helena beschlich das Gefühl, ihre Einschätzung von neulich überdenken zu müssen. Eigentlich ist er ja ganz nett. Sie sprachen über belanglose Themen wie das Wetter, ihr Studium und über die Vorzüge und schönen Seiten von Paris. Mike erwies sich sogar zeitweise als Gentlemen der alten Schule. Beinahe fühlte sie sich geschmeichelt, wenn nur das nagende Gefühl nicht wäre, welches ihr beinahe permanent warnende Signale durch den Körper jagte. Zu Recht. Denn was als ungezwungene Plauderei begonnen hatte, wandte sich langsam in einen seichten Flirt. Zu spät bemerkte Helena, dass Mike längst einen Kurs eingeschlagen hatte, der nicht dem ihrem entsprach und dem sie zusehends zu entfliehen versuchte. Immer wieder lenkte er das Gespräch auf viel privatere Dinge, die sie nicht bereit war preiszugeben. Nicht einmal Beth hatte sie bisher davon erzählt. Als er jedoch ziemlich direkt fragte, ob sie einen Freund hatte, klappte ihr die Kinnlade hinunter und sie erkannte seinen Vorstoß und den Sinn dieser perfide erschlichenen Verabredung. Verdammt, warum hatte sie nicht besser aufgepasst? Jetzt steckte sie ganz schön in der Klemme. Sein Blick fand ihren und hielt ihn auf eine Weise fest, die ihr eine unangenehme Gänsehaut über den Rücken jagte. Ihr Unterbewusstsein brüllte so laut, dass sie Ohrenschmerzen bekam, während sie nach einem galanten Rückzug suchte. „Ähem Mike …, es tut mir leid, aber das geht hier eindeutig in eine falsche Richtung.“, verkündete sie endlich und räusperte sich verlegen. Er lächelte und warf ihr einen verführerischen Blick zu. Wenn er sie so ansah mit seinen dunklen Augen und dem dichten halblangen dunkelblonden Haar, musste sie unweigerlich schlucken. Und irgendwie überkam sie das untrügliche Gefühl, dass sie das, was er als nächstes zu sagen gedachte, nicht hören wollte. „Ich mag dich, Helena … und ich glaub, ich hab mich ziemlich in dich verguckt.“, gab er ohne Umschweife zu. Woah … nein, nein, nein …, jammerte ihr gepeinigtes Unterbewusstsein und begann sämtliche Körperfunktionen in ihr wild zum Rotieren zu bringen.

Stopp, Stopp, Stopp … wie war das bitte? Für einen Moment starrte sie ihn nur verdattert an. Diese Direktheit schockierte sie mehr als ihr lieb war. Sämtliche Alarmglocken begannen in ihr zu kreischen, nahmen dem brüllenden Unterbewusstsein die Stimme und stellten sämtliche Signale auf dunkelrot. „Ähem … ja, … das ist …“, stotterte sie zusammenhanglos. „Aber …“ Sie holte tief Luft und blies sie langsam wieder aus. „… NEIN, Mike …“, stieß sie unvermittelt heftig aus. „Eine Beziehung kommt für mich im Moment nicht in Frage.“, gab sie zu und staunte über sich selbst, dass sie ihm die Wahrheit so unverblümt ins Gesicht schmetterte. „Warum?“, wollte er wissen, und ein weiteres Mal geriet sie ins Stocken. Weil ich gerade noch die letzte Pleite verdaue … und außerdem, …was zum Teufel geht dich das an? „Ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.“, sagte Helena, sichtlich verwirrt über diese mehr als eindeutige Situation. Langsam erhob sie sich, während der Fluchtimpuls in ihr sie zum direkten Handeln drängte. Ohne ein Wort griff sie nach ihrer Tasche und wollte sich abwenden, als er plötzlich ihr Handgelenk packte und sie etwas unsanft am Gehen hinderte. Erschrocken flog ihr Kopf herum. Ihre Miene wurde ausdruckslos, während sie sich mit einer entrüsteten Bewegung und einem gezischten „Lass mich los!“ losriss. Ihr finsterer Blick ließ ihn ein wenig taumeln, was sie aber nicht die Bohne interessierte. Das einzige, was sie ihm Sinn hatte, war, hier so schnell wie möglich wegzukommen. „Warte!“, hielt er Helena auf. Sie bedachte ihn mit einem strengen Blick unter dem er sichtlich zu schrumpfen begann. Schließlich holte er tief Luft und stieß sie geräuschvoll wieder aus. „Tut mir leid, ich … ich ähem … wollte dich nicht so … derb überfallen.“, gab er reuevoll zu. Für einen Sekundenbruchteil sah sie ihn einfach nur ungläubig an. „Ich … ich dachte nur, dass … dass beruht auf Gegenseitigkeit.“, gab er leise zu. Helena schluckte schwer. Wann zum Teufel war er zu dieser Erkenntnis gekommen? Sie hatte ihm nichts dergleichen zu verstehen gegeben, keine Signale ausgesandt. Instinktiv ließ sie den verhängnisvollen Freitagabend im Pirat’s Revue passieren. Wieder und wieder. Nein, nichts – gar nichts. Erneut meldet sich ihr Fluchinstinkt und gab ihm schließlich nach. „Äh … also … äh, danke für die Einladung, aber … ich muss jetzt wirklich gehen.“, stotterte sie und wandte sich um. Noch bevor er etwas erwidern konnte, hatte sie das kleine gemütliche Café verlassen und war die Straße hinunter gerannt.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Sa Sep 15 2012, 13:17

Teil 33


Helena hatte sich nicht umgesehen und war auch nicht stehen geblieben. Erst als ihre Wohnungstür ins Schloss fiel, gönnte sie dem Chaos in sich die Freiheit, den drohenden Ausbruch zuzulassen. Erschöpft, niedergeschlagen und vollkommen verwirrt sank sie zu Boden und blieb bewegungslos vor der Tür sitzen. Die Beine eng an ihre Brust gezogen, die Knie fest mit den Armen umschlungen und den Kopf tief darin vergraben, wagte sie sich nicht, sich zu bewegen. Ihr Herz raste und ihre Lungen taten weh vom schnellen Atmen und lechzten nach Sauerstoff. Und als die erste Starre von ihr gefallen war, übermannte sie die uneingeschränkte Gewalt des Schocks, die ihr Körper zugunsten ihrer Flucht bis zu diesem Moment zurückgehalten hatte. Sie gestattete der Panik aufzusteigen, die die bekannte Paranoia zutage förderte, die sie seit Jahren zu verdrängen versuchte. Was war passiert? Was hatte sie falsch gemacht? Mühsam rappelte sie sich schließlich auf, trat sich ungalant die Schuhe von den Füßen und trottete mehr mechanisch als bewusst ins Wohnzimmer. Dort angekommen ließ sie sich auf ihre Couch fallen und verfluchte sich einmal mehr, dass sie nicht nachgedacht hatte, bevor sie seiner Einladung gefolgt war. Das darf mir nicht noch einmal passieren. Mike war zwar nett, aber einfach nicht ihr Typ. Und mal abgesehen davon, dass im Moment kein Mann ihr Typ war, strahlte dieser Typ noch eine seltsam beängstigende Aura aus. Warum wusste sie nicht, aber sie fühlte sich direkt und sofort unwohl, wenn sie in seiner Nähe war. Seufzend schloss sie die Augen. Warum konnte er sie nicht einfach in Frieden lassen. War das denn zuviel verlangt? Nein! Entschlossen, diesen Zwischenfall als das zu betrachten was er war, stand sie auf und ging in ihr kleines provisorisches Atelier, während sie sich in Gedanken – einem stillen Mantra gleich – einsuggerierte, nie wieder an ihr Telefon zu gehen, wenn die Nummer auf dem Display unbekannt war. Auf diese Weise sollte sie sich die unliebsamen Zeitgenossen weitgehend vom Leib halten können.

Allmählich wieder zur Ruhe kommend, ließ sie sich auf den alten grünen Sessel nieder und starrte das Bild an, welches immer noch auf seine Vollendung wartete. Und irgendwie beschlich sie das leise Gefühl, dass dies das erste Werk sein würde, was unvollendet bleiben sollte. Gewillt, diese Unzulänglichkeit beiseite zu schieben, griff sie nach der Leinwand und betrachtete sie. Gerade als sie sie beiseite stellen wollte, um neuen Schöpfungen Platz zu machen, meldete sich erneut ihr Handy. Mit einem leisen Seufzen stellte sie die Leinwand – mit dem festen Willen, sie später zu entsorgen – zurück auf die Staffelei, Sie griff nach dem Telefon und nahm mit einem seltsamen Gefühl im Magen den Anruf des unbekannten Teilnehmers entgegen. Und während sie noch darüber nachdachte, warum die Leute nicht in der Lage waren, ihre Telefonnummer übertragen zu lassen, schrillte ihr ein nur allzu bekanntes „Hallo“ entgegen. „Unbekannt“ – verfluchte Scheiße …Du lernst es nie, Helena ... nie, nie, nie ..., schrie es in ihr. Sie atmete ein paar Mal leise tief durch, lauschte eine Weile dem Schweigen am anderen Ende, ehe sie wieder so weit bei Sinnen war, einen gerade Satz herauszubekommen, der nicht ausschließlich von Schimpfwörtern der schlimmsten Sorte gespickt war. „Helena?“, kam ihr Gesprächspartner am anderen Ende ihr zuvor. Sie schluckte und spürte, wie ihr Herzschlag sich auf unangenehme Weise beschleunigte. „Mike?“, erwiderte sie genauso wortkarg. Er hatte sie angerufen, also würde sie ihm den Vortritt lassen. Warum zum Geier legst du nicht einfach auf, Helena …, fragte sie sich zum gefühlt hundertsten Mal. Sie wusste es nicht, aber vermutlich lag es daran, dass sie einfach zu anständig erzogen war, um ein solch unhöfliches Verhalten an den Tag zu legen – selbst wenn der Gegenüber es verdient hätte. „Es tut mir leid.“, erklärte er knapp. Ohne es zu wollen, verdrehte sie die Augen. Warum entschuldigten sich die Leute dauernd für unnötige Dinge?

Sein Schweigen am anderen Ende verriet seine Unsicherheit. Sie hatte ihn mit ihrer Reaktion eindeutig aus dem Konzept gebracht, soviel war klar. Seine Schuld, schließlich hätte er es auch sein lassen können. Aber irgendwie fühlte sich nicht fair bei dem Gedanken. „Ich hab’s vermasselt, hab ich recht?“, fragte er niedergeschlagen. Was vermasselt, Herrgott noch mal? Machte er sich denn immer noch Hoffnungen? War ihre Ansage denn nicht eindeutig gewesen? „Mike, hör mal …“, begann sie und räusperte sich, um die wachsende Frustration, die sich langsam in ihre Stimme schlich, zu verdrängen. Dann hielt sie kurz inne. Wie machte man mit jemandem Schluss, mit dem man noch gar nicht zusammen war? Wie machte man überhaupt Schluss? „… das mit uns, das wird nichts.“, brachte sie schließlich schleppend hervor. Jetzt war es raus und eine Welle der Erleichterung rollte durch ihren Körper. Augenblicklich fühlte sie sich besser. Mike räusperte sich am anderen Ende. „Okay …, ich verstehe.“ Na Gott sei dank„Ich hab dich überfahren mit meinem Geständnis, das ist mir jetzt klar.“ Welch weise Einsicht … „Ich hätte dir mehr Zeit geben sollen, … es langsamer angehen lassen. Und das werde ich tun. Wir lassen es langsam angehen. Ich mag dich wirklich und ich hätte gern eine zweite Chance.“, sprudelte es aus ihm hervor. Helena erstarrte. Was hat er gerade gesagt? Nein, Nein, Nein … völlig verkehrt … völlig falsche Richtung „Ich wollte nur, dass du das weißt … Also, bis dann.“, sagte er und legte plötzlich auf. Völlig verdattert lauschte sie dem gleichmäßig tönenden Freizeichen, ehe sie ebenfalls wieder auflegte. Die wachsende Frustration begann Blüten zu treiben. Was zum Teufel war an einem ‚Nein’ falsch zu verstehen? Genervt warf sie das Handy auf das Sofa und setzte sich mit einem erschöpften Seufzen daneben. Ein schriller Ton, der von einer eingehenden SMS kündete, ließ sie unwillkürlich zusammenzucken. Widerwillig griff sie nach dem Telefon, öffnete den SMS-Eingang und begann zu lesen. Bitte, gib mir eine zweite Chance! Gruß Mike. Weil sie nicht wusste, was sie darauf antworten sollte, ließ sie es bleiben. Niedergeschlagen ließ sie den Kopf auf das Kissen sinken und schickte ein stilles Gebet zum Himmel auf. Lieber Gott, bitte mach, dass ich endlich aufwache.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   So Sep 16 2012, 18:14

Hey Süße,
noch Zuhause? So jetzt gibt es natürlich auch noch den schuldig gebliebenen Kommi zum letzten Teil. (äh 2 Teilen)
Er war wie immer toll geschrieben, aber wenn ich ganz ehrlich bin interessiert mich dieser Mike so gar nicht. Wahrscheinlich ein Fehler, weil er ja irgendwie eine tragende Rolle hat, aber ok. Das werde ich dann ja noch mit bekommen.
Ich empfinde ihn eher als lästig, vermutlich weil Helena ihn als lästig empfindet. Du merkst du hast es schon mal geschafft, dass ich mich mit ihr verbünde und ihre Ansichten teile. So soll es wohl sein Wink

Aber sag mal, du warst/bist doch heute noch den ganzen Tag Zuhause. Gibt es da noch was????

Oder warte ich jetzt tatsächlich drei Wochen auf Nachschub. Buhhuuuu crying Na ja, ich wusste ja, dass es irgendwann so sein wird.

Dann Adieu, und komm heil wieder Rolling Eyes
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   So Sep 16 2012, 18:34

Noch ein Teil zum Schluss ... Wink


Teil 34



Himeros lehnte gelassen an der Tür zum Schlafzimmer, während sein Bruder gedankenverloren auf dem Bett liegend an die Decke starrte. „Verdammt, was soll ich nur machen?“, stöhnte er niedergeschlagen. Himeros setzte ein selbstgefälliges Grinsen auf und stieß sich lässig vom Türrahmen ab. „Probleme mit den Frauen? Oh ja …, das kenne ich nur zu gut …“ Sein Bruder wandte sich ihm zu und bedachte ihn mit einen mürrischen Blick. Dann lachte er ironisch. „Du und Probleme mit Frauen? … Eher friert die Hölle zu.“ Himeros schnaubte verächtlich. Eine Sekunde später seufzte er niedergeschlagen. „Ich vermute mal, du hast mich nicht gerufen, weil du einsam bist, Anteros. Also, was ist los?“, wollte er wissen. Anteros richtete sich in seinem Bett auf und schwang schwerfällig die Beine über die Bettkante. Dann stand er auf, trat an das großzügige Fenster und starrte auf das Treiben zu seinen Füßen. Von dem alten Anwesen, welches er vor Jahren erworben hatte, hatte er einen wunderschönen Blick auf den Rand von Paris, und am Horizont konnte er die filigranen Umrisse des Eiffelturms erkennen. Der Himmel war von einem klaren Blau und versprach einen warmen Frühlingstag. „Ich hab sie eingeladen. Ich war – für meine Verhältnisse – charmant gewesen. Und dennoch ist sie bei der zweiten Verabredung einfach nicht gekommen. Als ich sie dann ausfindig gemacht hatte …“ Er lachte leise und wandte sich dann zu Himeros um. „… du hättest sie mal sehen sollen. Sie hat mir doch tatsächlich vorgeworfen, dass ich sie verfolgen würde.“ Mit einem wehmütigen Blick ließ er die Schultern hängen und schloss seufzend die Augen. Himeros runzelte die Stirn. „Und? Hast du?“ Anteros schnaubte gequält. „Na ja, … irgendwie schon … aber es geschah aus einem wichtigen Grund.“ Himeros grinste breit. „Aha aus einem wichtigen Grund also … Und der wäre?“, konterte er ironisch. Anteros verdrehte genervt die Augen und wandte sich wieder dem herrlichen Ausblick zu. „Das spielt keine Rolle.“ Der Blonde gluckste leise. Dann räusperte er sich vernehmlich. „Ich verstehe.“ Anteros wandte sich erneut seinem Bruder und fuhr sich in einer Geste sichtlicher Verzweiflung durch seinen dunklen Haarschopf. „Verdammt, was soll ich tun? Ich war in dieser Uni. Ich war sogar in so einer blöden Vorlesung mit einer Professorin, die kaum Ahnung hatte … ich sag dir, das war vielleicht ein Horror.“ „Kann ich mir lebhaft vorstellen.“, murmelte Himeros leise.

Anteros warf ihm einen ärgerlichen Blick zu, der ihm seine Missbilligung nur zu deutlich signalisierte. Dann wandte er sich wieder dem Fenster zu. „Ich hab sie sogar in der Bibliothek abgefangen, sie zum Kaffee eingeladen. Ich hab ihr sogar meine Hilfe bei ihrer Hausarbeit angeboten. Mann ich sag dir, ich hab wirklich alles versucht, um sie zu beeindrucken. Aber irgendwie scheint sie nichts davon zu interessieren.“ In seiner Vergangenheit war er vielen Frauen begegnet und alle hatte er bisher auf irgendeine Weise beeindrucken können – ob nun mittels seines Intellekts, seines Charmes oder seiner materiellen Güter. Wobei letzteres ihm eher zuwider war. Frauen, die nur auf materielle Dinge aus waren, waren hohl und oberflächlich. Himeros hob die Brauen. „Ah … dein Intellekt ist zweifellos von hochgradiger Art …“, lachte er, was Anteros mit einem mürrischen Zähneknirschen quittierte. „… aber allem Anschein nach scheint sie dein Intellekt nicht zu interessieren.“, gab er ihm wissend zu verstehen. „Und was deinen Charme betrifft … nimm’s mir nicht übel … ein brunftiges Wildschwein hat mehr Charme. Daran solltest du dringend arbeiten, Brüderchen.“ Himeros trat sicherheitshalber einen Schritt zurück. Es gelang ihm selten, seinen Bruder derart zu kritisieren, ohne dass dies direkte Konsequenzen für ihn hatte. Und gerade eben hatte er deutlich übers Ziel hinausgeschossen. Zweifellos würde der Tag kommen, an dem er einmal für sein übertrieben großes Mundwerk bezahlen würde. Er hoffte nur inständig, dass nicht ausgerechnet heute dieser Tag war. Sein Bruder funkelte ihn leicht erzürnt an. „Hast du eine bessere Idee?“ Himeros grinste schief und stieß innerlich die Luft aus. Das Schicksal hatte wohl entschieden, dann er noch ein paar Minuten länger leben durfte. Es war nicht so, dass Anteros zu Gewalt neigte, … nein, aber er konnte schon ziemlich leicht, ziemlich schnell sehr sehr wütend werden. Ihn sich nicht zum Feind zu machen, war sicherlich die bessere Strategie, wenn man beabsichtigte, noch etwas länger zu leben. „Vielleicht solltest du sie mal in anderer Weise beeindrucken.“, erklärte er und ließ einen fast anzüglichen Blick über seine Gestalt schweifen. „Du sprichst in Rätseln, Bruder. Drück dich bitte so aus, dass es ein minderbemittelter Idiot wie ich es bin, auch versteht.“, raunzte Anteros genervt. Himeros brach in schallendes Gelächter aus. „Mag sein, dass Frauen auf intelligente Männer stehen, aber im Grunde sind sie doch alle gleich. Glaub mir, ich spreche aus Erfahrung.“, erwiderte er gelassen. Anteros trat vom Fenster weg und ging auf seinen Bruder zu. Mit grimmiger Miene blieb er vor ihm stehen und baute sich bedrohlich vor ihm auf. Himeros lachte wieder. „Oh Mann, ich mach mir gleich in die Hosen vor Angst.“, tat er seine Geste lässig ab.

Als Anteros ihn nur gleichgültig und mit einem Ausdruck völligen Unverständnisses im Gesicht ansah, seufzte er übertrieben theatralisch auf. „Mann, bist du so doof oder tust du nur so?“ Ohne eine Miene zu verziehen, hob Anteros seine Hand und packte Himeros etwas unsanft am Revers. „Was, Himeros?“, zischte er. Der schluckte kurze und verzog schließlich das Gesicht zu einem süffisanten Schmunzeln. „Mann, hast du schon mal darüber nachgedacht, sie einfach mit deinen Reizen zu beeindrucken? Frauen machen das mit Männern dauernd, warum sie also nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen?“ Ein langgezogenes Seufzen ertönte. „Was meinst du, soll ich mich vielleicht vor ihr ausziehen?“, knurrte er mürrisch. Himeros hob die Brauen und sah seinen Bruder vielsagend an. „Keine schlechte Idee.“ Abrupt ließ Anteros ihn los und schnaubte abfällig. „Sonst noch was? Meinst du allen Ernstes, sie schaut seelenruhig dabei zu, wie ich mich ausziehe? Sie wird eher davonlaufen.“ Himeros gluckste vor Belustigung. „Kann schon sein.“ Anteros’ Gesicht nahm einen bedrohlichen Ausdruck an. „Du solltest besser wieder gehen, wenn du beabsichtigst, noch etwas länger zu leben, Himeros.“, zischte er leise. „Wenn ich gewollt hätte, dass man sich über mich lustig macht, hätte ich meinem Spiegelbild einen Witz erzählt.“, fügte er mit einem gefährlichen Blitzen in seinen grünen Augen hinzu und wandte sich zum Gehen. „Dann musst du eben eine Gelegenheit finden, in der sie nicht weglaufen kann.“, beeilte Himeros sich zu sagen. Anteros hielt inne und wandte sich um. „Witzbold. Ich lache später. Soll ich sie vielleicht festbinden?“ Himeros bemühte sich sichtlich um Beherrschung. Er wollte seinen Bruder nicht völlig in Rage bringen. Aber die Tatsache, dass er sich mit dem anderen Geschlecht so schwer tat, amüsierte ihn immer wieder aufs Neue. „Du bist doch sonst immer so geistreich. Dir wird bestimmt schon was einfallen.“, säuselte er verschwörerisch. „Glaub mir, wenn dir das gelingt, hast du sie am Haken … Und ich vielleicht endlich meine Ruhe.“, murrte Himeros. Anteros grinste ironisch und ging lässig auf seinen Bruder zu. „Warst du nicht derjenige, der mir angeboten hatte, mir zu helfen, wenn ich bei den Frauen nicht weiterkomme?“, erinnerte er ihn mit säuselnder Stimme. Himeros schluckte schwer. Dieses Versprechen hatte er in der Tat gegeben, und er könnte sich heute noch dafür ohrfeigen, dass er keine Bedingung an dieses Versprechen geknüpft hatte, die ihm selbst irgendwann einmal zugute kommen würde. Zumindest hätte er Schadenersatzansprüche vereinbaren sollen … oder wenigstens eine Gefahrenzulage. Schließlich begab er sich immer wieder in direkte Gefahr, wenn er seinem Bruder gegenüberstand. Er seufzte gequält und sah seinen Bruder milde an. Trotzdem liebte er diesen Kerl, und er würde alles für ihn tun.

„Du schaffst das schon, Anteros. Ich glaube an dich.“, gab Himeros ihm schließlich zu verstehen, und in seinen Augen lag die pure Wahrheit. Wenn es darum ging, seinem Bruder zu helfen, wäre er so ziemlich der Letzte, der ihn hängen lassen würde. „Suche einen neutralen Ort, und am besten trittst du ihr nicht allein gegenüber.“ Himeros’ Bruder sah ihn verstört an. „Ich soll mich in aller Öffentlichkeit entblößen? Hat Kayla dir den Verstand …“ Er hielt inne bevor er sie Fassung verlieren und unschöne Worte gebrauchen konnte. Himeros legte eine Hand auf die Schulter seines Bruders. „Wenn du nicht willst, dass sie davon läuft, versuch sie mit etwas festzuhalten, was ihr Interesse weckt und deine Aktion gleichzeitig beiläufig aussehen lässt.“, schlug er vor. „Ich soll mich also beiläufig ausziehen, während ich sie mit meinem Intellekt banne?“, fragte er irritiert. „Na ja, so was in der Art. Vielleicht lässt du das mit dem Intellekt weg … könnte sonst merkwürdig aussehen.“ Himeros raufte sich angespannt die Haare. „Keine Ahnung, wie du das hinbekommst, aber vielleicht ergibt sich irgendeine Situation. Beobachte sie einfach und versuch herauszufinden, was sie so macht und was sie interessiert. Und dann klinkst du dich an geeigneter Stelle einfach nur ein.“, meinte der Blonde. So langsam gingen auch ihm die Ideen aus. Konnte er die Frau nicht einfach in eine dunkle Ecke zerren und ihr die Kleider vom Leib reißen? So würde er es zweifellos machen. Anteros schnaubte wenig amüsiert. „Was meinst du, womit ich mir meine Zeit den ganzen Tag vertreibe?“ Ein niedergeschlagenes Seufzen folgte. „Ich vermute mal, dass ich ihr Leben mittlerweile besser kenne als sie selbst.“ „Dann brauchst du einfach nur noch eine passende Gelegenheit – quasi das kleine Quäntchen Glück.“ Anteros sah seinen Bruder skeptisch an. Was, wenn Himeros Recht hat? In diesem Fall lag der Schlüssel in der Uni. Dort waren sie zumindest auf neutralem Boden. Dort kannten sie sich beide aus. Dort war sie nicht allein und sie würde ihm auch nicht so ohne weiteres entwischen können. Was das betraf hatte er sehr viel Zeit damit verbracht, sich auf ihr Leben einzustellen. Er kannte ihren Kursplan in- und auswendig, wusste, wann sie Pausen hatte und wann der Unterricht beendet war. Ja, er konnte mittlerweile sogar ziemlich zuverlässige Prognosen aufstellen, wann sie sich in der Bibliothek aufhielt. Er konnte zu jeder Zeit bei ihr sein – wenn er es nur wollte. Aber er konnte nicht einfach in eine Vorlesung stolpern und sich entblößen. Allein bei dem Gedanken schüttelte er angewidert den Kopf. Das war nun so gar nicht sein Stil. Aber je mehr er darüber nachdachte, umso mehr festigte sich die Überzeugung in ihm, dass die Lösung in der Uni liegen musste. Er beschloss, dort noch einmal hinzugehen und seine Möglichkeiten intensiver auszuloten. Er war durchaus hartnäckig genug, einen Weg zu finden. Nur musste er ihn bald finden.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   So Sep 16 2012, 18:36

katha schrieb:
Hey Süße,
noch Zuhause? So jetzt gibt es natürlich auch noch den schuldig gebliebenen Kommi zum letzten Teil. (äh 2 Teilen)
Er war wie immer toll geschrieben, aber wenn ich ganz ehrlich bin interessiert mich dieser Mike so gar nicht. Wahrscheinlich ein Fehler, weil er ja irgendwie eine tragende Rolle hat, aber ok. Das werde ich dann ja noch mit bekommen.
Ich empfinde ihn eher als lästig, vermutlich weil Helena ihn als lästig empfindet. Du merkst du hast es schon mal geschafft, dass ich mich mit ihr verbünde und ihre Ansichten teile. So soll es wohl sein Wink

Aber sag mal, du warst/bist doch heute noch den ganzen Tag Zuhause. Gibt es da noch was????

Oder warte ich jetzt tatsächlich drei Wochen auf Nachschub. Buhhuuuu crying Na ja, ich wusste ja, dass es irgendwann so sein wird.

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Da hatten wir wohl gerade dieselbe Idee Razz
Hier dann also noch der letzte Teil vor meinem Urlaub. Vielleicht kommt für dich ein klein wenig Licht ins Dunkel.

Ja, Mike ist blöd, aber wie du schon so treffend festgestellt hast, er spielt eine wichtige Rolle.

Liebe Grüße und bis bald, Mini

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   So Sep 16 2012, 21:14

Hihihi, mir ist da doch spontan eine Ahnung gekommen, wie und wo sich Anteros entblößen wird. Na ja, so spontan war es gar nicht. Die Idee kam erst beim zweiten lesen. Aber ich bin gespannt ob ich mit meiner Idee recht behalte. Jetzt muss ich sie nur noch im Kopf behalten, bis ich den nächsten Teil lesen kann.
Anteros heißt der "geheimnisvolle Fremde" also. Und Himeros ist sein blonder Bruder. Jetzt habe ich immerhin mal einen NAmen, auch wenn Helena den immer noch nicht kennt. Aber jetzt stellen sich ja gleich wieder ganz viel neue Fragen. Wer oder was sind die Beiden. Warum versuchen sie, wenn auch auf unterschiedliche Wege, die gleiche Frau rum zu kriegen. Und mögen sie sich nun, oder spielen sie ein seltsames Spiel mit einander...

Man, ich bin so gespannt Surprised und muss so lange warten Rolling Eyes

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Okt 01 2012, 22:39

katha schrieb:
Hihihi, mir ist da doch spontan eine Ahnung gekommen, wie und wo sich Anteros entblößen wird. Na ja, so spontan war es gar nicht. Die Idee kam erst beim zweiten lesen. Aber ich bin gespannt ob ich mit meiner Idee recht behalte. Jetzt muss ich sie nur noch im Kopf behalten, bis ich den nächsten Teil lesen kann.
Anteros heißt der "geheimnisvolle Fremde" also. Und Himeros ist sein blonder Bruder. Jetzt habe ich immerhin mal einen NAmen, auch wenn Helena den immer noch nicht kennt. Aber jetzt stellen sich ja gleich wieder ganz viel neue Fragen. Wer oder was sind die Beiden. Warum versuchen sie, wenn auch auf unterschiedliche Wege, die gleiche Frau rum zu kriegen. Und mögen sie sich nun, oder spielen sie ein seltsames Spiel mit einander...

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Ja ja, die beiden sind schon ein seltsames Gespann. Aber mehr dazu später, will nix verraten. Danke dir für deinen Kommi. Knutscha Wink

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Okt 03 2012, 12:06

So, nach meiner zweiwöchigen Pause möchte ich euch auch hier mit einer Fortsetzung versorgen. Hoffe, es gefällt euch. LG, Mini Wink


Teil 35



Helena hatte wieder einmal den Nachmittag in der Bibliothek verbracht und zu ihrer Überraschung – und gleichsamen Entsetzen – war dieses Mal kein enervierender Störfaktor aufgetreten. Was gut war. Sie hatte versucht, sich auf ihre Hausarbeit über die Wirkung der Fotografie zu konzentrieren. Dass sie dieses Fach gewählt hatte, lag nicht daran, dass sie ein gesteigertes Interesse hegte, unter die Fotografen zu gehen. Aber es sicherte ihr zumindest einen weiteren Berufszweig, falls es mit ihrem Traum, in die aktive Malerei zu gehen, nicht klappen sollte. Sie würde auf keinen Fall ihren Hintern auf einem Bürostuhl breit sitzen und sich von der gähnenden Sinnlosigkeit der wuselnden Welt erfassen lassen. Ihr einziges Anliegen war, ihren Traum zu leben – und das möglichst die nächsten vierzig oder fünfzig Jahre. Und ein stickiges Büro im Null-Acht-Fünfzehn-Alltagstrott gehörte definitiv nicht dazu. Sie hatte eine Reihe von Internetseiten durchforstet und die Bücher, die sich vor ihr auf dem Tisch stapelten, durchgesehen, ohne jedoch wirklich zufrieden mit ihrer Ausarbeitung zu sein. Das war nicht gut. Zum Glück musste sie diese Hausarbeit erst bis zum Ende des Semesters fertig bekommen. Aber das war nicht das Schlimmste. Viel schwerer tat sich Helena mit der eigentlichen Aufgabe – der Anfertigung einer futuristischen Fotocollage über ein Landschaftsthema. Diese Hausarbeit war Teil ihrer Abschlussprüfung. Abschlussprüfung – Helena durfte gar nicht daran denken. Und wenn sie daran dachte, dass es in drei Monaten soweit war, drehte sich ihr förmlich der Magen um. Na ja, im Grunde brauchte sie keine Bedenken zu haben. Da sie die letzten vier Jahre diszipliniert gearbeitet hatte, konnte sie einen sehr guten Notendurchschnitt ihr Eigen nennen. Nicht alles war ihre Stärke, doch die meisten Prüfungsfächer würde sie mit Leichtigkeit bewältigen. Nun gut, die Fotografie war dabei nicht unbedingt eines der leichtesten Fächer. Fotografieren war ja ganz toll, zumindest wenn es dabei um belanglose Urlaubsfotos ging. Aber hier ging es nicht um Schnappschüsse – hier ging es um Kunst … um Lichteinfall, Schattenwirkung, Blenden, Objektive und wie sie alles zusammen so miteinander vereinte, dass dabei noch etwas Ansehnliches herauskam. Und was das betraf, da schien sie völlig zu versagen.

Helena stieß geräuschvoll die Luft aus, als ihr bewusst wurde, dass sie seit einer geschlagenen Stunde versuchte, sich auf dieses Thema zu konzentrieren. Und so langsam begann es ihr den letzten Nerv zu rauben. Immer wieder zwang sie ihre Aufmerksamkeit auf die Texte, doch deren Sinn wollte sich ihr einfach nicht erschließen. Oh, das lag keineswegs an der Zusammensetzung der geschriebenen Buchstaben. Vielmehr hing es mit der Tatsache zusammen, dass ihre Gedanken jede Lücke in ihrer Aufmerksamkeit auf perfide Weise ausnützten und zu dem Abend, als sie mit Beth in dieser Brad Pitt Schnulze war, zurückdrifteten. Schlimmer noch, sie holten dauernd diesen fremden Typ hervor wie ein Zauberer sein dämliches Kaninchen aus seinem bekloppten Hut. Und so sehr sie sich auch abmühte, ihn zu verdrängen, ihr Innerstes schien da offenbar anderer Meinung zu sein. Gar nicht gut. Ganz und gar nicht gut. Verflucht noch mal! Vielleicht sollte sie die Augen aufhalten und ihn ausfindig machen, um ihm zu sagen, dass er sie in Ruhe lassen soll. Ihr Studium war zu wichtig, um es fahrlässig zu vernachlässigen. Es war ihr Traum, und sie würde sich ihren Traum nicht von einer flüchtigen Schwärmerei zerstören lassen. Auf der anderen Seite, er hatte ihr mit ihrem Referat geholfen. Vielleicht war er ja auch zufällig praktisch begabt was die Kunst betraf, und er verfügte rein zufällig auch über ein umfangreiches Wissen, die Fotografie betreffend. Vielleicht sollte sie ihn bei Gelegenheit fragen. Schwachsinn, Helena … Ganz großer Schwachsinn … Vergiss das bloß ganz schnell wieder … Verdammt, wo war sie nur mit ihren Gedanken? Wieder starrte sie auf die Internetseite und versuchte erneut, sich dem Thema zu nähern. Was ihr nur mäßig gelang. Bilder mit einer Kamera einzufangen, war für sie einfach zu primitiv, um es als Kunst bezeichnen zu können. Gut, im Grunde dachte sie das auch nur, weil sie dem nichts abgewinnen konnte. Na ja, man konnte schließlich nicht in allem gut sein, oder? Doch Helenas Ehrgeiz gebot ihr geradezu, in allem was sie tat, perfekt zu sein – leider auch in diesem Thema.

Hatte der Fremde nicht damals in der Vorlesung gesagt hatte, dass die wahre Kunst das ist, was man mit eigenen Händen schafft, ohne die moderne Technik zu gebrauchen? Und Fotografie gehörte ihrem Verständnis nach ganz eindeutig in die Kategorie „Technik“. Helena seufzte gequält. Schön, wenn sie diese Erkenntnis gewann, aber was nutzte ihr das? Ihrem Professor war es schließlich reichlich egal, wie aufgeschlossen sie der Moderne der Technik gegenüber stand. Tja, da musst du wohl durch, Helena …, dachte sie und stöhnte niedergeschlagen. Vielleicht sollte sie einfach für heute Schluss machen. Sich in einem Thema zu verbeißen, war schließlich genauso zielführend, wie Luft mir der bloßen Hand zu fangen. Etwas zu erzwingen, brachte sie nicht weiter. Man konnte sich schließlich auch nicht mit einem Pinsel und Farbe vor eine Leinwand stellen und darauf hoffen, dass der erste Strich perfekt wurde, wenn Inspiration und Enthusiasmus fehlten. Um das zu wissen, musste man kein Akademiker sein. Entschlossen, diesem leeren Versuch, die Kreativität herauszufordern, Einhalt zu gebieten, schaltete die den Computer aus, räumte die Bücher zurück in die Regale und verließ die Bibliothek. Als sie die Stufen der Treppe zum Vorplatz des Campus hinunter stieg, kam ihr auf einmal Beth entgegen. „Hi Süße, du bist noch hier?“, fragte sie erstaunt. Helena zuckte die Schultern und sah ihre Freundin fragend an. „Ich war in der Bibliothek und hab versucht, dieser Hausarbeit in Fotokunst etwas abzugewinnen. Und was machst du hier?“ Beth legte den Kopf schief, rollte kurz mit den Augen und lächelte missbilligend. „Du weißt doch, dass ich heute den Zusatzkurs in medialer Gestaltung habe.“ „Oh … klar, natürlich.“, erwiderte Helena knapp und lächelte entschuldigend. Beth würde später einmal in die Firma ihres Vaters einsteigen - eine Werbeagentur. Aus diesem Grund besuchte Beth seit ein paar Monaten einen fakultativen Kurs, in dem sie die verschiedenen medialen Techniken erlernte.

Das war eindeutig nicht Helenas Welt. Absolut nicht. Technik und Kunst passten aus Helenas Sicht genauso gut zusammen, wie zwei linke Schuhe. Sie bevorzugte die Arbeit mit Pinsel und Zeichenkohle, statt mit Maus und Tastatur. Photoshop war ihr zwar kein Fremdbegriff, aber ein Dorn im Auge. Dieses Computerprogramm zog wie viele andere automatisch einen Bürostuhl nach sich, in dem sie nicht gefangen sein wollte. Aber das war schließlich Beths Entscheidung. Und diese würde sie ihr niemals madig machen. Sie waren beide Künstler – jede auf seine Weise. „Ach, übrigens ...“, unterbrach Beth Helenas Gedanken. „… der Kunstkurs morgen fällt leider aus.“ Helena riss erstaunt die Augen auf. „Ist Madame Mendez krank?“, wollte sie wissen. Beth schüttelte den Kopf. „Nein, aber das Modell ist krank, und somit können wir nicht arbeiten.“ Helena nickte leicht. „Okay“ Beth grinste. „Wollen wir dann vielleicht etwas anderes unternehmen?“, fragte sie neckend. Helena hob die Schultern. Sie war noch zu beschäftigt mit der Aussage, dass ihr geliebter Kunstkurs morgen ausfiel. Verdammt, sie hatte sich seit einer Woche darauf gefreut, so wie sie sich jede Woche darauf freute. Was schon ziemlich unheimlich war. Helena hatte nicht gerade den Ruf, ein Übermaß an sozialen Kontakten innezuhaben. Aber sie hatte auch nicht die geringste Ahnung, wie sie das ändern sollte. Oder besser, ob sie das überhaupt ändern wollte. Wie auch immer, dieser Kurs war, neben der Tatsache, dass sie dort ihre Kreativität frei ausleben konnte, eigentlich eine willkommene Abwechslung zu ihren einsamen vier Wänden und der Bibliothek, in der sie quasi wohnte. Na gut, so what. Den Kopf in den Sand zu stecken, brachte ihr jetzt auch nichts. „Ja klar …“, griff Helena halbherzig begeistert Beths Frage wieder auf. „Was schwebt dir denn vor?“, fragte sie und bemühte sich, wenigstens ein bisschen Begeisterung zu zeigen, während sie gleichzeitig die Erinnerungen an Brad Pitt zu verscheuchen versuchte, die ihr noch ziemlich in den Knochen hingen, und betete, dass Beth ihr diese Demütigung kein zweites Mal antun würde.

„Ich hab gehört, dass es im Louvre eine neue Ausstellung geben soll.“ Die Kombination aus den Worten Louvre und Ausstellung ließ Helenas Brauen ihre Stirn hinaufsschießen. Augenblicklich hatte Beth Helenas ungeteilte Aufmerksamkeit. „Es geht um die Kunst in der Antike. Ist bestimmt interessant.“, erklärte sie leichthin. Kunst in der Antike? Augenblicklich kam ihr diese geheimnisvolle Einladung wieder in den Sinn, die ja nun nicht mehr so geheimnisvoll war. War das vielleicht die Ausstellung, in die ihr fremder Verehrer mit ihr gehen wollte? Helena schüttelte ungläubig den Kopf. Quatsch! Und außerdem war er keineswegs ihr Verehrer. Helena zuckte die Schultern. „Die ist doch gar nicht neu, Beth. Der Louvre stellt die Werke der griechischen und römischen Antike schon seit Jahren aus. Das ist doch eine der bekanntesten und besondersten Ausstellungen, die der Louvre zu bieten hat.“, widersprach sie entschieden. „Klar, aber die Ausstellung wurde neu sortiert und die Räumlichkeiten überarbeitet. Zudem wurden wohl, soweit ich weiß, einige Stücke neu hinzugefügt.“, erklärte Beth. „Also ist sie doch irgendwie neu. Die Ausstellung wurde vor wenigen Wochen offiziell neu eröffnet.“ Helena sah Beth, die keine Ahnung hatte, wie sehr sie ihre Neugier geweckt hatte, erstaunt an. Sie hatte schon immer eine Schwäche für die Antike gehabt – ob nun für die Artefakte, die alten Ruinen und deren Geschichten oder die Mythologie selbst. Und das wusste Beth natürlich. Sie hielt einen Moment in ihrem Enthusiasmus inne, als sie der Gedanke ereilte, dass der Fremde wohl auf dieselbe Neugier vertraut hatte. Zufall? Helena zuckte die Schultern und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Beth zu. „Warum nicht. Wann und wo?“, fragte sie knapp. „Am besten gleich morgen nach Unischluss.“ Helena nickte, während ein Gefühl von Vorfreude unter ihren Fingernägeln zu kitzeln begann.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Okt 03 2012, 12:17

Teil 36


Mit unverhohlener Begeisterung schritt Helena die antiken Skulpturen in dem riesigen Säulengang der Ausstellungshalle ab. Die Kuratoren und Kunstexperten des Louvre hatten wirklich ganze Arbeit geleistet. Diese Ausstellung war wirklich tausend Mal besser im Vergleich zu der früheren. „Wahnsinn was?“, flüsterte Beth ehrfürchtig, als sie auf die riesige Statue der Nike von Samothrake blickte. Helena nickte nur, weil ihr einfach die Worte beim Anblick der über drei Meter hohen Skulptur fehlten. Die Statue der Siegesgöttin stand auf einem Sockel am oberen Ende einer Freitreppe im ersten Stock des Denon Flügels im Louvre. „Hel, du entschuldigst mich kurz.“ Helena blickte auf und sah ihrer Freundin verwundert nach, die mit eiligen Schritten die Treppe hinunter lief. Dann schüttelte sie seufzend den Kopf und wandte sie sich wieder der unglaublichen Anmut der Nike zu. Die Siegesgöttin war eine ihrer Lieblingsfiguren der griechischen Mythologie. Ihre Flügel boten etwas Erhabenes, etwas, was keinem anderen Gott zueigen war. Natürlich mochte sie auch die anderen Statuen, die in ähnlicher Weise ihre Anmut bezeugten. Aber die Nike war aus Helenas Sicht etwas ganz Besonderes. In ihrer Darstellung wirkte sie wie ein Engel – ein Engel ohne Gesicht – der gerade hier auf seinem Sockel gelandet war. Die Flügel leicht nach hinten gebreitet und das feine Gewand vom Winde aufgewirbelt. Geradezu betörend anmutig. Respekteinflößend. Faszinierend. „Sie wurde im Heiligtum der Kabiren auf der griechischen Insel Samothrake gefunden.“, ertönte eine vertraute Stimme neben ihr. Helena zuckte erschrocken zusammen. Sie war gedanklich so sehr in das wunderschöne Werk vor ihr vertieft, dass sie die Welt um sich herum vollkommen vergessen hatte. Auch wenn ihr Herz es ihr gebot, ihr Verstand weigerte sich, sich nach der Stimme umzudrehen. Es wäre ohnehin nicht notwendig gewesen. Sie kannte ihren Besitzer nur zu gut, schließlich verfolgte er sie förmlich auf Schritt und Tritt. Und wenn er gerademal nicht in ihrer Nähe war, dann spukte er beinahe pausenlos in ihrem Kopf herum. Sie seufzte entnervt. Hatte sie nicht mal hier ihre Ruhe vor ihm? Helena vermied es, ihm zu antworten. Stattdessen verschränkte sie die Arme vor ihrer Brust und verstärkte ihre Konzentration auf die Nike. Vielleicht gelang es ihr ja, ihn zu vertreiben, wenn sie ihn einfach ignorierte. Aber vermutlich war das ebenso unwahrscheinlich wie die Tatsache, dass die schöne Nike in den nächsten zehn Minuten davonfliegen würde.

„Da du meine Einladung zu dieser Ausstellung abgelehnt hast und nun heute doch hier bist, muss ich wohl annehmen, dass es an meiner Gesellschaft liegen muss, dass du einen Kinobesuch dem hier vorgezogen hast.“, erwiderte er, wobei Helena der deutlich gekränkte Unterton in seiner Stimme nicht entging. Wie Recht du mit deiner Vermutung doch hast. Wenn du doch nur die richtigen Schlüsse aus dieser Tatsache ziehen würdest … Helena rollte entnervt die Augen. Sie verkniff sich eine bissige Entgegnung, sie wollte ihm keinen Zündstoff geben, um eine erneute Diskussion zu starten. Wenn sie nicht antwortete, würde er hoffentlich irgendwann aufgeben und genauso lautlos verschwinden, wie er gekommen war. Zugegeben, eine Eigenschaft, die sie von Mal zu Mal mehr an ihm zu schätzen lernte. Aber wann war Irgendwann? Er lachte leise ob Helenas strikter Weigerung, auf seinen Konversationsversuch einzugehen. „Man nimmt an, dass sie im zweiten Jahrhundert vor Christus von rhodischen Bildhauern geschaffen wurde.“, fuhr er die Unterhaltung schließlich ungerührt fort. Helena stöhnte unüberhörbar genervt. Merkte er das nicht? Sie hatte keine Lust auf eine Unterhaltung mit ihm, und er nötigte sie förmlich dazu. Sie wollte doch einfach nur in Ruhe diese Ausstellung genießen. War das zuviel verlangt? „Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du eine unglaublich enervierende Art an dir hast, immer dann aufzutauchen, wenn man dich am wenigsten in der Nähe haben will?“, erwiderte sie frostig und warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Erstaunt sah er sie an, ehe sich sein Mund zu einem schiefen Grinsen verzog. „Tatsächlich? Dann verrate mir doch ganz einfach, wann du dir wünschst, mich in deiner Nähe zu haben. Vielleicht bist du dann besser auf mich zu sprechen … Und außerdem wird es für mich dann weniger mühsam, dir auf den Fersen zu bleiben.“, erwiderte er unverschämt. Helena klappte unweigerlich der Mund auf. Der Kerl war einfach unverbesserlich. Und er hatte eine Art an sich, die sie zunehmend in Rage zu versetzen begann und ihre gute Kinderstube vergessen ließ. Seine unbestreitbar arrogante Art sollte auf Flaschen gezogen und als Abwehrmittel für unangenehme Zeitgenossen verkauft werden. „Du entschuldigst mich, aber ich würde jetzt gern die Ausstellung in Ruhe genießen.“, entgegnete sie schnippisch. Er seufzte in gespielter Niedergeschlagenheit. Dann sah er sie einfach nur an, und Helena musste sich zwingen, seinem Blick zu weichen, um nicht in seinen wunderschönen grünen Augen zu ertrinken. Verdammt! Wenn er wenigstens stockhässlich aussehen würde. Sie räusperte sich kurz und wandte sich, um zu gehen. Als er spontan ihre Hand ergriff, geriet sie kurz ins Taumeln, fing sich aber wieder, noch bevor sie der aufwühlenden Situation verfallen konnte, in seinen Armen zu landen, die er vorsichtshalber schon ausgebreitet hatte. Sie warf ihm einen finsteren Blick zu, bevor sie sich loszumachen versuchte. Sein Griff blieb unnachgiebig. „Komm, ich will dir etwas zeigen.“, erklärte er kurz, wandte sich um und steuerte die Treppe hinunter, ungeachtet einer protestierenden Helena, die er einfach hinter sich her zog.

Verdammt, was sollte das? Wie ein störrisches Kind, versuchte sie, sich gegen ihn zu stemmen und sich aus seinem Griff zu befreien. „Halt, meine Freundin wartet hier noch auf mich.“, protestierte sie und stemmte widerwillig die Hacken in den Boden. Doch ihn schien das nicht im Geringsten zu interessieren. Ohne auf ihr Gezeter Rücksicht zu nehmen, schleifte er sie zurück ins Erdgeschoss und hielt erst inne, als sie vor einer anderen Statue zum Stehen kamen. Helena entriss ihm schließlich ihre Hand und funkelte ihn wütend an. Sie war kurz davor, ihm eine runterzuhauen. Hastig verschränkte sie gleichsam demonstrativ wie präventiv ihre Arme vor ihrer Brust, um zu verhindern, dass sie ihrem Impuls nachgab, und warf einen Blick auf die Statue. „Die Venus von Milo. Was ist damit?“, raunzte sie widerwillig. Er bedachte sie mit einem missbilligenden Blick und schüttelte resigniert den Kopf. Seufzend richtete er sein Augenmerk schließlich auf das Abbild der griechischen Liebesgöttin. Einen Moment lang verharrte er mit schweigendem Blick. Helena sah ihn verwundert an, als sich auf einmal ein Hauch von Traurigkeit auf seine wunderschönen Züge stahl. Erstaunt hob sie die Brauen. Ein Mann, der vor der Liebesgöttin in Traurigkeit verfiel, war ihr noch nie begegnet. Na ja, im Grunde war ihr noch kein Mann begegnet, der der Venus von Milo auch nur einen Anflug von Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Entschieden riss sie sich von seinem Anblick los, bevor sie in ein zweifellos peinliches Sabbern verfallen konnte und richtete ihr Interesse wieder auf das Kunstwerk vor ihr. Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander, jeder in seinen eigenen Gedanken versunken. „Was für ein bedauernswertes Geschöpf.“, durchbrach er leise murmelnd das Schweigen. Helena riss verblüfft die Augen auf und starrte ihn fragend an. Bedauernswert? Wohl kaum, wenn man sich Liebesgöttin nennen darf …, schoss es ihr durch den Kopf. „Sie wurde auf der Kykladeninsel Milos in der Nähe der Ruine eines griechischen Theaters von einem Bauern namens Giorgos Kentrotas entdeckt, als er Baumaterial suchte.“, erklärte er nachdenklich. „Sie ist fast so alt wie die Nike von Samothrake.“

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   So Okt 07 2012, 16:09

Welcome Back, liebe Katha.


Teil 37



Helena hatte längst ihre Abscheu über sein Verhalten vergessen und ihre Aufmerksamkeit wieder dem Fremden zugewandt, der ihr von Mal zu Mal mysteriöser vorkam. Wer zum Teufel war er? „Laut der Beschreibung hier, wurde sie aus dem Marmor der Steinbrüche der Kykladeninsel Paros geschaffen. Warum nennt man sie dann nicht Aphrodite – wie die griechische Göttin –, sondern nach dem Namen ihres römischen Pendants, wenn sie doch auf griechischem Boden entdeckt wurde?“, fragte Helena. „Man nennt sie auch „Aphrodite von Melos“, sagte er langsam, ohne seinen Blick von der Statue zu wenden. „Es ist reine Vermutung, dass es sich bei dieser Statue um eine Darstellung einer Göttin oder einer anderen mythologischen Figur handelt.“ „Wie bitte?“, warf Helena entsetzt ein. Er seufzte niedergeschlagen. „Tja, das mit der Schönheit ist so eine Sache. Viele glauben, das ideale Schönheitsbild in irgendeinem Wesen zu erkennen und schaffen sich ihre eigenen Abbilder. Das war vor über zweitausend Jahren so und ist es heute noch immer.“, bemerkte er schulterzuckend. Helena war sprachlos. Seine Aussage brachte für einen Moment ihre Anschauung der mythologischen Welt arg ins Wanken. Die Venus von Milo kein Abbild der Gottheit? Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Er bemerkte ihren stummen Widerspruch. „Schau sie dir doch an, die verschiedenen Darstellungen dieser Göttin. Von keinem anderen Gott gibt es so viele unterschiedliche Abbilder …“, bedeutete er. „… und schlussendlich ist die Realität wieder eine andere.“, fügte er murmelnd hinzu. Helenas Augen verengten sich misstrauisch. Dass er so abwertend über die Abbildungen griechischer Mythologie sprach, gefiel ihr ganz und gar nicht. „Soll das heißen, dass keine dieser vielen Abbildungen die Liebesgöttin zeigen …“ „Es soll heißen, dass die Menschen sich Idealbilder schufen, sie Götter nannten und anbeteten. Und was die Schönheit und …“, er bedachte sie mit einem traurigen Blick, „… die Liebe betrifft, so sind sie sich offenbar ziemlich uneinig.“, unterbrach er mit sanftem Ernst, der Helena glatt den Widerspruch von der Zunge stahl.

Sprachlos wandte sie sich von seinem Gesicht ab und betrachtete wieder die zweifelsfrei vollkommene Statue vor sich – ihr Inbegriff wahrer Schönheit. Aber vielleicht hatte er Recht. Schönheit ist doch schlussendlich nur eine rein subjektive Betrachtung, die für jeden anders aussah. Unweigerlich fragte sie sich, wie wohl das Abbild einer Schönheitsgöttin für den Fremden neben ihr aussehen würde. Doch so schnell sie diesen Gedanken in ihren Kopf gelassen hatte, so schnell verbannte sie ihn auch wieder. Es konnte ihr schlichtweg egal sein, was sein Frauenideal war. Worüber zum Teufel denke ich hier überhaupt nach? So langsam wurde ihr diese Unterhaltung unheimlich. „Ich mach mich dann mal auf die Suche nach meiner Freundin.“, erklärte Helena leise, als ihr auffiel, dass sie Beth seit einer Weile nicht mehr gesehen hatte, wandte sich um und ging. Sie rannte nicht, beschleunigte nicht einmal ihre Schritte. Warum, wusste sie selbst nicht so genau, hatte sie sich doch vor wenigen Augenblicken noch gewünscht, von ihm fern zu sein. Doch als er nun nicht mehr neben ihr stand, spürte sie ein ihr fremdes Unbehagen – genauso wie sie es neulich im Foyer des Kinos empfunden hatte, als er plötzlich verschwunden war. Sie hielt inne und blickte über die Schulter zurück zu der Statue der Liebesgöttin. Er stand noch immer dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte, den Blick starr auf den vollkommenen Marmor gerichtet, regungslos und ausdruckslos. Helena schüttelte nachdenklich den Kopf und vernahm im nächsten Moment die vertraute Stimme ihrer Freundin durch die murmelnde Menge der Museumsbesucher. Eilig wischte sie ihre verwirrenden Gedanken beiseite, setzte ein Lächeln auf und ging Beth langsam entgegen …

„Wow, das war echt spannend.“, erklärte die Brünette beeindruckt, als sie kurze Zeit später die Ausstellung im Louvre verließen. „Diese alten Aktefakte und die Fresken … erstaunlich, dass sie schon ein paar tausend Jahre alt sind.“ Helena sah ihre Freundin belustigt an. „Mensch Bethie, man könnte meinen, du wärst das erste Mal in deinem Leben in dieser Ausstellung gewesen.“ Beth verzog das Gesicht zu einer abwertenden Grimasse. „Oh Gott, ich konnte ja nicht wissen, dass Miss Ich-bin-über-die-Kunst-erhaben es überhaupt nicht aus der Fassung gebracht hatte, das zu sehen.“, spöttelte Beth, die mit dem Daumen blind über ihre Schulter wies, und warf in einer beleidigten Geste ihre langen dunklen Haare nach hinten. Helena lächelte. Natürlich fand sie diese Ausstellung sagenhaft, aber sie war eher eine stille Genießerin und konnte ihren Enthusiasmus zügeln. Ganz im Gegensatz zu Beth, die nicht umhin konnte, die ganze Welt an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Augenblicklich kam ihr der Kinobesuch mit der enervierenden Brad Pitt Horde wieder in den Sinn. Helena verzog das Gesicht und schüttelte insgeheim den Kopf. Nein, Beth war ganz anders als sie. Aber sie war dennoch genau richtig, so wie sie war. „Ich glaube, das war die beste Ausstellung seit Jahren.“, meinte sie mit einer Entschiedenheit in der Stimme, als versuche sie soeben, selbst den borniertesten Politiker zu der Einsicht zu bringen, dass die Umweltfrage nur mit der Abschaffung sämtlicher Autos beantwortet werden konnte. Wenn Helena – so wie es Beth ausdrückte – über die Dinge erhaben war, dann war Beth vergleichbar mit einem kleinen Kind an Weihnachten, welches mit leuchtenden Augen seine Geschenke auspackte. Manchmal wünschte Helena, sie könnte ihre Gefühle ähnlich ausdrücken. Aber das gelang ihr einfach nicht – zumindest nicht ohne, dass sie sich dabei lächerlich machte.

„Übrigens, wo wir gerade beim allumfassenden Thema Kunst sind. Ich habe heute Nachmittag Madame Mendez getroffen. Der Kunstkurs ist auf Freitag verschoben worden. Steht auch am schwarzen Brett. Selbe Zeit, selber Ort.“ Helenas Augen weiteten sich, und ein zufriedenes Lächeln stahl sich in ihr Gesicht. Diese Nachricht hob augenblicklich ihre Stimmung. Nicht auszudenken, wenn der Kurs wegen eines kranken Modells ganz ausfallen würde. Was hatte sie denn sonst noch zu ihrem Vergnügen? Was ihre gesellschaftlichen Erfolge betraf, war Helena in etwa so arriviert wie eine Schnecke, die Gleichgesinnte suchte, und dabei auf die andere Straßenseite kriechen musste. Sie tat sich schwer, Kontakte zu knüpfen, denn sie schien offenbar dazu verdammt, alle Menschen, an die sie ihr Herz verlor, selbst zu verlieren. Und wie konnte man sich vor solchem Unheil besser schützen, als sich von der Welt fern zu halten? Na gut, mal abgesehen von wenigen Ausnahmen. Augenblicklich stahl sich das Gesicht eines fremden grünäugigen Mannes in ihre Gedanken. Helena schüttelte den Kopf, um das verstörende Bild zu vertreiben. Warum immer wieder er? Seit Tagen nun geisterte er ihr durch den Kopf, wie eine Krankheit. Eine ziemlich attraktive Krankheit. Sie lächelte unweigerlich. Na ja, vielleicht würde es sich bald von selbst wieder geben … „Du lieber Himmel.“, unterbracht Beth plötzlich Helenas Gedanken. Sie hatten den Ausgang des Louvre erreicht, als Helenas Aufmerksamkeit sich auf das gleichmäßige Rauschen von Wasser auf dem gläsernen Dach der Eingangshalle richtete. Zweifellos der Grund für Beths Entrüstung. Der Himmel glich einer grauen wabernden Masse, die übergangslos ihre depressive Wirkung auf Helena warf. Wo zum Teufel war das schöne Wetter von vor vier Stunden hin? Mit einem resignierten Seufzer schloss sie den Reißverschluss ihres Parkas und zog den Jackenkragen hoch. Wie praktisch, dass sie keinen Regenschirm dabei hatte. Na ja, wer hätte denn hinter einem strahlend blauen Nachmittagshimmel Regen vermuten können? Neben Beth trat sie aus der gläsernen Pyramide des Louvre in das trostlose Wetter, während in monotoner Kakophonie der Regen auf das Glasdach und die nassen Straßen prasselte.

Der wolkenverhangene Himmel hatte den Tag unnatürlich verdunkelt, und Helena musste sich mit einem Blick auf die Uhr überzeugen, dass es erst halb fünf und nicht schon halb neun war. „Hast du zufällig einen Regenschirm dabei?“, wollte Helena von Beth wissen. Die schüttelte bedauernd den Kopf. „Sorry, Süße … tut mir leid. Willst du noch mit zu mir kommen, bis es aufgehört hat zu regnen?“, bot sie fürsorglich an. Im Gegensatz zu Helena wohnte Beth nur wenige Fußminuten vom Louvre entfernt. Die Kosten für das kleine Apartment bezahlten ihre Eltern. Ihr Vater hatte damals darauf bestanden, dass sie in Paris studierte. Und Helena war froh über diesen Umstand, hätte sie Beth doch sonst niemals kennengelernt. Helena dachte einen Augenblick über den Vorschlag ihrer Freundin nach, schüttelte dann aber den Kopf. „Wenn ich mich beeile, bin ich in ein paar Minuten in der U-Bahn … und dann auch im Trockenen.“, erklärte sie und sah ihre Freundin an. Die Ironie, die diese Aussage angesichts des Wetters beinhaltete, hätte ihr beinahe ein Lächeln entlockt, wenn es nicht unbedingt Wasser gewesen wäre, was sich über ihnen wie aus den sprichwörtlichen Eimern ergoss. Beth zuckte nonchalant mit den Schultern und gab Helena damit zu verstehen, dass dieses Vorhaben dennoch mit durchweichten Klamotten enden würde. „Wer nicht will, der hat schon.“, grinste sie. Helena grinste automatisch zurück. „Nass werde ich so oder so, es stellt sich also nur die Frage, wie lange ich nass sein werde.“, entgegnete sie gelassen. „Und das ist egal … nass ist nass.“ Beth nickte, und die Freundinnen verabschiedeten sich daraufhin. Beth wandte sich um und flüchtete vor dem Wassermassen, die von oben kamen, um die nächste Ecke. Helena seufzte leise, während sie dem sinnflutartigen Guss flehend entgegensah. Vielleicht sollte sie noch einen Moment warten und darauf hoffen, dass der Regen schwächer wurde. Doch ihr Blick auf die unheilvollen dunkelgrauen Wolken nahmen ihr die Hoffnung auf eine kurzfristige Wetterbesserung. Es nützt nichts, da musst du jetzt wohl durch. Sie zog die Schultern hoch und schlug den Kragen noch enger um Kopf und Hals. Dann flehte sie ein letzten Mal den zweifelsohne schlechtgelaunten Wettergott um Erbarmen an, marschierte los … und rannte geradewegs in jemanden hinein …

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   So Okt 07 2012, 22:59

Hallo Süße,
jetzt bin ich auch hier angelangt und raufe mir schon wieder die Haare Wink
Ich lese hier immer ganz gebannt und hoffe auf neue Begegnungen zwischen Helena und dem mysteriösen Fremden, Anteros wie ich jetzt weiß Smile , und dann treffen sie sich, und viel zu schnell ist es schon wieder vorbei und ich muss erneut auf das nächste Treffen warten, rätsel in der Zwischenzeit über den tieferen Sinn, die mögliche Fortsetzung, seine Pläne und ihre Beweggründe...
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Okt 08 2012, 08:10

katha schrieb:
Hallo Süße,
jetzt bin ich auch hier angelangt und raufe mir schon wieder die Haare Wink
Ich lese hier immer ganz gebannt und hoffe auf neue Begegnungen zwischen Helena und dem mysteriösen Fremden, Anteros wie ich jetzt weiß Smile , und dann treffen sie sich, und viel zu schnell ist es schon wieder vorbei und ich muss erneut auf das nächste Treffen warten, rätsel in der Zwischenzeit über den tieferen Sinn, die mögliche Fortsetzung, seine Pläne und ihre Beweggründe...
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Hui,

eine Katha, die ungeduldig ist - ist ja was ganz Neues Razz
Ich werde mich bemühen, mehr Licht ins Dunkel zu bekommen, aber die Story ist ja noch lange nicht zu Ende ...

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Okt 09 2012, 13:43

Auch hier eine kleine Fortsetzung. Hoffe, es gefällt Wink


Teil 38



Verdammt, auch das noch …, schoss es Helena durch den Kopf. „Oh, Sorry …“, nuschelte sie in ihre dicke Jacke und versuchte, sich an ihrem Gegenüber vorbeizuschieben, als sie etwas urplötzlich zurückriss. Panik erfasste sie und sie schrie unwillkürlich auf. Doch ihre Stimme ging im nächsten Donnergrollen, welcher zweifelsfrei einen weiteren, noch stärkeren Regenguss ankündigte, unter. Erschrocken blickte Helena auf und verzog grimmig das Gesicht, als sie erkannte, in wen sie gerannt war. Sie konnte nicht leugnen, dass ihr jeder andere lieber gewesen wäre, aber sie war ja hier nicht bei Wünsch-Dir-Was. Unweigerlich fragte sie sich, ob es ihr irgendwann gelingen würde, ihm nicht permanent über die Füße zu stolpern. Vielleicht sollte sie ihm einen Peilsender unterschieben, damit sie immer wusste, wo er war, um dann schließlich nicht dort zu sein, wo er sie vermutete. Was für ein Schwachsinn. Aber die Idee mit dem Peilsender war gar nicht mal so abwegig. Vielleicht hatte er ihr ja so ein Ding heimlich zugesteckt. Und wann bitte sollte das gewesen sein …, fragte ihr gesunder Verstand. Als du dich in seine Arme geschmissen und ihn sehnsüchtig angeschmachtet hast …, stichelte ihr gehässiges Unterbewusstsein. Ja richtig, … wie hätte ich das vergessen können …, dachte sie mit einem wehmütigen Seufzen und schüttelte ergeben den Kopf, während zwei grüne Augen sie eindringlich musterten. „Du holst dir den Tod, wenn du nicht bald ins Trockene kommst.“, erklärte er sachlich.

Helena neigte den Kopf und musterte ihn eindringlich, ehe sie ihr Gesicht zu einem sarkastischen Lächeln verzog. „Witzbold … da wäre ich jetzt von allein nicht drauf gekommen. Und wenn du dich mir nicht in den Weg gestellt hättest, wäre ich längst im Trockenen.“, bemerkte sie schnippisch. Ein kalter Schauer kroch über ihren Rücken, als ein paar Regentropfen in ihren Nacken fielen. Ihre Zähne begannen zu klappern, während sich der Regenguss unnachgiebig seinen Weg durch ihre Kleidung bahnte. In wenigen Minuten wäre sie nass bis auf die Knochen. „Natürlich.“, entgegnete er trocken und legte frech einen Arm und ihre Schulter. „Ich bring dich nach Hause.“, entschied er in fast schon geschäftsmäßigem Ton. Abrupt erstarrte sie. Nein! Bevor sie zu ihm ins Auto stieg, würde sie lieber den ganzen Weg im Regen nach Hause laufen. Sicher ist sicher, schließlich kannte sie diesen Typen nicht. „Vergiss es!“, erwiderte sie streng. Er hob amüsiert die Brauen. „Du bist jetzt schon vollkommen durchgeweicht.“, bemerkte er. „Na und … Das ist ja wohl mein Problem, nicht deines.“, erwiderte sie scharf. Er lachte leise. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, du hast Angst vor mir.“, kommentierte er gelassen. Verblüfft klappte ihr die Kinnlade nach unten. Angst? Das ist geradezu lächerlich …, protestierte ihr aufgebrachtes Unterbewusstsein. Mit einem wütenden Funkeln sah sie ihm in die Augen. Energisch entwand sie sich ihm und steuerte entschlossen den Parkplatz an.

„Oh … du hast es dir anders überlegt?“, meinte er amüsiert, während er mühelos mit ihr Schritt hielt. „Irrtum … die Haltestelle liegt bloß zufällig ein paar hundert Meter hinter den Parkplatz.“, konterte sie mit einem affektierten Lächeln. Unvermittelt umfasste er ihren Arm und zog sie zurück. Helenas Atem stockte und ihr Herz begann wild zu hämmern, während er ihr fest in die Augen sah. „Ich tue dir nichts … Ehrlich. Aber ich würde mich schuldig fühlen, wenn du meinetwegen übermorgen krank bist.“, erklärte er überraschend behutsam. Helena sah auf und begegnete seinem bittenden Blick. Augenblicklich erklomm ihr Misstrauen eine neue Stufe. Aus irgendeinem Grund ließ sie das Gefühl nicht los, dass er etwas im Schilde führte … „Nein!“, erwiderte sie trotzig und wandte sich abermals, um zu gehen. Nach zwei Schritten hielt er sie erneut zurück. „Wenn du mich nicht gehen lässt, bin ich wirklich in zwei Tagen krank … Und du tot.“, fauchte sie unvermittelt. Er bemühte sich, ernst zu bleiben. Was ihm sichtlich schwerfiel ob der durchaus amüsanten Situation. „Sag mir was ich tun muss, damit ich dich nach Hause bringen darf.“, forderte er. Wie vom Donner gerührt starrte Helena ihn an. Häh? Er will wissen, was er tun soll, damit er mich nach Hause bringen darf? Von welchem Planeten ist der denn abgehauen? Ihre Brauen hoben sich langsam, und ein Anflug von Verblüffung stahl sich in ihr Gesicht. „Ich kenn dich nicht. Und meine Eltern haben mir schon früh eingebläut, dass ich niemals zu Fremden ins Auto steigen soll.“, erklärte sie unmissverständlich.

Jetzt war es an ihm, überrascht innezuhalten. Schließlich räusperte er sich und lächelte. „Mein Name ist …“ Ein kurzes Zögern. „… Antamo … So, jetzt bin ich dir nicht mehr fremd.“, erwiderte er gelassen und überspielte das ungute Gefühl, sie soeben belogen zu haben, geschickt mit einem kleinen Grinsen, während er sie abermals am Arm fasste und sie mit sich zog. Wieder riss sie sich los und starrte ihn an. Seine Unverschämtheit machte sie sichtlich wütend. „Hat dir noch niemand erklärt, wie man sich Frauen gegenüber unaufdringlich verhält?“, fragte sie erbost. Als hätte sie ihm eine schallende Ohrfeige verpasst, erstarrte er auf der Stelle. Augenblicklich ließ er ihren Arm los und seine Hand sinken. Beschämt senkte sich sein Blick. So sehr sie seine forsche Art auch nervte, seine abrupte Kapitulation überraschte sie noch mehr. In diesem Moment wirkte er so vollkommen unsicher, dass er in einem völlig grotesken Widerspruch zu seiner enervierend Arroganz stand. Da soll mal einer schlau draus werden …, ging es Helena verwirrt durch den Kopf. „Tut mir leid. Ich wollte nur höflich sein.“, entgegnete er schließlich leise. Die geplante Entgegnung blieb ihr daraufhin schmerzhaft im Halse stecken, während sie ihn ungläubig ansah. Der Typ war wirklich der Inbegriff von sonderbar. Seufzend stieß sie die Luft aus und verzog unbehaglich das Gesicht, als sie spürte, wie ihre Füße leicht feucht wurden. Offenbar hatte das Wasser einen Weg durch das Leder gefunden. Und wenn sie weiter mit ihm hier sinnlos diskutierend im Regen stand, dann wäre sie in wenigen Tagen wirklich krank. Was soll’s, wenn er mich anpackt, lernt er mich kennen … „Also gut …“, gab sie schließlich nach. „Du darfst mich nach Hause bringen.“

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Zuletzt von Mini_2010 am Di Okt 09 2012, 22:20 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Okt 09 2012, 21:25

Hallo Mini,
wieder mal eine so dämliche Diskussion. Helena ist schon skeptisch sobald sie ihn sieht. Na gut, er taucht natürlich tatsächlich immer wie aus dem nichts auf, aber bislang hat er ihr doch nichts getan, und wäre sie nicht immer so, so, so... aggressiv, wäre er vielleicht auch nicht so arrogant.

Da bin ich ja mal gespannt, wie die Heimfahrt wird bzw. ob es überhaupt dazu kommt. Ob ihm das Auto gehört, gegen das sie eine solche Abneigung hegt??

Freu mich wie immer, wenn es weiter geht Wink Und ich hoffe, auch wenn auch ich hier nicht bei "Wünsch-Dir-Was" bin, dass das bald sein wird. bounce

LG, Katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Okt 10 2012, 10:03

katha schrieb:
Hallo Mini,
wieder mal eine so dämliche Diskussion. Helena ist schon skeptisch sobald sie ihn sieht. Na gut, er taucht natürlich tatsächlich immer wie aus dem nichts auf, aber bislang hat er ihr doch nichts getan, und wäre sie nicht immer so, so, so... aggressiv, wäre er vielleicht auch nicht so arrogant.

Da bin ich ja mal gespannt, wie die Heimfahrt wird bzw. ob es überhaupt dazu kommt. Ob ihm das Auto gehört, gegen das sie eine solche Abneigung hegt??

Freu mich wie immer, wenn es weiter geht Wink Und ich hoffe, auch wenn auch ich hier nicht bei "Wünsch-Dir-Was" bin, dass das bald sein wird. bounce

LG, Katha

Eine gesunde Skepsis ist nie verkehrt, aber bei Helena ist das schon beinahe krankhaft. Sie denkt zuviel über das Was-wäre-wenn nach, anstatt einfach mal auf ihr Gefühl zu hören und dem nachzugeben ... aber offenbar hat sie das schon zu oft in die falsche Richtung geleitet.

Was den Rest betrifft, lass dich überraschen ... Wink

LG, Mini

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Okt 11 2012, 09:05

Und auch hier eine kleine Fortsetzung für euch Wink


Teil 39



Etwas, was als kindliche Freude hätte durchgehen können, blitzte in seinen Augen auf, was Helena mit einer Mischung aus Unglauben und Verwirrung registrierte. Dieser Typ war ein einziges Rätsel. Eigentlich mochte sie Rätsel, aber dieses hier schien ihr eindeutig eine Nummer zu groß zu sein. Schweigend ließ sie sich über den Parkplatz geleiten. Als sie jedoch bei seinem Auto ankamen, hielt sie abrupt inne. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. Antamo schenkte ihr ein belustigtes Grinsen und öffnete die Beifahrertür. Augenblicklich versteifte sie sich. „Was ist?“, fragte er besorgt, während sie gleich einer Statue verharrte. „Das … das ist ... deiner?“, stotterte sie mit völligem Unglauben in der Stimme. Ahnungslos runzelte er die Stirn. „Stimmt was nicht mit dem Auto?“ Helena hob den Blick und stierte ihn an, als käme er von einem fremden Planeten. Dann verschränkte sie demonstrativ ihre Arme vor der Brust. „Da steige ich nicht ein!“, erwiderte sie auf die Art und Weise, wie ein bockiges Kind es tun würde. Für einen Moment war er tatsächlich sprachlos. Als Helena jedoch keine Anstalten machte, einzusteigen und der Regen weiter unermüdlich auf sie herabprasselte, seufzte er schließlich genervt auf und startete einen vorsichtigen Versuch, sie in das Auto zu schieben. Stur wie ein Esel blieb sie stehen und versuchte, sich gegen ihn zu stemmen. „Das Leder wird nass, wenn du noch länger hier unschlüssig rumstehst.“, erklärte er mit gelassener Arroganz. Zorn funkelte in ihren Augen. „Dann sollte ich mit meinen nassen Klamotten wohl besser nicht einsteigen.“, entgegnete sie bissig. „Lass mich überlegen … Ähem … Ich hab’s mir anders überlegt. Ich laufe …“, gab sie ihm entschieden zu verstehen und wandte sich ab. Frustriert knallte er die Tür zu und holte sie mit zwei langen Schritten wieder ein. Etwas unsanft packte er sie beim Arm und riss sie herum, woraufhin Helena aus dem Gleichgewicht geriet. Sie stieß einen erstickten Schrei aus, bevor sie gegen seinen Körper prallte. Reflexartig legte er seine Arme um sie, um sie vor dem Fall zu bewahren, und zog sie an sich. Helenas Herz geriet ins Stolpern, und ihr Atem kam zum Stillstand. Die flüchtige Verwirrung in ihrem Blick wandte sich in Wut, die alsogleich verpuffte, als sie in seine Augen blickte. Nichts als nacktes Unverständnis stand in ihnen. Keuchend stieß sie die Luft aus, als ihr wieder einfiel, dass sie aufgehört hatte zu atmen. Und ein seltsam behagliches Gefühl, begleitete von einer leisen Wärme, flutete unvermittelt durch ihren Körper.

Die Welt und die Tatsache, dass sie mitten im strömenden Regen standen, versanken in Bedeutungslosigkeit, während ihre Blicke einander festhielten. Antamos Herz raste, während er verzweifelt versuchte, die Contenance zu bewahren. Sein Körper spielte völlig verrückt, als er sich der plötzlichen Nähe bewusst wurde. Sein Atem kam schneller, und in seine Augen trat ein sehnsüchtiger Glanz, während sich sein Gesicht dem ihren unbewusst näherte. Noch immer perplex von der unerwarteten Situation, starrte sie in seine Augen. Ihre Lippen bewegten sich, als wolle sie etwas sagen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht. Ihre Gesichter waren einander so nah, dass nur noch Millimeter fehlten, bis sich ihre Nasen berührten. Ihr warmer Atem strich über sein Gesicht, und mit einem leisen Seufzen schloss er die Augen. Das durchbrach den Bann. Eine gefühlte Ewigkeit später blinzelte Helena und realisierte langsam die Situation, in der sie sich befand. Seine Arme hatten sich fest um sie geschlungen, und mit einiger Verzögerung wurde sie sich der Gegenwart seines überaus männlichen Körpers gewahr. Schon zum zweiten Mal. Grundgütiger. Sein Gesicht schwebte ganz nah über ihrem, und seine Augen schauten sie auf eine Weise an, die seltsame Prozesse in ihr auslösten. Sämtliche Alarmglocken schrillten unvermittelt auf, was Helena nur mit deutlicher Verspätung zur Kenntnis nahm. „Ähem …, können wir jetzt endlich aus diesem verdammten Regen rausgehen?“, stotterte sie mit kläglichem Protest. Antamos Lippen verzogen sich, ehe ein leises Lachen über sie rollte. Dann entließ er Helena zugunsten des Regens aus seiner Umarmung und startete einen weiteren Versuch, sie dazu zu bewegen, in sein Auto einzusteigen. Diesmal machte sie keine Anstalten, den Esel zu mimen. Als er sich neben sie auf den Fahrersitz sinken ließ, musterte er sie vorsichtig von der Seite. Ihre Augen waren starr aus dem Fenster gerichtet. Offenbar stand sie unter Schock. Er räusperte sich vernehmlich. „Also, wohin soll die Reise gehen?“, versuchte er, das Schweigen zu brechen und die Stimmung etwas zu lockern. Als würde sie aus einer Trance erwachen, wandte Helena ihm den Kopf zu und blinzelte verwirrt. In knappen Worten nannte sie ihm ihre Adresse, schnallte sich an und verfiel wieder in stummes Brüten, was Antamo zu einem belustigten Kichern veranlasste.

Eine Weile fuhren sie schweigend durch die Stadt, bis er schließlich die Stille durchbrach. „Bist du immer so gesprächig?“, fragte er mit einem Anflug von Amüsement in der Stimme. Helena hob den Kopf und schenkte ihm ein gelangweiltes Augenrollen. „Ich lache später, wenn es recht ist.“, erwiderte sie trocken. „Woran denkst du?“, wollte er nach einem erneuten kurzen Schweigen wissen. Sie lachte freudlos auf und richtete ihr Augenmerk schließlich auf ihn. Das kurzweilige ironische Amüsement war unverhohlener Missbilligung gewichen. „Oh … da gibt es eine ganze Menge an was ich denke.“, erwiderte sie mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme. Dann schwieg sie wieder. Offenbar wollte sie ihn an ihren Gedanken nicht teilhaben lassen. Schade. Die Neugier in ihm drängte ihn, nach Details zu fragen. Am Ende ließ es jedoch bleiben und stieg in das betretene Schweigen ein, was sie eröffnet hatte. „Ist es eigentlich immer so schwer, dich zu beeindrucken?“, fragte er unverblümt weiter. Helena schluckte verlegen. Warum zum Teufel willst du mich denn beeindrucken …, ging es ihr spontan durch den Kopf, während sie versuchte, diesem intensiven Blick zu entgehen, der neben offensichtlichen Amüsement auch echte Neugier barg. Helena schlang ihre Finger ineinander und versuchte, nicht zu offenkundig ihre Nervosität zur Schau zu stellen, die seine Gegenwart unaufhörlich schürte. Sie bemühte sich um ein neutralen Blick, was ihr nur mäßig gelang, als ihre zynische Seite mit einem affektierte Lächeln aufwartete. „Wenn du ein übertriebenes Schickimicki-Auto eine Variante nennst, um eine Frau zu beeindrucken, dann hast du dir mit mir die falsche Frau ausgesucht.“, konterte sie und reckte stolz das Kinn vor. Ein resigniertes Seufzen war die Antwort, die vom Fahrersitz kam. „Nein, das meinte ich nicht … Ich meine die Tatsache, dass ich mir die größte Mühe gebe, nett und höflich rüberzukommen und du mir ständig das Gefühl gibst, ein unbeholfener Vollidiot zu sein.“ Verblüfft von diesen offenen Worten sah Helena ihn an. Übergangslos begann ihr Gesicht die Farbe einer überreifen Tomate anzunehmen. Scham keimte tief in ihr auf und ließ sie den Blick aus dem Seitenfenster richten, als seine Worte die Tiefen ihres Unterbewusstseins erreichten. Er hat Recht …, schalt ihre innere Stimme sie. Er ist nett und freundlich und du mimst die undankbare verwöhnte Göre … Augenblicklich sank sie tiefer in den Sitz und starrte angestrengter denn je aus dem Seitenfenster. Aber warum musste er sein Repertoire an Freundlichkeit ausgerechnet bei mir ausschütten? …, dachte sie bei sich und schüttelte unschlüssig den Kopf.

„Was ist?“, fragte Antamo, der sie die ganze Zeit still beobachtet hatte, während er den Wagen sicher durch den Pariser Abendverkehr lenkte. Eine Weile sagte sie gar nichts, ehe sie schließlich mit einem zögerlichen „Ich frage mich, warum du ausgerechnet mich mit deiner Freundlichkeit überschüttest.“ herausrückte. Fragend sah sie ihn an, während sich ein kleines Lächeln in seine Augen stahl. „Ist das nicht offensichtlich?“, meinte er mit einem verschmitzten Augenzwinkern, was Helena erneut die Röte ins Gesicht trieb. Sie räusperte sich verlegen und deutete mit einer knappen Bewegung durch die Windschutzscheibe. „Du kannst mich da vorne an der Ecke rauslassen. Es hat fast aufgehört zu regnen und die paar Meter kann ich noch zu Fuß gehen.“, erwiderte sie eilig und überging damit gekonnt seine Frage. Sie wusste nicht warum, aber so sehr sie seine Gegenwart auch als angenehm empfand, so unangenehm war ihr die Situation zwischen ihnen. Sie musste hier raus. Der Typ machte ihr eindeutige Avancen, und eigentlich sollte ihr das nicht gefallen, … aber ihr Körper setzte sich gerne mal über das hinweg, was sie sich einsuggerierte, ... genauso wie jetzt. Ohne Frage, er war durchaus ein ansehnlicher Mann, und er war freundlich und zuvorkommend, aber was wusste sie sonst über ihn? Nichts! Und dafür, dass sie ihn nicht kannte und dennoch in diesem Moment in seinem Auto saß, hatte sie ihn schon viel zu nah an sich herangelassen. Er schnaubte verächtlich ob ihrer rüden Abweisung und warf ihr einen missbilligenden Blick zu. „Es wäre wohl sehr frevelhaft von mir, wenn ich eine Frau mitten im Regen am Straßenrand absetze, wo ich sie doch auch bis vor die Tür fahren könnte.“, erwiderte er lächelnd. Er hatte ein so bezauberndes Lächeln, was Helena unweigerlich zurücklächeln ließ. Erst Sekunden später erkannte sie, dass ihr Körper erneut ein Eigenleben entwickelt hatte und zwang sich wieder zur Räson. Zu spät. Antamo hatte ihre Reaktion bereits bemerkt. Und er spürte deutlich, dass sie sich alle Mühe gab, ihren Panzer aufrecht zu erhalten. Er frage sich nur, warum sie das tat. Lag es an ihm? An seinem Auto? An der Situation an sich? Ganz gleich was es war, er würde es herausfinden – und zwar bald. Zugegeben, in seinem Leben hatte es noch keine Frau gegeben, die es ihm so verteufelt schwer gemacht hatte, an sie ranzukommen - na ja, eigentlich war die Liste auch nicht sonderlich lang. Umso mehr genoss er die kleinen Erfolge, die er bei ihr hatte. Und in gewisser Weise machte es die Angelegenheit doch viel spannender. Am Ende war es alles nur eine Frage der Zeit. Zeit, die er bedauerlicherweise nicht hatte. Sein innerer Triumph erfuhr einen seichten Dämpfer, als er sich wieder an diesen bescheuerten Fluch erinnerte.

Vielleicht sollte er mit den Spielchen aufhören und endlich mal zu Potte kommen. Denn wenn er diesen Fluch nicht brach, würde er auch bald keine Freude mehr an derartigen Spielchen haben. Wenige Augenblicke später hielt er vor ihrer Haustür und schaltete mit einem leisen Seufzen den Motor aus. Die Uhr zeigte kurz nach halb sieben. Er machte sich keine Hoffnungen, dass sie ihn auf einen Kaffee in ihre Wohnung bitten würde. Auch wenn er sich das sehnlich wünschte, es wäre für den Moment wohl zuviel verlangt. Im Augenblick gab er sich einfach damit zufrieden, dass sie neben ihm saß und er ihre Gegenwart für sich allein genießen durfte. „Sag mir bitte eins.“, durchbrach sie das kurze Schweigen zwischen ihnen und sah ihn mit ernstem Blick an. Er hob erwartungsvoll die Brauen. „Was kommt als nächstes?“ Rasch wandte sie den Blick ab und starrte auf ihre Finger, die sich akrobatisch ineinander zu verknoten begannen. „Ich meine, mit was muss ich im Hinblick auf dich als nächstes rechnen? Überfällst du mich auf der Straße? Lauerst du mir jetzt täglich vor meiner Wohnung auf? Oder verfolgst du mich von nun an durch jede meiner Vorlesungen?“, flüsterte sie verunsichert und seufzte leise. Antamo sah sie schweigend an und verinnerlichte sich ihre Worte. Ihm war klar, dass er sich ihr niemals auf derart primitive Weise nähern würde. Er war zweifellos viel einfallsreicher, wenn es um Frauen ging – wenn es um sie ging. Sein Blick begegnete ihrem, und er lächelte wissend. „Lass dich überraschen.“, erwiderte er mit einem geheimnisvollen Augenzwinkern. Helena stieß geräuschvoll die Luft aus, bevor sie nach dem Griff langte, um die Tür zu öffnen. Sie war sich nicht sicher, wie sie seine Worte deuten, geschweige denn, wie sie darüber denken sollte. Ohne ein weiteres Wort stieg sie aus. Bevor sie die Tür zuwarf, wandte sie sich zu ihm und schenkte ihm ein scheues Lächeln. „Danke … Ich meine, fürs Heimbringen.“, sagte sie leise. Antamo lächelte und nickte. „Gute Nacht, Helena.“, erwiderte er. Dann startete er den Motor und fuhr los. Wie angewurzelt blieb Helena auf der Straße stehen. Der Regen war in ein sanftes Nieseln übergegangen und die Straßenlampen warfen ein spärliches Licht, welches von den regennassen Straßen sofort verschluckt wurde. Sie starrte dem ungewöhnlichen Sportwagen nach, den Thomas und Mike vor ein paar Tagen noch angebetet hatten wie eine Gottheit, als ihr plötzlich etwas bewusst wurde. Er hatte sie Helena genannt. Eigentlich nicht ungewöhnlich. Zumindest für jemanden, der ihren Namen kannte. Doch woher kannte er ihn, wenn sie ihm diesen doch niemals gesagt hatte?

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Okt 11 2012, 21:03

Wow, fast eine Unterhaltung zwischen den Beiden, unglaublich Surprised
Helena stellt sich tatsächlich an wie ein verbocktes Kind und ständig rechtfertigt sie sich damit, dass sie ihn ja nicht kennt, gibt ihm und sich aber auch nicht die Chance das zu ändern. Eine Logik, der irgendwie die Logik fehlt Rolling Eyes
Ich muss mich wiederholen. Ich mag diesen Mann, auch wenn er rätselhaft ist und manchmal wohl etwas überheblich, aber andererseits ist er ja auch wieder sehr offen und spricht Dinge aus, die andere Männer nur schwerlich über die Lippen kriegen würden, z.B. dass er sich in ihrer Gegenwart oft fühlt wie ein unbeholfener Vollidiot.
Was ich letztens noch gar nicht angemerkt habe, ist ja, dass er Helena seinen richtigen Namen verschweigt. Warum wohl? Ich vermute er hat Angst, dass Helena etwas mit dem Namen verbinden könnte Wink . Da sag ich jetzt mal nicht mehr zu...
Und nun verplappert er sich und nennt sie beim Namen. Das wird Helenas Skepsis wohl weiter schüren, obwohl er sich bestimmt eine gute Ausrede einfallen lassen kann. In der Uni aufgeschnappt, oder so...
Ich bin übrigens auf den Kunstkurs am Freitag gespannt Wink
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Mini, lieben Dank für deine Fortsetzungen heute. Ich habe sie geradezu verschlungen und freue mich auf die nächsten... Smile

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Okt 12 2012, 07:27

katha schrieb:
Wow, fast eine Unterhaltung zwischen den Beiden, unglaublich Surprised
Helena stellt sich tatsächlich an wie ein verbocktes Kind und ständig rechtfertigt sie sich damit, dass sie ihn ja nicht kennt, gibt ihm und sich aber auch nicht die Chance das zu ändern. Eine Logik, der irgendwie die Logik fehlt Rolling Eyes
Ich muss mich wiederholen. Ich mag diesen Mann, auch wenn er rätselhaft ist und manchmal wohl etwas überheblich, aber andererseits ist er ja auch wieder sehr offen und spricht Dinge aus, die andere Männer nur schwerlich über die Lippen kriegen würden, z.B. dass er sich in ihrer Gegenwart oft fühlt wie ein unbeholfener Vollidiot.
Was ich letztens noch gar nicht angemerkt habe, ist ja, dass er Helena seinen richtigen Namen verschweigt. Warum wohl? Ich vermute er hat Angst, dass Helena etwas mit dem Namen verbinden könnte Wink . Da sag ich jetzt mal nicht mehr zu...
Und nun verplappert er sich und nennt sie beim Namen. Das wird Helenas Skepsis wohl weiter schüren, obwohl er sich bestimmt eine gute Ausrede einfallen lassen kann. In der Uni aufgeschnappt, oder so...
Ich bin übrigens auf den Kunstkurs am Freitag gespannt Wink
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Mini, lieben Dank für deine Fortsetzungen heute. Ich habe sie geradezu verschlungen und freue mich auf die nächsten... Smile

Ja, eine Unterhaltung, wahnsinn. Mühsam ernährt sich bekanntlich das Eichhörnchen. Tja, dass er ihr seinen richtigen Namen verschweigt, hat tatsächlich einen Grund. Ob es dieser ist, den du vermutest ... Mhmm, abwarten.

Du freust dich also auf den Kunstkurs am Freitag? Mhmm, ich denke mal, du ahnst irgendwas, hab ich Recht? Wink

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Okt 12 2012, 21:46

Mini_2010 schrieb:
[
Du freust dich also auf den Kunstkurs am Freitag? Mhmm, ich denke mal, du ahnst irgendwas, hab ich Recht? Wink

Wie kommst du denn darauf? Aber Kunstkurs ist doch bestimmt spannend... Hihihi Wink

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Sa Okt 13 2012, 20:14

katha schrieb:
Mini_2010 schrieb:
[
Du freust dich also auf den Kunstkurs am Freitag? Mhmm, ich denke mal, du ahnst irgendwas, hab ich Recht? Wink

Wie kommst du denn darauf? Aber Kunstkurs ist doch bestimmt spannend... Hihihi Wink

Nur so ein Gefühl. Aber einen Augenblick dauerts noch. Bin jetzt gerade erst wieder hier reingekommen und hab mich tierisch gefreut. Hatte schon Bedenken, dass ich dir den Rest der Story vorenthalten muss ... confused

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Sa Okt 13 2012, 21:52

Na, du glaubst doch nicht, dass ich das zugelassen hätte. Mad Dann hätte ich sie mir persönlich abgeholt. pirat
Aber ist ja nochmal gut gegangen und deine Entwürfe sind offensichtlich auch geretten, sonst hätte ich bestimmt die Fortsetzung gerade nicht lesen können.

Ich übe mich also in Geduld. Übung soll ja bekanntlich den Meister machen. - Ich glaub nicht dran Rolling Eyes
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Okt 15 2012, 21:19

Weiter gehts. Viel Spaß beim Lesen ...


Teil 40



Auf leisen Sohlen schlich Helena durch die riesige Säulenhalle. Keine Menschenseele kreuzte ihren Weg. Keine Stimme war zu vernehmen, alles war totenstill. Verwundert blickte sie sich um und erkannte den Säulengang des Louvre, in dem sich die antiken Statuen der griechischen Mythologie befanden. Ehrfürchtig starrte sie auf die kopflose Nike, die im nächsten Moment nicht mehr kopflos war. Ein warmes freundliches Lächeln legte sich auf die Züge der anmutigen schönen Frau. Sie neigte den Kopf und zwinkerte ihr zu, während sie ihre majestätischen Flügel ausbreitete und sich mit einem sanften Stoß in die Lüfte erhob. Ein paar Sekunden später war sie verschwunden. Verwirrt blickte Helena sich um. Dann schaute sie an sich herab. Sie trug ihr knielanges weißes Nachthemd und war barfuss. Der Marmor unter ihren Füßen fühlte sich seltsam warm an, als sie den langen Gang abschritt, vorbei an den Schicksalsgöttinnen und ein paar Nymphen und Karyatiden. Im Erdgeschoss lief sie an den großen griechischen Göttern vorbei, bis sie schließlich vor der Venus von Milos stehen blieb. Antamo hatte gesagt, dass sie vermutlich gar nicht die echte versinnbildlichte Liebesgöttin war. Unsinn. Wie konnte er sich dessen so sicher sein? Doch wie auch schon bei der Nike, war an dieser Statue etwas anders. Diese Statue hatte Arme und sie bewegte sich. Ehrfürchtig trat Helena einen Schritt zurück und starrte zu der Frau auf, die offensichtlich alles andere war, als in Marmor erstarrt. Lächelnd streckte sie die Arme nach Helena aus und beugte sich zu ihr, bis sie auf Augenhöhe mit ihr war. Ihre Augen strahlten eine unglaubliche Wärme aus. Ja, das musste die Liebesgöttin sein. Daran gab es keinen Zweifel. Ein paar Strähnen ihres Haares hatten sich aus dem lockeren Knoten an ihrem Kopf gelöst und spielten in lockigen Wellen um ihre Schultern. Sie hatte wunderschönes rotblondes Haar und strahlend schöne Augen, von einem atemberaubenden Grün. Sie streckte ihre Hand aus und strich sanft über Helenas Wange, während sie ihr unverwandt in die Augen ansah. Doch plötzlich trübte sich ihr Blick, und eine schmerzliche Traurigkeit legte sich auf ihre perfekten Züge. Ernst sah sie Helena in die Augen. „Bitte … ich bitte dich, Helena … rette meinen Sohn …“

Mit einem entsetzten Schrei fuhr Helena aus dem Schlaf. Keuchend rang sie nach Atem, während sie gegen den frostiger Schauer kämpfte, der über ihre Schultern strich. Mit einer fahrigen Bewegung fuhr sie sich über ihr Gesicht, während sich ihr Atem nur langsam wieder beruhigte. Was für ein verrückter Traum …, dachte sie und schüttelte verwirrt den Kopf. Nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, stand sie auf und stolperte auf noch etwas wackeligen Beinen in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Sie dachte über den Traum nach, der aus ihrer Sicht so gar keinen Sinn ergab. Ich soll Aphrodites Sohn retten? Meine Güte, Helena, so langsam drehst du echt durch …, frotzelte ihr Unterbewusstsein. Was so ein verdammter Museumsbesuch doch alles in ihrem Kopf anrichten konnte. Und das auch nur, weil dieser Typ sie … Ach verdammt! Resigniert schüttelte sie den Kopf, stellte das leere Glas auf ihren Nachttisch und kroch zurück in ihr Bett. Ein frostiger Schauer schüttelte sie, ehe ihr ein heftiges Niesen entwischte. Müde schloss sie die Augen und zog die Beine an. Sie fühlte sich elend, und sie verfluchte sich dafür, dass sie nicht auf Beths Angebot eingegangen war, bei ihr zu bleiben, bis dieser verdammte Regen aufgehört hatte. Das hatte sie jetzt davon. Widerwillig zog sie die Decke über sich, rollte sich auf die Seite und schlief wieder ein.

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