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 Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"

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Mini_2010

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BeitragThema: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 09 2012, 18:51

das Eingangsposting lautete :

Liebe Leser,

Die nachfolgende Geschiche habe ich vor etwa zwei Jahren einmal geschrieben. Bisher verweilte sie geduldig auf meinem Laptop. Nach langen Überlegungen habe ich mich nun doch dazu durchgerungen, sie hier im Forum zu veröffentlichen. Ich weise vorab darauf hin, dass die Geschichte Passagen enthält, die in die Kategorie FSK 16/18 gehören. Ansonsten freue ich mich natürlich, wenn sie euren Zuspruch findet. Sollte das nicht der Fall sein, wäre es schön, das zu wissen, dann würde ich davon absehen, sie fortzuführen.

Danke und viel Spaß beim Lesen.

Liebe Grüße
Mini


****************************************

Prolog
Schweden, Juni 2005


Unruhig warf er sich auf seinem Bett hin und her. Es war wieder einer jener grausigen Träume, der ihn seit Monaten verfolgten. Erschöpft und verwirrt von seiner träumenden Pein drehte er sich auf den Rücken und starrte an den weißen Baldachin, der anmutig über seinem Bett schwebte. Warum immer wieder dieser Traum? War es bald wieder soweit? Immer, wenn die Zeit drängte, mehrten sich diese seltsam beunruhigenden Träume. Und er hatte keine Zeit mehr, soviel wusste er. Und noch etwas lag in der Luft. Etwas, was er noch nicht greifen konnte, etwas, was ihn beunruhigte und sein Herz zum Rasen brachte. Keuchend stieß er den Atem aus und legte sich die Hand über seine Augen. Ein schwaches Licht drang von draußen durch die feinen seidenen Vorhänge. Mit schwirrendem Kopf erhob er sich von seinem Bett, durchquerte auf schlaftrunkenen Füßen das Schlafzimmer und trat auf den Balkon des großzügigen Hauses, welches er seit ein paar Jahren sein Eigen nannte. Er war viel herumgekommen, und einst würde der Moment kommen, dass er wieder gehen müsste. Aber noch war es nicht soweit, noch hatte er die Möglichkeit, seine Aufgabe zu erfüllen, um dem Bann zu entgehen, der auf ihm lastete. Als er damals ausgesprochen wurde, hatte er es zunächst für den kompromittierenden Versuch einer zynischen Frau gehalten. Aber er hätte es besser wissen müssen, schließlich hatte er sie bis aufs Blut gereizt. Und wenn er ehrlich war, hatte er sich auch keineswegs dafür geschämt. Seine Arroganz war ein sicherer Schild seiner virilen Selbstsicherheit, und seine Wut stärkte ihn regelmäßig, damit er nicht vergaß, dass eine Offenbarung seiner Seele ihm nur mehr Leid zuführen konnte. Wann er so geworden war, wusste er nicht mehr, und dass sie dieses Wesen an ihm hasste, gab ihm den notwenigen Nährboden, sich sicher zu fühlen – von der Welt gehasst und nur von den Allerengsten wirklich erkannt und geliebt. Im Grunde war er selbst schuld an seinem Leid, und das wusste er. Wie oft hatte er sich gewünscht, so zu sein, wie seine Geschwister, gesegnet mit der Liebe einer Mutter und dem Wissen, dass er ihr etwas bedeutete. Er wusste, dass er ihr mit diesem Wunsch unrecht tat, da sie auch ihm das gegeben hatte, was er den anderen tief in seinem Inneren neidete. Nur leider schien er für ihr Geschenk nicht empfänglich zu sein. Wie eine Krankheit war das Geschenk in seinen Händen verdorben und unbrauchbar geworden und hatte stattdessen seinen Hass und seinen Zorn geboren und stetig genährt. Am Ende war es sein innerer Gram, sein Hass allein auf sich selbst, der ihr die Schuld an seinem Unglück gab.

Sein Vater war stolz auf ihn. Als er ihn nach dem Grund gefragt hatte, hatte er gesagt, dass er besser für den Kampf geeignet wäre als sein Bruder. Er erinnerte sich, wie glücklich er über diese Anerkennung gewesen war. Und als er seinen Vater gefragt hatte, warum er das so sah, hatte dieser nur gemeint, dass er nicht das verschwenderische Herz eines Liebenden besäße. Es sei gerade soviel Gefühl in ihm, dass er seinen Feinden den Gnadenstoß gewähren würde, anstatt wie ein feiger Hund jaulend vom Schlachtfeld zu flüchten. Er besaß nicht das Herz eines Liebenden? Er war betrübt, ja sogar entsetzt darüber gewesen, was sein Vater von ihm hielt. Daraufhin hatte er sich geweigert, an seiner Seite zu kämpfen und begonnen, das Leben eines Eremiten zu führen. Hinter dem Schutzmantel der Gleichgültigkeit hatte er seine verletzte Seele vor der Welt verborgen. Niemand sollte je an sie herankommen. Mit den Jahren wurden Einsamkeit und Selbsthass seine besten Verbündeten, halfen sie ihm doch, den Panzer um seine Seele zu stählen, die das winzige Gefühlsaufkommen beinhaltete, was ihm zueigen war. Und mit der Zeit wurde er gut darin, diese kostbaren Gefühle tief in sich zu verbergen, bis sie fast gar nicht mehr zum Vorschein kamen. Nur sehr selten und meist nur dann, wenn er selbst keinen Einfluss darauf hatte, zeigten sie sich. Der sichere Panzer hatte ihn die Äonen seines Daseins über geschützt. Doch urplötzlich schien die Zeit aus den Fugen geraten zu sein. Eigentlich sollte er es als einen Segen empfinden, aber die Tatsache, dass er nicht selbst über sein Dasein entscheiden konnte, ließ diese Empfindung nicht zu. Er war ein Narr – ein kaltes Herz, was einer Seele nachjagte, die er doch nie erwärmen können würde. „Du siehst aus, als hättest du schlecht geträumt.“, vernahm er eine sanfte weibliche Stimme, gefolgt von leisem Rauschen. Er sah auf und konnte einen schwebenden Schatten am nächtlichen Himmel ausmachen. Die schöne Gestalt schwebte, getragen von anmutigen Schwingen, auf seinen Balkon. Augenblicklich verschwanden ihre schönen Flügel, die er immer bewundert hatte. „Nemesis. Was verschafft mir die Ehre deines nächtlichen Besuchs?“, erwiderte er beinahe gelangweilt. Es tat ihm leid, dass er sie so schroff begrüßte, denn er mochte Nemesis. Sie waren sich auf eine ungewöhnliche Weise sehr ähnlich. „Ich habe dich gesucht. Und du hast dich ziemlich gut versteckt. Doch dein Zorn hat dich verraten. Ich hab ihn gespürt. Du weißt doch, wie sehr ich dafür empfänglich bin.“, erklärte sie und tippte sich lächelnd gegen ihre kleine hübsche Nase. „Zornradar …“ Er lachte leise. „Ich rieche ihn … und dann bin ich da. Wer hat dir Unrecht getan?“, fragte sie mit fester Stimme, in der ein Hauch Missbilligung mitschwang.

Er schnaubte leise und winkte mit einer lässigen Handbewegung ab. „Die Kurzfassung?“, fragte er trocken. Nemesis nickte wortlos. Aus ihrem hübschen Gesicht, welches von einer dichten blonden Lockenpracht umrahmt wurde, blickten ihn zwei silbergraue Augen streng an. Er kannte diesen Blick, der ihm nur zu deutlich sagte, dass sie keine Ruhe geben würde, bevor er nicht ausgesprochen hatte, was sie zu wissen verlangte. Es war schon so lange her, seit dieser Bann gesprochen wurde, und erst jetzt fiel ihm auf, dass er Nemesis lange nicht gesehen hatte. Er seufzte indigniert. „Mein Bruder hatte einen Anfall von Geltungssucht, ich hab mich provozieren lassen und ein paar … wie soll ich sagen … Dinge laut ausgesprochen, die andere nicht mal im Stillen gedacht hätten, und sie – er sprach dieses Wort aus, als wäre es eine Krankheit – hat mich darauf hin verflucht. Nun sitze ich hier, inmitten der Zeit, die mir so unaufhaltsam durch die Finger rinnt, und bin doch nicht schlauer als gestern oder vorgestern. Zumindest habe ich schon mal gelernt, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Alternativ droht mir ja ohnehin nur das Getuschel sensationssüchtiger Dummköpfe, und da mir das eh nicht behagt, bleibe ich, wo ich bin. Du weißt ja, Selbstmitleid war noch nie meine Stärke.“ Nemesis hob fragend die Augenbrauen. Kopfschüttelnd sah sie ihn an. „Das übliche also?“ Er nickte betrübt. Nemesis stieß ein leises Seufzen aus. „Du weißt, dass ich sie nicht für etwas zur Rechenschaft ziehen kann, was sie nicht zu beeinflussen in der Lage ist. Sie liebt dich, das weißt du genauso gut wie ich. Dass ihre Gabe in dir keine Wurzeln schlägt und Früchte trägt, ist einem höheren Schicksal zuzuschreiben.“, erklärte sie ruhig und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er seufzte wieder. Sein innerer Schutzpanzer war brüchig geworden, aber Nemesis konnte er vertrauen. Selbst wenn er sein Gesicht verlöre, sie würde ihn nicht verhöhnen oder verurteilen. Sie war ihm treu, wie kaum ein anderer, den er kannte. Dann sah er sie an und lächelte gemein. „Vielleicht könntest du ja meinem Bruder mal einen Denkzettel verpassen. Glaub mir, der Knabe hat es mehr als verdient.“ Nemesis lächelte zaghaft. „Ja, da gebe ich dir recht. Aber sein Hass ist ehrlich. Er empfindet keine Liebe für dich, die man als herzlos oder falsch bezeichnen könnte. Glaub mir, wenn dem so wäre, würdest du meine Rache schon bemerkt haben.“ Jetzt grinste sie breit. Er bedachte sie mit einem gequältem Lächeln, und Nemesis hob ihre Hand, um ihm zärtlich über seine Wange zu streichen. „Du bist mir unter all denen Unsrigen der Liebste, mein schöner dunkler Engel.“, raunte Nemesis.

Er sah auf sie herab und verzog mürrisch das Gesicht. Er hasste es, wenn sie ihn so nannte. Er war kein Engel, doch Nemesis schien die Tatsache allein, dass er Flügel besaß – die er so gut wie nie zeigte, geschweige denn, benutzte – zu genügen, ihn regelmäßig damit aufzuziehen. Er sah sie tadelnd an, doch sie grinste nur verschmitzt zurück. „Du bist, was du bist. Wir zwei sind uns in manchen Punkten so ähnlich.“, erklärte sie feierlich. „Eigentlich ein perfektes Paar.“ Sie machte sich nicht die Mühe, das schelmische Grinsen zu verbergen. „Ja, das ist dein Glück. Andernfalls hätte ich dich schon längst übers Knie gelegt und dir den Hintern versohlt.“, knurrte er leise.“ Nemesis grinste noch breiter, trat näher zu ihm und stellte sich auf die Zehenspitzen. Dann legte sie ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn zu sich hinunter. Ihre Lippen an seinem Ohr jagten ihm einen kurzen Schauer über den Rücken. „Mein schöner Engel, komm, lass uns die Nacht ein wenig unsicher machen.“, säuselte sie. Er sah sie argwöhnisch an. „Ich weiß nicht …“ Er wollte sich aus ihrer Umarmung lösen, doch sie hielt ihn fest. „Komm, ich weiß dass du das nicht magst, aber es ist jetzt genau das, was du brauchst. Und morgen stellst du dich wieder deinem Leben. Glaub mir, auch das Schicksal braucht mal eine Pause.“, meinte sie leichthin. Er zögerte einen Moment und sah sie schweigend aus traurigen Augen an. „Also gut, kleine Schwester. Nur für dich.“, flüsterte er mit einem kleinen Lächeln. Dann wuchsen zwei wunderschöne mitternachtsschwarze Flügel aus seinem Rücken, und Nemesis’ Augen leuchteten begeistert auf. Dann stießen sie sich von dem Balkon seines Schlafzimmers ab und entschwanden gemeinsam lautlos in der Nacht. Eine Weile streiften sie durch die Gegend, bis sie sich auf einer kleinen unbewohnten Insel nahe einem Fjord an der Schwedischen Küste niederließen und in die Magie des Midsommar fühlten. Er liebte diesen Moment im Jahr, an dem der Sommer gefeiert wurde. Die Sommersonnenwende und der Beginn der weißen Nächte. Er sah zum Himmel auf. Das Zwielicht des Midsommar ließ die Sterne in einem anderen Glanz funkeln. Sterne. Ein leises Seufzen entwich seinem Inneren. Sie hatten etwas mit ihm gemeinsam. Sie waren genauso weit entfernt wie er von seiner Erlösung.

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Zuletzt von Mini_2010 am Do Aug 30 2012, 20:39 bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Aug 14 2012, 13:15

Wieder sehr schön geschrieben, meine Liebe... Smile
Bin meegaa gespannt wie's weiter geht!! Schreib schnell weiter..
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Aug 14 2012, 21:16

Eine kleine Einführung in die geschundene Welt der Künstler. Wink Da wollen wir mal hoffen, dass Helena den richtigen Weg und das richtige Quäntchen Glück finden wird... Smile

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Aug 14 2012, 22:26

Danke ihr zwei für eure wundervollen Kommentare. Ich bemühe mich um eine baldige Fortsetzung. Fühlt euch gedrückt ... LG, Mini Wink

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Aug 15 2012, 08:40

So, dann schauen wir doch mal, wie der Abend im "Pirat's" läuft. Viel Spaß beim Lesen. Wink


Teil 7


„Hey, da vorne ist Josh.“, meldete sich plötzlich Adrienne zu Wort, die gerade ihr Glas auf den Tisch stellte und in Richtung Tür zeigte. Wie auf Kommando folgten Beth und Helena ihrem Wink. Durch die Menge steuerte ein großer schlaksiger Typ mit kurzem strohblondem Haar und dunklen Augen direkt auf den Tisch der drei Frauen zu. Im Schlepptau folgten ihm zwei weitere Männer. „Hi Adrienne, … du hier?“, fragte er grinsend und musterte Helena und Beth mit einem flüchtigen Blick. Adrienne räusperte sich. „Beth, Helena, das ist Josh … Josh, das sind Helena und Beth.“, erklärte sie, während sie wild mit den Händen gestikulierte, um sie einander vorzustellen. Hinter Josh tauchten die beiden anderen Männer auf, und Helena schluckte kurz, als ihr Blick den Großen mit den verstrubbelten aschblonden Haaren und den hellbraunen Augen streifte. Das ist der Typ. Spontan erinnerte sie sich an den Zusammenstoß vom Nachmittag auf ihrem Weg nach Hause. Na wenn das mal kein Zufall ist. Der Typ lächelte, und Helena wusste, dass er sie ebenfalls wiedererkannt hatte. Der andere Kerl, dunkelhaarig mit den blausten Augen, die Helena jemals gesehen hatte, schlug Josh kraftvoll auf die Schulter, so dass der kurz einsackte. „So sieht man sich also wieder.“, meinte der Blonde lässig und grinste Helena vielsagend an. „Ihr kennt euch?“, fragte Josh verwirrt. Helena klappte der Mund auf, und ihr Blick wanderte abwechselnd zwischen Josh und dem Blonden hin und her. „Nein“ „Ja“, antwortete der Typ zur gleichen Zeit, und die anderen begannen wie auf Kommando zu lachen. „Nein … ich meine, na ja …“, stotterte Helena. „Sie will sagen, dass sie mich heute Nachmittag über den Haufen gerannt hat und dann einfach abgehauen ist.“, erklärte der Typ mit einem leicht süffisanten Grinsen im Gesicht. „Hab mich schon gefragt, wann ich dich wieder sehe.“ Helena wandte sich zu Beth um, die in einer vorwurfsvollen Geste die Brauen hob, die ganz eindeutig sagte … Warum weiß ich davon noch nichts. „Okay, … also das hier sind Thomas und Mike, zwei Freunde aus der Schulzeit.“, stellte Josh den Dunkelhaarigen und den Blonden vor. „Wir haben zusammen den Wirtschaftskurs. Mike studiert mit mir BWL und Thomas Mathematik.“, erklärte er. Kurz stellten sich die sechs einander vor, ehe sich die drei Männer zu den drei Frauen gesellten. Josh winkte den Kellner heran und bestellte eine Runde Drinks.

Die nachfolgenden Stunden vertieften sie sich in allgemeines Geplauder aus Alltag, Studienkursen und Zukunftsvisionen, als Mike, der Helena die ganze Zeit schon mit unverhohlenem Interesse musterte, diese plötzlich erstaunt ansah. „Wow … wenn du wirklich so gut bist, wie Beth hier schwärmt, dann musst du mir unbedingt mal deine Bilder zeigen.“, erklärte er und lächelte breit. Diese Ansage ist ja wohl mehr als zweideutig …, dachte Helena, die augenblicklich das Gefühl ereilte, dass sein eigentliches Interesse nicht ihrer Kunst galt. Sie starrte verlegen auf ihre Hände, nicht zuletzt um seinem durchdringenden Blick zu entgehen, der ihr den ganzen Abend schon zusetzte. Sie hatte gerade eine Pleite hinter sich und war nicht im Mindesten in der Stimmung, sich schon wieder auf jemand neues einzulassen. Und das der Typ sie schon die ganze Zeit ziemlich offensiv anflirtete, verunsicherte sie von Minute zu Minute mehr. „Was ist?“, fragte Mike und legte nun ungeniert seine Hand auf ihre. Abrupt zog Helena sie zurück, was ihr einen belustigten Blick seinerseits einbrachte. Lässig lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und machte sich nicht die Mühe, sein offensichtliches Interesse diskret zu verbergen. Ungeniert durchbohrte er sie mit seinen Augen, so als wolle er sie auffordern, endlich in seinen Flirt einzusteigen. Als das nicht fruchtete, begann er seelenruhig, sie mit einem ziemlich anzüglichen Blick zu mustern. Dann bedachte er sie mit einem Lächeln, aus dem unübersehbar Ich will dich schrie. So langsam begann Helena sich unbehaglich zu fühlen. Und je länger er in ihrem Dunstkreis weilte, umso verzweifelter suchte sie nach einem galanten Weg, der Situation zu entfliehen. „Ich kann dir ja meine Karte geben …“, erklärte sie schließlich und versuchte, ihre Stimme fest und sicher klingen zu lassen. Mit fahrigen Fingern kramte sie in ihrer Handtasche und förderte eine Visitenkarte zutage, die sie ihm über den Tisch schob. Grinsend griff er danach, konnte es jedoch nicht lassen, dabei ihre Finger eine Sekunde länger zu berühren als nötig. Helena, die mehr und mehr genervt war, funkelte ihn böse an. Doch Mike grinste nur und warf ihr einen Kussmund zu. Helena wurde übel. Er sah sicher nicht schlecht aus, aber er war ganz eindeutig nicht ihr Typ. Heute Nachmittag bei ihrem Zusammenstoß hatte sie nur einen flüchtigen Blick auf ihn werfen können und ihn sofort als Stephen Nummer zwei identifiziert.

Nun, da sie die Gelegenheit hatte, einen Eindruck seines Charakters zu bekommen, der enervierend aufdringlich war, revidierte sie ihre Meinung. Gegen ihn war Stephen ein Traummann. Auf einmal konnte sie kaum etwas Attraktives mehr an ihm erkennen. Im Gegenteil, sie ertappte sich sogar dabei, wie sie begann, seine Makel zutage zu fördern und in eine Dimension zu erheben, die ihn abstoßender machte, als er tatsächlich war. Doch das war ihr egal. Die Abneigung gegen jemanden zu fördern, bewahrte einen davor, den vermutlich offensichtlichen Reizen zu verfallen. Mal abgesehen davon, dass Helena rein gar nichts an Mike reizvoll fand. Seine äußere Erscheinung wirkte auch unter objektiver Betrachtung ein wenig ungepflegt. Und die unverfrorene Art, mit der er schon die ganze Zeit flirtete, erschreckte sie nicht nur, sondern brachte sie auch gefährlich nah an den Rand ihrer Geduld. Er strahlte eine Überheblichkeit aus, die sie auch ohne ihre Abneigung zu ihm zu trainieren, eindeutig abstieß. Diese Art Mann, der bei jeder Gelegenheit seine Dominanz zu demonstrieren versuchte, war eindeutig nicht ihr Ding. Und dieses Lächeln, was zunehmend den Eindruck in ihr erweckte, dass dieser Flirt nur der Auftakt zu mehr sein sollte, brachte ein würgendes Gefühl zutage. Und je weiter der Abend fortschritt, um so mehr bereute sie, dass sie ihm so vorschnell ihre Karte gegeben hatte. Wenn das mal gut ging … Um sich aus Mikes Aura zu befreien, richtete sie ihr Interesse auf das Gespräch, in welches Josh und Thomas gerade mit Beth und Adrienne vertieft waren, in der Hoffnung, dass er sie dann in Ruhe ließ. Aber weit gefehlt. Sein Blick brannte förmlich auf ihrer Haut, und ihre Augen huschten immer häufiger sehnsüchtig zur Tür. Angestrengt halbherzig folgte sie der Diskussion, ehe sich ihr Augenmerk intensiver auf Thomas richtete. Er sah wirklich gut aus – hoch gewachsen, kurze dunkelbraune Haare. Doch das, was sie am meisten faszinierte, waren seine unglaublich blauen Augen. Wie zwei Saphire strahlten sie aus seinem Gesicht, welches etwas verwegen Jungenhaftes barg. Helena selbst hatte auch blaue Augen, aber mit seinen waren sie nicht zu vergleichen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, entschied sie, dass ihr gefiel was sie sah. Sein Körper war schlank, nicht besonders muskulös, aber auch nicht schmächtig – er war einfach ganz normal. Doch am meisten gefiel ihr seine ruhige Ausstrahlung. Er hörte aufmerksam zu, während Josh die meiste Zeit redete. Wie gerne hätte sie einmal seine Stimme gehört, nur um zu wissen, ob sie zu dem passte, was sie sah.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Aug 15 2012, 11:29

Was für ein wundervoller Teil.... Smile
Na der Mike findet sich wohl für denn Besten das er meint so Helena kriegen zu können, indem er sie berüht und versucht mit ihr zu Flirten... wo sie ja nicht drauf eingeht, weil der Typ einfach nervt. Rolling Eyes
Freue mich wenn es weiter geht.
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Aug 15 2012, 19:15

Lizzy schrieb:
Was für ein wundervoller Teil.... Smile
Na der Mike findet sich wohl für denn Besten das er meint so Helena kriegen zu können, indem er sie berüht und versucht mit ihr zu Flirten... wo sie ja nicht drauf eingeht, weil der Typ einfach nervt. Rolling Eyes
Freue mich wenn es weiter geht.

Danke dir, für deinen tollen Kommi. Ja, Mike hat wirklich ein wahres Talent, auf Frauen zuzugehen. Die Frage ist nur, wie kommt Helena galant wieder aus der Situation raus ... Wink

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 16 2012, 09:15

Teil 8


„Hey, was macht ihr eigentlich morgen Abend?“, fragte Beth unvermittelt und brachte damit neues Leben in die Unterhaltungen am Tisch. Thomas' Blick fiel auf Beth und streifte für einen kurzen Moment Helenas. Ja, er hat wirklich schöne Augen. Beth stieß ihr denn Ellbogen unsanft in die Rippen, und Helena riss sich von seinem Anblick los. Als sie sich wieder gefangen hatte und Thomas Blick erneut begegnete, sah sie ein zaghaftes Zucken in seinen Mundwinkeln. Verdammt, sie hatte ihn angestarrt, und er hatte es bemerkt. Augenblicklich lief sie rot an. Himmel, was für ein kurioser Abend. Wo bitte war das nächste Loch, in dem sie verschwinden konnte. „Wir wäre es mit Tanzen?“, fragte Thomas und sah Helena direkt an, als wäre die Frage allein an sie gerichtet. „Klasse Idee.“, mischte sich plötzlich Mike ein. Gegen ihren Willen sah sie ihn an, um sofort zu bereuen, dass sie es getan hatte. Der Typ machte sie wahnsinnig. Nein, wenn Mike mit von der Partie wäre, würde sie alles versuchen, um einem weiteren Treffen in dieser Konstellation zu entgehen. Hastig suchte sie nach einer Ausrede. Dieser Abend heute war ein Zugeständnis an Beth gewesen. Dass dieser im Schlepptau mit drei Jungs enden würde, war nicht geplant und überschritt eindeutig ihre eigenen Kompromisse. „Ich kann leider nicht. Ich muss meine Hausarbeit noch fertig bekommen. Außerdem muss ich morgen arbeiten.“, erklärte sie mit gespielt entschuldigender Miene. Dass sie nicht arbeiten musste, wusste keiner und dass sie es obendrein auch nicht tat, ebenfalls nicht. Dass sie jedoch ihr begonnenes Stillleben fertig stellen musste, war eine unbestreitbare Tatsache. Beth würde das verstehen, auch wenn es ihr nicht gefiele. „Schade …“, meinte Thomas spontan und lächelte bekümmert. „Aufgeschoben ist doch nicht aufgehoben. Vielleicht bietet sich ja ein anderes Mal die Möglichkeit …“, versuchte Helena zu beschwichtigen, als zwei Tische weiter die dort sitzenden Männer plötzlich in schallendes Gelächter ausbrachen, so dass sie sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zogen. Neugierig wandte Helena den Kopf zu besagtem Tisch und war froh, dass ihre Augen eine andere Beschäftigung gefunden hatten, als Mikes widerlichem Blick begegnen oder Thomas wie ein Mondkalb anstarren zu müssen.

An besagtem Tisch am Rand des Kneipengeschehens saßen zwei Männer, die sich angeregt unterhielten und sich offenbar nicht daran zu stören schienen, dass sie mit ihrem ausgelassenen Gelächter gut zwei Dutzend Augenpaare auf sich zogen. Dass die meisten davon weiblich waren, verwunderte Helena nicht im Geringsten. Derjenige der beiden, der ihr zugewandt saß, hatte ein auffallend attraktives Gesicht, welches von blonden langen Haaren umrahmt war, die im Nacken zu einem lockeren Zopf gebunden waren. Helena schätzte ihn auf Ende zwanzig, höchstens Anfang dreißig. Sein ansteckendes Lachen veranlasste Helena unweigerlich zu einem Grinsen. Der zweite Typ, der mit dem Rücken zu ihr saß, hatte knapp schulterlange schwarze Haare, die etwas wirr um seinen Kopf lagen, so als hätte er sie ein paar Mal mit seinen Fingern bearbeitet. Er trug ein helles Hemd und, soweit sie erkennen konnte, eine dunkle Hose. Er hatte sich lässig auf dem Stuhl zurückgelehnt und die Beine unter dem Tisch ausgestreckt. Neugierig musterte sie ihn, als der Typ mit den blonden Haaren plötzlich den Blick hob und in ihre Richtung nickte. Er taxierte Helena kurz, beugte sich zu seinem dunkelhaarigen Gegenüber und flüsterte ihm etwas zu, ohne Helena dabei aus den Augen zu lassen. Die reden über mich …, wurde Helena schlagartig bewusst, als die Augen des blonden Fremden erneut ihren Blick streiften. Ach du Scheiße … Hastig wandte sie sich von der Szenerie ab und versuchte, sich wieder den Gesprächsthemen an ihrem eigenen Tisch anzuschließen, als sie bemerkte, wie der Blonde aufstand und sie dabei direkt ansah. Für eine Sekunde stockte ihr der Atem, ehe ihr Herz einem Trommelwirbel gleich zu rasen begann. Flucht …, schrie es mehrstimmig in ihrem Kopf. Und sie hatte nur eine Möglichkeit. Hastig beugte sie sich zu Beth und flüsterte schnell: „Wo ist hier die Toilette?“ Beth drehte ihr den Kopf zu und deutete mit einem Kopfnicken in die hintere linke Ecke. „Da hinten, am Tresen vorbei … zweite Tür links.“, erklärte sie knapp und wandte sich wieder Adrienne und den beiden Jungs zu. Und noch ehe der blonde Typ sich zwei Schritte von seinem Tisch entfernt hatte, war sie schon aufgesprungen und in Richtung Toilette verschwunden.

Erleichtert schloss sie die Kabinentür hinter sich und sank mit zitternden Knien auf den Toilettensitz. Oh Gott, wie bescheuert war das denn? Verdammt, warum musste sie die beiden auch so anstarren? Kopfschüttelnd vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen. Der Abend war eine einzige Katastrophe. Sie sah auf die Uhr. Kurz vor zwölf. Es wurde wirklich Zeit, dass sie nach Hause ging. Die vermutlich beste Idee an diesem Abend. Sie würde sich einfach verabschieden und dann verschwinden. Und wenn die beiden Typen ihr folgten? Vielleicht sollte sie Josh oder Thomas bitten, sie zur U-Bahn zu begleiten. Nein, die beiden kannte sie doch auch nicht. Und wenn Beth … Oh nein, das konnte sie nicht tun. Beth würde nie wieder ein Wort mit ihr reden, wenn sie ihr heute den Abend versaute, nur weil sie unter unheilbarer Paranoia litt. Nein, sie würde allein gehen und die paar Stationen mit der U-Bahn fahren. Entschlossen, ihren Plan durchzuziehen, verließ sie die Kabine und drehte den Hahn an einem der Waschbecken auf. Sie spritzte sich ein wenig Wasser ins Gesicht, um sich zu beruhigen. Ihr Spiegelbild sagte ihr, dass sie beschissen aussah. Ihr braunes Haar lag an ihrem Kopf als würde es nicht zu ihr gehören, und ihre blauen Augen sahen müde aus. Ihr ganzer Körper wirkte fahrig und irgendwie nervös. Hastig trocknete sie sich ab. Sie musste nach Hause … jetzt. Sie straffte ihre Schultern und verließ den Waschraum. Eilig kehrte sie in den riesigen Raum zurück und ignorierte das gerufene Hallo hinter sich. Noch mehr Bekanntschaft würde sie heute eindeutig nicht verkraften.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 16 2012, 12:19

Das ist wieder ein sehr schöner Teil.
Man ist das Spannend, bitte schnell weiter schreiben. Smile
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katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 16 2012, 14:52

Hm,
Mike ist doof, Thomas geht sie wegen Mike aus dem Weg, und der Blonde, der ihr das Herz zum Rasen bringt, ignoriert sie. Da hat die gute Helena aber einen ganz schön chaotischen Abend hinter sich. Bin gespannt, welcher der Männer als erstes wieder auftaucht. Vermutlich Mike, der war ja mal der offensivste.
Ist der Blonde vielleicht der Unbekannte Engel, oder was er auch immer ist?
Mini, du merkst, meine Gedanken finden keine Lösung crying , also bitte schnell weiter. Ich bin ja kein so wahnsinnig geduldiger Mensch. Gelle!! silent

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 16 2012, 17:24

katha schrieb:
Hm,
Mike ist doof, Thomas geht sie wegen Mike aus dem Weg, und der Blonde, der ihr das Herz zum Rasen bringt, ignoriert sie. Da hat die gute Helena aber einen ganz schön chaotischen Abend hinter sich. Bin gespannt, welcher der Männer als erstes wieder auftaucht. Vermutlich Mike, der war ja mal der offensivste.
Ist der Blonde vielleicht der Unbekannte Engel, oder was er auch immer ist?
Mini, du merkst, meine Gedanken finden keine Lösung crying , also bitte schnell weiter. Ich bin ja kein so wahnsinnig geduldiger Mensch. Gelle!! silent

Deine Gedanken sind erstaunlich, liebe Katha Wink . Du hast die Sache fast richtig erfasst. Nur mit dem Blonden der beiden, die an besagtem Tisch saßen, liegt du ein wenig falsch ... Das Augenmerk liegt auf seinem Begleiter, der mit dem Rücken zu Helena saß. Im Moment steht er noch ein wenig im Hintergrund ... aber nicht mehr lange.

Dass du ungeduldig bist, ist mir nicht neu ... Smile aber das ist ja der Sinn der Sache Razz

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 16 2012, 17:25

Lizzy schrieb:
Das ist wieder ein sehr schöner Teil.
Man ist das Spannend, bitte schnell weiter schreiben. Smile

Danke dir Lizzy. Ich hoffe, es bleibt auch noch ein wenig spannend Wink

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 16 2012, 17:36

Teil 9


Bei den anderen wieder angekommen, beugte Helena sich zu Beth. „Ich hab genug für heute. Ich hau ab. Lass uns morgen telefonieren oder so …“, erklärte sie eilig, während sie krampfhaft versuchte, ihre Panik zu verbergen. Was ihr nicht wirklich gelang. Beth sah sie fragend an. „Was ist los mit dir, Hel?“ Helena schüttelte den Kopf. „Nichts … ich bin nur völlig fertig.“, erwiderte sie wahrheitsgemäß und warf einen verstohlenen Seitenblick auf den Tisch mit den zwei unbekannten Männern, an dem nun nur noch der Blonde saß und sie ebenfalls ansah. Für eine Sekunde fragte sie sich, wo denn sein dunkelhaariger Begleiter abgeblieben war, verscheuchte aber den Gedanken sofort wieder. Warum fragte sie sich das eigentlich? Sie kannte die Männer doch gar nicht, und sie hatte auch nicht das Bedürfnis, das zu ändern. „Kommst du allein klar?“, fragte Beth, und Helena richtete ihre Aufmerksamkeit augenblicklich wieder auf ihre Freundin. „Ja klar, Bethie, kein Problem.“ „Hey, ich kann dich doch bis zur Station bringen.“, tönte Mike und grinste schief. Nein danke, nicht mal dann, wenn du der letzte Mann auf der Welt wärst. „Danke, das ist nett, aber nicht nötig.“, bemühte sich Helena, freundlich zu erwidern, während Mike sie mit großen dunklen Augen ansah, so dass ihr direkt ein eisiger Schauer über den Rücken kroch. Mit einem kurzen Blick murmelte sie der Runde ein schnelles „Auf Wiedersehen“ zu, wobei ihr Thomas’ mahnender Blick nicht entging. Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass er sie am liebsten bis nach Hause begleiten wollte, nur um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich dort ankam ... Nachdem sie sich verabschiedet hatte, drehte sie sich um und verließ – ohne einen weiteren Blick auf den Tisch mit den zwei Männern zu werfen – den Pub. Draußen begrüßte sie ein kalter unangenehmer Wind. Sie zog ihre Jacke enger um ihre Brust und vergrub ihre Hände tief in den Taschen. Die Nacht war kalt, und die Luft roch jetzt noch eindeutiger nach Schnee. Das Wetter würde den schon einziehenden Frühling noch mal zurückdrängen, soviel war klar. Was für ein nervenaufreibender Abend ..., seufzte Helena innerlich auf. Erst Mikes enervierende Anmache, die sie einfach nicht abzublocken in der Lage war. Dann Thomas’ nettes Lächeln, das sie in sich aufgesogen hatte, wie eine Pflanze die wärmende Sonne. Und schlussendlich diese beiden seltsamen Typen, die mit ihrem merkwürdigen Verhalten das Fass an diesem Abend eindeutig zum Überlaufen gebracht hatten. Und noch immer fragte sie sich, was sie vorgehabt hatten, als der blonde Typ plötzlich aufgestanden war und ihren Tisch angesteuert hatte.

Und wenn sie sich das alles nur eingebildet hatte? Wäre ja nicht das erste Mal. Oh Mann, Helena, vielleicht wollte der Typ ja gar nicht zu dir. Und da war sie wieder, die alte Paranoia. Tja, nun war sie weggelaufen – zum Glück, sagte die eine Hälfte, Verdammt, die andere. Nun würde sie nie wissen, was passiert wäre. Aber sie war auch nicht wirklich scharf darauf, der Antwort auf diese Frage auf den Grund zu gehen. Eine Erfahrung weniger, die sie ihrer langen Liste an selbigen hinzufügen würde. Umso besser. Ihr Leben war schon voll genug von dramatischen Aspekten, einen mehr hätte sie heute nicht verkraftet. Sie setzte ihren Weg in Richtung Metrostation fort. Die Autos, die am Straßenrand parkten, erzählten eindrucksvoll die verschiedenen Geschichten ihrer kulturell vielseitigen Bewohner, die diese Stadt ihr Zuhause nannten. Helenas Blick schweifte zu den gedrungenen Häusern rechts und links der Straße … und passen ganz eindeutig zu diesem Viertel. Sie kam an einem alten VW Polo vorbei, dessen Kotflügel schon die ersten groben Rostspuren zeigten. Am Rückspiegel hing eine kleine Fahne eines hiesigen Fußballclubs. Ganz eindeutig ein Mann …, dachte Helena. Vermutlich Anfang zwanzig. Mit Sicherheit das erste Auto. Es war schlichtweg faszinierend, was ein Auto über seinen Besitzer aussagen konnte. Den kleinen Citroen, der direkt hinter dem rostigen Polo stand, ordnete sie spontan einer jungen Mutter zu. Sie trat näher heran und erkannte den Kindersitz auf der Rückbank. Innerlich lächelte sie über ihren folgerichtigen Verdacht. Helena hatte nie ein Auto besessen. In Schweden hatte sie keines gebraucht, da sie alles bequem zu Fuß hatte erreichen können. Und hier in Paris war es nicht anders. Sie selbst hatte sich nie wirklich Gedanken über einen eigenen fahrbaren Untersatz gemacht. Irgendwann vielleicht. Wenn ich mit meinem Studium fertig bin. Ihren Führerschein hatte sie vor Jahren gemacht und war damals nur ab und zu mal mit Nathans altem Ford gefahren, den seine Eltern ihm zu seiner bestanden Führerscheinprüfung geschenkt hatten. Stephen hatte es stets abgelehnt, wenn sie mit seinem Wagen fahren wollte. Er liebte seinen aufgemotzten VW Golf. Und er vertrat die Meinung, dass Frauen und Autos sich nicht miteinander vertrugen. Also hatte sie es irgendwann gelassen, ihn damit zu behelligen. Helena seufzte niedergeschlagen, als sie an Nathan und Stephen dachte. Augenblicklich war die alte Frustration wieder allgegenwärtig, die alsgleich in eine tiefe Traurigkeit abdriftete.

Eine kalte Brise fegte um die Häuser und wirbelte unangenehm durch ihre Haare. Augenblicklich vertrieb sie ihre düsteren Gedanken. Fröstelnd zog sie ihren Jackenkragen höher und beschleunigte ihre Schritte. Schon nach wenigen Metern hielt sie abermals abrupt inne, als sie an einem Auto vorbeikam, welches spontan ihre Aufmerksamkeit erregte. Und das lag nicht etwa an der Farbe oder dem enervierend glänzenden Äußeren. Nein, dieses Fahrzeug war so aufsehenerregend, weil es ganz und gar nicht in diese Gegend passte. Helena beugte sich vor und prüfte das Kennzeichen. Es stammte eindeutig aus Paris. Sie trat einen Schritt näher und starrte auf den dunklen Lack. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Helena kannte sich nicht wirklich aus mit Autos, von daher war sie auch nicht in der Lage die Marke einwandfrei zu bestimmen. Eines jedoch war unmissverständlich klar – der Besitzer war ganz eindeutig steinreich, vermutlich ein Drogenboss oder Zuhälter. Helena kicherte, als sie sich einen dickbäuchigen, mit fetten Goldketten behängten, Zigarre rauchenden schmierigen Widerling vorstellte. Ihr Kichern erstarb, als sie ihre Gedanken weiterspann. Sie schüttelte den Kopf und verzog angewidert das Gesicht. Ob nun Zuhälter oder nicht, ein Mann, der solch ein Auto fuhr, gehörte eindeutig nicht in ihr Beuteschema. Gewiss lag es nicht an der sprichwörtlich vermuteten körperlichen Unzulänglichkeit, die man derartigen Männern nachsagte, sondern vielmehr an der eher zutreffenden Charakterschwäche, die Luxusmenschen automatisch innehaben zu schienen. Es war für Helena nicht verwunderlich, dass manche Männer gern mit einem dicken Auto das zu kompensieren versuchten, was ihnen körperlich oder auch menschlich an anderer Stelle fehlte. Zweifellos eine kümmerliche Geste zu sagen „Beachte mich!“ Eine Weile betrachtete sie die geschwungenen modernen Linien des übertrieben protzigen Sportwagens und schüttelte schließlich seufzend den Kopf. Sofern sie sich jemals ein Auto zulegen würde, würde dieses vermutlich irgendwo zwischen dem rostigen Polo und diesem testosterongeladenen Metallgeschoss changieren. Vermutlich näher bei dem Polo. Viel näher.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 16 2012, 20:43

Ach ist das wieder ein toller Teil... ich bin gespannt wie das, mit Helena weiter gehen wird.
Bitte ganz schnell weiter schreiben.
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 16 2012, 22:26

Einfach wunderbar, wie du aus so etwas Banalem, wie dem Weg zur Metrostation, so einen klasse Teil zauberst. Wink
Na, dann bin ich ja mal gespannt, was mit dem Dunkelhaarigen so passieren wird...

Woher du nur weißt, dass ich ungeduldig bin Rolling Eyes Wink

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Aug 17 2012, 09:01

Lizzy schrieb:
Ach ist das wieder ein toller Teil... ich bin gespannt wie das, mit Helena weiter gehen wird.
Bitte ganz schnell weiter schreiben.

katha schrieb:
Einfach wunderbar, wie du aus so etwas Banalem, wie dem Weg zur Metrostation, so einen klasse Teil zauberst. Wink
Na, dann bin ich ja mal gespannt, was mit dem Dunkelhaarigen so passieren wird...

Woher du nur weißt, dass ich ungeduldig bin Rolling Eyes Wink

Danke euch beiden.

@Katha: Ja, ich bin auch gespannt. Mal schauen, obs gefällt. Bin da ja immer noch skeptisch (gesunder Pessimismus eben Smile )

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Aug 17 2012, 09:18

Für die ganz ungeduldigen unter euch folgt gleich die Fortsetzung. Viel Spaß Wink


Teil 10


Mit starrem Blick stand sie vor dem großen beleuchteten Badezimmerspiegel und fixierte ein gehetztes, von Trauer gezeichnetes Gesicht. Wen kümmerte es schon? Die Welt würde nicht darüber nachdenken. Nur ein Selbstmordopfer mehr, worüber sich Presse und Medien einen – vielleicht auch zwei – Tage lang auslassen würden, um eine perfekte Story daraus machen zu können. Vielleicht würden sie noch ein paar dramatische Akzente hinzufügen, um sie gewinnbringender verkaufen zu können. Verschwendung. Es war ihr egal. Und sie machte sich noch nicht einmal die Mühe, das Licht zu löschen und die Haustür abzuschließen, als sie sich zu dieser späten Stunde, in der die Qual und der Schmerz sie wieder einmal aus dem Schlaf gerissen hatte, auf den Weg in die Dunkelheit dieser einsamen Nacht machte. Ziellos irrte sie umher, ohne direkt zu wissen, wo sie hinwollte. Nur weg, weit weg … fort von diesem Schmerz und der unerträglichen Qual. Sie hielt inne, als sie holpriges Kopfsteinpflaster unter ihren nackten Füßen spürte. Durch den Nebel ihrer Resignation wurde sie sich gewahr, das sie auf der alten Brücke stand, über die sie so oft mit Nathan gegangen war, um im angrenzenden Park spazieren zu gehen. War das ein Zeichen? Ihr Kummer hatte sie hierher geführt. Sollte sie diesen Wink annehmen und ihrem kläglichen sinnlosen Dasein genau hier ein Ende bereiten? Sie bemerkte nicht, dass sie nicht allein war … bemerkte nicht den heimlichen Beobachter, der ihr gefolgt war, seit sie das Haus verlassen hatte. Ein eisiger Wind umwehte ihren Körper, und das dünne Nachthemd bot nicht genügend Schutz vor der klirrenden Kälte. Ihre Lippen waren blau angelaufen, ihren Zehen jegliches Gefühl entwichen. Es war auch nicht mehr wichtig. Sie hatte abgeschlossen mit ihrem Leben, von daher war die Art, wie der Tod sie ereilte allenfalls bedeutend für den Totenschein, den man im Anschluss ausstellen würde. Wie in Trance legte sie ihre zarten Hände auf das alte Gemäuer. Die vor Kälte blau angelaufenen Fingerkuppen registrierte sie ebenso wenig wie das Klappern ihrer Zähne. Mit letzter Kraft zog sie sich auf die Mauer hoch, die die Brücke auf beiden Seiten säumte. Unter ihr toste der Fluss mit seinen tödlichen Strudeln. Es würde nicht lange dauern. Sie atmete gleichmäßig, ihr Herz schlug ruhig, fast schon schwerfällig. Kein Anflug von Nervosität – was ihr durchaus seltsam vorkam, wenn sie bedachte, was sie im Begriff war zu tun. Der Wind strich ihr durch die Haare, wirbelte die dunklen Locken einem zarten Schleier gleich nach hinten. Sie hatte die Augen geschlossen. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Unvermittelt überkam sie ein Gefühl von innerer Zufriedenheit und einem unglaublichen Frieden. Bald ist es vorbei. Bald hatten der Schmerz und die Qual keine Macht mehr über sie. Sie konnte das Ende sehen. Mom … Dad … bald werde ich wieder bei euch sein …, dachte sie glücklich.

Dann breitete sie die Arme aus, warf den Kopf in den Nacken und ließ sich von dem Wind tragen, der nun einen stärkeren Stoß schickte. Ihre Zehen fühlten kaum die Kante des Gemäuers, bevor sie es verließen. Ein letzter Atemzug, ein zufriedenes Lächeln, dann ließ sie sich sanft nach vorne kippen. Sie spürte einen ungewohnten Luftzug, dann ein plötzliches Reißen um ihre Mitte. War das jetzt das Ende?
Das ging aber schnell und so schmerzlos ... egal, ich bin glücklich ... Dann flatterte Licht vor ihren Augen. Ein letzter Gruß, und die Welt verschwamm vor ihrem Blick. Es wurde ruhig und schließlich verstummte die Stille. War sie schon angekommen im Himmel? Sie öffnete langsam die Augen, sah Licht, und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie konzentrierte sich auf das Licht, versuchte, ihre Sicht zu schärfen und blickte plötzlich in zwei ihr seltsam vertraute Augen. „Dad?“, flüstere sie. Die Augen sahen sie fragend an. Dann klärte sich ihr Blick, das Bild veränderte sich, ... eine vage Erinnerung flammte auf, als die Konturen sich schärften. Und plötzlich erkannte sie diese Augen. Oh … Sie fragte sich noch, ob er sie denn nun auch in den Himmel verfolgte, bevor sie realisierte, dass das hier kein Traum war. Von plötzlicher Panik erfasst, sah Helena ihn an, die Augen weit aufgerissen, den Schrei noch immer in ihrer Kehle fühlend, den er unvermittelt erstickt hatte. Ihr Herz begann in einem beunruhigenden Tempo zu rasen – vor Angst. Sie zitterte am ganzen Körper, als die Kälte sie abrupt erfasste. Sein Blick war ärgerlich, als er den Mund öffnete, um zu sprechen. „Ich nehme jetzt meine Hand von deinem Mund, bitte schrei nicht, ja!“, flüsterte er eindringlich. Augenblicklich löste sich ihre Starre. Seine samtene Stimme beruhigte sie für einen Sekundenbruchteil. Sie verharrte erstarrt, reagierte nicht. Wie angekündigt nahm er langsam seine Hand von ihrem Mund und sah sie zögernd an. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder Herr über ihren Verstand war. Mit fragendem Blick sah sie ihn an, nicht sicher, ob sie nicht doch gestorben war. Kurz sah sie sich um und erkannte ihr Schlafzimmer. Es wirkte alles real. „Was … Was machen Sie hier? Wie kommen Sie hier rein?“, fragte sie mit zitternder Stimme. „Du hast das Fenster offen gelassen.“, erklärte er und lächelte beschämt. „Und ich wollte schauen, wie es dir geht.“, fügte er entschuldigend hinzu. „Wenn ich gewusst hätte, was du vorhast, wäre ich früher da gewesen.“, sagte er bestimmt. Wieder war sein Blick ärgerlich. Sie sah ihn fragend an, verstand nicht. „Aber, ich bin doch gesprungen. Ich habe es gefühlt.“, hauchte sie verwirrt.

„Ja, das stimmt wohl, und das war mehr als unvernünftig gewesen.“, tadelte er. Sie zog erstaunt die Augenbrauen hoch, bevor sie sich vor Entrüstung zusammenzogen. „Das ist ja wohl noch meine Entscheidung, was für mich vernünftig ist oder nicht.“, echauffierte sie sich plötzlich. Er schüttelte den Kopf. „Sich einfach das Leben zu nehmen, ist keine Lösung für deine Situation.“, sagte er bestimmt. Sie lachte bitter auf. „Was wissen Sie schon über meine Situation?“, fügte sie schnippisch hinzu. Er sah sie einen Moment lang aus ärgerlich blitzenden Augen an. „Mehr als dir womöglich lieb ist.“ Diese Antwort brachte sie ins Schwanken. Doch schnell besann sie sich wieder.
Geh weg, verschwinde … lass mich allein …, dachte sie, warf sich zurück in die Kissen und zog sich die Decke über. „Ich will, dass Sie gehen. Ich will meine Ruhe haben. Sofort.“, fuhr sie ihn mürrisch an. Seine Augenbrauen zogen sich zornig zusammen. „Meinst du nicht, dass es etwas egoistisch von dir ist, dich auf diese Weise einfach aus dem Leben zu stehlen?“, zischte er ungehalten. „Du solltest mir dankbar sein, dass ich dich vor diesem Fehler bewahrt habe.“ Wütend schlug Helena die Decke zurück. „Was geht Sie das an?“, fauchte sie zornig. „Es ist mein Leben. Meine Entscheidung. Mein Wille.“ Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett und ging zur Tür. „Raus hier! Lassen Sie mich in Ruhe, bevor ich die Polizei rufe.“, schrie sie und riss die Tür auf. Er legte den Kopf schief und musterte sie einen Moment lang aus zusammengekniffenen Augen. Schließlich erhob er sich und trat auf sie zu. Als er seine Hand hob, zuckte sie zurück und wandte eilig den Blick ab. Wenn er ihr so nahe war und sie mit diesen Augen ansah, war sie nicht in der Lage ihre Wut aufrecht zu erhalten, die sie heraufbeschworen hatte. Mit ganzer Kraft konzentrierte sie sich auf ihren Zorn und verschränkte zur Untermalung die Arme vor ihrer Brust. Bewusst mied sie seinen Blick, schaffte es jedoch nicht. Unweigerlich begegnete sie seinen Augen. Endlos tiefen Schmerz bargen sie, und Helena zuckte erschrocken zusammen. Er seufzte sichtlich niedergeschlagen. „Denk einmal an die Menschen, denen du mit einer solchen Tat wehtust.“, flüsterte er leise. Erstaunt klappte ihr der Mund auf. Welche Menschen sollte ich denn verletzten? …, dachte sie verwirrt. Es gab niemanden mehr, der ihr nahestand, deshalb wollte sie doch diesem sinnlosen Dasein ein Ende bereiten. Entschieden deutete sie auf die offene Tür und unterstrich ihre Entschlossenheit mit einem frostigen Blick. Er sah sie einen Moment mit diesen unendlich traurigen Augen an, dann lächelte er leicht. „Ich komme wieder, wenn du dich beruhigt hast.“, erklärte er und ging schließlich. Als er über die Schwelle getreten war, drehte er sich noch einmal zu ihr um, vermutlich um etwas sagen zu wollen, aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. Schwungvoll hatte sie ihm zwei Sekunden später die Tür vor der Nase zugeknallt. Sie holte leise Luft, spähte durch das kleine Fenster neben der Tür und beobachtete, wie er mit hängenden Schultern, gleich einem geprügelten Hund in der Dunkelheit verschwand. Verwirrt und entsetzt zugleich lehnte sie sich gegen die Tür, versuchte, sich zu sammeln. Denk einmal an die Menschen, denen du mit einer solchen Tat wehtust …

Mit einem Ruck fuhr Helena aus dem Schlaf hoch. Keuchend tastete sie nach dem Schalter der Nachttischlampe. Augenblicklich wich die Dunkelheit einem sanften Licht. Verstört betrachtete sie ihre Hände, die noch immer vor Anspannung zitterten, ehe sie sich müde über das Gesicht rieb. Warum träumte sie von ihrem Selbstmordversuch? Und wer war dieser Mann, der da plötzlich darin auftauchte. Sie hatte diese Tat so sorgfältig in ihrer Seele verschlossen. Wie konnte sie hervorkommen? Sie spürte, wie das Zittern zunahm. Immer hatte sie sich die Frage gestellt, wer sie damals vor dem Fall bewahrt hatte. Sie war felsenfest davon überzeugt gewesen, dass Nathan sie gerettet hatte. Wer war der Typ und was zum Teufel hatte das zu bedeuten? All die Jahre hatte sie ihre Ängste gut im Griff gehabt. Warum ausgerechnet jetzt? Mit immer noch zitternden Fingern wischte sie sich die schweißfeuchten Strähnen aus der Stirn. Sie presste die Hand auf ihre Brust und versuchte, ihren stockenden Atem und ihr schmerzhaft klopfendes Herz wieder unter Kontrolle zu bringen. Nur ein Traum. Nur ein Traum, Helena. Dein Unterbewusstsein spielt dir Streiche … Es war alles ganz anders … Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Sie musste Ruhe bewahren. Ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass es gerade mal fünf war. Sie hatte ganze vier Stunden geschlafen. Ernüchtert ließ sie sich auf ihr Bett zurückfallen und starrte an die Decke, wo ihre Nachttischlampe Lichtkreise malte. An Schlafen war jetzt nicht mehr zu denken, zu groß war die Angst, die Träume würden zurückkehren. Frustriert stand sie auf, warf sich ihren Morgenmantel über und schlurfte in die Küche, um sich einen Tee zu machen. Dann trat sie in ihr kleines Heiligtum. Gedankenverloren ließ sie sich auf den alten grünen Sessel fallen, der einst ihrer geliebten Granny gehört hatte. Helena erinnerte sich, wie sie als kleines Mädchen auf ihrem Schoß gesessen hatte, während sie ihr Geschichten vorgelesen hatte. Eine der wenigen Erinnerungen an ihr altes Leben, die sie mitgenommen hatte, bevor sie den Rest in den dunkelsten Winkel ihrer Seele verbannt hatte. Die Tasse mit dem warmen Tee in ihrer Hand, kuschelte sie sich in das Kissen, zog die Beine an und starrte auf die gegenüberliegende Wand, die all ihre Werke zeigte. Jedes einzelne betrachtete sie, während sie sich der Geschichten entsann, die sie erzählten. Als ihr Augenmerk auf das unfertige Stillleben fiel, trübte sich ihr Blick. Auch diese Arbeit sollte eine Geschichte erzählen, nur gab es noch keine, die sie damit verband. Während sie an dem heißen Getränk nippte, spürte sie, wie ihr Körper wieder zur Ruhe kam. Ihr Blick verlor sich in dem unvollendeten Bild, als plötzlich das Klingeln ihres Handys sie aus ihrer beginnenden Ruhe fahren ließ.

Ein Blick aus dem Fenster sagte ihr, dass der Morgen sich langsam über den Horizont schleppte. Er versprach einen sonnigen Tag. Mühsam erhob sie sich aus ihrem Sessel, stellte die leere, mittlerweile kalte Tasse auf den Glastisch und suchte nach ihrem Handy, das noch immer unnachgiebig plärrte. Sie sah auf das Display. Unbekannter Anrufer. Unwillkürlich fragte sie sich, wer sie so früh zu erreichen versuchte. Beth konnte es nicht sein. Mit einem mulmigen Gefühl nahm sie das Gespräch an. „Hallo …“ Schweigen. „Hallo …“, wiederholte sie. Wieder Schweigen. Grade als sie diese unerhörte frühe Störung verfluchen und auflegen wollte, drang eine bekannte Stimme an ihr Ohr. „Hallo Helena, ich bin es, Mike.“, ertönte es vom anderen Ende. Augenblicklich hatte Helena das Bild eines blonden nach Schweiß riechenden und vor Überheblichkeit stinkenden eins achtzig großen Typen vor sich, der sie aus dunklen Augen unverschämt angrinste. Mike. Sofort war der vergangene Abend mit all seinen Facetten wieder aus der Verbannung zurückgekehrt. Ihre Stimmung sank augenblicklich auf unter Null. Ach du liebe Güte. Hätte sie doch nur diese verdammte Visitenkarte nicht aus der Hand gegeben. „Hallo Mike.“, erwiderte Helena und gab sich keine Mühe, den müden Ton in ihrer Stimme zu unterdrücken. „Hey, ich dachte, ich lade dich zum Frühstück ein.“, erklärte er ausgelassen. Frühstück? Sie sah auf ihre Uhr. „Es ist kurz vor sieben und es ist Samstag, Mike.“, erwiderte sie etwas forsch. „Na ja, gut, ich dachte, wir könnten vielleicht noch eine Runde spazieren gehen, bevor wir uns ein nettes kleines Café suchen und uns Croissants und Marmelade schmecken lassen.“, sagte er mit beinahe sanfter Stimme. Wie schade, dass die Stimme so gar nicht zum Rest des Menschen, den sie gestern kennen gelernt hatte, passte. Aber vielleicht hatte sie ihn einfach nur falsch eingeschätzt. Hatte sich von seinem Äußeren beeinflussen lassen. Am Ende hatte vielleicht seine eigene Nervosität nur eine unerwünschte Arroganz an die Oberfläche gespült. Quatsch …, schalt sich Helena, stand auf und begann, ziellos in ihrem Wohnzimmer auf und ab zu gehen, als sie plötzlich vor der Kommode innehielt und argwöhnisch die Stirn runzelte, als ihre Augen einen umgeklappten Bilderrahmen fixierten. Verwirrt griff sie nach dem Bilderrahmen und besah das Foto, was sie und Stephen zeigte. Warum liegt es auf dem Gesicht? Hatte sie das getan? Nein, unmöglich … Sie war sich ziemlich sicher, dass sie das Foto nicht umgelegt hatte. Aber wer dann? Oder fantasierte sie jetzt schon? „Hallo … Helena … bist du noch dran?“, tönte Mikes Stimme an ihrem Ohr. Oh Verdammt. „Ähem ja … ähem, tut mir leid Mike, heute ist es schlecht … vielleicht ein anderes Mal, okay.“ Sie wartete gar nicht seine Antwort ab, sondern legte einfach auf. Ungläubig betrachtete sie das Foto in ihrer Hand, was sie völlig aus dem Konzept gebracht hatte, und schüttelte verwirrt den Kopf. Dann lachte sie leise in sich hinein, als sie bemerkte, dass sie durch diese überraschende Entdeckung Mike verscheucht hatte. Sie trat an die Kommode heran und stellte das Bild wieder zurück an seinen Platz. Nachdenklich besah sie es. Wer sollte es denn sonst gewesen sein, wenn nicht ich selbst?

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Zuletzt von Mini_2010 am Fr Aug 17 2012, 09:38 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Aug 17 2012, 09:37

Teil 11


Noch ziemlich benommen von ihrem Traum, aus dem sie heute Morgen hoch geschreckt war, saß Helena am Montagvormittag neben Beth im Unterricht zu Kunstgeschichte und starrte an die riesige Tafel. Sie war verwirrt. Warum träumte sie seit kurzem ständig von Erlebnissen aus ihrer Vergangenheit? Hatte das irgendetwas zu bedeuten? Erst hatte sie Samstagnacht von ihrem Selbstmordversuch geträumt und letzte Nacht nun von Nathan. Sie hatte geträumt, wie sie ihn einst kennen gelernt und nach diesem schrecklichen Unfall wieder verloren hatte. Seine Amnesie war nach dem Unfall vollständig verschwunden. Bis auf eine Ausnahme – sie selbst. Er konnte sich an alles erinnern, nur nicht mehr an Helena. Und sie war die Einzige, an die er sich nicht mehr erinnern konnte. Am Anfang hatte sie alles für einen schlechten Scherz gehalten, hatte sogar darüber gelacht. Doch Nathan hatte sie nur ungläubig angeschaut. Die Ärzte standen vor einem Rätsel, sprachen von Zufall, … aber Helena glaubte an keine Zufälle. Nach und nach hatte sie sich in den Wahn geflüchtet, dass dies von ihm lediglich eine grausame Masche war, sie schnellstmöglich loszuwerden. Sie hatte ihn angebrüllt, ihn beschimpft, dass das eine ziemlich jämmerliche Art wäre, ihr klar zu machen, dass er nichts mehr von ihr wissen wollte. Dann hatte sie geweint und war vor ihm zusammengebrochen. Er hatte sich zu ihr gekniet und sie mit diesen fragenden Augen angeschaut. Und dann hatte sie es gesehen, hatte in seinen Augen die Wahrheit gesehen ... Er kannte sie nicht. Für den Rest ihres Lebens würde sie diesen Blick nicht mehr vergessen. Der darauf folgende Schock hatte ihr den Rest in ihrem bis dato ohnehin verkorksten Leben gegeben. Und als sie da so hilflos vor ihm gekniet hatte – nah und gleichzeitig so weit entfernt – hatte sie gespürt, dass sie allein war – von der Welt verlassen. In diesem einsamen Moment hatte sie ihren Weg ganz klar vor sich gesehen. Sie in einem weißen Kleid, das Haar dunkel wallend über ihren Schultern, zwei stille Kerzen und ein Strauß weißer Lilien … die Hände vor ihrer Brust verschränkt, … schlafend in einem schlichten weißen Sarg … Das war der Moment, in dem sie beschlossen hatte, ihrem traurigen Leben ein Ende zu bereiten … Doch was sie einfach nicht begreifen konnte, war, warum sie nun beinahe jede Nacht von ihrer Vergangenheit träumte.

Es war, als begehre dieser kleine verborgene Teil ihre Seele gegen sie auf, um sein Recht einzufordern, an ihrem Leben teilhaben zu dürfen. Und sie fühlte sich, als hätte irgendjemand über Nacht den sorgsam versteckten Schlüssel zu dem Panzer gefunden, und den Teil ihre Seele, den sie so sorgfältig verschlossen hatte, ungeschützt freigelegt. Das merkwürdige war nur, dass diese Träume nicht so abliefen, wie es die Realität gezeigt hatte. Ihr Selbstmord vor knapp vier Jahren zum Beispiel … er war anders abgelaufen, als es der Traum ihr gezeigt hatte. Und der Fremde, den ihr Unterbewusstsein plötzlich hervorgezaubert hatte, war ihr gänzlich unbekannt. Und letzte Nacht … im Traum hatte sie eine fremde Gegenwart gespürt … Schweißgebadet war sie heute Morgen aufgewacht, verwirrt und orientierungslos. Zwei Stunden hatte sie gebraucht, um wieder Herr über Körper und Verstand zu werden und die Dämonen in die Dunkelheit zurückzudrängen. Bekannte Worte drängten sich unvermittelt in ihr Bewusstsein – forsch und bestimmend. „Helena!“, zischte es erst leise, dann immer lauter. Schließlich folgte ein undefinierbarer Schmerz diesem leisen Zischen. Erschrocken richtete Helena sich auf, als Beths Ellbogen ihren Rippenbogen küsste und sie gedanklich unsanft in den Vorlesungssaal zurückschubste, während sich gleichzeitig ein so banales Thema wie die Renaissance in ihre wirren Gedanken schob. Sie blinzelte ein paar Mal, bedachte Beth, die sie finster ansah, mit einem entschuldigenden Blick und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Madame Petite, die abermals von Renaissance sprach. Und dann fiel es ihr wieder ein, ... die Renaissance spielte die tragende Rolle in der heutigen Vorlesung. Madam Petite, klein und knochig, die Haare streng nach hinten gebunden, stand im Podium und ließ ihren silbergrauen forschenden Blick über den Rand ihrer Brille, die auf ihrer Nasespitze ruhte, über die Gruppe von Studenten gleiten, die mehr oder weniger interessiert ihren Worten folgten, und blieb schließlich mit ihren Augen an Helena kleben. „Helena, was können Sie mir über die Renaissance sagen?“, fragte sie und lächelte, was eher genervt als freundlich wirkte. Augenscheinlich war auch ihr mittlerweile aufgegangen, dass sich niemand für sie oder ihren Unterricht in gleichsam brennender Weise interessierte wie sie selbst. Helena, die gedanklich erneut kurz in andere Sphären abgedriftet war, fuhr aus ihrer Versunkenheit hoch und starrte Beth an, die neben ihr saß, und ihr soeben ein weiteres Mal auf eher unsanfte Weise den Ellbogen in die Seite gerammt hatte. Keuchend rieb sich Helena ihre malträtierten Rippen. Verdammt, das würde blaue Flecken geben. Frustriert funkelte sie Beth an, wollte gerade ihrer Missbilligung hinsichtlich ihrer brutalen Ader vollumfänglich Ausdruck verleihen, als die durch zusammengepresste Lippen „Madame Unwirsch will wissen, was du über Renaissance weißt“ raunte.

Helena schluckte augenblicklich ihren Frust hinunter, schenkte Beth ein kurzes dankbares Lächeln und räusperte sich vernehmlich. Fast übergangslos verstummten die leisen Gespräche, die um sie herum geführt wurden, und Madame Petite damit einmal mehr unmissverständlich klar machten, was die Studenten von ihrem trockenen Geschichtskram hielten. Kunstgeschichte war tatsächlich relativ trocken, aber Helena mochte dieses Fach. Nicht wegen deren zweifellos nüchternen Zahlen und Fakten, sondern weil sie etwas erzählte und die Welt verständlicher machte, auch wenn sie manche Handlungen dennoch nicht begreifen konnte. Sie richtete ihren Blick auf die kleine zierliche Frau mit dem ernsten Gesicht und holte tief Luft. „Der Begriff Renaissance – die französische Bezeichnung für „Wiedergeburt“ – wurde im neunzehnten Jahrhundert geprägt, um das kulturelle Aufleben der griechischen und römischen Antike im Europa des vierzehnten bis siebzehnten Jahrhunderts zu kennzeichnen. Sie beschreibt das Bestreben des Menschen zu individueller Freiheit im Gegensatz zum Ständewesen des Mittelalters, … ganz besonders in den Aspekten Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst. Dem gegenüber ist die Renaissance im engeren Sinne auch eine kunstgeschichtlich wichtige Epoche. Im Allgemeinen wird das Wort Renaissance aber auch dafür verwendet, um die Neubelebung von zum Beispiel Architektur, Kunst, Moden oder von ethischen und geistigen Werten vergangener Zeiten zu charakterisieren.“ Als Helena ihren kurzen Vortrag beendet hatte, lehnte sie sich entspannt in ihren Stuhl zurück, stieß leise die Luft aus und sah Madame Petite erwartungsvoll an. Die Dame erwiderte ihren Blick und nickte leicht. Ein leises Zucken in ihren Wangen zeigte Helena, dass sie sich darüber freute, dass wenigstens einer der Studenten ihrem Unterricht mit einer gewissen Aufmerksamkeit folgte. Eine verblüffende Reaktion, wie Helena fand, denn Madame Petite neigte für gewöhnlich weder dazu, freundlich zu sein noch ehrlich zu lächeln. „Sehr gut, Danke Helena.“ Wieder ließ sie den Blick in gewohnt ernster Manier durch die Runde schweifen. „Wer kann mir sagen, wo die Renaissance ihren Ursprung erlebte?“, fuhr sie ihr Fragespiel fort. Schweigen flutete den Raum, gefolgt von Blicken, die plötzlich Wände, Tische und das Muster der Decke wahnsinnig spannend fanden. Gerade als Madame Petite resigniert seufzte, weil sich scheinbar keiner ihrer Studenten für ihr Thema erwärmen konnte, räusperte sich Helena erneut. „Im Allgemeinen wird Italien als Ursprung der Renaissance gesehen.“, erklärte sie gelassen und erntete leises Gemurmel von den umliegenden Plätzen. „Um genauer zu sein, gilt Florenz als die Wiege der Renaissance, die mit der Frührenaissance im fünfzehnten Jahrhundert in Europa Einzug hielt und sich von dort aus über den Europäischen Kontinent ausbreitete. In Italien spricht man schlicht vom Quattrocento.“, ertönte unvermittelt eine tiefe Stimme aus den hinteren Reihen …

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Zuletzt von Mini_2010 am Fr Aug 17 2012, 14:33 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Aug 17 2012, 12:01

Traumhaft, traumhaft und nochmal traumhaft Surprised
Mini du bist ein Genie, deine Teile sind immer so wunderbar, das ich immer ganz traurig werde, wenn sie zu Ende sind.
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Aug 17 2012, 21:10

Also ich glaube, ich bin genauso verwirrt wie Helena... Auch wenn ich hin und wieder eine Ahnung habe... Surprised
Ich stimme Lizzy völlig zu, es ist einfach wunderbar, was du uns hier präsentierst und ich hoffe sehr, dass sich noch mehr Leute daran erfreuen, auch wenn sie es nicht zeigen/schreiben...
Denn die Geschichte hat es, wie eigentlich alles was du schreibst, definitiv verdient.!!! lol!
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Aug 17 2012, 21:54

Lizzy schrieb:
Traumhaft, traumhaft und nochmal traumhaft Surprised
Mini du bist ein Genie, deine Teile sind immer so wunderbar, das ich immer ganz traurig werde, wenn sie zu Ende sind.

katha schrieb:
Also ich glaube, ich bin genauso verwirrt wie Helena... Auch wenn ich hin und wieder eine Ahnung habe... Surprised
Ich stimme Lizzy völlig zu, es ist einfach wunderbar, was du uns hier präsentierst und ich hoffe sehr, dass sich noch mehr Leute daran erfreuen, auch wenn sie es nicht zeigen/schreiben...
Denn die Geschichte hat es, wie eigentlich alles was du schreibst, definitiv verdient.!!! lol!
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Danke euch beiden für eure wundervollen Kommentare. Und ja, ich hoffe auch, dass es auch noch andere Leser erfreuen wird. Und das Helena verwirrt ist, ... tja, ist wohl so gewollt. Smile

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   So Aug 19 2012, 21:02

Mensch Mini, das ist ja mal eine seltsame Geschichte, was nicht heißt, das ich sie nicht toll finde - ich finde sie sogar äußerst toll, auch wenn sie mich momentan noch etwas verwirrt...ziemlich spooky, das ganze...auf jeden Fall hat mich deine Geschichte unendlich gefesselt, so bin ich umso gespannter wie es weitergeht Smile Smile
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Aug 20 2012, 21:00

Eine Fortsetzung für euch. Hoffe, sie gefällt euch. LG, Mini Wink


Teil 12


Die fremde Stimme verstummte, fast so als wolle der Redner seine Aussage in dem Raum wirken lassen. Das Schweigen schwoll unheilvoll an. Getuschel brandete auf, und Köpfe drehten sich neugierig, um den Ursprung der Stimme auszumachen. Auch Helena wandte sich um und konnte weit am Ende des Saals eine Gestalt ausmachen, die ziemlich lässig auf einem Sitz fläzte und die Arme vor der Brust verschränkt hielt. Sie hatte ihn noch nie gesehen, trotzdem empfand sie sofort Abneigung gegen den Typen. „Und was die Begrifflichkeit und die Bedeutung der Renaissance betrifft, sei Folgendes noch hinzugefügt …“, fuhr er schließlich fort, wobei sein Blick für einen Sekundenbruchteil dem von Helena begegnete, und ein verwirrendes Kribbeln in ihr heraufbeschwor. „Die Bewegung nährte sich aus verschiedenen Quellen. Essentiell war außerdem die Zentralperspektive, zu der zum ersten Mal mathematische Gesetze formuliert wurden. Denn während die christliche Symbolik der Gotik noch weitgehend Zweck und Charakter der Werke bestimmte, gewann seit der Erfindung der Zentralperspektive durch Filippo Brunelleschi und Leon Battista Alberti nun für viele Werke auch die Wirklichkeitsnähe entscheidende Bedeutung.“ Eine Welle nicht vorhandener Akustik legte sich über den Hörsaal, als er abermals seinen Vortrag unterbrach. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Dann schwoll erneut leises Gemurmel durch den Saal. Madame Petite blickte wie ein Mondkalb in die Richtung, aus der die Stimme gesprochen hatte. Beeindruckt von diesem Wissen, richtete sich Helenas Aufmerksamkeit unweigerlich auf den Fremden, als ihre Sicht plötzlich durch Kayla und Lynn verdeckt wurde, die sich ebenfalls nach ihm umgedreht hatten und nun neugierig die Köpfe reckten. Was soll’s ..., seufzte sie resigniert, wandte sich wieder dem Podium zu und beobachtete, wie Madame Petite langsam aus ihrer Verblüffung erwachte. Unter diesem Aspekt betrachtet, bekam der Begriff Renaissance eine ganz neue Bedeutung. Ein flüchtiges Grinsen zuckte um Helenas Mundwinkel. „Und wie begründen Sie Ihre Annahme …“ – Madame Petite betonte dieses Wort auf eine unheilvolle Weise, die eindeutig Widerspruch ankündigte – „…, dass ausgerechnet Florenz die Wiege der Renaissance ist?“ Sie trat näher an den Studenten heran. „Denken Sie nicht auch, dass eher Rom dafür steht?“, fragte Madame Petite mit herausforderndem Ton in der Stimme. Es war ganz klar, dass sie anderer Meinung war und mit dieser herausfordernden Frage versuchte, durch eine – wie sie hoffte – clever inszenierte Diskussion den Studenten davon zu überzeugen, dass er mit seiner Ansicht vortrefflich falsch lag. Helena seufzte wieder. Ganz klare Sache.

Madame Petite war dafür bekannt, dass sie sich eine Menge auf ihren Professorenstatus in bildender Kunst und Kunstgeschichte einbildete. Diese Tatsache, gepaart mit dem Umstand, dass sie es nicht ertragen konnte, wenn jemand ihre Ansicht nicht teilte, ließ ihre Augen so angrifflustig aufblitzen, dass selbst Helena und Beth es erkennen konnten. Und die beiden saßen gute zehn Meter von ihr entfernt. Sie würde ihn schon erfolgreich in seiner Meinung umpolen und davon überzeugen, dass sie Recht hatte. Wie immer …, ging es Helena durch den Kopf. Angestrengt dachte sie über Madame Petites Einwand nach, Rom sei die Wiege der Renaissance. Wenn man es genau betrachtete, hatte sie Recht. Die ganze Stadt erstrahlte im Licht der Renaissance. Wenn das kein überzeugendes Argument war, dann war sie wohl genauso eine geschichtliche Niete wie Beth. Ein leises Lachen stahl sich aus den hinteren Reihen nach vorne und überzog Helena augenblicklich mit einer Gänsehaut – keineswegs unangenehm. Nur fremd dahingehend, was diese Reaktion in ihr auslöste. „Gegenfrage …“, ertönte es beinahe spöttisch von hinten. Sämtliche Köpfe – einschließlich Helenas –, die sich soeben noch dem unbekannten Sprecher zugewandt hatten, huschten unvermittelt zurück zu Madame Petite. Die Dame mittleren Alters, mit soviel spontaner Aufmerksamkeit vollkommen überfordert, lief übergangslos rot an. Sich verhalten räuspernd, richtete sie ihren Blick, der eindeutig Missbilligung ausdrückte, wieder auf die hinteren Reihen. Helena versuchte erneut, einen Blick auf den Studenten zu erhaschen, der scheinbar so viel über Renaissance wusste, dass er damit Madame Petite klassisch die Show stahl. Leider war ihre Sicht noch immer durch Kayla und Lynn versperrt. Verdammt. Sprich wieder … lass mich noch einmal diese Stimme hören. Irritiert von ihren eigenen fehlgeleiteten Gedanken, runzelte sie die Stirn und drehte sich abrupt wieder zu Beth um. Die sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, was dem anerkennenden stummen Wow in ihrem Gesicht eine schlichte Note Überraschung zuführte. „Was haben Raffaello Sanzio, Lionardo di ser Piero und Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni gemeinsam? Ich meine, … außer, dass sie alle drei Italiener waren.“, fragte die dunkle Stimme mit unüberhörbar weichem ironischem Unterton. Ein leises Lachen zog durch den Kunstsaal, als der Sprecher sich offenbar seiner eigenen Ironie bewusst wurde. Du bist dir deiner Sache ja sehr sicher ..., ging es Helena säuerlich durch den Kopf. Madame Petites Gesicht nahm einen neuen, satteren Rotton an, der zu einem seichten Violett changierte und jetzt auch überdeutlich bis in die letzte Reihe zu erkennen war. Sie war nicht wirklich verlegen … Sie war sauer. Sauer darüber, dass ein Student es wagte, sie zu testen.

Beth grinste Helena amüsiert zu. „Endlich bekommt die alte Schnepfe mal Kontra.“, flüsterte sie beinahe euphorisch. Beth mochte Madame Petite nicht sonderlich. Gut, das war wohl etwas untertrieben. Sagen wir mal so, Beth hegte von Beginn an eine gewisse Abneigung gegen die Professorin … und seit dem Augenblick, in dem Madame Petite Beth in ihrer ersten Klausur ein Ungenügend verpasst hatte - und das nur, weil sie ihre Ausführungen nicht mit genausten Daten hinterlegt hatte -, hatte sie beschlossen, die knorrige Mittvierzigerin, deren Charme und Aussehen Beth stets mit einer Gottesanbeterin verglich, zu hassen. Gut, Madame Petite war nicht unbedingt die beliebteste Professorin unter den Studenten, galt sie doch als übertrieben streng und krankhaft pedantisch. Vielleicht hielt sich Helenas Abneigung gegen sie genau deswegen in Grenzen. Helena dachte über Madame Petites Frage nach dem Grund der Annahme des Fremden nach, eine durchaus berechtigte Frage, wie sie fand. Erneut wandte sie sich um und musterte den Typen. Also, was glaubst du zu wissen, was sie nicht weiß?..., dachte sie. „Sie sind alle drei in Florenz berühmt geworden. Und nicht nur diese drei … ich könnte die Liste der großen Renaissancekünstler noch erweitern, die mit Florenz in Berührung standen und in dieser Stadt einen Status erlangt hatten, der ihre Bekanntheit direkt bis zum Vatikan trug.“, erklärte er mit einer nüchternen Sachlichkeit, die eine fast schon widerwärtige Arroganz in den Vordergrund schob. Eingebildeter Streber …, knurrte Helena innerlich. Madame Petite neigte den Kopf als dachte sie über diese Aussage nach. Dann nickte sie mit deutlichem Widerstreben dem jungen Mann anerkennend zu, und Helena stieß unwillkürlich einen leisen Seufzer aus. Streber oder nicht … diese Stimme ist … traumhaft. Hastig schüttelte sie den Kopf und zwang sich zur Raison. Was dachte sie sich eigentlich? Sie saß in einer Vorlesung und schwärmte einer Stimme nach? Pah … Sie glaubte, erneut dieses leise Lachen zu hören, welches ihren Körper auf angenehme Weise zum Summen brachte. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. „Und was stellt Ihrer Meinung nach das größte Werk der Renaissance dar?“ Die Frage war an den gesamten Kurs gerichtet, auch wenn Madame Petite nur mit dem Unbekannten zu sprechen schien. Eine Weile herrschte erneut jenes unterschwellige Gemurmel, in dem jeder seine Vermutungen zu äußern schien, es aber offenbar an Mumm fehlte, sie laut auszusprechen. Helena dachte über diese Frage nach. Es gab viele große Künstler in der Renaissance, viele die heute aufgrund ihres unvergleichlichen Schaffens nahezu unsterblich waren. Sie sank in ihren Stuhl zurück und schloss für einen Moment die Augen … Dann kehrte sie zurück in die ewige Stadt, in der sie vor knapp vier Jahren gewesen war ...

Es war ein sonniger Tag im April, als sie gemeinsam mit dem Kunstkurs ihrer Schule in Schweden für zwei Wochen im Rahmen einer Studienreise in Italien unterwegs waren. Ein ganzes Wochenende hatten sie dabei in Rom verbracht. Die ewige Stadt - auf den Spuren der Kunst der Renaissance. Und auch wenn Rom nur ein kultureller Stopp neben Florenz, Sienna und Venedig war, diese Stadt faszinierte sie am meisten. Schon immer wollte Helena nach Rom und die Kunst und die Geschichte derer bestaunen, die das geschaffen haben, was jenseits der Vorstellungskraft lag. Der Vatikan, der Trevi-Brunnen, die zahlreichen alten Kirchen und das Kolosseum, alle waren sie eindrucksvoll. Aber am meisten beeindruckten sie die Malereien und die zahlreichen Fresken, die es in der Sixtinischen Kapelle zu sehen gab. Von außen wirkte das Gebäude eher unscheinbar, aber als sie durch die vierzig Meter lange Halle schritt und die zwanzig Meter hohe Decke bestaunte, war sie schier überwältigt. So etwas Atemberaubendes hatte sie noch nie gesehen. In beeindruckenden Bildern wurde die biblische Geschichte wiedergegeben. Helena war nie besonders gläubig gewesen, aber bei diesem Anblick war sie beinahe auf die Knie gegangen. Zehn Meter vor dem Altarbild, welches das „Jüngste Gericht“ – eine Arbeit von Michelangelo – zeigte, blieb sie stehen und setzte sich auf eine der seitlichen Bänke. Sie ließ den Blick schweifen, um jedes Detail in sich aufzunehmen. Sämtliche Wände waren bemalt, und trotz der Tatsache, dass der Innenraum der Kapelle ein einziges Gemälde war, wirkte es nicht überladen. Schweigend war sie der biblischen Geschichte gefolgt, die im Auftrag des Vatikans von den Künstlern der Renaissance dargestellt worden war. Sie war so sehr in Gedanken versunken, dass sie erschrocken zusammenfuhr, als sie plötzlich Schritte vernahm, wähnte sie sich doch allein in der Kapelle. Sie hatte sich aus dem Hotel weggeschlichen und war kurz vor der Schließung noch mal zurückgekehrt, um die Wirkung des schwindenden Lichts des Tages, welches durch die wenigen Fenster fiel, in den Werken der verschiedenen Künstler zu genießen. Offenbar hatte da jemand dieselbe Idee. Sie sah auf und erkannte einen Fremden, der knapp zehn Meter von ihr entfernt auf das Altarbild starrte. Regungslos, in sich gekehrt … wie eine Komposition – selbst ein Kunstwerk. Er sah gut aus in seinen Jeans und Jackett, hochgewachsen, schlank mit dunklem knapp schulterlangem Haar. Und für einen Moment dachte Helena, Raffael selbst würde vor ihr stehen. Sein Blick barg etwas Trauriges, Gequältes, als er Michelangelos „Jüngste Gericht“ betrachtete, fast so als schmerze ihn der Anblick. Sie folgte seinem Blick, versuchte, den Grund für seine Gefühle zu erkennen. Aber dieses Geheimnis blieb ihr verborgen. Ihr war nicht bewusst, wie intensiv sie ihn betrachtete … bis er ihr den Kopf zuwandte. Er lächelte, als ihre Blicke sich trafen. Beschämt senkte sie den Kopf und schluckte leicht. Ihre Wangen glühten vor plötzlich aufsteigender Hitze, und sie schalt sich eine Idiotin, weil sie einen fremden Mann anglotzte und sich dabei erwischen ließ …

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Aug 20 2012, 21:20

Teil 13


Erneut riss ein – diesmal äußerst schmerzhafter – Ellbogenstoß sie aus ihren Gedanken. Hastig richtete Helena sich auf und starrte Beth an, die kaum merklich mit ihrem Kopf nach hinten wies. Helena drehte sich um und bemerkte, wie der Typ sie mit seinen Augen kurz taxierte. Sie verspürte ein flaues Gefühl im Magen, was nicht allein auf seinen Blick zurückzuführen war. Vielmehr wurde sie sich der Tatsache bewusst, dass sie abermals geträumt hatte, und auch dieser Traum nicht die Realität widerspiegelte. Soweit sie sich erinnern konnte, war sie damals allein in der Sixtinischen Kapelle gewesen. Nun gut, mit Sicherheit konnte sie nicht sagen, ob sie tatsächlich allein gewesen war, aber ein derartiges Zusammentreffen hatte definitiv nicht stattgefunden. Sie hätte sich doch an ihn erinnert, oder etwa nicht? Sie sah wieder auf, folgte Beths unmerklichem Wink, konnte aber leider nur einen winzigen Blick auf sein Profil erhaschen, da sich im nächsten Augenblick Kaylas und Lynns Hinterköpfe erneut ins Bild schoben. Helena stieß ein frustriertes Seufzen aus und nahm sich vor, nach dem Kurs vor der Tür zu warten, um einen genaueren Blick auf ihn erhaschen zu können. Jemand der soviel über Kunst wusste, weckte automatisch ihr Interesse. Helenas Blick fiel zurück auf Madame Petite, die scheinbar auf etwas zu warten schien. Sie neigte ihren Kopf zu Beth. „Hab ich was verpasst?“, flüsterte sie leise. Beth schüttelte den Kopf und sah Helena an. „Die Frage scheint schwieriger zu sein als vermutet.“, murmelte sie leise. Helena hob interessiert die Augenbrauen, erleichtert, dass sie dieses Mal durch ihre Träumerei nichts verpasst hatte, und beobachtete die angespannten Gesichter ihrer Mitkommilitonen die sichtlich angestrengt die Wände absuchten, als könnten die Unebenheiten in dem Gemäuer ihnen die Antworten offenbaren. Andere wiederum waren mit ihren Handys beschäftigt. Ein Gebaren, was im Grund nur eines ausdrückte … Sprich mich nicht an … Wie jämmerlich. Ja, das war es in der Tat, denn die Wenigen, die dem Unterricht doch eine gewisse Aufmerksamkeit schenkten, starrten gespannt auf den Typen mit dem Faible für die Renaissance, in der Hoffnung, dass er sie erneut beeindruckte. Helena gehörte zu ihnen … genau wie Beth …

„Das ist ganz einfach.“, erklärte der Fremde mit betont lässiger Stimme, in der abermals ein unüberhörbarer Hauch von Arroganz mitschwang. Helena verdrehte genervt die Augen. Hört der sich eigentlich manchmal selber zu? Die Abneigung gegen das Traumbild von Mann, welches sie sich – in Ermangelung einer freien Sicht auf selbigen – zu seiner Stimme geschaffen hatte, gewann erneut an Kraft. Madame Petite schien wenig amüsiert, dass sie auf ihre Antwort so lange warten musste – oder besser gesagt, dass er es so spannend machte – und begann unruhig mit den Fingern auf dem Pult zu trommeln. „Aus meiner Sicht gelten die Werke von Leonardo da Vinci als die größten Errungenschaften dieser Epoche.“, warf Helena ohne darüber nachzudenken ein, als ihr die melodramatische Pause des Typens schließlich zu lang wurde und Madame Petites Fingertrommeln in ihren Ohren zu schmerzen begann. Dass sie damit dem Fremden seinen großen Auftritt stahl, wurde ihr erst im zweiten Moment bewusst. Madame Petites Blick fuhr zu ihr zurück, und sie zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Wieder ertönte dieses leise Lachen. „Die Frage zielte nicht auf die größten Errungenschaften der Renaissance ab, sondern auf das größte Werk der Epoche. Das ist ein Unterschied.“, drang es beinahe zynisch von hinten an ihre Ohren. Helena spürte die seichte Impertinenz in diesem Tonfall, die in einer wabernden Welle zu ihr nach vorn schwappte ... und dieses Mal allein für sie bestimmt war. Arroganter Vollidiot …, knurrte sie innerlich. „Es geht mir auch nicht um die Werke da Vincis im Einzelnen betrachtet. Es ist doch vielmehr der Geist, der hinter allem steckt. Es stellt sich doch die Frage, wäre da Vinci nicht gewesen, … wo stünden wir dann heute?“, erwiderte Helena schnippischer als gewollt. Sie vernahm ein herablassendes Schnauben und drehte sich brüsk um. Der Typ hatte seine lässige Haltung aufgegeben und sich nach vorne gebeugt. Mit prüfenden Augen musterte er sie, was Helena spontan als äußerst unangenehm einstufte. „Dann wäre ein anderer gekommen.“, erwiderte er ungerührt. Helena lachte unwillkürlich auf. „Ja, klar, aber das hätte die Menschheit mit Sicherheit ein paar Jahre in der Entwicklung nach hinten geworfen.“, schoss sie ihm angriffslustig entgegen. Augenblicklich hatte sie entschieden – sexy Stimme hin oder her –, dass sie ihn nicht mochte.

„Mag sein, aber die Menschheit hätte sich auch ohne ihn weiterentwickelt.“ „Natürlich.“, stieß sie gedehnt aus. Der Sarkasmus schwoll aus ihr heraus, bevor sie es verhindern konnte. Früher wäre sie ob eines derartigen Widerspruchs vor Verlegenheit rot angelaufen – mal abgesehen davon, dass sie vermutlich gar nicht erst widersprochen hätte. Aber jetzt nicht. Jetzt war sie in ihrem Element. Er hatte sie herausgefordert, und das konnte und wollte sie nicht auf sich sitzen lassen. „Dass viele seiner geistigen Ergüsse an Genialität nicht zu übertreffen sind, ist sicher unumstößlich. Aber die Tatsache, dass viele seiner Erfindungen als „Unsinn“ abgestempelt wurden – zum Beispiel die Erfindung des Tauchanzugs – zeigt doch, dass er seiner Zeit zu weit voraus war.“, konterte er gelassen. Helena schnaubte verächtlich. „Irrtum. Die Tatsache, dass viele seiner Errungenschaften in der Schublade landeten und vieles erst deutlich später seine Umsetzung und Verwendung fand, lag einfach darin begründet, dass die damaligen „Lenker der Welt“ zu dumm waren, um das wahre Potenzial da Vincis zu erkennen.“, fauchte sie zurück. Dass der Rest der Studenten ihnen mittlerweile mit wachsender Belustigung folgte, bekam Helena gar nicht mit. Sie hatte sich so sehr in Rage geredet, dass selbst Madame Petites vornehmes Räuspern die beiden Kontrahenten nicht beruhigen konnte. Es fehlte nicht viel und sie wäre aufgesprungen und ihm an die Gurgel gegangen. So eine Ausgeburt an Arroganz war ihr in ihrem ganzen Leben noch nicht begegnet. Jetzt grinste der Typ sie breit an, was ihre Wut erneut auflodern ließ. Offenbar hatte er diebischen Spaß daran, Helena auf die Palme zu bringen. Doch noch ehe sie ihren Ausführungen etwas hinzufügen konnte, meinte er beinahe poetisch: „Die Kunst, die Welt nachhaltig zu verändern liegt darin, zur richtigen Zeit mit der richtigen Lösung aufzuwarten.“ Seine Augen leuchteten vielsagend. „Dass da Vinci ein Genie war, steht außer Frage, aber ob sein Schaffen deshalb als das größte Werk der Renaissance betitelt werden kann, wage ich zu bezweifeln.“ Helena öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, ließ es dann aber bleiben, als er sie mit eindringlichem Blick ansah, der ihr unmissverständlich sagte Halt besser die Klappe, du kommst da sonst nicht wieder raus. Sein Blick wirkte hypnotisch, beinahe beängstigend. Zu gern hätte sie die Farbe seiner Augen ausgemacht, doch er saß zu weit weg, um sie genau erkennen zu können.

Nach einer unheilvollen Pause räusperte er sich und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Madame Petite zu, die der Diskussion mehr als interessiert gefolgt war. „Um auf Ihre eigentliche Frage zurück zu kommen …“, begann er und warf Helena einen Blick zu, der ihr ausdrücklich klarmachte, dass sie die Folgen einer weiteren Unterbrechung seiner Ausführungen nicht kennen lernen wollte. In ihrem Inneren begannen Wut und Zorn leise zu brodeln. Den Typen würde sie sich vornehmen – gleich nach der Vorlesung. „… die Sixtinische Kapelle im Vatikan ist wohl das bedeutendste Werk der Renaissance – meiner Meinung nach.“, erklärte er mit einem Selbstbewusstsein, dass selbst einen Politiker hätte blass aussehen lassen. Bei diesen Worten zuckte Helena augenblicklich zusammen. „Warum?“, fragte Madame Petite, nun mit echtem Interesse im Blick. „Weil es ausschließlich von Künstlern der Renaissance geschaffen worden war.“ „Ja, aber auch nur, weil der Vatikan sie dafür engagiert und bezahlt hatte …“, warf Helena herablassend ein. Sie hatte sich eigentlich fest vorgenommen, nicht zu widersprechen, aber sie konnte einfach nicht anders. Allein die Anwesendheit dieses Typen zwang sie zur Auflehnung. Wieder ertönte dieses leise summende Lachen, das ihr Innerstes zum Vibrieren brachte. „Nach der Zeit des dunklen Mittelalters und mit der plötzlich überall erblühenden Seite des weltlichen Lebens fand quasi ein Boom statt. Künstler zu sein, war schlichtweg ein Beruf, den man erlernte, wie heute auch. Mit dem Unterschied, dass die damalig praktizierenden Künstler davon leben konnten. Heute enden Kunststudenten zumeist in der Werbung, der grafischen Gestaltung oder wandeln als Fotografen umher, um sich ihr Brot zu verdienen.“, erklärte er ruhig. Seichter Spott troff aus seinen Worten. Helena ignorierte ihn. Das was ihr auf der Zunge brannte, hätte die Diskussion ohnehin nur weiter angefeuert. Nichtsdestotrotz spürte sie seinen brennenden Blick in ihrem Rücken, was ihren Groll nicht im Mindesten besänftigte. Unbeirrt fuhr er fort. „Die klassischen Künste, wie wir sie von Michelangelo oder Raffael kennen, sind heute mehr als rar. Und wer sich diesen Künsten widmet, tut es meist privat, weil ein Aufstieg in die Bekanntheitsriege ein schwerer kostspieliger Weg ist.“ Helenas Kopf schnellte zu ihm herum. Warum, wusste sie selbst nicht. Er bedachte sie mit einem Blick, der in ihrem Inneren zu wühlen begann. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, und ein Kribbeln durchzog sie. Was war nur mit ihr los? „Was bitte ist gegen Fotografie und grafische Gestaltung einzuwenden?“, fragte sie vorwurfsvoll.

Er hob die Schultern und sah sie gelassen an. „Nichts … aber etwas dem eigenen Geist entsprungenem, mit seinen natürlichen gottgegebenen Händen zu schaffen, lässt sich eben nicht mit dem Einsatz von Technik und Moderne vergleichen.“ Sprachlos ließ er Helena mit seiner Aussage, die unheilvoll in ihrem Kopf schwang, zurück und richtete sein Augenmerk nun wieder auf Madame Petite. „Michelangelo hatte sicherlich den Löwenanteil an diesem einzigartigen Renaissancewerk, aber auch Künstler wie Perugino, Botticelli und Rosselli, die einen nicht ganz unwesentlichen Anteil dazu beigetragen haben, sollten nicht unerwähnt bleiben.“ Er lächelte und seufzte leise. „Aber am Ende bleibt das Interessanteste an diesem Werk doch die Tatsache, dass Künstler, die sich durch die Spanne der Generationen zum Teil überhaupt nicht kannten, an einem großen Ganzen gearbeitet haben ... Heutzutage läge das wohl zumeist im Bereich des Unmöglichen.“, fügte er gewichtig hinzu. Just in diesem Moment kündigte die Klingel das Ende der Vorlesung an, was die Anwesenden augenblicklich erstarren ließ. Selbst Madame Petite, die es noch niemals erlebt hatte, dass das Klingeln ihren Unterricht beendete, wirkte mehr als nur irritiert. Denn für gewöhnlich entließ sie ihre Studenten früher aus der Vorlesung, um selbst dieser Fülle aus ignorantem Desinteresse entfliehen zu können, mit dem die Studenten sie für gewöhnlich bedachten. „Das ist das erste Mal, dass ich Kunstgeschichte interessant fand.“, stieß Beth mit einem ungläubigen Blick aus, während Helena und sie ihre Bücher in die Taschen stopften. Hastig hielt Helena inne, als ihr wieder einfiel, dass sie zu gerne einen genaueren Blick auf den fremden Typen geworfen hätte, der so dreist gewesen war, sich mit ihr ein Wortgefecht zu liefern. Sie wandte sich um und erkannte, dass Kayla und Lynn bereits gegangen waren – und der Fremde leider auch.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Aug 20 2012, 21:22

Tastentante schrieb:
Mensch Mini, das ist ja mal eine seltsame Geschichte, was nicht heißt, das ich sie nicht toll finde - ich finde sie sogar äußerst toll, auch wenn sie mich momentan noch etwas verwirrt...ziemlich spooky, das ganze...auf jeden Fall hat mich deine Geschichte unendlich gefesselt, so bin ich umso gespannter wie es weitergeht Smile Smile

Danke dir, meine Liebe. Freut mich, dass du dich an diese Story herangetraut hast. Ein Lob aus deinen Fingern ist ein Genuss. Smile

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Aug 20 2012, 22:16

Hey Mini-Schatz,
wow meine Liebe, hast du neben deinem eigentlichen Job auch noch ein paar Semester Kunstgeschichte studiert?
Und die packst du dann hier kunstvoll mit deiner Geschichte zusammen? Ich bin wieder mal völlig von den Socken und platze vor Neugier, wer dieser Typ ist, und was er will.
Ich sag ja, ich bin ebenso verwirrt und mindestens genauso unruhig wie Helena. bounce
Liebe Grüße
Katha


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Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"
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