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 Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"

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Mini_2010

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BeitragThema: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 09 2012, 18:51

das Eingangsposting lautete :

Liebe Leser,

Die nachfolgende Geschiche habe ich vor etwa zwei Jahren einmal geschrieben. Bisher verweilte sie geduldig auf meinem Laptop. Nach langen Überlegungen habe ich mich nun doch dazu durchgerungen, sie hier im Forum zu veröffentlichen. Ich weise vorab darauf hin, dass die Geschichte Passagen enthält, die in die Kategorie FSK 16/18 gehören. Ansonsten freue ich mich natürlich, wenn sie euren Zuspruch findet. Sollte das nicht der Fall sein, wäre es schön, das zu wissen, dann würde ich davon absehen, sie fortzuführen.

Danke und viel Spaß beim Lesen.

Liebe Grüße
Mini


****************************************

Prolog
Schweden, Juni 2005


Unruhig warf er sich auf seinem Bett hin und her. Es war wieder einer jener grausigen Träume, der ihn seit Monaten verfolgten. Erschöpft und verwirrt von seiner träumenden Pein drehte er sich auf den Rücken und starrte an den weißen Baldachin, der anmutig über seinem Bett schwebte. Warum immer wieder dieser Traum? War es bald wieder soweit? Immer, wenn die Zeit drängte, mehrten sich diese seltsam beunruhigenden Träume. Und er hatte keine Zeit mehr, soviel wusste er. Und noch etwas lag in der Luft. Etwas, was er noch nicht greifen konnte, etwas, was ihn beunruhigte und sein Herz zum Rasen brachte. Keuchend stieß er den Atem aus und legte sich die Hand über seine Augen. Ein schwaches Licht drang von draußen durch die feinen seidenen Vorhänge. Mit schwirrendem Kopf erhob er sich von seinem Bett, durchquerte auf schlaftrunkenen Füßen das Schlafzimmer und trat auf den Balkon des großzügigen Hauses, welches er seit ein paar Jahren sein Eigen nannte. Er war viel herumgekommen, und einst würde der Moment kommen, dass er wieder gehen müsste. Aber noch war es nicht soweit, noch hatte er die Möglichkeit, seine Aufgabe zu erfüllen, um dem Bann zu entgehen, der auf ihm lastete. Als er damals ausgesprochen wurde, hatte er es zunächst für den kompromittierenden Versuch einer zynischen Frau gehalten. Aber er hätte es besser wissen müssen, schließlich hatte er sie bis aufs Blut gereizt. Und wenn er ehrlich war, hatte er sich auch keineswegs dafür geschämt. Seine Arroganz war ein sicherer Schild seiner virilen Selbstsicherheit, und seine Wut stärkte ihn regelmäßig, damit er nicht vergaß, dass eine Offenbarung seiner Seele ihm nur mehr Leid zuführen konnte. Wann er so geworden war, wusste er nicht mehr, und dass sie dieses Wesen an ihm hasste, gab ihm den notwenigen Nährboden, sich sicher zu fühlen – von der Welt gehasst und nur von den Allerengsten wirklich erkannt und geliebt. Im Grunde war er selbst schuld an seinem Leid, und das wusste er. Wie oft hatte er sich gewünscht, so zu sein, wie seine Geschwister, gesegnet mit der Liebe einer Mutter und dem Wissen, dass er ihr etwas bedeutete. Er wusste, dass er ihr mit diesem Wunsch unrecht tat, da sie auch ihm das gegeben hatte, was er den anderen tief in seinem Inneren neidete. Nur leider schien er für ihr Geschenk nicht empfänglich zu sein. Wie eine Krankheit war das Geschenk in seinen Händen verdorben und unbrauchbar geworden und hatte stattdessen seinen Hass und seinen Zorn geboren und stetig genährt. Am Ende war es sein innerer Gram, sein Hass allein auf sich selbst, der ihr die Schuld an seinem Unglück gab.

Sein Vater war stolz auf ihn. Als er ihn nach dem Grund gefragt hatte, hatte er gesagt, dass er besser für den Kampf geeignet wäre als sein Bruder. Er erinnerte sich, wie glücklich er über diese Anerkennung gewesen war. Und als er seinen Vater gefragt hatte, warum er das so sah, hatte dieser nur gemeint, dass er nicht das verschwenderische Herz eines Liebenden besäße. Es sei gerade soviel Gefühl in ihm, dass er seinen Feinden den Gnadenstoß gewähren würde, anstatt wie ein feiger Hund jaulend vom Schlachtfeld zu flüchten. Er besaß nicht das Herz eines Liebenden? Er war betrübt, ja sogar entsetzt darüber gewesen, was sein Vater von ihm hielt. Daraufhin hatte er sich geweigert, an seiner Seite zu kämpfen und begonnen, das Leben eines Eremiten zu führen. Hinter dem Schutzmantel der Gleichgültigkeit hatte er seine verletzte Seele vor der Welt verborgen. Niemand sollte je an sie herankommen. Mit den Jahren wurden Einsamkeit und Selbsthass seine besten Verbündeten, halfen sie ihm doch, den Panzer um seine Seele zu stählen, die das winzige Gefühlsaufkommen beinhaltete, was ihm zueigen war. Und mit der Zeit wurde er gut darin, diese kostbaren Gefühle tief in sich zu verbergen, bis sie fast gar nicht mehr zum Vorschein kamen. Nur sehr selten und meist nur dann, wenn er selbst keinen Einfluss darauf hatte, zeigten sie sich. Der sichere Panzer hatte ihn die Äonen seines Daseins über geschützt. Doch urplötzlich schien die Zeit aus den Fugen geraten zu sein. Eigentlich sollte er es als einen Segen empfinden, aber die Tatsache, dass er nicht selbst über sein Dasein entscheiden konnte, ließ diese Empfindung nicht zu. Er war ein Narr – ein kaltes Herz, was einer Seele nachjagte, die er doch nie erwärmen können würde. „Du siehst aus, als hättest du schlecht geträumt.“, vernahm er eine sanfte weibliche Stimme, gefolgt von leisem Rauschen. Er sah auf und konnte einen schwebenden Schatten am nächtlichen Himmel ausmachen. Die schöne Gestalt schwebte, getragen von anmutigen Schwingen, auf seinen Balkon. Augenblicklich verschwanden ihre schönen Flügel, die er immer bewundert hatte. „Nemesis. Was verschafft mir die Ehre deines nächtlichen Besuchs?“, erwiderte er beinahe gelangweilt. Es tat ihm leid, dass er sie so schroff begrüßte, denn er mochte Nemesis. Sie waren sich auf eine ungewöhnliche Weise sehr ähnlich. „Ich habe dich gesucht. Und du hast dich ziemlich gut versteckt. Doch dein Zorn hat dich verraten. Ich hab ihn gespürt. Du weißt doch, wie sehr ich dafür empfänglich bin.“, erklärte sie und tippte sich lächelnd gegen ihre kleine hübsche Nase. „Zornradar …“ Er lachte leise. „Ich rieche ihn … und dann bin ich da. Wer hat dir Unrecht getan?“, fragte sie mit fester Stimme, in der ein Hauch Missbilligung mitschwang.

Er schnaubte leise und winkte mit einer lässigen Handbewegung ab. „Die Kurzfassung?“, fragte er trocken. Nemesis nickte wortlos. Aus ihrem hübschen Gesicht, welches von einer dichten blonden Lockenpracht umrahmt wurde, blickten ihn zwei silbergraue Augen streng an. Er kannte diesen Blick, der ihm nur zu deutlich sagte, dass sie keine Ruhe geben würde, bevor er nicht ausgesprochen hatte, was sie zu wissen verlangte. Es war schon so lange her, seit dieser Bann gesprochen wurde, und erst jetzt fiel ihm auf, dass er Nemesis lange nicht gesehen hatte. Er seufzte indigniert. „Mein Bruder hatte einen Anfall von Geltungssucht, ich hab mich provozieren lassen und ein paar … wie soll ich sagen … Dinge laut ausgesprochen, die andere nicht mal im Stillen gedacht hätten, und sie – er sprach dieses Wort aus, als wäre es eine Krankheit – hat mich darauf hin verflucht. Nun sitze ich hier, inmitten der Zeit, die mir so unaufhaltsam durch die Finger rinnt, und bin doch nicht schlauer als gestern oder vorgestern. Zumindest habe ich schon mal gelernt, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Alternativ droht mir ja ohnehin nur das Getuschel sensationssüchtiger Dummköpfe, und da mir das eh nicht behagt, bleibe ich, wo ich bin. Du weißt ja, Selbstmitleid war noch nie meine Stärke.“ Nemesis hob fragend die Augenbrauen. Kopfschüttelnd sah sie ihn an. „Das übliche also?“ Er nickte betrübt. Nemesis stieß ein leises Seufzen aus. „Du weißt, dass ich sie nicht für etwas zur Rechenschaft ziehen kann, was sie nicht zu beeinflussen in der Lage ist. Sie liebt dich, das weißt du genauso gut wie ich. Dass ihre Gabe in dir keine Wurzeln schlägt und Früchte trägt, ist einem höheren Schicksal zuzuschreiben.“, erklärte sie ruhig und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er seufzte wieder. Sein innerer Schutzpanzer war brüchig geworden, aber Nemesis konnte er vertrauen. Selbst wenn er sein Gesicht verlöre, sie würde ihn nicht verhöhnen oder verurteilen. Sie war ihm treu, wie kaum ein anderer, den er kannte. Dann sah er sie an und lächelte gemein. „Vielleicht könntest du ja meinem Bruder mal einen Denkzettel verpassen. Glaub mir, der Knabe hat es mehr als verdient.“ Nemesis lächelte zaghaft. „Ja, da gebe ich dir recht. Aber sein Hass ist ehrlich. Er empfindet keine Liebe für dich, die man als herzlos oder falsch bezeichnen könnte. Glaub mir, wenn dem so wäre, würdest du meine Rache schon bemerkt haben.“ Jetzt grinste sie breit. Er bedachte sie mit einem gequältem Lächeln, und Nemesis hob ihre Hand, um ihm zärtlich über seine Wange zu streichen. „Du bist mir unter all denen Unsrigen der Liebste, mein schöner dunkler Engel.“, raunte Nemesis.

Er sah auf sie herab und verzog mürrisch das Gesicht. Er hasste es, wenn sie ihn so nannte. Er war kein Engel, doch Nemesis schien die Tatsache allein, dass er Flügel besaß – die er so gut wie nie zeigte, geschweige denn, benutzte – zu genügen, ihn regelmäßig damit aufzuziehen. Er sah sie tadelnd an, doch sie grinste nur verschmitzt zurück. „Du bist, was du bist. Wir zwei sind uns in manchen Punkten so ähnlich.“, erklärte sie feierlich. „Eigentlich ein perfektes Paar.“ Sie machte sich nicht die Mühe, das schelmische Grinsen zu verbergen. „Ja, das ist dein Glück. Andernfalls hätte ich dich schon längst übers Knie gelegt und dir den Hintern versohlt.“, knurrte er leise.“ Nemesis grinste noch breiter, trat näher zu ihm und stellte sich auf die Zehenspitzen. Dann legte sie ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn zu sich hinunter. Ihre Lippen an seinem Ohr jagten ihm einen kurzen Schauer über den Rücken. „Mein schöner Engel, komm, lass uns die Nacht ein wenig unsicher machen.“, säuselte sie. Er sah sie argwöhnisch an. „Ich weiß nicht …“ Er wollte sich aus ihrer Umarmung lösen, doch sie hielt ihn fest. „Komm, ich weiß dass du das nicht magst, aber es ist jetzt genau das, was du brauchst. Und morgen stellst du dich wieder deinem Leben. Glaub mir, auch das Schicksal braucht mal eine Pause.“, meinte sie leichthin. Er zögerte einen Moment und sah sie schweigend aus traurigen Augen an. „Also gut, kleine Schwester. Nur für dich.“, flüsterte er mit einem kleinen Lächeln. Dann wuchsen zwei wunderschöne mitternachtsschwarze Flügel aus seinem Rücken, und Nemesis’ Augen leuchteten begeistert auf. Dann stießen sie sich von dem Balkon seines Schlafzimmers ab und entschwanden gemeinsam lautlos in der Nacht. Eine Weile streiften sie durch die Gegend, bis sie sich auf einer kleinen unbewohnten Insel nahe einem Fjord an der Schwedischen Küste niederließen und in die Magie des Midsommar fühlten. Er liebte diesen Moment im Jahr, an dem der Sommer gefeiert wurde. Die Sommersonnenwende und der Beginn der weißen Nächte. Er sah zum Himmel auf. Das Zwielicht des Midsommar ließ die Sterne in einem anderen Glanz funkeln. Sterne. Ein leises Seufzen entwich seinem Inneren. Sie hatten etwas mit ihm gemeinsam. Sie waren genauso weit entfernt wie er von seiner Erlösung.

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„Vor dem Schicksal zu fliehen,
ist manchmal der beste Weg,
um zu sich selbst zu finden.“


Zuletzt von Mini_2010 am Do Aug 30 2012, 20:39 bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet
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katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Nov 26 2012, 20:34

Och Mini,
da hast du Anteros immer noch nicht gefunden, na so ein Mist. Mad
Statt dessen müssen wir uns, genau wie Helena schon wieder mit dieser Dumpfnuss rumschlagen. Kann es das wirklich geben, dass jemand so gar nicht aufgibt. So eine Hartnäckigkeit ist ja schon fast bewundernswert... . Obwohl ne, eigentlich widert es mich eher an.
Na ja, wohl nicht nur mich.
Schön, dass Helena in ihrer Kunst wieder ein wenig zur Ruhe kommt. Innere Ausgeglichenheit ist doch ein hohes Gut Wink

LG, und ich warte..........
Katha

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Manche Dinge brauchen einfach keine Worte ...
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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Nov 27 2012, 08:12

katha schrieb:
Och Mini,
da hast du Anteros immer noch nicht gefunden, na so ein Mist.
Statt dessen müssen wir uns, genau wie Helena schon wieder mit dieser Dumpfnuss rumschlagen. Kann es das wirklich geben, dass jemand so gar nicht aufgibt. So eine Hartnäckigkeit ist ja schon fast bewundernswert... . Obwohl ne, eigentlich widert es mich eher an.
Na ja, wohl nicht nur mich.
Schön, dass Helena in ihrer Kunst wieder ein wenig zur Ruhe kommt. Innere Ausgeglichenheit ist doch ein hohes Gut

LG, und ich warte..........
Katha

Danke dir und sorry, dass Anteros noch nicht wieder aufgetaucht ist. Nur Geduld, von der Bildfläche ist er noch nicht gänzlich verschwunden ...

LG, Mini

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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Nov 29 2012, 08:12

Eine kleine Fortsetzung für alle, die auf Nachschub warten. Hoffe, der Teil finden trotz der Kürze euer Gefallen ...


Teil 56


Als Helena am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie sich elend. Ihr Kopf hatte den Anschein als würde er in einem Schraubstock stecken und was ihre Glieder betraf, so hatte sie das Gefühl, man hätte sie ihr irgendwann in der Nacht herausgerissen und wieder angesteckt. Ihre Nase war verstopft und begann nach dem ersten Niesen, was ihr durch Mark und Bein ging, wie ein Wasserhahn zu laufen. Verdammt, das musste ja passieren. Ihr Gesicht glühte, und als sie Anstalten machte, sich von ihrem Bett zu erheben, ließ sie sich kraftlos in ihre Kissen zurückfallen. Ohne weiter darüber nachzudenken, beschloss sie, einfach im Bett liegen zu bleiben. Mit einer kraftlosen Bewegung zog sie die Decke über den Kopf und rollte sich unter ihr zusammen. Kaum einen Wimpernschlag später war sie wieder eingeschlafen … Als sie das nächste Mal erwachte, war es dunkel im Zimmer. Ihre Kopfschmerzen waren glücklicherweise verschwunden, aber Nase und Hals fühlten sich nach wie vor an, als würden sie nicht zu ihrem Körper gehören. Mühsam schlug sie die Bettdecke beiseite und kletterte umständlich aus dem Bett. Auf wackeligen Beinen tappte sie ins Bad. Keuchend, als hätte sie einen Hundert-Meter-Sprint absolviert, stützte sie sich auf dem Waschbeckenrand ab. Als sie aufsah und zufällig ihrem Spiegelbild begegnete, zuckte sie erschrocken zusammen. Das konnte unmöglich sie sein. Die Frau mit dem blassen Gesicht und den rotgeränderten Augen hatte mehr Ähnlichkeit mit einem Vampir als einem Menschen. Beiläufig fühlte Helena ihren Puls. Also tot war sie definitiv nicht. Himmel Herrgott noch mal, mit dieser Visage könntest du locker als Hauptattraktion in einer Freakshow durchgehen …, ging es ihr abfällig durch den Kopf. Kopfschüttelnd öffnete sie den Spiegelschrank, fischte ein Fieberthermometer heraus und schob es sich unter die Zunge. Stoisch starrte sie auf ihr desolates Abbild, als das leise Piepsen des Thermometers das Ergebnis ankündigte. Neununddreißig acht. Also quasi klinisch tot ..., dachte sie frustriert … Prima. Niedergeschlagen stieß sie die Luft aus, legte das Thermometer auf die Kosmetikablage und bedachte ihr Spiegelbild mit einem bedauernden Blick. „Sieht so aus als könntest du eine Mütze voll Schlaf gebrauchen.“, murmelte sie. Was für eine brillante Idee. Mit einem Seufzen verließ sie das Bad und trottete in die Küche, um sich eine Flasche Wasser zu holen. Auf dem Weg ins Schlafzimmer warf sie einen Blick auf die Uhr im Wohnzimmer und riss entsetzt die Augen auf. Viertel nach zehn. Wow … sie hatte mehr als zwölf Stunden geschlafen. Und warum fühlte sie sich dann immer noch, als hätte sie drei Nächte durchgemacht? Die Erinnerung an den Louvre-Besuch mit dem anschließenden ausgiebigen Regenguss drängte sich in ihren Kopf. Weil du blöde Kuh die Sture mimen musstest …, zischte ihr Unterbewusstsein und schnäuzte geräuschvoll in sein Taschentuch. Wärst du gleich in Antamos Auto gestiegen, hätten wir uns diese ganze Farce jetzt sparen können …, fügte es näselnd hinzu. Helena ignorierte es. Müde und schlapp kuschelte sie sich wieder ins Bett. Morgen würde sie zum Arzt gehen.

Nachdem Helena Am Dienstagmorgen die wenig belebende Tortour bei ihrem Hausarzt überstanden hatte, kroch sie direkt wieder ins Bett. Sie fühlte sich elend, Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal so schrecklich gefühlte hatte. Jetzt hör auf zu jammern, bist doch selber schuld …, ätzte ihr Unterbewusstsein erneut. Allem Anschein nach war es trotz der Vireninvasion in Höchstform. Was soll’s, der Arzt hatte sie eine Woche außer Gefecht gesetzt und zu Helenas Entsetzen auch noch auf unterstützende Medikamente verzichtet. „Es reicht nicht, nur die Symptome zu bekämpfen.“, war die lapidare Aussage des Mediziners. Schlaumeier. Also musste sie sich wohl oder übel damit begnügen, die ganze Sache auszusitzen. Toll, eine Erfahrung, die ich schon immer mal machen wollte …, grollte sie innerlich. Wehmütig blickte sie auf die Bücher, die auf ihrem Schreibtisch lagen und auf einen Ausflug in die Uni warteten, und stieß einen tiefen Seufzer aus. Dann schaltete sie ihr Handy an und wählte Beths Nummer. „Hi Hel, wo bist du denn? Ich hab dich gestern schon vermisst.“, ertönte kurze Zeit später die unüberhörbar aufgeregte Stimme ihrer Freundin am anderen Ende. „Gestern?“, wiederholte Helena und hob überrascht die Brauen. „Hel, was zum Teufel ist los? Du warst gestern nicht in der Uni.“ „Oh …“ Mehr brachte Helena in ihrer spontanen Verblüffung nicht heraus. „Was Oh?“, äffte Beth angesäuert nach. Helena schluckte, was auch, trotz des Unbehagens, das in ihr blubberte, schon schmerzhaft genug war. “Hör Mal Beth …“ Sie unterbrach sich, um kräftig zu niesen. „Sorry … Ich bin die ganze Woche krank geschrieben.“, erwiderte Helena mit krächzender Stimme. „Ich hab gestern wohl komplett verschlafen. Ich bin erst abends gegen zehn aufgewacht.“ Schweigen herrschte am anderen Ende. „Oh Gott, Süße, du klingst … grauenvoll.“ Die Sorge in Beths Stimme war unüberhörbar. „Danke für deine wunderbar wärmenden Worte.“, bemerkte sie mit einem Anflug von Sarkasmus in der Stimme, den sie nicht zu verbergen vermochte. Beth schwieg erneut. „Sorry, Süße … Soll ich heute Nachmittag bei dir vorbeischauen?“, flüsterte sie schließlich. Mhmm … eigentlich keine schlechte Idee, aber wenn Helena daran dachte, wie sie sich fühlte, hatte sich nicht wirklich Bedarf, jemanden zu sehen. „Nein Danke …, besser nicht. Nicht dass du auch noch krank wirst.“, gab sie ihr zu bedenken. Davon mal ganz abgesehen war ihr nicht wirklich nach Gesellschaft zumute. Beth seufzte, und Helena hatte spontan den mitleidigen Blick ihrer Freundin vor Augen. Was ihr auch nicht wirklich half. „Ich sag im Sekretariat Bescheid. Ruh dich aus, ich meld mich später noch mal …“, erklärte Beth. Seufzend stieß Helena die Luft aus. „Danke“ „Bis dann … und Gute Besserung.“ Ein Gefühl von Frustration kam in Helena auf, als Beth aufgelegt hatte. Der Gedanke, den ganzen Tag zu Hause rumzuhocken, behagte ihr nicht wirklich. Verstohlen warf sie einen Blick auf die Uhr und ein kleines Grinsen huschte über ihr Gesicht. Genau in diesem Augenblick ging der Kunstgeschichtekurs los. Arme Beth … Das würde zweifelsfrei eine Horrorstunde für ihre Freundin werden, fernab jedweder Schützenhilfe durch Helena wäre sie Madame Petite auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Was soll’s, darüber konnte sie sich jetzt keine Gedanken machen. Ihre Priorität lag nun darauf, die Oberhand im Kampf gegen die Viren zu behalten. Sich dessen wohl bewusst, tappte sie in die Küche und setzte Wasser für eine Kanne Kamillentee auf. Widerliches Zeug. Aber besser als gar nichts. Und der Arzt hatte sie schließlich dazu verdonnert, viel zu trinken. Ob das wirklich das Wundermittel gegen die Viren war, wusste sie nicht. Aber sie würde es trotzdem tun.

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katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Nov 30 2012, 19:19

Oh meine liebe Helena, ich kann das so gut nachemfinden. Ich hatte zwar schon ewig kein hohes Fieber mehr, aber ansonsten kann ich das so gut verstehen. Alles tut weh und man will nur noch schlaaaaafffeeeeennn Sleep
Eine so bemitleidenswerte Situation, wieder einmal sehr mitfühlsam und unterhaltsam geschrieben. Smile
Lieben Dank dafür, aber bitte bitte Anteros soll sich mal wieder melden, ... bevor Helena ihn noch vergisst. Embarassed

LG, Katha

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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Sa Dez 01 2012, 12:30

katha schrieb:
Oh meine liebe Helena, ich kann das so gut nachemfinden. Ich hatte zwar schon ewig kein hohes Fieber mehr, aber ansonsten kann ich das so gut verstehen. Alles tut weh und man will nur noch schlaaaaafffeeeeennn Sleep
Eine so bemitleidenswerte Situation, wieder einmal sehr mitfühlsam und unterhaltsam geschrieben.
Lieben Dank dafür, aber bitte bitte Anteros soll sich mal wieder melden, ... bevor Helena ihn noch vergisst.

LG, Katha

Danke, Danke, Danke ... Ja, so eine Grippe ist echt fies. Aber gut, da muss sie wohl jetzt durch. Und Anteros, mhmm ... ob der sich nochmal meldet ...

LG, Mini

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Sonnenschein
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Dez 06 2012, 11:27

Krank sein ist der größe Mist aller Zeiten, ich habs grad hinter mir. Ich hab direkt Kopfweh gekriegt beim lesen, so hab ich mit der armen mitgefühlt. Sad

Mike und John Evil or Very Mad

Liebe Grüße
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Dez 06 2012, 16:51

Nachschub, liebe Leser. Viel Spaß ...


Teil 57



Nachdem Helena Beth am Dienstagabend angerufen hatte, hatte sie ihr Handy stumm geschaltet und in ihrer Handtasche vergraben, weil sie wusste, dass sie selbige die nächsten Tage ohnehin nicht anrühren würde. Das Letzte was sie jetzt gebrauchen konnte waren nervtötende Anrufe von zwielichtigen Werbeunternehmen und Mikes kräftezehrenden Säuselattacken. Sie beglückwünschte sich für diese geniale Idee, denn seit langem hatte sie endlich mal wieder Ruhe. Darauf hätte ich eigentlich schon früher kommen können …, dachte sie seufzend als sie sich der ganzen nervtötenden Kontakte entsann. Dass diese radikale Aktion allerdings auch ihre Freunde betraf, gefiel ihr nicht sonderlich, entpuppte sich allerdings als notwendiges Übel, das leider unumgänglich war. Davon mal abgesehen war sie im Moment ohnehin eine eher indiskutable Gesellschafterin, … ganz zu schweigen von der potenziellen Gefahr, die sie für die Menschheit darstellte. Zumindest fühlte sie sich wie eine gefährliche wandelnde biologische Waffe … Nachdem ihre Grippe am Mittwoch ihren Tiefpunkt erreicht hatte, war am Donnerstag das Fieber endlich wieder auf Normalwert zurückgegangen und die Gliederschmerzen verschwunden. Nur ihre Lunge und ihr Hals fühlten sich noch immer an als würden sie nicht zu ihrem Körper gehören. Ebenso wie ihre Nase, die mittlerweile recht taub war. Aber das Schlimmste hatte sie überstanden. Was ein Segen war ... Es war Freitagnachmittag, und die Sonne neckte sie mit ihren warmen Strahlen, als es plötzlich an ihrer Tür klingelte und Helena erschrocken von ihrem Sofa hochschrak, auf dem sie gerade fast erfolgreich hinweggedämmert war. Fast, wohlgemerkt. Leicht genervt schlurfte sie zur Tür und schielte durch den Spion. Kate stand draußen vor der Tür. Helena öffnete, und Kate wollte gerade zu einer enthusiastischen Begrüßung ansetzen, die eine innige Umarmung beinhaltete, als sie Helenas müdes Gesicht sah und abrupt innehielt. „Hey, Hel … was ist denn los?“, fragte sie. Von einer Sekunde auf die andere war ihre euphorische Miene einer tiefen Besorgnis gewichen. Kein Wunder. Helena wusste nur zu gut, was für einen jämmerlichen Anblick sie abgab. Erst heute Morgen hatte sie sich wieder im Spiegel gesehen. Gruselig. Okay, der Pseudo-Vampir von Montag war zwar verschwunden, aber sie sah noch immer nicht ganz wie sie selbst aus. Mit einem qualvollen Seufzen legte Helena den Kopf schief und bemühte sich um ein lässiges Grinsen. Was ziemlich angespannt wirkte. „Nach was sieht es denn aus?“ Kates Gesicht nahm einen bedauernden Ausdruck an. „Mhmm … lass mich raten – die Nachwirkungen von deinem Louvreausflug?“

Helena rollte die Augen. Ein unwilliges Knurren vibrierte in ihrer Kehle. Kate hatte ja so was von Recht. Antamos Vorhersage, dass sie krank werden würde, war wie versprochen eingetroffen. Wenn auch mit einiger Verspätung, die sie letztlich doch hoffen lassen hatte, dass der Regenguss keine unangenehmen Nachwirkungen nach sich ziehen würde. Nun ja, Pech gehabt ... Eigentlich sollte sie ihn dafür erwürgen, schließlich hatte er sie letzten Endes in diese halbtragische Situation gebracht … Na klar, schieb die Schuld nur immer schön auf andere ..., ätzte ihr Unterbewusstsein und bedachte sie mit einem finsteren Blick. Sie seufzte innerlich. Na gut, wenn sie ehrlich war, war sie daran nicht ganz unschuldig. Wenn sie sich nicht so störrisch angestellt und auf ihn gehört hätte, würde sie jetzt nicht einem Häufchen Elend gleichen. Kate schaute sie aus traurigen Augen an. „Oh … schade. Dann darf ich wohl davon ausgehen, dass ich auf deine Anwesendheit heute Abend verzichten muss.“, meinte sie unglücklich. Helena riss die Augen auf und sah Kate fragend an. „Heute Abend?“, wiederholte sie. Tadelnd schüttelte Kate den Kopf. „Na ja, ich sollte wohl nicht böse auf dich sein. Du siehst wirklich … übel aus.“ Helena verzog grimmig das Gesicht. Danke für deine offenen Worte … ich weiß deine Ehrlichkeit wirklich zu schätzen ..., knurrte sie innerlich. Kates offene Art konnte durchaus erfrischend sein, aber manchmal hasste sie sie einfach nur. Ganz besonders heute. Um nicht den Anschein zu geben, dass sie kurz vorm Abnibbeln stand, straffte sie die Schultern und reckte das Kinn vor. „Ach Quatsch, mir geht’s fast schon wieder richtig gut.“, winkte sie lässig ab. „Du hättest mich mal Montag oder Dienstag sehen sollen. Ich wusste teilweise nicht mal, welcher Tag war, weil ich nur geschlafen habe.“ Kate lachte leise. „Heißt das, du kommst heute zu meiner Back from L.A. Party?“, fragte sie mit einem hoffnungsvollen Leuchten in den Augen. Helena stolze Miene fiel in sich zusammen. Entsetzt starrte sie Kate an. „Das war heute?“ Kate hob die Brauen und nickte langsam, nun nicht mehr ganz so zuversichtlich. „Oh Mist … Sorry, das hab ich glatt verbaselt.“, entschuldigte sich Helena und strich sich verlegen durch ihr wirres Haar. Kate kicherte. „Es sei dir verziehen … Aber nur, wenn du heute Abend kommst … Biiiitteeee.“, bettelte sie in herzzerreißender Manier, als sie den Anflug einer Ablehnung in Helenas Gesicht aufblitzen sah.

Helena stieß langsam die Luft aus, während sie darüber nachdachte, was sie tun sollte. Hingehen und riskieren, einen schönen Abend zu haben oder zu Hause bleiben und sich selbst und ihr Elend bemitleiden? Blöde Frage …, echauffierte sich ihr Unterbewusstsein. Du gehst natürlich hin … Deine Viren hatte vier Tage lang keinen Auslauf … Unschlüssig kaute sie auf ihrer Unterlippe herum und sah Kate mit einem vielsagenden Blick an. „Meine Viren und ich feiern auch eine Party … ich kann mich gar nicht entscheiden …“, bemerkte sie ironisch. Kate neigte den Kopf und schob die Unterlippe vor, wie ein Kind, das im Begriff war, Süßigkeiten zu erbetteln. Ihr flehender Blick entlockte Helena ein spontanes amüsiertes Glucksen. „Naaaa guuuut …“, stieß sie gedehnt aus. „… wenn du mich sooooo nett bittest, wäre es wohl völliger Frevel, einfach abzusagen.“, fügte sie lächelnd hinzu. Kate nickte hastig. „Und ob. Könnte nämlich sein, dass ich kein Wort mehr mit dir rede …“ Sie hielt kurz inne. „… sagen wir … mindesten bis Sonntag.“ Helena lachte, und Kate stimmte mit einem breiten Grinsen ein. „Also dann, heute Abend um sieben. Ich würde mich wirklich freuen.“ Helena nickte, und Kate wandte sich um und steuerte ihre Tür an. Bevor sie ihre Wohnung betrat, drehte sie sich noch mal um und lächelte. „Wird bestimmt lustig.“ Helena nickte, lächelte zurück und schloss ihre Tür. Niedergeschlagen seufzte sie auf. Eigentlich hatte sie nicht wirklich Bock auf eine Party. Aber sie hatte Kate vier Wochen nicht gesehen, und sie lechzte förmlich danach, mit ihrer Freundin in ein Gespräch über Gott und die Welt – alternativ über ihren Amerikaaufenthalt – zu versinken. Eine furchtbare Schwäche, sie konnte Kate fast nichts abschlagen. Also würde sie gehen. Vielleicht hatte sie ja Recht und es könnte wirklich lustig werden.

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katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Dez 06 2012, 22:34

So, meine liebe Mini,
jetzt ist aber mal genug mit Krankenbeschreibungen, auch wenn diese nach wie vor erstaunlicherweise sehr unterhaltsam sind, aber was passiert denn jetzt mit Helena und den Männern in ihrem Leben? Mad Du baust da gerade eine ziemlich Spannung auf, und die ist so langsam kaum noch auszuhalten Evil or Very Mad
Also bitte mehr, auch wenn du dich gerade mit anderen Dingen beschäftigst, die meine Anspannung ebenso strapazieren. Surprised

Na ja, war nicht so ernst gemeint, darf ja gerade gar nichts sagen. Ich weiß ja, dass noch mehr Leute ungeduldig auf ihrem Hintern hin und her wackeln Embarassed

Fühl dich geknutscht
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Dez 10 2012, 07:38

katha schrieb:
So, meine liebe Mini,
jetzt ist aber mal genug mit Krankenbeschreibungen, auch wenn diese nach wie vor erstaunlicherweise sehr unterhaltsam sind, aber was passiert denn jetzt mit Helena und den Männern in ihrem Leben? Du baust da gerade eine ziemlich Spannung auf, und die ist so langsam kaum noch auszuhalten
Also bitte mehr, auch wenn du dich gerade mit anderen Dingen beschäftigst, die meine Anspannung ebenso strapazieren.

Na ja, war nicht so ernst gemeint, darf ja gerade gar nichts sagen. Ich weiß ja, dass noch mehr Leute ungeduldig auf ihrem Hintern hin und her wackeln

Fühl dich geknutscht
Katha

Hach, meine liebe Katha,

welche herzerwärmende Worte aus deiner Feder. Das versüßt einem doch gleich diesen tristen Montagmorgen. Aber gut, ich kann die Spannung auch kaum noch ertragen. Und ich verspreche, dass ich euch nicht mehr so lange auf die Folter spannen werde. Aber wie du ja schon so schön schriebst (schreibt man das so ... mhmm ), ich arbeite parallel noch an einem anderen Projekt, was ich hoffentlich noch in diesem Leben beenden werden. Aber gut, ich werde mich bemühen.

Knutscha zurück ...

LG, Mini

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Dez 10 2012, 07:50

So, eine kleine Fortsetzung. Dieses Mal etwas schneller geliefert ... Viel Spaß beim Lesen ...


Teil 58


Es war kurz vor halb sieben, als Helena recht unschlüssig vor ihrem Kleiderschrank stand und überlegte, was sie zu einer Back from L.A. Party anziehen sollte. Schließlich und endlich entschied sie sich für ein schlichtes Outfit, bestehend aus Jeans und Bluse, kleidete sich an und legte ein dezentes Make-up auf. Normalerweise würde sie das nicht tun, aber irgendwie musste sie die Spuren ihrer Erkältung ein wenig übertünchen. Nicht dass man sie noch für einen entflohenen Zombie hielt und sie der Wohnung wies. Helena musste bei ihrem absurden Gedanken grinsen. Sie schüttelte belustigt den Kopf und übte ein Lächeln mit ihrem Spiegelbild. Einigermaßen fröhlich strahlte ihr Gegenstück zurück und zwinkerte ihr aufmunternd zu. „Ja, das wird ein toller Abend.“, redete sie sich ein und verließ schließlich ihre Wohnung. Zum Glück hatte sie es nicht weit. Lediglich fünf Meter – von ihrer Wohnungstür bis zu Kates. Sie klingelte kurz vor sieben. Hoffentlich war sie nicht die Letzte. Es war immer unangenehm, der letzte Gast zu sein. Aus diesem Grund war sie ein paar Minuten früher dran. Sie beruhigte sich mit dem Gedanken, dass der Großteil der Menschheit zu chronischer Unpünktlichkeit neigte und hoffte, dass die pünktliche Minderheit nicht ausgerechnet heute hier versammelt war. Kate öffnete die Tür und stieß einen schrillen Schrei aus. Eine Sekunde später war sie ihr um den Hals gefallen und hatte Helena an sich gezogen, als hätten sie sich seit Jahren nicht gesehen. Helena räusperte sich und schmunzelte verlegen. Dann folgte sie Kates Aufforderung einzutreten. Kate hatte eine hübsche Dreizimmerwohnung. Ihr Wohnzimmer war ein wenig größer, so dass sie Platz für einen Esstisch hatte. Geschmackvoll eingerichtet, vereinte es moderne Elemente mit einem antiken Touch. Kate liebte warme Töne. So war es nicht verwunderlich, dass ihr Wohnzimmer in Rot- und Brauntönen erstrahlte. Die Küche war – anders als in Helenas Wohnung – ein geschlossener Raum. Und neben einem normal großen Schlafzimmer konnte Kate in ihrer Wohnung noch über ein weiteres Zimmer verfügen, welches sie als Gästezimmer und Büro nutzte. Helena wusste, dass es ursprünglich als Kinderzimmer gedacht war. Aber seit Kate sich von ihrem Mann getrennt hatte, hatte sie sich auch von diesen Träumen verabschiedet. „Julien wäre ohnehin nicht der passende Vater für meine Kinder gewesen.“, hatte sie sarkastisch behauptet. Wohl mehr um sich selbst zu beruhigen. Ob ihre Behauptung begründet war, ließ sich ja leider nicht mehr beweisen.

Zu Helenas Überraschung war sie tatsächlich fast die Letzte der erwarteten Gäste. Denn als sie das Wohnzimmer betrat, zählte sie doch drei weitere Personen. Ein hochgewachsener dunkelhaariger Mann, eine zierliche Brünette und eine Blondine, bei der Helena vermutete, dass sie Kates Schwester sein musste, weil sie ihr unheimlich ähnlich sah. Kate trat neben sie. Der dunkelhaarige Mann musterte sie kurz und legte den Kopf schief. „Das ist Adrian … Er ist ein langjähriger Bekannter. Und eigentlich wohnt er auch nicht hier in Paris. Er hat heute Abend wohl den längsten Anreiseweg gehabt.“ Der Mann namens Adrian lachte und hatte sofort Helena für sich gewonnen. Sein Lachen wirkte so leicht und … ehrlich. Und seine braunen Augen strahlten eine seltsam angenehme Wärme aus. Helena schätzte ihn auf dreißig – wenigstens Ende zwanzig. Er überragte sie um einen halben Kopf, war schlank und mit Darkbluejeans und schwarzem Hemd bekleidet. Helena fand ihn auf Anhieb symphatisch. Selbstbewusst trat er auf sie zu und reichte ihr die Hand, die sie sofort ergriff. „Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin Helena.“, entgegnete sie und kam Kates Begrüßungszeremonie zuvor. „Sorry, ich bin ein wenig erkältet.“, fügte sie schnell hinzu und zog eilig ihre Hand zurück, als ihr die wildesten Szenarien der Übersiedlung ihrer Viren durch ihren Kopf schossen. Doch das schien Adrian nicht zu stören. „Hi, ich bin Karen.“, stellte sich die zierliche Brünette vor, die ein atemberaubendes Paar großer blauer Augen ihr Eigen nannte, aus denen sie sie neugierig musterte. Karens Blick barg etwas Magisches, und Helena hatte reichlich Mühe, sie nicht aufdringlich anzustarren. Sie trug Bluejeans und eine weiße Bluse, und ihren Hals zierte ein hübscher Schal in dezentem Pastellton. Helena reichte auch ihr die Hand. „Kate und ich arbeiten auf der gleichen Station. Wir sind … Kollegen.“, erklärte sie mit einem gewinnenden Lächeln. Helena nickte. Sie wusste von Kate, dass sie als OP-Schwester im naheliegenden Krankenhaus arbeitete. Kein leichter Job, aber sie liebte ihre Arbeit.

Schließlich trat die Blondine, die wie Kate aussah und sich bisher ein wenig im Hintergrund gehalten hatte, auf Helena zu. „Und das ist meine kleine Schwester Jeanne.“, sagte Kate mit unverhohlenem Stolz im Blick. Sie war Kates einzige noch lebende Verwandte, nachdem ihre Eltern vor ein paar Jahren gestorben waren. In gewisser Weise machte diese Tatsache Kate zu Helenas größter Vertrauter. Denn sie konnte ihr am besten nachfühlen, wie es ihr in manchen Situationen erging. „Hi, schön, dich kennenzulernen.“, begrüßte die junge Frau sie aufrichtig. Tatsächlich hatte Kate Helena schon viel von ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester erzählt, war aber bisher nie in die Gelegenheit gekommen, sie persönlich kennen zu lernen. „Tja, wir warten jetzt noch auf Chris.“, ließ Kate die kleine Runde beiläufig wissen. „Er wird sicher bald kommen.“ Sie warf einen verstohlenen Blick auf die Uhr, ehe ihre Augen – wie Helena fand – sehnsüchtig zur Tür schauten. Chris war Assistenzarzt im gleichen Krankenhaus, und aus einigen Erzählungen wusste sie, dass Kate heimlich für ihr schwärmte. Beruflich verstanden sie sich prima, und Kate versuchte schon seit Monaten, diese Tatsache auf ihr Privatleben auszuweiten. Leider bisher ohne Erfolg. Mit einer kurzen Entschuldigung eilte Kate in die Küche und kehrte wenige Augenblicke später mit einem Tablett voller Sektgläser zurück. Währenddessen sah Helena sich in dem Wohnbereich um. Unweit vom Esstisch, um den sechs Stühle gruppiert waren und der ausgesprochen liebevoll dekoriert war, befand sich ein hübsches appetitlich angerichtetes Büfett, bei dem Helena augenblicklich Hunger überkam. Ein leises Magenknurren unterstrich dieses Gefühl und erinnerte sie augenblicklich daran, dass ihre letzte Mahlzeit etwa zehn Stunden zurücklag und aus einer trockenen Scheibe Toast und Kamillentee bestanden hatte. Sie traute ihrem Magen noch nicht ganz, obwohl sie sich schon deutlich besser fühlte. Viel zu häufig hatte sie in den letzten Tagen ihre Zeit kniend vor der Toilettenschüssel verbracht, als dass sie leichtfertig etwas riskieren wollte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihr Magen den Toast noch gar nicht abgestoßen hatte. Vielleicht war das ein gutes Zeichen, um diese Auswahl an Köstlichkeiten genießen zu können. Erleichtert lächelnd besah sie sich das Büfett. Sie würde es auf jeden Fall versuchen.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Dez 10 2012, 16:34

Ich finde geschrieben hast auch ganz passend, ansonsten keine Ahnung idontknow

Und auch hier, ist endlich einfach mal alles entspannt. Welche Lockerheit du mir heute schenkst, einfach wunderbar Very Happy .
Und du wartest schon wieder mit einem neuen Mann auf, einem sympatischen noch dazu. Hm, ob ich das gut finde? Obwohl, ein bisschen Glück gönnt man Helena ja durchaus. Also lass ich mich mal überraschen,
und warte auf Anteros. cyclops

LG, Katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Dez 10 2012, 21:38

Mini, ich schließ mich einfach Katha an. Ich bin zu müde um einen eigenen Kommi zu schreiben Evil or Very Mad

Liebe Grüße
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Dez 11 2012, 14:25

katha schrieb:
Ich finde geschrieben hast auch ganz passend, ansonsten keine Ahnung

Und auch hier, ist endlich einfach mal alles entspannt. Welche Lockerheit du mir heute schenkst, einfach wunderbar .
Und du wartest schon wieder mit einem neuen Mann auf, einem sympatischen noch dazu. Hm, ob ich das gut finde? Obwohl, ein bisschen Glück gönnt man Helena ja durchaus. Also lass ich mich mal überraschen,
und warte auf Anteros.

LG, Katha

No Comment ... Wir werden sehen, was passiert. Geduld, Geduld ... auch wenn ich weiß, dass das im Hinblick auf die Story nicht deine größte Stärke ist ...

Danke dir!

LG, Mini

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Dez 11 2012, 14:26

Tastentante schrieb:
Mini, ich schließ mich einfach Katha an. Ich bin zu müde um einen eigenen Kommi zu schreiben

Liebe Grüße
Tastentante

Danke dir, meine Liebe. Schön, dass du mal wieder die Zeit gefunden hast, weiterzulesen und zu kommentieren. Ich hoffe, dass dein Stresspegel nun so kurz vor Weihnachten wieder auf ein Normalniveau zurückgegangen ist.

Liebe Grüße
Mini

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Dez 11 2012, 14:54

Eine Fortsetzung für euch ... LG, Mini


Teil 59



Adrian war neben Helena getreten und lächelte scheu. „Hunger?“, fragte er leise. Augenblicklich lief Helena rot an. Hatte er ihr Magenknurren etwa gehört? Gott, wie peinlich. Helena wand sich innerlich und blickte ihn verlegen an. Adrian lachte leise. „Bei diesem Anblick kann man auch nur Appetit bekommen.“, meinte er verständnisvoll, was Helena mit einem leichten Nicken quittierte. „Woher kennst du Kate?“, fragte er nach einem kurzen Moment des Schweigens. Eine irre Geschichte …, dachte Helena sofort und grinste still vor sich hin, als sie sich an diesen Moment erinnerte. Sichtlich vergnügt sah sie ihn an. „Wir kennen uns seit dem Moment, als ich neben ihr eingezogen bin, also so ungefähr vier Jahre.“, begann Helena und unterbrach sich schließlich. „Na ja, nicht ganz. Es hat etwa einen Monat gedauert, bis wir unseren ersten Kaffee genossen und Kate mir offenbart hatte, dass ihre ständigen „Kannst du mir mal mit Mehl – Eier – Milch – Zucker aushelfen“ – Aktionen lediglich eine ausgeklügelte Methode war, mit mir in Kontakt zu kommen.“ Adrian lachte belustigt auf. „Bist du so kontaktscheu?“, hakte er ungezwungen nach. Helena überlegte kurz und zuckte schließlich die Schultern. „Nein, eigentlich nicht … zumindest war ich immer davon ausgegangen, dass ich auf Menschen nicht allergisch reagiere.“ Wieder lachte er. „Du bist echt amüsant, Helena.“ Sie rollte theatralisch die Augen. „Keine Sorge, das ist bestimmt nur eine Ausnahme. Das müssen die Viren sein, normalerweise gehe ich zum Lachen in den Keller.“ Augenblicklich verstummte er und sah sie verwirrt an. Jetzt musste sie lachen ob seines ungläubigen Gesichtsausdrucks. „Glaubst du alles, was man dir erzählt?“, neckte sie ihn. Er seufzte mit gespielter Niedergeschlagenheit und hob ergeben die Hände. „Verdammt, das war Rekord. So schnell hat mich noch niemand durchschaut.“ Kate war neben sie getreten und unterbrach im nächsten Moment die lockere Unterhaltung. „Ich denke, wir fangen jetzt an.“, sagte sie. Dann beugte sie sich zu Helena. „Ich hab so einen Kohldampf, das glaubst du gar nicht.“, flüsterte sie verschwörerisch. „Echt grausam, die ganze Zeit in der Küche zu stehen und all die leckeren Sachen nur angucken zu dürfen.“ Helena gluckste amüsiert und folgte Kate zum Esstisch. Während die Gastgeberin an der Stirnseite Platz nahm, setzte Helena sich zu ihrer rechten und damit gegenüber von Adrian, der ihr mit einem offenen Lächeln begegnete, was Helena von Minute zu Minute mehr gefiel.

Im Hintergrund dudelte leise Musik, die sich in das Geklapper von Besteck auf Geschirr und das Gemurmel der lockeren Unterhaltungen mischte. Helena war überrascht, wie gut sie sich mit Kates Gästen verstand. Sie hätte es nicht für möglich gehalten. Und die Blondine hatte Recht behalten. Es wurde tatsächlich ein lustiger Abend. Kate berichtete von ihren Erlebnissen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und schwärmte von dem tollen Wetter an den Sonnenstränden Kaliforniens. Helena bekam augenblicklich Fernweh. Interessiert lauschte sie ihren Erzählungen und lachte mit den anderen. Dennoch entging ihr Kates unterschwellig gedrückte Miene nicht. Zweifellos hatte sie gehofft, Chris würde noch erscheinen, aber als der Uhrzeiger schließlich zielsicher auf Neun rückte, hatte wohl auch sie die Hoffnung aufgegeben, dass Chris noch auftauchen würde. Trotz allem tat dies dem Abend keinen Abbruch. Helena unterhielt sich mit Adrian und fand in ihm nicht nur einen unkomplizierten Gesprächspartner, sondern auch einen guten Zuhörer. Aufmerksam lauschte er als sie von ihrem Studium erzählte und von ihren Träumen, einmal als selbstschaffende Künstlerin durchzustarten. Er urteilte nicht über ihre Ambitionen, sondern ermutigte sie sogar, daran festzuhalten. Sie erfuhr, dass er neunundzwanzig war und zwar ursprünglich aus Paris stammte, jedoch nach seinem Studium mit seinen Eltern nach Griechenland ausgewandert war und dort seit gut fünf Jahren als Architekt arbeitete. Kennengelernt hatte er Kate auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung, auf der Kates Ex-Mann ihn als seinen Studienkollegen vorgestellt hatte. Auch Julien hatte Architektur studiert, war aber nach ihrer Trennung nach Deutschland ausgewandert. Adrian erzählte, dass seine Eltern in Griechenland ein Haus gekauft hatten – er selbst hatte es entworfen – und es als Ferienobjekt für Touristen anboten. „Wenn du mal Urlaub in Griechenland machen willst, sag einfach Bescheid. Ich werde mit meinen Eltern da bestimmt was deichseln können.“, lachte er. Helena sah ihn mit großen überraschten Augen an. „Im Ernst?“ Er nickte zustimmend. „Wow … bestimmt komme ich da mal drauf zurück. Ich liebe Griechenland.“, bestätigte sie und verdrehte schwärmerisch die Augen. „Das Haus befindet sich auf der Insel Kea. Meine Eltern wohnen nicht weit davon, genau wie ich. Na ja, zugegeben, Kea ist etwas umständlich zu erreichen, aber diese Insel ist wirklich traumhaft.“, bedeutete er mit einem Strahlen in den Augen, das seine Begeisterung nur zu gut unterstrich.

Als die Wohnzimmeruhr das Ende der elften Stunde ankündigte, zuckte Helena erschrocken zusammen. „Was? Schon so spät?“, stieß sie überrascht aus. Adrian sah sie verwirrt an. „Ist das schlimm? Ich meine, wartet jemand auf dich?“ Helena schüttelte den Kopf, ehe sie bemerkte, dass sie soeben unbewusst zugegeben hatte, dass sie allein war. Adrian lächelte verschmitzt und griff nach seinem Weinglas. Lächelnd hob er es und prostete Helena zu. Sie tat es ihm gleich und trank ihren Wein aus. Dann erhob sie sich und blickte zu Kate, die noch immer etwas bedrückt wirkte, auch wenn sie sich alle Mühe gab, es zu verbergen. „Kate … Ich verschwinde dann mal wieder. Ich bin ziemlich kaputt.“, erklärte sie. Und das war noch nicht mal gelogen. Helenas abklingende Erkältung machte ihr doch stärker zu schaffen, als sie erwartet hatte. Kate stand auf und begleitete sie zur Tür. Adrian folgte ihnen. Als Helena sich von ihm verabschieden wollte, ergriff er ihre Hand und zog sie leicht an sich. Ehe sie reagieren konnte, hatte er ihr einen Kuss auf die Wange gedrückt und sie gleich wieder losgelassen. Sie blinzelte verwirrt und gab Adrian erneut Grund zum Lächeln. „War schön, dich kennen gelernt zu haben, Helena.“, sagte er, und es klang ehrlich. Helena nickte und lächelte. „Ja, finde ich auch.“ „Und wie gesagt, wenn es dich mal nach Griechenland treiben sollte, du weißt Bescheid.“ Helena grinste schief. „Ja, Kate gibt mir dann bestimmt deine Nummer.“ Sein Lächeln wandte sich in ein breites Grinsen. „Die kannst du auch von mir haben.“ Verblüfft hob sie die Brauen, als er ihre Hand ergriff, einen Stift aus seinem Hemd zog und seine Handynummer auf ihren Handrücken schrieb. „Ruf mich an, wenn du es dir überlegt hast.“ Helena war zu sprachlos, um angemessen reagieren zu können. Sie flüsterte einen leisen Dank und verließ schließlich Kates Wohnung … Als sie in ihren eigenen vier Wänden angekommen war, überkam sie plötzlich ein seltsames Gefühl der Leere. So wohlgefühlt wie heute Abend hatte sie sich schon lange nicht mehr. Adrian war wirklich ausgesprochen charmant und sehr einfühlsam. Sie erlaubte sich einen Gedanken an ihn, bevor sich plötzlich in beinahe eifersüchtiger Manier Antamos Bild in ihre Gedanken zurückdrängte. Erschrocken keuchte sie auf. Himmel, sie hatte ihn in den letzten Stunden völlig aus ihren Gedanken verdrängt. Und eigentlich sollte sie darüber doch glücklich sein, oder? Sie zuckte die Schultern. Tse ..., er hätte sich ja melden können, meine Nummer hat er ja ..., ging es ihr abfällig durch den Kopf. Klar, du hohle Nuss ... Preisfrage: Wann hast du das letzte Mal auf dein Handy geguckt? ..., schoss ihr Unterbewusstsein missbilligend zurück und reckte schnaubend das Kinn in die Höhe. Mist. Einer inneren Eingebung folgend, kramte sie ihr Handy, was sie seit Tagen keines Blickes gewürdigt hatte, aus den Tiefen ihrer Handtasche. Was sie darauf dann erblickte, ließ sie augenblicklich verstummen. Dreiundzwanzig abgebrochene Anrufe. Dreiundzwanzig … Sie schluckte schwer und öffnete mit zitternden Fingern das Menü, um den Anrufenden zu identifizieren. Aber die Nummer war wieder einmal Unbekannt. Genau wie bei den drei abgebrochenen Anrufen am vergangenen Montag ..., ging es ihr mit einem leisen Stöhnen durch den Kopf. Tja, offenbar wollte sie da jemand unbedingt erreichen. Zweifellos Mike, … oder etwa doch Antamo? „Tse … Pech gehabt …“, meinte sie mit einem gleichgültigen Schulterzucken zu ihrem Handy und warf selbiges auf Sofa.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Dez 12 2012, 21:09

Und noch ein entspannter Abend in der Helena-Welt. So einfach kann das Leben manchmal sein, und nette Menschen gibt es auch noch. Aber ein spannender Mann, der auf einer griechischen Insel lebt? Ist ja mal ein bisschen weit weg, aber wer weiß was sich auf griechischen Inseln in der Vergangenheit so alles getan hat. Anteros könnte da sicherlich was zu erzählen.
Wer hat denn da so ein Telefon-Terror gemacht? Ob das mal wieder der lästige Mike war, oder vielleicht doch Anteros mal sein Telefon zur Hand genommen hat???

Liebe Grüße, meine Liebe!
Katrin

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Dez 13 2012, 08:59

katha schrieb:
Und noch ein entspannter Abend in der Helena-Welt. So einfach kann das Leben manchmal sein, und nette Menschen gibt es auch noch. Aber ein spannender Mann, der auf einer griechischen Insel lebt? Ist ja mal ein bisschen weit weg, aber wer weiß was sich auf griechischen Inseln in der Vergangenheit so alles getan hat. Anteros könnte da sicherlich was zu erzählen.
Wer hat denn da so ein Telefon-Terror gemacht? Ob das mal wieder der lästige Mike war, oder vielleicht doch Anteros mal sein Telefon zur Hand genommen hat???

Liebe Grüße, meine Liebe!
Katrin

Danke für deinen lieben Kommi. Ich liebe Griechenland - spätestens seit ich auf Santorin war - hatte ich das nicht schon mal erwähnt ...

Na mal schauen, wie es weiter geht ... und vor allem, wer diesen unerhörten Telefonterror schon wieder betreibt ...

LG, Mini

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Dez 18 2012, 09:27

Der neue Teil ist fertig. Ich hoffe, er findet seine Leser ... Viel Spaß!@Katha: Du hast dir einen Anteros-Teil gewünscht ... Taddaaa ...


Teil 60



Außer sich vor Zorn warf Anteros die Tür ins Schloss – woraufhin die Fensterscheiben bedrohlich in den Rahmen wackelten – als er am Montagabend nach Hause zurückkehrte. Er stieß einen wütenden Fluch aus und raufte sich die Haare, bevor er seine Faust gegen die Wand donnerte und eine unschöne Delle in dem Mauerwerk hinterließ, während der Putz auf den dunklen Parkettboden rieselte. Seit einer Woche versuchte er, Helena auf dem Handy zu erreichen. Kein einziges Mal hatte sie abgenommen und mit ihm gesprochen. Im Gegenteil, fast permanent hatte ihm eine elektronische Frauenstimme in monotoner Beständigkeit vorgesäuselt, dass der gewünschte Gesprächspartner nicht erreichbar wäre. Die Male, in denen es am anderen Ende tatsächlich geklingelt hatte, konnte er an einer Hand abzählen. Aber rangegangen war sie trotzdem nicht. Heute Morgen dann, nach einem weiteren vergeblichen Versuch, war ihm schlichtweg der Kragen geplatzt. Kurzerhand hatte er sich auf den Weg in die Uni gemacht, um sie zu suchen. Natürlich hatte er sie nirgends finden können. War das Zufall oder versuchte sie, ihn mit aller Macht zurückzudrängen? Er wurde noch wahnsinnig in Anbetracht dieser Ungewissheit. Hatte er sich ihre Reaktion etwa nur eingebildet? Hatte sie seinen Vorschlag nur zum Schein angenommen, um ihm galant entfliehen zu können? Es wäre nicht das erste Mal, dass sie vor ihm davonlief. „Warum zum Teufel …“, grollte er und ließ ein weiteres Mal seine Faust gegen die Wand sausen. Seit über einem Monat versuchte Anteros, an Helena heranzukommen – seit er diesen Typen aus dem Weg geschafft hatte, um freie Bahn bei ihr zu haben. Er erinnerte sich genau daran … Es war ein Kinderspiel gewesen, ihn gedanklich so zu manipulieren, dass er sie von jetzt auf gleich fallen ließ. Und im Grunde war das auch besser so gewesen. Er war eindeutig nicht der Richtige für sie. Dass Anteros davon rein zufällig profitieren würde, betrachtete er in bescheidener Weise als willkommenen Wink des Schicksals.

Es hatte lange gedauert, bis er sie nach ihrem plötzlichen Verschwinden in Schweden schließlich in Paris wiedergefunden hatte. Und er würde alles dafür tun, damit sie ihm nicht noch einmal entwischte. Dieses immerwährende Katz-und-Maus-Spiel ... er hatte es so satt. Sie schließlich ihn den Armen eines anderen zu sehen, war ein Schlag in die Magengrube gewesen. Er hatte nicht lange überlegt, seine Mittel gewählt und den Typen auf direktem Weg in die Wüste geschickt. Er hatte keine Wahl, denn so allmählich lief ihm die Zeit davon. Und wenn die Zeit erst einmal um war, wäre der Fluch perfekt – wenn auch nicht aus seiner Sicht. Man mochte meinen, dass tausend Jahre eine lange Zeit wären, aber wenn es darauf ankam, konnte selbst die längste Zeit zu einer winzigen Dauer schrumpfen. Nein, noch einmal würde er sie nicht aus den Augen verlieren. Nun gut, soweit der Plan. Der Weg zu ihr war frei, leider war die Situation deswegen nicht wirklich einfacher geworden. Im Gegenteil, von Mal zu Mal bereitete es ihm mehr Schwierigkeiten, an sie heran zu kommen. Was nicht unbedingt besonders förderlich für seine Geduld war. Er erinnerte sich an den Moment als er sie endlich wiedergefunden hatte, und daran, wie er heimlich durch die Balkontür in ihre Wohnung eingestiegen war. Eigentlich nicht sein Stil, aber sie hätte ihn bestimmt nicht freiwillig reingelassen, wenn er ordnungsgemäß an der Tür geschellt hätte. Davon mal abgesehen, war er sich nicht wirklich sicher, ob sie ihn nicht vielleicht doch wiedererkannt hätte. Gut, ihre Begegnung in Schweden lag zwar lange Zeit zurück und er hatte auch alles getan, um ihr Wiedersehen nicht mit diesen durchaus weniger schönen Erinnerungen zu würzen, aber man konnte ja nie wissen. Und der Zufall konnte ein grausamer Zeitgenosse sein. Wie ein Dieb hatte er sich wieder aus dem Staub gemacht und für seine Verhältnisse geduldig gewartet. Eine zermürbende Erfahrung. Er war den ganzen Nachmittag lang aufgekratzt gewesen, unfähig auch nur einen klaren Gedanken fassen zu können. Er hatte erfahren, wo sie den Abend verbringen würde und er keine Ahnung gehabt, wie er es anstellen sollte. Am Ende hatte er seinen Bruder Himeros zu Hilfe gerufen und ihn zu einem Abend unter Männern verdonnert. Gemeinsam waren sie ihr gefolgt, um sie im Auge behalten und im geeigneten Moment zuschlagen zu können. Es kam ihm vor als wäre es erst gestern gewesen, dass sie in dieser Bar gesessen hatten, er mit dem Rücken zu ihr - nervös wie ein pubertierender Teenager - während Himeros sich königlich amüsiert hatte. Anteros konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte mal so durch den Wind gewesen war. Er erinnerte sich noch genau daran, wie er, gefangen in seiner Ungeduld, vor der Damentoilette gewartete hatte. Geschlagene zehn Minuten. Und als sie endlich wieder rausgekommen war, war sie auch direkt abgehauen. Dieser Umstand hatte ihn schier an den Rand der Raserei gebracht.

Anteros hatte seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten müssen, um vor Wut nicht den ganzen Laden kurz und klein zu schlagen. Und er war dankbar, dass Himeros da war, und ihn von seinem Wuttrip wieder runtergeholt hatte. Danach hatte er alles auf eine Karte gesetzt und sein Versteckspiel aufgegeben. Wenn sie ihn erkannt hätte, hätte er es einfach als Zufall deklariert. Niemals hätte er zu glauben gewagt, dass es so einfach sein konnte, sich ihr zu nähern. Und die Tatsache, dass sie ihn nicht wiedererkannt hatte, hatte die ganze Angelegenheit deutlich vereinfacht. Dennoch war es bisher nicht mehr als zu einem Treffen in diesem Café gekommen, bei dem er sie um ein Haar vertrieben hätte, und der zufälligen Begegnung im Louvre – nachdem sie seinen erneuten Vorstoß, sich mit ihr zu verabreden, gekonnt ausgewichen war. Er erinnerte sich daran, wie viel Überredungskunst er aufwenden musste, bis sie zu ihm ins Auto gestiegen war. Was für ein Wahnsinnserfolg, und es hatte ihn Mühe gekostet, diesen intimen Moment nicht durch überstürztes Handeln zu zerstören. Als sie danach jedoch erneut auf Abstand ging, hatte er die Idee ersonnen, stärker in die Offensive zu gehen und sich der Professorin, die diesen Kunstkurs leitete, als Aktmodel angeboten. Noch immer sah er das verdatterte Gesicht der Frau, die nach anfänglicher Irritation schließlich seinem Angebot gefolgt war, vor sich. Unweigerlich musste er grinsen. Dass sie zufällig ein freiwilliges Model suchte, weil ihre Tochter kurzfristig abgesprungen und das eigentliche Model erkrankt war, hatte er als eine erneute Fügung des Schicksals interpretiert. Nun gut, er musste zugeben, dass diese Aktion selbst für ihn mehr als gewagt war, aber er weilte nun schon so lange unter den Menschen, dass ihn mittlerweile nichts mehr wirklich schockieren konnte. Allein der Gedanke, dass er Helena dadurch nahe sein konnte, und das für eine ganze Stunde lang, hatte ihn sämtliche Vorbehalte ausblenden lassen. Rückblickend hatte es ihm unglaublichen Spaß gemacht, sie die ganze Zeit anzusehen. Ihm war nicht entgangen, wie sie sich bemüht hatte, seinem Blick zu widerstehen. Er hatte sie verwirrt, genau wie er es beabsichtigt hatte. Sein kleiner Racheakt hatte perfekt funktioniert. Und als er sie am Ende schließlich in absolute Verlegenheit gebracht hatte, indem er ihr ungeniert seinen Körper präsentiert hatte, wusste er, dass er sie am Haken hatte. Eigentlich war das so nicht geplant gewesen, aber er hatte sich spontan an Himeros’ Worte erinnert, und in diesem kurzen Augenblick konnte er einfach nicht widerstehen. Von dem Moment an war er überzeugt gewesen, dass er ein leichtes Spiel haben würde. Er musste nur noch ein bisschen seinen Charme wirken lassen, um sie endlich ganz für sich gewinnen zu können. Die Idee, ihr dieses Angebot einer privaten Session zu machen, war ihm spontan gekommen – und nahezu perfekt gewesen.

Ja, nahezu perfekt. Denn am Ende hatte er sich geirrt – wieder einmal. Alles war anders gekommen und trotz all seiner Fortschritte hatte er nun das untrügliche Gefühl, wieder ganz am Anfang zu stehen. Aufgebracht stemmte er die Hände in die Hüfte und trat gegen das Sofa, was daraufhin unheilvoll über den Parkettboden schabte. Angespannt lief er in dem riesigen Salon auf und ab und überlegte krampfhaft was er tun sollte. Dank ihrer Karte wusste er, wo sie wohnte. Gut, es war nicht so, dass er das nicht schon vorher herausgefunden hatte, aber nun hatte er einen Grund, zu ihr zu gehen – mehr oder weniger. Wenn sie doch nur an dieses beschissene Telefon gehen würde …, fluchte er ungehalten. Die Gelassenheit und Geduld, die ihn in all den Jahren begleitet hatte, war auf ein klägliches Minimum geschrumpft. Mit jedem Scheitern war sie mehr verblasst, bis beinahe nichts mehr davon übrig war. Und jede weitere verstrichene Gelegenheit, brachte ihn mehr und heftiger denn je zum Ausrasten. Wenn er an die vielen Male dachte, die sie ihm aus den Händen geglitten war, krampften sich seine Eingeweide zusammen, und er konnte nicht mehr klar denken. Doch er musste einen klaren Kopf behalten, bei wachem Verstand sein. Es stand zuviel auf dem Spiel. Und er war ganz nah dran, auch wenn das Ziel noch nicht erreicht war. Was er brauchte, war ein Grund. Ein triftiger Grund, zu ihr zu gehen. Denk nach! Denk nach! …, forderte er sich selbst im Geiste auf. Und wenn er einfach vor ihrer Tür auftauchte? Nein, das würde sie missbilligen … Außerdem ist das nicht mein Stil …, dachte er bei sich und schob diesen Gedanken beiseite. Und wenn er ihr sagte, dass er rein zufällig in der Gegend war und die Idee hatte, sie zu besuchen … ungezwungen, völlig ohne Hintergedanken … Ja klar, und das kauft sie dir natürlich sofort ab …, verspottete er sich selbst. „Himmel Herrgott noch mal …“, fluchte er in die Stille des Salons und ballte die Hände zu Fäusten. „Warum sollte ich nicht einfach zu ihr gehen, was spricht dagegen? Es heißt doch, dass Angriff manchmal das beste Mittel war …“, sprach er sich Mut zu. Er überlegte hin und her – wog Für und Wider ab – und kam doch zu keiner befriedigenden Lösung. Scheißegal … Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und mehr als rauswerfen kann sie mich nicht …, dachte er. Und er wäre ohnehin verdammt, wenn es ihm nicht gelingen würde, sie davon abzuhalten. Mit neuer Entschlossenheit raffte er sich auf und machte sich auf den Weg, seinen Plan in die Tat umzusetzen.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Dez 18 2012, 15:02

Juhu, da ist er endlich wieder. Du hast mich nur so lange zappeln lassen, damit ich Anteros Unruhe und Ungeduld besser nach empfinden kann. Mad und, was soll ich sagen ... Es hat funktioniert. Embarassed Ich fühle mit ihm Embarassed Evil or Very Mad . dank dem Rückblick hat man auch wieder den Anschluss an ihre letzte Begegnung. Ist ja doch schon was her Wink für uns und für Anteros. So, mein Handy kennt den Namen jetzt auch. super . ich freu mich jetzt auf jedenFall auf die nächste Begegnung der beiden. Vielleicht klären sich ja dann nach und nach auch mal die Fragen, die sich mir immer noch stellen. Danke für diesen Teil super. sorry für die Fehler, bin kein HandySchreiber. LG, katha.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Dez 21 2012, 12:34

katha schrieb:
Juhu, da ist er endlich wieder. Du hast mich nur so lange zappeln lassen, damit ich Anteros Unruhe und Ungeduld besser nach empfinden kann. und, was soll ich sagen ... Es hat funktioniert. Ich fühle mit ihm . dank dem Rückblick hat man auch wieder den Anschluss an ihre letzte Begegnung. Ist ja doch schon was her für uns und für Anteros. So, mein Handy kennt den Namen jetzt auch. . ich freu mich jetzt auf jedenFall auf die nächste Begegnung der beiden. Vielleicht klären sich ja dann nach und nach auch mal die Fragen, die sich mir immer noch stellen. Danke für diesen Teil . sorry für die Fehler, bin kein HandySchreiber. LG, katha.

Danke für diesen süßen Kommi. Na ja, Geduld ist nicht so sehr seine Stärke, von daher hat er es schon ziemlich lange ausgehalten ...
Aber gut, wir werden sehen, wie es weitergeht. Und wenn mich der Weihnachtsstress irgendwann nochmal loslässt, stelle ich bestimmt auch bald wieder mal einen neuen Teil ein ...

Bis denne
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Dez 31 2012, 17:23

Hallo, meine lieben Leser,

nach langer Zeit nun mal endlich wieder eine Fortsetzung. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen. In diesem Sinne, euch allen einen guten Rutsch und alles Glück für 2013.

LG, Mini


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Teil 61



Es war Montagabend, als das Schellen der Türglocke Helena aus ihren Gedanken riss. Für ein paar Sekunden erstarrte sie und fragte sich, wer um diese Zeit etwas von ihr wollen könnte. Sie erwartete niemanden, und wenn sie ehrlich war, hatte sie sich auf einen gemütlichen Nachmittag und Abend in ihren trauten vier Wänden gefreut. Der Arzt hatte sie noch weitere drei Tage krankgeschrieben, so dass sie am Donnerstag endlich wieder in die Uni konnte. Was für ein Segen. Sie war es mittlerweile leid, nur zu Hause herumzuhocken. Die Grippe hielt sie in ihrer Wohnung gefangen, was für Helena so ziemlich das Schlimmste war, was es gab. Sie mochte ihre Wohnung, das stand außer Frage. Aber die Tage in der Uni waren für sie unbezahlbar. Nach drei Tagen war ihr förmlich die Decke auf den Kopf gefallen. Aber die klassischen Symptome einer Grippe hatten ihr schlichtweg keine andere Wahl gelassen. So hatte sie die triste Zeit genutzt, mal wieder ein Buch zu lesen oder den einen oder anderen ihrer wenigen Filme zu genießen, die ihre spärliche Sammlung definierten. Dass sich nun Besuch ankündigte, irritierte sie. Darüber hinaus hatte sie sich eindringlich geschworen, die Tür auf keinen Fall zu öffnen, egal wer oder was davorsteht. In gewisser Weise kam ihr diese ungewollte Auszeit zugute, denn sie brauchte Zeit zum Nachdenken und um ihre wirren Gedanken zu sortieren. In den letzten Wochen waren wirklich seltsame Dinge passiert. Und dazu gehörte nicht nur, dass Mike ihr wie ein mondsüchtiges Schaf hinterher lief und sich immun gegen jegliche Form von Abweisung zeigte. Bisher hatte sie ihn mehr oder weniger erfolgreich abwehren können, doch sie spürte, dass ihr das nicht mehr lange gelingen würde. Und so langsam gingen ihr die Ideen aus. Und dann war da noch Antamo, der sich mittlerweile einen festen Platz in ihren Gedanken reserviert hatte. Immer wieder musste sie an die letzte Kunststunde denken. Wie schamlos er sich gegeben hatte. Als sie an seinen makellosen Körper dachte, spürte sie wieder dieses leise Kribbeln, welches sie seit Tagen verfolgte, sobald sie sich einen Gedanken an ihn erlaubte. Unweigerlich musste sie grinsen. Er hatte sie doch tatsächlich davon abgehalten, sich ihrem Kunstwerk zu widmen. Sie würde ihm die Bezahlung verweigern – davon mal ausgegangen, sein Angebot war wirklich ernst gemeint – denn eigentlich war er es ihr schuldig, für sie noch einmal Model zu stehen. Sie lachte resigniert. Warum nur hatte sie nicht nach seiner Telefonnummer gefragt? Vielleicht weil sie sich so absolut sicher war, dass er sich bei ihr melden würde? Ja, wo war plötzlich seine Hartnäckigkeit geblieben? Sehr merkwürdig. Aber vielleicht hatte er ja auch das Interesse an ihr verloren und vergnügte sich in diesem Moment mit einem neuen Opfer.

Helena zuckte bei diesem Gedanken betont gelassen die Schultern. Umso besser – ein Problem weniger …, dachte sie. Dennoch konnte sie sich des unbehaglichen Gefühls nicht erwehren, dass dieser Gedanke keine Erleichterung in ihr auslöste. Denn wenn sie ganz ehrlich war, musste sie zugeben, dass er sie schon auf vielfältige Weise faszinierte. Und irgendwie hatte Kate Recht, wenn sie sie ein dummes Schaf schalt, weil sie ihn auf Abstand hielt. Aber so ein Typ wie er hatte sicherlich mehr als eine Frau an der Hand. Darauf wiederum konnte sie getrost verzichten. Und die Tatsache, dass er sich bisher noch nicht bei ihr gemeldet hatte, bestätigte zweifellos ihre Vermutung. Meine Güte, warum nur waren attraktive Männer automatisch unerreichbar? …, dachte sie wehmütig. Weil die besten Männer eben immer entweder verheiratet sind, so attraktiv ausschauen, dass jede Frau ihnen hinterher sabberte, schwul sind oder aber an eine Frau geraten, die ihr jede Annäherung zunichte macht, egal wie sehr sie sich auch den Arsch aufreißen …, spottete ihr gehässiges Unterbewusstsein. Helena seufzte. Also offenbar geriet sie immer an die falschen … oder aber, sie war schlichtweg beziehungsresistent. Tse … warum machst du dir überhaupt Gedanken über Männer …, sagte sie zu sich. Was ist denn mit deinem hehren Vorhaben, für mindestens ein Jahr als Single durch die Welt zu ziehen und stolz darauf zu sein? … Niedergeschlagen ließ sie sich auf ihr Sofa fallen und kuschelte sich in die Kissen. Seit ihrer letzten Pleite mit Stephen, an der sie noch immer knabberte, hatte sie keinen Mann wieder näher an sich herangelassen, als sie ihn werfen konnte – Sie hatte noch nicht mal einen genauer angesehen. Und dann kam Antamo. Verdammt. Denk daran, was Stephen dir angetan hat …, ermahnte sie sich. Und auch Mike würde sie nicht die Chance geben, um die er seit drei Wochen bettelte – schon gar nicht nach seiner letzten Aktion – selbst wenn er auf Knien angerutscht kommen und sich plötzlich um hundertachtzig Grad drehen würde. Nie im Leben …, dachte sie. Und dieser Adonis-Verschnitt konnte ihr auch gestohlen bleiben, wenn er sich noch nicht mal dazu herabließ, sie anzurufen. Warum auch? Also war im Grunde doch alles bestens. Sie würde sich einfach weiter in ihrer Wohnung verschanzen und die Zeit absitzen.

Aber wenn das so eine fabelhafte Idee war, warum war sie dann so frustriert und fühlte sich nicht zufriedener? Augenblicklich musste sie wieder an Kates kleine Party und Adrian denken. Er hatte es tatsächlich geschafft, sie einen ganzen Abend lang von all diesen nichtigen Sorgen abzulenken. Blöd nur, dass sie nicht wirklich viel über ihn wusste, zumindest nicht über die Dinge, die wirklich wichtig waren, zum Beispiel ob er Single war. Aber vermutlich hätte er sie nicht so offensichtlich angeflirtet, wenn dem nicht so wäre. Oh Mann, gleich drei Männer auf einmal, von denen jeder total anders war …, dachte sie resigniert. „So, liebe Helena, jetzt musst du dich entscheiden. Wer soll dein Herzblatt sein?“, murmelte sie ironisch vor sich hin. „Der eins fünfundachtzig Typ mit blondem Haar und braunen Augen, der dich im Zweifel zu deinem Glück zwingt? Oder Kandidat zwei, der unverblümte eins fünfundneunzig Typ mit den atemberaubendsten grünen Augen, der sich sogar nur für dich auszieht? Oder Kandidat drei, der ruhige lustige Charmeur, der dich sofort nach Griechenland entführen würde?“ Oh Mann, sie wollte am liebsten aufspringen und sich die Seele aus dem Leib würgen. Erneut schellte die Türglocke. Verdammt! Warum kann man sie nicht einfach mal – selbst wenn sie krank war – in Ruhe lassen? Nervös schaute Helena auf die Uhr. Vielleicht brauchte Kate wieder irgendetwas, auch wenn sie diese Spielchen eigentlich nicht mehr nötig hatten. Helena war froh, dass ihre Nachbarin aus Amerika zurück war. Als sie Kate vor vier Jahren kennen gelernt hatte, hatten sie sich sofort blind verstanden - zumindest nachdem die Anlaufphase überstanden war. Sie musste unweigerlich grinsen, als sie daran zurückdachte, wie Kate am Anfang jeden dritten Tag vor ihrer Tür gestanden und nach irgendeiner Zutat, die in ihrer Küche fehlte, gefragt hatte. Nach vier Wochen dann hatte sie sie zu einem ungezwungenen Kaffee eingeladen. Sie hatten den ganzen Nachmittag über Gott und die Welt geredet. Seitdem waren sie gute Freundinnen. Der Altersunterschied war mit sechs Jahren relativ gering, dennoch blickte Kate selbst in diesen jungen Jahren auf die Erfahrung einer über Vierzigjährigen zurück. Sie war verheiratet und seit vier Jahren wieder geschieden. Sie hatte seitdem wenig Umgang mit Männern, und Helena konnte sie in diesem Punkt gut verstehen, wenn auch sie Kates stringente Ablehnung, sich für eine neue Beziehung zu erwärmen, nicht so ganz nachvollziehen konnte. Na ja, sie hatte leicht reden, sie war ja keineswegs besser. Aber bei ihr lag das Beziehungsende auch keine vier Jahre zurück. Gut, sie hatte auch keine gescheiterte Ehe mit einem arroganten Macho hinter sich, der gleich nach der Hochzeit zu einem Pascha mutiert war. Ach verdammt, Männer waren einfach zu kompliziert, um perfekt zu sein …, dachte Helena mit einem bekümmerten Seufzen.

Kate hatte eine kleine Ewigkeit gebraucht, um das zu erkennen und Julian schließlich zum Teufel gejagt. Diese Erfahrung hatte sie reifer werden lassen, wie sie selbst sagte. Kate hatte zugegeben, dass sie, damals gerade einundzwanzig, einfach zu jung für eine derartige Entscheidung gewesen war. Dass sie die Welt vollkommen rosarot gesehen hatte, war der maßgebliche Faktor gewesen. So etwas würde Helena nicht passieren. Erstens würde sie in naher Zukunft aufgrund ihres Studiums ohnehin keinen Mann in ihr Leben dringen lassen. Sie würde nicht den Fehler machen und sich von derartigen Nebensächlichkeiten ablenken lassen, dafür war ihr ihre berufliche Zukunft zu wichtig. Zweitens, hatte sie sich geschworen, erst zu heiraten, wenn sie mindestens dreißig war. Und drittens, würde sie nur den Mann heiraten, den sie von Herzen liebte und der sie mindestens genauso sehr liebte. Heiraten war für Helena eines der Dinge, die sie nur einmal in ihrem Leben tun würde. Und um diesen Schritt zu gehen, musste sie sich schon absolut sicher sein. Und dazu gehörte mehr, als nur von einem netten Lächeln und einem überwältigenden Aussehen gefangen zu sein. Am Ende konnte schließlich alles auch nur eine hübsche Fassade sein. Ein wiederholtes Klingeln, begleitet von einem energischen Klopfen, riss sie abermals aus ihren Gedanken. „Hel, komm schon, mach auf, ich weiß, dass du zu Hause bist.“, ertönte eine Stimme jenseits der Tür, die Helena verteufelt bekannt vorkam. Was zum Teufel wollte Beth hier? Hastig besann sie sich, sprang vom Sofa auf und eilte zur Tür. Einen Moment lang hielt sie inne. Sollte sie wirklich aufmachen? Was, wenn sie Mike direkt im Schlepptau hatte? Mittlerweile würde sie dem Kerl sogar zutrauen, eine jämmerliche Leidensnummer vor Beth abzuziehen, damit sie ihn zu ihr lotste. Der Kerl war zweifelsfrei zu allem fähig. Ach was, du bist doch paranoid, Helena …, schalt sie sich, atmete einmal tief durch und öffnete schließlich die Tür. Davor stand eine ziemlich aufgebrachte Beth, die sie mit einem äußert mürrischen Blick bedachte.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Jan 01 2013, 16:02

Hmmm, viele, viele Gedanken, die ich voller ungeduld gelesen habe bounce , da ich hoffte, dass Anteros vor der Tür steht. Und dann stellt sich heraus, dass er es gar nicht ist. Aber warum ist Beth so sickig? Weil sich Helena so lange nich gemeldet hat?
Und Anteros wollte doch auch zu ihr. Was macht Hel, wenn er jetzt auch noch kommt?

Sagst du es mir? Embarassed Cool

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Jan 02 2013, 12:59

katha schrieb:
Hmmm, viele, viele Gedanken, die ich voller ungeduld gelesen habe bounce , da ich hoffte, dass Anteros vor der Tür steht. Und dann stellt sich heraus, dass er es gar nicht ist. Aber warum ist Beth so sickig? Weil sich Helena so lange nich gemeldet hat?
Und Anteros wollte doch auch zu ihr. Was macht Hel, wenn er jetzt auch noch kommt?

Sagst du es mir?

LG, Katha

Bestimmt verrate ich es dir. Mal schauen, wann es weitergeht. Morgen kehrt der Alltag wieder ein. Aber sicher werde ich schon das eine oder andere Stündchen finden. Danke dir für deinen lieben Kommi.

LG, Mini

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Jan 04 2013, 13:46

Hab was neues für euch. Hoffe, es gefällt. Gruß, Mini

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Teil 62



„Verdammt noch mal! Warum dauert das so lange?“, zischte Beth ungehalten. Helena verdrehte die Augen und ließ ihre Freundin wortlos ein. Mit einem sanften Klicken fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. „Was ist los mit dir, Hel?“, fragte Beth immer noch aufgebracht. Helena zuckte kurz die Schultern und setzte eine unbeteiligte Miene auf. „Was meinst du?“ Missbilligend verschränkte die Brünette die Arme vor der Brust und musterte ihre Freundin argwöhnisch. „Was ich meine?“, fragte sie und sah Helena kopfschüttelnd an. „Du verschanzt dich in deiner Hütte und gehst nicht ans Telefon. Ich mache mir Sorgen, verdammt noch mal.“, zischte sie sichtlich angefressen. Ich habe gute Gründe …, ging es Helena mit einem Anflug von Reue durch den Kopf. „Auch sonst bekommt man dich kaum mehr zu Gesicht. Immer wieder hast du kein Interesse, mit mir auszugehen.“, maulte Beth. Auch dafür habe ich gute Gründe …, fügte Helena gedanklich hinzu und versuchte das nagende Gefühl, ihre Freundin derb vor den Kopf gestoßen zu haben, entschieden in den Hintergrund zu drängen. Prüfend musterte Beth ihre Freundin. „Was ist los mit dir? Bist du über Nacht einer Sekte beigetreten, die dir Freunde verbietet? Oder hab ich irgendwas gesagt oder getan, dass du sauer auf mich bist?“, funkelte Beth sie argwöhnisch an. Helena riss erstaunt die Augen auf und räusperte sich, als sie der kleinen Liste von Auffälligkeiten ihrer Freundin lauschte. Beth hatte ja keine Ahnung – so wie jeder andere ihrer Freunde auch. Dass Mike sie verfolgte, seit sie ihm in einer rein freundschaftlichen Geste ihre Visitenkarte gegeben hatte, wusste Beth scheinbar noch nicht. Und die Tatsache, dass Mike ihr seit diesem unsäglichen Abend im Pirat’s wie ein liebeskranker Vollidiot hinterherstreunte, machte ihr Angst – ganz besonders seit dem Vorfall in der Unibibliothek. Vermutlich beobachtete er sie jetzt gerade wieder von der Straße aus hinter irgendeinem Gebüsch. Was für eine gruselige Vorstellung.

Helena hatte Geschichten über Stalker immer überbewertet. Jetzt wusste sie, wie es sich anfühlte, verfolgt zu werden. Warum ich? …, fragte sie sich zum gefühlt tausendsten Mal. Es gab zig andere Frauen, die er umgarnen könnte und sicher war auch eine dabei, die zu ihm passen würde. Warum nur hatte er sich ausgerechnet sie ausgesucht? Gerade sie mit ihrem Nullachtfünfzehn-Aussehen. Sie, die sich mit ihren einsachtundsechzig viel zu klein fühlte. Sie, deren Figur alles andere als weiblich wirkte. Sie, die mit ihren zweiundzwanzig Jahren noch immer beim Kauf einer Flasche Wein im Supermarkt ihren Ausweis vorzeigen musste, weil man sie für siebzehn hielt. Ihr Selbstbewusstsein hatte ohnehin schon das Fassungsvermögen eines Fingerhuts, und dann kam dieser enervierende Typ daher und sorgte dafür, dass sie vor ihrem eigenen Spiegelbild zusammenzuckte. Wenn das so weiterging, würde sie sich demnächst nicht mehr aus ihren vier Wänden wagen, weil sie hinter jeder dunkler Ecke den schwarzen Mann vermutete. Sie sah schon die Schlagzeile in der Zeitung vor sich ‚Junge Frau an chronischer Einsamkeit verendet’. Die seufzte leise. „Warum bist du hier, Bethie?“, fragte Helena, obwohl sie eine ziemlich genaue Ahnung davon hatte, was als nächstes kommen würde. Seit zwei Wochen versuchte Beth sie zu einem gemeinsamen Abend zu bewegen. Sie müsse mal wieder raus, unter Menschen, hatte sie am Telefon gesagt, als Helena mal wieder abgesagt hatte. Sie hatte Unwohlsein vorgeschoben, was ja durchaus stimmte, nur nicht so, wie sie Beth Glauben machen hatte wollen. Mal abgesehen davon, dass eine ziemlich üble Form von Grippe sie vollkommen niedergehauen hatte. Für eine ganze Woche. Dennoch fühlte sie sich damit keineswegs besser. Und wenn sie Beth einfach reinen Wein einschenkte? Warum eigentlich nicht, bevor wir hier noch gemeinsam vor die Hunde gehen …, knurrte die verächtliche Stimme in ihr. „Ums kurz zu machen, Hel … ich mach mir Sorgen um dich.“, platzte es plötzlich aus Beth heraus. Ich weiß …, dachte Helena und rollte seufzend die Augen. „Danke, Beth, das ist nicht nötig. Es geht mir gut.“, versuchte sie, ihre Freundin zu überzeugen. Es war ein kläglicher Versuch, und Helena spürte, dass Beth ihr kein Wort glaubte. Zumindest sagte das ihr argwöhnischer Gesichtsausdruck. „Glaub ich nicht.“, erwiderte die Brünette und verschränkte mürrisch die Arme vor der Brust. Helena seufzte genervt. „Das hatte ich befürchtet.“, murmelte sie leise.

Beth neigte den Kopf und sah Helena mit einem Ausdruck in den Augen an, der völliges Unverständnis zeigte. „Ich dachte nur, dass dein … merkwürdiges Verhalten vielleicht mit … einem Mann zu tun hat.“, sprudelte es schließlich aus ihr heraus. Bingo. Gleich beim ersten Versuch ein Volltreffer. Beth, du bist mir unheimlich … Mit offenen Mund starrte Helenas ihre Freundin an. „Ich hab Recht.“, hauchte Beth verblüfft, ehe sich ein breites Grinsen über ihr Gesicht zog. Unbehagen durchflutete Helena, und ihre Wangen begannen zu glühen, während sie beschämt den Blick abwandte. Beth kicherte leise, ob Helenas untrüglicher Verlegenheit. „Wusste ich’s doch.“, triumphierte sie. Klar, aber nicht so wie du denkst …, dachte Helena. „Wer ist es?“ Oh mein Gott, nicht das jetzt. Ein leiser Hauch Zorn mischte sich in Helenas Verlegenheit. Krampfhaft überlegte sie, wie sie Beth am schnellsten wieder loswerden könnte. „Ist es Josh?“, hakte sie prompt nach. Irritiert runzelte Helena die Stirn. Josh? Wie kam sie bloß auf den? Josh hatte sie damals zwar im Pirat’s kennen gelernt, aber sie hatten den ganzen Abend kein Wort miteinander gewechselt. Gut, Josh war nett, aber mehr auch nicht. „Oder vielleicht doch Thomas.“, riet Beth weiter. Eine Sekunde später war Josh vergessen. Mit wachsendem Unbehagen beobachtete Helena, wie Beth in dem kleinen Wohnzimmer nachdenklich auf und ab zu laufen begann. Was wird das jetzt? Abrupt blieb die Brünette stehen. „Oh ja, Thomas, der ist echt süß … eine gute Wahl. Den hätte ich auch gerne.“, plapperte Beth munter drauf los, bevor sie mit leuchtenden Augen vor Helena stehen blieb. „Wenn du willst, helfe ich dir, ihn für dich zu gewinnen.“, schlug Helena beinahe gelangweilt hervor. Erstaunt weiteten sich Beths Augen. „Dann ist er es also auch nicht?“ „Nein!“, erwiderte Helena schroffer als beabsichtigt. Er interessiert sich eher für Autos und … Mike, als Freund zumindest … glaube ich. Und ein Kerl, der einen Freund einem Date vorzieht, ist wohl kaum die richtige Wahl. Einen Moment lang sah Beth ihre Freundin unschlüssig an, dann fuhr sie fort, eine sichtbare Laufspur in ihren Teppich zu pflügen. „Mhmm … Ich hätte schwören können, dass zumindest er …“, murmelte sie und verstummte schließlich.

Kopfschüttelnd beobachtete Helena, wie ihre Freundin rastlos in ihrem Zimmer auf und ab ging und sich verzweifelt bemühte, Helenas Verhalten zu enträtseln. Typisch Beth …, ging es Helena durch den Kopf. Fast schon amüsierte sie diese Neugier, wenngleich der eigentliche Hintergrund für Helenas Veränderung alles andere als lustig war. „Okay, dann rate ich einfach mal weiter … Mike?“, fuhr Beth fort. Augenblicklich erstarrte Helena. „Mike?“ Überrascht und gleichsam alarmiert registrierte Beth, wie sämtliche Farbe aus Helenas Gesicht wich. Wie kam sie nur auf Mike? …, schoss es Helena durch den Kopf. Hastig erhob sie sich und wandte Beth den Rücken zu. Nervös zuppelte sie an ihrem Pullover und strich sich mit den Fingern durch ihre braunen Haare. Beth musterte sie argwöhnisch. „Stimmt was nicht, Hel?“, fragte sie mit einem Ernst in der Stimme, der Helena nur zu deutlich suggerierte, dass sie ihren Schwachpunkt gefunden hatte. Zumindest einen von ... vielen. Und sie würde so lange bohren, bis sie die Wahrheit erfahren hatte. Sollte sie es ihr einfach sagen? Beth war ihre beste Freundin – neben Kate – und eigentlich sollte sie ihr vertrauen, oder nicht? Nun mach schon, Helena … es hat eh keinen Zweck …, sagte sie zu sich selbst. Resigniert stieß sie die Luft aus und wandte sich zögernd zu Beth um. Nach einem kurzen scheuen Blick in die Beths Augen senkte Helena beschämt den Blick. „Er verfolgt mich.“, begann sie leise. Beths Augen weiteten sich. „Wer? Mike? Mike verfolgt dich? Seit wann?“, platzte es aus ihr heraus. Ergeben zuckte Helena die Schultern. Mit einem kurzen Räuspern hob sie den Blick, während sie den Kloß in ihrem Hals, der ihr langsam die Luft abzuschnüren begann, hinunterzuwürgen versuchte. „Seit dem Abend im „Pirat’s“ vor drei Wochen.“, fuhr sie zögernd fort und rieb sich mit einer fahrigen Bewegung über das Gesicht.

Mit einer Mischung aus Entsetzen und Fassungslosigkeit stand Beth auf und trat an ihre Freundin heran. „Was hat er getan, Hel?“, fragte sie in einem Tonfall, der nur zu deutlich versprach, dass die den Typen mit bloßen Händen kastrieren würde, sollte er ihr etwas angetan haben. Helena zuckte die Schultern, während sie angestrengt nach den geeigneten Worten suchte. Es dauerte eine Weile, bis sie weitersprach. „Am Anfang hat er nur ab und zu mal angerufen und SMS geschrieben.“, erzählte sie. Beth betrachtete sie schweigend. „Das war ja auch ganz nett.“, ergänzte sie mit einem halben Lächeln, was eher gequält als fröhlich wirkte. Sie holte tief Luft und stieß sie geräuschvoll wieder aus. „Dann hatte er mich zum Brunch eingeladen.“ Ein Kaleidoskop an Gefühlen spielte sich in Beths Gesicht ab. Sie schien zu spüren, dass das, was ihre Freundin ihr anzuvertrauen versuchte, keine Lappalie war. Behutsam griff sie nach ihrer Hand, ermunterte sie mit dieser Geste, weiterzusprechen. Und Helena tat es. „Dann hat er mir gesagt, dass er mich … na ja, mag … und so … und ich bin weggelaufen, weil … weil ich nichts von ihm will.“ Sie stockte und blies zittrig die Luft aus. „Ja, und seitdem ruft er dauernd an, schreibt SMSen, in denen er mich anfleht, ihm eine Chance zu geben und so einen Scheiß …“ Beths Miene verfinsterte sich. Das Mitgefühl in ihren Augen wich einem gefährlichen Blitzen. Die widersprüchlichsten Empfindungen durchfluteten sie, während Helena erneut Luft holte, um den Worten freien Lauf zu lassen, die in diesem Moment wie eine Welle der Befreiung aus ihr herausdrängten.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Sa Jan 05 2013, 09:49

Na endlich, diese Selbstkasteiung war ja auch kaum noch auszuhalten. Ich bin sehr gespannt, wie Beth mit dem neuen Wissen umgeht, vor allem, wenn Helena auch noch von dem Vorfall in der Bibliothek erzählt. So wie ich sie einschätze, ist der Gedanke mit der Kastration gar nicht so verkehrt. Wenn auch hoffentlich nur verbal. Aber definitv, wird sie die überzeugenderen Argumente finden Mike zu überzeugen.

Mach schnell weiter! bounce
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