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 Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"

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Mini_2010

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BeitragThema: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 09 2012, 18:51

das Eingangsposting lautete :

Liebe Leser,

Die nachfolgende Geschiche habe ich vor etwa zwei Jahren einmal geschrieben. Bisher verweilte sie geduldig auf meinem Laptop. Nach langen Überlegungen habe ich mich nun doch dazu durchgerungen, sie hier im Forum zu veröffentlichen. Ich weise vorab darauf hin, dass die Geschichte Passagen enthält, die in die Kategorie FSK 16/18 gehören. Ansonsten freue ich mich natürlich, wenn sie euren Zuspruch findet. Sollte das nicht der Fall sein, wäre es schön, das zu wissen, dann würde ich davon absehen, sie fortzuführen.

Danke und viel Spaß beim Lesen.

Liebe Grüße
Mini


****************************************

Prolog
Schweden, Juni 2005


Unruhig warf er sich auf seinem Bett hin und her. Es war wieder einer jener grausigen Träume, der ihn seit Monaten verfolgten. Erschöpft und verwirrt von seiner träumenden Pein drehte er sich auf den Rücken und starrte an den weißen Baldachin, der anmutig über seinem Bett schwebte. Warum immer wieder dieser Traum? War es bald wieder soweit? Immer, wenn die Zeit drängte, mehrten sich diese seltsam beunruhigenden Träume. Und er hatte keine Zeit mehr, soviel wusste er. Und noch etwas lag in der Luft. Etwas, was er noch nicht greifen konnte, etwas, was ihn beunruhigte und sein Herz zum Rasen brachte. Keuchend stieß er den Atem aus und legte sich die Hand über seine Augen. Ein schwaches Licht drang von draußen durch die feinen seidenen Vorhänge. Mit schwirrendem Kopf erhob er sich von seinem Bett, durchquerte auf schlaftrunkenen Füßen das Schlafzimmer und trat auf den Balkon des großzügigen Hauses, welches er seit ein paar Jahren sein Eigen nannte. Er war viel herumgekommen, und einst würde der Moment kommen, dass er wieder gehen müsste. Aber noch war es nicht soweit, noch hatte er die Möglichkeit, seine Aufgabe zu erfüllen, um dem Bann zu entgehen, der auf ihm lastete. Als er damals ausgesprochen wurde, hatte er es zunächst für den kompromittierenden Versuch einer zynischen Frau gehalten. Aber er hätte es besser wissen müssen, schließlich hatte er sie bis aufs Blut gereizt. Und wenn er ehrlich war, hatte er sich auch keineswegs dafür geschämt. Seine Arroganz war ein sicherer Schild seiner virilen Selbstsicherheit, und seine Wut stärkte ihn regelmäßig, damit er nicht vergaß, dass eine Offenbarung seiner Seele ihm nur mehr Leid zuführen konnte. Wann er so geworden war, wusste er nicht mehr, und dass sie dieses Wesen an ihm hasste, gab ihm den notwenigen Nährboden, sich sicher zu fühlen – von der Welt gehasst und nur von den Allerengsten wirklich erkannt und geliebt. Im Grunde war er selbst schuld an seinem Leid, und das wusste er. Wie oft hatte er sich gewünscht, so zu sein, wie seine Geschwister, gesegnet mit der Liebe einer Mutter und dem Wissen, dass er ihr etwas bedeutete. Er wusste, dass er ihr mit diesem Wunsch unrecht tat, da sie auch ihm das gegeben hatte, was er den anderen tief in seinem Inneren neidete. Nur leider schien er für ihr Geschenk nicht empfänglich zu sein. Wie eine Krankheit war das Geschenk in seinen Händen verdorben und unbrauchbar geworden und hatte stattdessen seinen Hass und seinen Zorn geboren und stetig genährt. Am Ende war es sein innerer Gram, sein Hass allein auf sich selbst, der ihr die Schuld an seinem Unglück gab.

Sein Vater war stolz auf ihn. Als er ihn nach dem Grund gefragt hatte, hatte er gesagt, dass er besser für den Kampf geeignet wäre als sein Bruder. Er erinnerte sich, wie glücklich er über diese Anerkennung gewesen war. Und als er seinen Vater gefragt hatte, warum er das so sah, hatte dieser nur gemeint, dass er nicht das verschwenderische Herz eines Liebenden besäße. Es sei gerade soviel Gefühl in ihm, dass er seinen Feinden den Gnadenstoß gewähren würde, anstatt wie ein feiger Hund jaulend vom Schlachtfeld zu flüchten. Er besaß nicht das Herz eines Liebenden? Er war betrübt, ja sogar entsetzt darüber gewesen, was sein Vater von ihm hielt. Daraufhin hatte er sich geweigert, an seiner Seite zu kämpfen und begonnen, das Leben eines Eremiten zu führen. Hinter dem Schutzmantel der Gleichgültigkeit hatte er seine verletzte Seele vor der Welt verborgen. Niemand sollte je an sie herankommen. Mit den Jahren wurden Einsamkeit und Selbsthass seine besten Verbündeten, halfen sie ihm doch, den Panzer um seine Seele zu stählen, die das winzige Gefühlsaufkommen beinhaltete, was ihm zueigen war. Und mit der Zeit wurde er gut darin, diese kostbaren Gefühle tief in sich zu verbergen, bis sie fast gar nicht mehr zum Vorschein kamen. Nur sehr selten und meist nur dann, wenn er selbst keinen Einfluss darauf hatte, zeigten sie sich. Der sichere Panzer hatte ihn die Äonen seines Daseins über geschützt. Doch urplötzlich schien die Zeit aus den Fugen geraten zu sein. Eigentlich sollte er es als einen Segen empfinden, aber die Tatsache, dass er nicht selbst über sein Dasein entscheiden konnte, ließ diese Empfindung nicht zu. Er war ein Narr – ein kaltes Herz, was einer Seele nachjagte, die er doch nie erwärmen können würde. „Du siehst aus, als hättest du schlecht geträumt.“, vernahm er eine sanfte weibliche Stimme, gefolgt von leisem Rauschen. Er sah auf und konnte einen schwebenden Schatten am nächtlichen Himmel ausmachen. Die schöne Gestalt schwebte, getragen von anmutigen Schwingen, auf seinen Balkon. Augenblicklich verschwanden ihre schönen Flügel, die er immer bewundert hatte. „Nemesis. Was verschafft mir die Ehre deines nächtlichen Besuchs?“, erwiderte er beinahe gelangweilt. Es tat ihm leid, dass er sie so schroff begrüßte, denn er mochte Nemesis. Sie waren sich auf eine ungewöhnliche Weise sehr ähnlich. „Ich habe dich gesucht. Und du hast dich ziemlich gut versteckt. Doch dein Zorn hat dich verraten. Ich hab ihn gespürt. Du weißt doch, wie sehr ich dafür empfänglich bin.“, erklärte sie und tippte sich lächelnd gegen ihre kleine hübsche Nase. „Zornradar …“ Er lachte leise. „Ich rieche ihn … und dann bin ich da. Wer hat dir Unrecht getan?“, fragte sie mit fester Stimme, in der ein Hauch Missbilligung mitschwang.

Er schnaubte leise und winkte mit einer lässigen Handbewegung ab. „Die Kurzfassung?“, fragte er trocken. Nemesis nickte wortlos. Aus ihrem hübschen Gesicht, welches von einer dichten blonden Lockenpracht umrahmt wurde, blickten ihn zwei silbergraue Augen streng an. Er kannte diesen Blick, der ihm nur zu deutlich sagte, dass sie keine Ruhe geben würde, bevor er nicht ausgesprochen hatte, was sie zu wissen verlangte. Es war schon so lange her, seit dieser Bann gesprochen wurde, und erst jetzt fiel ihm auf, dass er Nemesis lange nicht gesehen hatte. Er seufzte indigniert. „Mein Bruder hatte einen Anfall von Geltungssucht, ich hab mich provozieren lassen und ein paar … wie soll ich sagen … Dinge laut ausgesprochen, die andere nicht mal im Stillen gedacht hätten, und sie – er sprach dieses Wort aus, als wäre es eine Krankheit – hat mich darauf hin verflucht. Nun sitze ich hier, inmitten der Zeit, die mir so unaufhaltsam durch die Finger rinnt, und bin doch nicht schlauer als gestern oder vorgestern. Zumindest habe ich schon mal gelernt, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Alternativ droht mir ja ohnehin nur das Getuschel sensationssüchtiger Dummköpfe, und da mir das eh nicht behagt, bleibe ich, wo ich bin. Du weißt ja, Selbstmitleid war noch nie meine Stärke.“ Nemesis hob fragend die Augenbrauen. Kopfschüttelnd sah sie ihn an. „Das übliche also?“ Er nickte betrübt. Nemesis stieß ein leises Seufzen aus. „Du weißt, dass ich sie nicht für etwas zur Rechenschaft ziehen kann, was sie nicht zu beeinflussen in der Lage ist. Sie liebt dich, das weißt du genauso gut wie ich. Dass ihre Gabe in dir keine Wurzeln schlägt und Früchte trägt, ist einem höheren Schicksal zuzuschreiben.“, erklärte sie ruhig und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er seufzte wieder. Sein innerer Schutzpanzer war brüchig geworden, aber Nemesis konnte er vertrauen. Selbst wenn er sein Gesicht verlöre, sie würde ihn nicht verhöhnen oder verurteilen. Sie war ihm treu, wie kaum ein anderer, den er kannte. Dann sah er sie an und lächelte gemein. „Vielleicht könntest du ja meinem Bruder mal einen Denkzettel verpassen. Glaub mir, der Knabe hat es mehr als verdient.“ Nemesis lächelte zaghaft. „Ja, da gebe ich dir recht. Aber sein Hass ist ehrlich. Er empfindet keine Liebe für dich, die man als herzlos oder falsch bezeichnen könnte. Glaub mir, wenn dem so wäre, würdest du meine Rache schon bemerkt haben.“ Jetzt grinste sie breit. Er bedachte sie mit einem gequältem Lächeln, und Nemesis hob ihre Hand, um ihm zärtlich über seine Wange zu streichen. „Du bist mir unter all denen Unsrigen der Liebste, mein schöner dunkler Engel.“, raunte Nemesis.

Er sah auf sie herab und verzog mürrisch das Gesicht. Er hasste es, wenn sie ihn so nannte. Er war kein Engel, doch Nemesis schien die Tatsache allein, dass er Flügel besaß – die er so gut wie nie zeigte, geschweige denn, benutzte – zu genügen, ihn regelmäßig damit aufzuziehen. Er sah sie tadelnd an, doch sie grinste nur verschmitzt zurück. „Du bist, was du bist. Wir zwei sind uns in manchen Punkten so ähnlich.“, erklärte sie feierlich. „Eigentlich ein perfektes Paar.“ Sie machte sich nicht die Mühe, das schelmische Grinsen zu verbergen. „Ja, das ist dein Glück. Andernfalls hätte ich dich schon längst übers Knie gelegt und dir den Hintern versohlt.“, knurrte er leise.“ Nemesis grinste noch breiter, trat näher zu ihm und stellte sich auf die Zehenspitzen. Dann legte sie ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn zu sich hinunter. Ihre Lippen an seinem Ohr jagten ihm einen kurzen Schauer über den Rücken. „Mein schöner Engel, komm, lass uns die Nacht ein wenig unsicher machen.“, säuselte sie. Er sah sie argwöhnisch an. „Ich weiß nicht …“ Er wollte sich aus ihrer Umarmung lösen, doch sie hielt ihn fest. „Komm, ich weiß dass du das nicht magst, aber es ist jetzt genau das, was du brauchst. Und morgen stellst du dich wieder deinem Leben. Glaub mir, auch das Schicksal braucht mal eine Pause.“, meinte sie leichthin. Er zögerte einen Moment und sah sie schweigend aus traurigen Augen an. „Also gut, kleine Schwester. Nur für dich.“, flüsterte er mit einem kleinen Lächeln. Dann wuchsen zwei wunderschöne mitternachtsschwarze Flügel aus seinem Rücken, und Nemesis’ Augen leuchteten begeistert auf. Dann stießen sie sich von dem Balkon seines Schlafzimmers ab und entschwanden gemeinsam lautlos in der Nacht. Eine Weile streiften sie durch die Gegend, bis sie sich auf einer kleinen unbewohnten Insel nahe einem Fjord an der Schwedischen Küste niederließen und in die Magie des Midsommar fühlten. Er liebte diesen Moment im Jahr, an dem der Sommer gefeiert wurde. Die Sommersonnenwende und der Beginn der weißen Nächte. Er sah zum Himmel auf. Das Zwielicht des Midsommar ließ die Sterne in einem anderen Glanz funkeln. Sterne. Ein leises Seufzen entwich seinem Inneren. Sie hatten etwas mit ihm gemeinsam. Sie waren genauso weit entfernt wie er von seiner Erlösung.

_________________
„Vor dem Schicksal zu fliehen,
ist manchmal der beste Weg,
um zu sich selbst zu finden.“


Zuletzt von Mini_2010 am Do Aug 30 2012, 20:39 bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet
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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Sa Nov 02 2013, 23:46

Juhuuu, mich gibts auch noch ... und natürlich geht auch die Story zwischen Anteros und Helena weiter. Großes Sorry, dass es zur Zeit bei mir so schleppend vorangeht. Ich hoffe, ihr habt Geduld und lest trotzdem weiter. Danke! Eure Mini Wink 

@Katha: Siehst du, ich kann das Studium auch mal Studium sein lassen und stattdessen mal wieder was schreiben ... Smile 


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Teil 78

Was ist los? Hab ich irgendwas falsch gemacht? Anteros, der noch immer Mühe hatte, seinen Ausbruch ungezügelter Leidenschaft zu beherrschen, stieß ein zittriges Lachen aus, was viel zu hohl klang, um als amüsiert durchzugehen. Er konnte nicht umhin, enttäuscht zu sein. Es wäre auch zu schön gewesen um wahr zu sein. Helena verzog missbilligend das Gesicht und richtete sich entschieden auf. Er schluckte und sah sie mit einer Mischung aus langsam abkühlender Erregung und vorsichtiger Erwartung an. Eilig tastete Helen nach ihrem Shirt, welches auf ihrer Hüfte hing und zog es umständlich hoch, um ihre Blöße zu bedecken, während sie ihre verwirrten Gefühle zu sortieren versuchte. Er beobachtete ihre Finger, die merklich zitterten, und sah sie schließlich fragend an. „Was ist?“ Sanft strich er ihr über ihre Wange. Verlegen sah Helena zu ihm auf, versuchte in dem wirren Nebel in ihrem Hirn, die passenden Worte zu finden und zwang sich, die Erregung, die wenn auch deutlich weniger intensiv, noch immer in seinem Blick stand, zu ignorieren. Eine peinliche Stille folgte, die alles andere als der Minderung der Verwirrung, die sie noch immer fest im Griff hielt, dienlich war. „Ähem … das … das hätte nicht passieren dürfen.“, stotterte sie leise. Erstaunt hob er die Brauen, Irritiation lag in seinem Blick, die irgendwo zwischen Überraschung und Enttäuschung tendierte. Helena, die seinen Gesichtsausdruck genauso wenig zu deuten vermochte, wie er fähig war, ihn zu offenbaren, räusperte sich und atmete tief durch. „Ich … ich meine, ich … ich kenne dich doch kaum. Und du mich doch auch nicht.“, versuchte sie die Situation zu rechtfertigen, vermied es jedoch, ihm zu tief in die Augen zu sehen. „Morgen bereuen wir es vielleicht.“, fügte sie mit einem leisen Seufzen hinzu. „Wir sollten das nicht tun.“ Was laberst du hier eigentlich …, maulte ihr Unterbewusstsein, was sie ziemlich finster und mit sichtlich zerzausten Haaren anstarrte. Er lächelte, versuchte durch seine Verwirrung hindurch Verständnis zu signalisieren, doch Helena erkannte, dass es nicht ganz das war, was er ihr versuchte weiszumachen. Er war enttäuscht, und irgendetwas in ihr empfand so etwas wie Scham. Scham darüber, dass sie sich hatte gehen lassen und die Situation nicht eher unter Kontrolle gebracht hatte. Scham? Ja, schämen solltest du dich, dass du diesen heißen Typen so eine kalte Dusche verpasst hast … du doofe Nuss …, schnauzte ihr Unterbewusstsein aufgebracht. Ja, Herrgott noch mal. Was sollte sie den tun? Sie hatte verflucht wenig Erfahrung in solchen Dingen, und das Wenige hatte bestenfalls einen herben Nachgeschmack. Wann kommst du endlich über diese alten Kamellen hinweg? Der Typ ist doch in Ordnung. Warum immer diese Zweifel? Wenn du ihn nicht kennst … verdammt nochmal, dann quetsch ihn doch aus. Wenn er es ernst meint, wird er dir schon Rede und Antwort stehen …, blaffte ihr Unterbewusstsein, was unübersehbar sauer über den entgangenen Genuss war. „Tut mir leid, es ist nur so … es fällt mir … schwer … jemanden zu vertrauen.“, flüsterte sie, woraufhin ihr Unterbewusstsein höhnisch schnaubte. Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts.

Bei ihren Worten hin sah Anteros sie ratlos an. Bereuen? Resigniert schüttelte er den Kopf. Niemals würde er das mit ihr bereuen. Aber vielleicht war es wirklich besser, wenn sie sich zurückhielten. Vorerst. Ein wehmütiges Lächeln zuckte kurz in seinen Mundwinkeln. Zumindest macht das die ganze Sache doch irgendwie viel spannender. Doch wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass sie irgendwie Recht hatte. Zwar kannte er sie – vermutlich besser als ihr selbst lieb war –, aber sie hatte keine Ahnung wer er war. Er war so abrupt in ihr Leben gestolpert, dass er gar nicht wirklich darüber nachgedacht hatte, ihr die Zeit zu lassen, die sie in dieser Situation vermutlich gebraucht hätte. Klar, dass sie damit überfordert war. Mit einem leisen ergebenen Seufzen stand er vom Bett auf. Und in diesem Moment war er beinahe froh darüber, dass er seinem Drang, sich die Klamotten vom Leib zu reißen, nicht nachgegeben hatte. Das hätte womöglich ziemlich vertrackt enden können. Helena, die seine Bewegungen mit angehaltenem Atem verfolgt hatte, nutzte sogleich die Gelegenheit, sprang ebenfalls vom Bett auf und flüchtete aus seiner Reichweite … brachte Abstand zwischen sich und ihn. Anteros hob in einer stummen Entschuldigung die Schultern und streckte ergeben die Arme aus. Ohne ein Wort zu verlieren, sortierte Helena ihre Kleidung und floh regelrecht aus dem Schlafzimmer. Ihre Nervosität schien noch weiter anzuschwellen als sie sich im Wohnzimmer auf das Sofa fallen ließ. Schweigend folgte er ihr, widerstand jedoch dem Bedürfnis, sich neben sie zu setzen. Sein Instinkt sagte ihm, dass sie den Abstand, den sie hergestellt hatte, wahren wollte. Also lehnte er sich gegen den kleinen Tresen, der die Küche vom Wohnzimmer trennte, und betrachtete sie einen Moment lang schweigend, während er über ihre Worte nachdachte. Schließlich räusperte er sich, woraufhin sie den Blick hob und ihn unsicher ansah. „Okay … was möchtest du über mich wissen?“, fragte er, sich nicht im Mindesten sicher, ob er fähig sein würde, ihr jede Frage zu beantworten. Und das nicht, weil er etwas zu verbergen hätte. Nein, ganz sicher nicht. Vielmehr befürchtete er, dass sie nicht jede Antwort verkraften würde. Sie ihm wohlmöglich nicht glauben würde. Und da genau lag der eigentliche Haken. Normalerweise wäre das der ideale Moment, aus ihrer Wohnung zu verschwinden ... aus ihrem Leben. Aber sie war ihm wichtig, das alles war wichtig. Viel zu wichtig.

Helenas Brauen hoben sich. Diese Art von Offensive überraschte sie. Siehst du, er meint es ernst. Sonst würde er sich wohl nicht so bereitwillig vor dir entblößen wollen …, bemerkte ihr Unterbewusstsein großspurig. Ja, vielleicht. Helena räusperte sich und schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln, während sie ihm fest in die Augen sah, den Grund suchte, der ihr noch immer leise schwelendes Misstrauen nährte. Zugegeben, dass er ohne Widerspruch bereit war, ihre Fragen zu beantworten, irritierte sie. Und wenn er mir nur erzählt, was er glaubt, dass ich hören will …, durchfuhr es sie abrupt. Du spinnst …, stöhnte ihr Unterbewusstsein und verdrehte genervt die Augen. Du bist völlig paranoid. Und wenn schon, Vorsicht ist schließlich die Mutter der Porzellankiste. Ihr Blick ruhte auf ihm, während sie den Gedanken zu ignorieren versuchte, wie überaus dekorativ sich dieser Adonis neben ihrem Küchentresen machte. Fragend neigte sie den Kopf, Herausforderung blitzte in ihren Augen. „Meinst du, dass du mich dann schneller ins Bett bekommst, wenn du mir ein paar Fragen beantwortest?“, sprudelte es aus ihr hervor, ehe sie sich zurückhalten konnte. In seinen grünen Augen blitzte Überraschung auf und seine Mundwinkel zuckten amüsiert, was ihm übergangslos einen frostigen Blick von Helena einbrachte. Er ignorierte ihn, schenkte ihr stattdessen ein träges Lächeln unter halb geschlossenen Lidern, was Helena unmissverständlich klar machte, dass er sie auch ohne weitere Fragen ins Bett bekommen würde. „In der Tat wäre das ein sehr verlockendes Angebot…“ Er grinste sie herausfordernd an. „… aber das Warten lässt die Vorfreude nur umso intensiver werden … Mhmmm …, wenn ich nur daran denke, wie du dich unter mir gewunden hast.“ Sehnsüchtig verdrehte er die Augen und stieß ein leises Stöhnen aus. Helena schoss wie auf Kommando die Röte ins Gesicht. Eilig wandte sie den Blick ab und starrte angestrengt auf ihre Finger, die sich gefährlich ineinander verkrampft hatten. „Also, stell deine Fragen, bevor ich meine Fantasie zu sehr bemühe, und mich nicht mehr beherrschen kann.“ Ein kleines gemeines Glitzern schlich sich in seine Augen. Helenas schluckte schwer und sah sich hastig um, schätzte die Entfernung bis zur Tür ab und fragte sich, ob sie schnell genug sein würde – schneller als er. Doch dann schüttelte sie den Kopf. Hör auf, dich wie eine Nonne aufzuführen … du hast es doch selbst genauso gewollt …, erinnerte sie ihr Unterbewusstsein. Ja, okay. Und er hat eingewilligt, sich deinen Fragen zu stellen …Also, wo ist das Problem? Stell endlich deine Fragen, dann können wir zum angenehmen Teil übergehen …, knurrte ihr Unterbewusstsein ungeduldig. Okay. Sie straffte die Schultern, öffnete den Mund und … Aber was sollte sie ihn fragen? Na ja, es war schließlich nicht so, dass sie so was wie eine Checkliste parat hatte, auf der sie alle Punkte abarbeiten konnte. Mann, jetzt mach schon …, drängelte erneut ihr Unterbewusstsein. Helena holte tief Luft und sah ihm fest in die Augen, während die erst Frage auf ihre Zunge rollte. „Antamo ist dein richtiger Name?“ Er hob überrascht die Brauen, bevor er nachdenklich die Stirn runzelte. „Ich meine, er klingt … na ja …“ Sie verstummte und sah ihn erwartungsvoll an.

Unweigerlich spannte Anteros sich an. Sein Blick bohrte sich in ihren, hielt ihn fest, während sich ein Anflug von Unbehagen in ihm bemerkbar machte. Worauf wollte sie hinaus? Ahnte sie irgendetwas? Mist. Sollte er wirklich direkt bei der ersten Frage schon auffliegen? Er zuckte die Schultern in Ermangelung einer ehrlichen Antwort und lächelte beschämt. „Ich meine ja nur, weil er so … ungewöhnlich klingt.“, erwiderte sie und musterte ihn nachdenklich. Zweifellos versuchte sie herauszufinden, ob er ihr die Wahrheit sagte. Prima Anteros, das geht ja gut los …, dachte er beklommen. „… das klingt … italienisch.“, fuhr sie fort und runzelte die Stirn. „… ich meine, der Name Antamo.“ Anteros schwieg, sah sie einfach nur an, während er fieberhaft überlegte, wie er aus dieser Situation wieder rauskommen sollte. Nun ja, jeder kannte ihn unter diesem Namen, also war es doch irgendwie sein Name, oder? Aber wenn er ihr Vertrauen gewinnen wollte … und darum ging es ihr doch … „Stammst du denn aus Italien. Ich meine … wegen dem Namen?“, fragte sie ungerührt weiter und riss ihn jäh aus seinen Grübelein. Italien? Nein. Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich wurde in Griechenland geboren.“, gab er ihr zu verstehen, nicht sicher, ob er diese Form der Wahrheit so stehen lassen konnte. Denn eigentlich war es ja nicht wirklich Griechenland, zumindest nicht das, was sie als Griechenland kannte. Ähnlich verhielt es sich mit seinem Namen, einen Namen den er nicht mal sonderlich mochte. Aber einen anderen mochte er noch viel weniger. Wie auch immer, vorerst musste das genügen. Später würde er es ihr genauer erklären. Zu seiner Erleichterung schien sie sich mit der Antwort nach seiner Herkunft zufrieden zu geben. „Und du?“, versuchte er, von sich abzulenken, in dem er das kurze Schweigen zu seinen Gunsten nutzte. Sie lachte leise und schüttelte den Kopf. „Und was hat dich nach Paris verschlagen?“, fuhr sie ihr Frage-Antwort-Spiel fort, ohne auf seine Frage zu antworten. Das war einfach … und gleichzeitig schwierig. Und auch hier würde er so nah wie möglich an der Wahrheit bleiben. „Die Stadt gefällt mir … Sie hat einen unglaublich anziehenden Charme.“, erklärte er, und sein Blick bohrte sich bei diesen Worten tief in Helenas Augen. Sie schluckte und entriss sich einmal mehr seinem intensiven Blick. Er seufzte lautlos. „Und wo genau wohnst du in Paris?“, fragte sie. Augenblicklich entspannte er sich. Dankbar für diese relativ unverfängliche Frage antwortete er wahrheitsgemäß. „Ich wohne südlich von hier … in der Nähe des Louvre.“

Helenas Brauen hoben sich überrascht, und für einen Moment war sie wirklich sprachlos. Sie wusste, dass diese Gegend ziemlich nobel und die Mieten dort exorbitant hoch waren. Dennoch liebte sie diesen Teil von Paris, weil er so voller Kunst und Geschichte steckte. Aber eine gleichwertige Wohnung wie ihre hätte in diesem Stadtteil locker das Doppelte bis Dreifache gekostet. Und das konnte sie sich nicht leisten, selbst wenn sie mehr Bilder verkaufte als sie malen konnte und das Erbe ihrer Eltern einsetzte. Ein Fass ohne Boden. Nachdenklich ließ sie ihren Blick über seine Gestalt wandern. Irgendwie kam er ihr nicht wie der Typ Mann vor, der sich mit Luxus umgab. Hey, der Kerl fährt einen Wagen, der geradezu nach Geld schreit …, erinnerte sie ihr Unterbewusstsein. Dieses Wissen im Kopf musterte sie ihn erneut. Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte den typischen Krösus in ihm nicht erkennen. Was also steckte dahinter? Ihr Nacken begann zu kribbeln und schickte einen leisen Schauder über ihren Rücken. Ihr Gefühl sagte ihr, dass er etwas vor ihr verbarg, und dieses Gefühl hatte sie noch nie getäuscht. Und wieder einmal wurde ihr bewusst, wie wenig sie über ihn wusste. Welche Geheimnisse er hatte – und die hatte er definitiv, soviel war ihr klar. Und plötzlich befiel sie das drängende Bedürfnis, alles über ihn erfahren zu wollen. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Zeit, dich zu enträtseln, fremder Mann …, dachte sie im Stillen. Jaaaah, worauf wartest du noch …, jauchzte ihr Unterbewusstsein mit neuer Begeisterung. Okay, dann mal los. „Hast du Geschwister?“, fragte Helena weiter und sah den Mann, der noch immer an ihrem Küchentresen lehnte, mit neu entfachter Neugier an, als sein Blick plötzlich eine ausdruckslose Miene annahm.

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um zu sich selbst zu finden.“
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   So Nov 03 2013, 08:10

Hey Hey Very Happy  Very Happy ,
Mini, ich bin super begeistert. Danke, Danke, Danke!

Ich bin ehrlich gesagt positiv überrascht. Surprised 
Anteros hat die heftige Abfuhr ja relativ gut weggesteckt. Das hätte ich bei seiner vorherigen Begierde, Helena endlich näher zu kommen, gar nicht zu glauben gewagt. Aber ich bin erleichtert, dass sie nicht sofort wieder auseinandergestoben sind, sondern noch beieinander bleiben. Und diese Fragerei-Geschichte ... Hm, da hast du jetzt was angestellt. Cool 
Ich bin Hölle neugierig. bounce bounce  Da sind ja immer noch so viele Ungereimtheiten und Geheimnisse ... Was erzählt er ihr, warum er so reich ist, was er tut, woher er sein Wissen hat, was wäre unter seiner Kleidung zum Vorschein gekommen? Ach, es würden mir noch ganz, ganz viele Fragen einfallen , die Helena stellen könnte. (und die vor allem ich beantwortet haben will) Rolling Eyes 

Mini, ich wünsche dir einen schönen Sonntag!
Liebe Grüße
Katha

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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Dez 30 2013, 15:33

Wow, lange ist's her, dass ich hier was gepostet habe. Aber ich habe die Feiertage genutzt und euch noch ein kleines nachträgliches Weihnachtsgeschenk gebastelt. Ich hoffe, es gefällt ... Viel Spaß beim Lesen ... LG und einen guten Rutsch, Mini  Wink 

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Teil 79

„Ja.“, antwortete er knapp, und Helena beschlich das untrügliche Gefühl, dass sie nicht mehr als diese eine Wort über dieses Thema von ihm erfahren würde. Unweigerlich fragte sie sich, ob ihnen etwas zugestoßen war und er sie verloren hatte, so wie sie ihre Eltern. Oder hatten sie sich etwa zerstritten? „Hast du welche?“, fragte er plötzlich und brachte sie kurz aus dem Konzept. Was er zweifellos beabsichtigt hatte. Ihr Blick streifte seinen und sie schüttelte den Kopf. Nein, sie hatte nie die Erfahrung machen können, wie es war, mit einem Bruder oder einer Schwester oder beidem aufzuwachsen. Lange hatte sie sich immer wieder die Frage gestellt, ob ihr bisheriges Leben anders verlaufen wäre, wenn sie Geschwister gehabt hätte. Vielleicht wäre sie aufgeschlossener, mutiger und würde sich dem Leben entgegenrecken, anstatt … Angst zu haben und ständig vor jenen Dingen wegzulaufen, die sie einschüchterten.

Anteros hatte sich von dem kleinen Küchentresen abgewandt und begann nun durch das großzügige Wohnzimmer zu tigern. Er spürte ihren Blick im Rücken, während er sich ziemlich zwanglos umsah. Sein Blick fiel auf die Wand in ihrem Atelier, die eine interessante Auswahl an Bildern zeigte, willkürlich zusammengestellt, ein buntes Sammelsurium ihrer Fantasie und ihrer oft so hochgelobten Kreativität. Er wusste, dass sie diese Bilder gemalt hatte, aber sie hatte keine Ahnung davon, dass er davon Kenntnis hatte. Also musste er den Schein wahren. „Hast du diese Bilder gemalt?“, fragte er deshalb geradeheraus. Helena erhob sich von ihrem Sofa und trat zu ihm. Ihr Blick folgte seinem, der auf das erst vor kurzem vollendete Stillleben gerichtet war. Schweigend musterte er das Werk, während sie sich offenbar die größte Mühe gab, seinen Blick zu analysieren und seine Gedanken zu erraten. Was ihn irgendwie amüsierte. Als er zum letzten Mal hier war – ein heimlicher Besuch – war das Bild noch in einem unfertigen Rohzustand gewesen. Es sieht … großartig aus. Es wirkte so lebendig, so greifbar und doch konnte er nicht umhin, die düstere Seite dieses Werkes zu erkennen. Er spürte die Traurigkeit und eine versteckte Sehnsucht, die aus dem Spiel der Farben und Formen sprach und sich hinter dem trügerischen Enthusiasmus der hellen Töne verbarg. Er erinnerte sich an eine Zeit, in der die Kunst eine so tragende Rolle in seinem Leben gespielt hatte, dass er beinahe selbst zu einem großen Künstler geworden wäre. Doch er hatte sich stets im Hintergrund gehalten, auch wenn seine Wegbegleiter ihn immer wieder damit in den Ohren gelegen hatten. Florenz galt nicht umsonst als die Wiege der künstlerischen Schöpfung in der Renaissance. Die großen Meister dieser Epoche waren aus ihr hervor geschossen, wie zu kaum einer anderen Zeit. Er erinnerte sich an einen kleinen Jungen und dessen Mutter, denen er einst begegnet war. Erinnerte sich an ihre kurze Zeit und ihren tragischen Tod, den er nie ganz vergessen würde. Und ganz deutlich erinnerte er sich an ihre letzten Worte. Einen einzigen Wunsch. Und den hatte er ihr erfüllt. Nach ihrem Tod hatte er sich auf die Suche nach ihrem Sohn gemacht und ihn tatsächliche in Florenz gefunden, wie sein nichtsnutziger Vater es gesagt hatte. Er hatte ihn eine Weile beobachtete, sein Talent bestaunt – genau wie er es soeben mit dem von Helena tat. Und er war begnadet gewesen. Ein Meister des Schaffens. Jahre später war er ihm erneut begegnet und hatte sich schließlich mit ihm angefreundet. Lionardo – so hieß er – war einfach großartig. Ein Genie. Seine Denkweise war einfach und so unkonventionell, dass es ganz und gar nicht in die damals vorherrschende Gesellschaft gepasst hatte. Aber was Anteros am meisten fasziniert hatte, war seine unstillbare Neugier, eine Neugier, die sich schlussendlich in einen der größten Antriebsmotoren der Geschichte der Menschheit verwandelt hatte. Von Anfang an hatte er gespürt, dass dieser kleine Junge einmal die Welt verändern würde. Und Anteros war dankbar, ein Teil dieses Lebens gewesen sein zu dürfen. Seitdem verging kein Tag, an dem er nicht seinen Tod betrauerte. Sein Blick fiel wieder auf Helena, und während er sie still betrachtete, fragte er sich unweigerlich, ob es eine höhere Macht gab, die in ihr ein ähnliches Talent geboren hatte, wie jenes, welches in Lionardo geschlummert hatte. „Erstaunlich …“, flüsterte er ehrfürchtig. Zu spät bemerkte er, dass er seinen Gedanken laut ausgesprochen hatte. Er biss sich auf die Zunge und wandte den Blick ab, vermied es, Helena anzusehen. Aus den Augenwinkeln registrierte er, wie sie den Kopf neigte und ihn fragend ansah, während er der Gefühle Herr zu werden versuchte, die in ihm tobten. „Was meinst du damit?“, fragte sie leise. Mit starrem Blick musterte er das Werk. Unsicher stieß er die Luft aus. „Ich meine, diese Mischung aus tiefer Traurigkeit und wilder Euphorie, die diese Komposition ausstrahlt … fast so als … kämpfe der Schöpfer mit einem Übermaß an gegensätzlichen Gefühlen.“, erklärte er leise, ohne seinen Blick abzuwenden.

Helena schluckte schwer. Hatte er das tatsächlich alles aus diesem Bild gelesen? Es war, als hätte sie ihm die Worte zugeflüstert und er sie lediglich laut ausgesprochen. Als hätte er in ihr Innerstes geblickt. Ein Schauer rann über ihren Rücken, ehe sie den Blick wieder auf die Komposition richtete. Das Bild war unbestreitbar düster, und Helena erinnerte sich nur zu gut an die Wut und den Zorn, die sie empfunden hatte, als sie diese düstere Hälfte des Werkes geschaffen hatte, während andere Emotionen in die freundliche Seite geflossen waren, in die sie mit ausdrucksstarken Farben gewichtige Akzente gesetzt hatte. Gegen ihren Willen musste sie lächeln. Wenn er wüsste, an wen sie bei dieser Seite des Bildes gedacht hatte. Helena räusperte sich leise. „Wie kommst du darauf … ich meine, deine Einschätzung über die Beweggründe des Schöpfers?“ Er wandte sich von dem Bild ab und ihr zu. Einen Moment lang sah er sie an, dann starrte er erneut auf das Bild. „Glaub mir, ich erkenne das Wesen des Künstlers in diesem Bild.“, sagte er leise, streckte die Hand aus und strich gedankenverloren über die bemalte Leinwand. „A–ach so. Dann willst du also gar nicht mehr über die eigentliche Person erfahren, die sich dahinter verbirgt?“, fragte sie. Es gelang ihr nicht, die Enttäuschung in ihrer Stimme zu verbergen. Lächelnd wandte er sich ihr erneut zu. „Muss ich nicht, denn ich kenne dich doch schon, Helena.“, sagte er sanft, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, was er soeben gesagt hatte, und sah sie mit festem wissendem Blick an, der sich abermals eindringlich in ihre Augen bohrte.

Ja, er spürte es ganz deutlich, auch wenn er das Gefühl nicht wirklich verstand. Irgendetwas lebte in Helena, was ihn an damals erinnerte. Etwas in ihr war wie Lionardo. Sie hatte ohne Zweifel Talent, und es grämte ihn, dass dieses Talent unerkannt und verborgen in dieser wirren Welt schlummerte. Etwas tief in ihm drängte danach, dieses Talent der Welt zu offenbaren. Und genau in diesem Moment kam ihm eine glänzende Idee. Ja, zumindest war es einen Versuch wert. Helena sah ihn mit großen Augen an, während sie einen Schritt zurückwich. Schützend schlang sie ihre Arme um ihren Körper. Besorgt musterte er sie, verstand er doch die plötzliche Distanz, die sie aufbaute, nicht. Arglos trat er auf sie zu, streckte die Hand nach ihr aus. „Ich kenne dich.“, flüsterte er und ließ sanft seine Finger über ihre Wange gleiten. Doch sie fing seine Hand ein und stoppte sein Vorhaben. „Du meinst, du kennst meinen Namen, und dass ich Kunst studiere, und dass …“, sprudelte es aus ihr hervor. „… und das du begabt bist, und dass du bezaubernd bist.“, fuhr er ihre Aufzählung fort, während er näher trat und die kürzlich geschaffene Distanz ungefragt überwand. Sofort presste Helena ihre Hände auf seine Brust und schob ihn von sich, während sie erneut einen Schritt zurückwich. „Und du glaubst, diese Umstände genügen … ich meine …“, sie zuckte die Schultern, versuchte ihren plötzlich aufkeimenden Ärger über seine zweifellos arrogante Anmaßung, sie wirklich zu kennen, zu verbergen. „… mehr braucht es ja wohl auch nicht … für eine kurze Affäre, nach der man getrennte Wege geht.“, fuhr sie ihn schroff an. Er hörte die Ironie in ihrer Stimme, mit der sie die Enttäuschung, die unter dem Sarkasmus klang, zu verbergen versuchte. „Besser, nicht zu viel über den anderen wissen … sonst könnte man ja etwas empfinden, oder sich für irgendetwas verantwortlich fühlen?“, fügte sie mit tonloser Stimme hinzu. Anteros runzelte die Stirn. Warum sagte sie das? Sie zog die Arme enger um sich, während sie ihm fest in die Augen sah, erhobenen Hauptes ...  

Verwirrt sah Anteros sie an, versuchte zu begreifen. Aber er verstand nicht, warum sie das sagte, wo doch nichts davon stimmte. „Glaub mir, ich weiß mehr über dich, als deinen Namen und deine verborgenen Talente.“, versuchte er, sie zu beschwichtigen und an dem anzuknüpfen, was sie vor einigen Minuten so spontan unterbrochen hatte. Doch Helena ließ sich nicht davon beirren. Entschieden wich sie weiter von ihm zurück und vergrößerte den Abstand zwischen ihnen. Eine Reaktion, die ihm plötzlich unerträgliche Schmerzen bereitete. „Das stimmt nicht … Du kennst mich gar nicht.“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Wut glitzerte in ihren Augen. „Wir sind uns vor drei Wochen zum ersten Mal begegnet.“, zischte sie. „Wie kannst du dann glauben, mich zu kennen? Du weißt nichts über mich!“, fügte sie mit scharfer Stimme hinzu. Er trat erneut einen Schritt auf sie zu und sah sie eindringlich an. „Doch … ich kenne dich.“, erwiderte er sanft, ergriff eine Haarsträhne, die sich in ihr Gesicht verirrt hatte und strich sie hinter ihr Ohr. Abrupt schlug sie seine Hand, die einen Moment zu lange an ihrem Ohr verweilte, fort. „Und was bitte glaubst du über mich zu wissen?“, erwiderte sie mit leisem Hohn. Überrascht von Ironie, die scharf in ihrer Stimme schwang, hob er die Brauen. Ihre Augen funkelten voller Zorn, und ihre Lippen waren zu einer dünnen Linie zusammengepresst. Ihre gesamte Haltung drückte Ablehnung aus. Aber warum? Hatte er etwas Falsches gesagt? Und dann begriff er. Verflucht. Er war so sehr in seinen Erinnerungen versunken gewesen, dass er seine Worte nicht überdacht hatte. Ja gut, im Grunde hatte er nichts Falsches gesagt. Er kannte sie tatsächlich – und das länger als diese drei Wochen, die sie erwähnt hatte. Blöderweise wusste sie nur nichts davon, weil er dafür gesorgt hatte, dass sie diesen Teil ihrer Vergangenheit vergessen hatte. Er hatte sich von der Faszination, die sie auf ihn ausübte, treiben lassen, und nun hatte sie ihn in die Irre geleitet. Und plötzlich wurde ihm klar, wie seine Worte auf sie wirken mussten. Was sie wohlmöglich in ihr auslösten. Sich innerlich über seine unbedachten Worte ohrfeigend, überlegte er, wie er aus diesem Schlamassel wieder rauskommen sollte. Zwecklos. Egal, was er jetzt auch sagte, sie würde ihm nicht glauben, würde das zarte Vertrauen, das sie begonnen hatte, zu ihm aufzubauen, mit einem Schlag zerstören. Und das vermutlich für immer. Das hast du wirklich glänzend hinbekommen, Anteros …, schalt er sich selbst. Und diesmal kannst du dich nicht rauswinden. Nein, da half nur noch eines – Die Wahrheit und das Risiko, damit genau das Gegenteil von dem zu erreichen, weswegen er hergekommen war. Sein Blick suchte ihren und hielt ihn gefangen, nicht bereit, ihn vor Vollendung seiner Offenbarung loszulassen. Er wollte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, und er wusste, dass er sie haben würde, nachdem er ihr gesagt hatte, von dem er nicht sicher war, ob sie es zu hören bereit war. „Okay … auf deine Verantwortung.“, sagte er mit ernstem Blick.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Jan 01 2014, 15:35

Oh Mann,
und nun muss ich wieder warten ...  Evil or Very Mad 
Was erzählt Anteros denn jetzt. Wieviel von sich wird er offenbaren und schafft er es die richtigen Worte und den richtigen Ton zu treffen?  Embarassed 
Helena ist ja eh emotional nicht sehr ausgeglichen, wenn es um Männer im allgemeinen und Antamo im engeren Sinne geht, ob sie also mit dem Wissen umgehen kann, das er ihr zuteil werden lassen will?

Oh Gott, spannend, spannend, spannend ... Ich werde warten, ganz geduldig  bounce 


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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Jan 01 2014, 20:07

Überaschung, meine liebe Katha ... so lange musst du gar nicht warten. Ob du mit dem Teil allerdings glücklich sein wirst, wage ich noch etwas zu bezweifeln ...  Wink  LG, Mini

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Teil 80

Also dann mal los … wird schon schiefgehen … Anteros räusperte sich, während sie ihn unverwandt anstarrte. Abwartend. Prüfend. „Du bist zweiundzwanzig Jahre alt und vor knapp vier Jahren von Schweden nach Paris gezogen. Im Alter von fünfzehn Jahren hast du deine Eltern verloren und wenig später auch deine letzte Verwandte. Du hast eine Vorliebe für Kunst und du bist, wenn ich das behaupten darf, ziemlich talentiert. Du bist gern für dich allein, und du hast die Angewohnheit, vor deinem Leben davon zu laufen.“, offenbarte er ihr ungerührt. Helena sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an, und plötzlich schien eine Erkenntnis, wie ein Bruchteil einer verschwommenen Erinnerung, in ihr aufzuflackern. „Du studierst Kunst hier in Paris und vor fast zwei Monaten hat ein …“ Sein Blick glitt zu dem Foto, welches er vor ein paar Wochen bei einem heimlichen Besuch in ihrer Wohnung umgelegt hatte und nun wieder aufrecht auf der Kommode stand. Es zeigte sie mit einem Mann als lächelndes glückliches Paar; doch das waren sie schon lange nicht mehr. Er nahm das Bild von der Kommode und betrachtete es, bevor er weitersprach. „… hat ein nichtsnutziger Trottel von Mann dich sitzen gelassen.“, erklärte er tonlos und legte das Foto mit dem Bild nach unten auf die Kommode zurück.

Helena, die das Geschehen aufmerksam beobachtet hatte, sah ihn mit entsetztem Blick an, der nur eine Sekunde später einen wütenden Ausdruck annahm. „Du warst das?“, blaffte sie unvermittelt. Überrascht von ihrem plötzlichen Ausbruch, sah er sie an, während ihr Blick abwechselnd zwischen ihm und dem Bild hin und her huschte. Dann dämmerte ihm, was er gerade durch eine äußerst leichtsinnige Geste verraten hatte. Nämlich, dass er erst vor kurzem in ihrer Wohnung war. „Was?“, fragte er lässig, schwer bemüht, das Wissen über seinen Fauxpas zu verbergen. Zwei Fehler an einem Abend – das war ihm noch nie passiert. Sie verwirrte ihn mehr als ihm lieb war. Mit zusammengepressten Lippen stemmte sie die Fäuste in ihre Hüfte und starrte ihn mit vor Zorn funkelnden Augen an. „Vor etwas mehr als drei Wochen hatte dieses Foto plötzlich umgedreht auf dieser Kommode gelegen und ich konnte mir nicht erklären, wie es dazu gekommen war. Ich wusste nur, dass ich hatte es nicht umgedreht hatte.“ Sein Gesicht verschloss sich zu einer ausdruckslosen Miene. „Du warst das … du bist hier eingebrochen. Warum?“, fauchte sie aufgebracht. Er hob abwehrend die Hände. „Ich bin nicht eingebrochen. Die Balkontür stand offen.“, erklärte er kleinlaut. Ein vergeblicher Versuch, sich zu verteidigen. Entschlossen trat sie auf ihn zu und funkelte ihn wütend an, so dass er unweigerlich einen Schritt zurückwich. „Das gibt dir trotzdem nicht das Recht, hier einfach einzusteigen. Stand da an meiner Balkontür vielleicht ein Schild Herzlich Willkommen – Eintritt frei oder was? Was bildest du dir eigentlich ein?“, schrie sie außer sich. Sie hielt kurz inne, aber nur, um Luft zu holen. „Und dieses Geschmeichel um meine Bilder und die Protzerei über deinen Intellekt … pah … Wolltest du dich bei mir einschleimen, meine Gunst gewinnen oder so, um dich an mich ranzumachen?“ Helena atmete tief durch und fächelte sich kurz Luft zu. Sie stand kurz davor zu explodieren. Dann schnaubte sie verächtlich und schüttelte seufzend den Kopf. „Und ich war so blöd und hab mich dir noch an den Hals geschmissen. Wenn ich daran denke, dass ich beinahe mit dir …“ Sie stockte und riss die Augen auf. „Oh Gott.“ Mit angewidertem Gesichtsausdruck starrte sie ihn an.

Anteros, der sich irgendwie genötigt fühlte, etwas zu seiner Verteidigung hervorzubringen, bedachte sie nur mit einem verblüfften Blick. Aus ihrem Mund klang das alles wie ein Kapitalverbrechen, dabei war er doch nur seiner ungestillten Sehnsucht gefolgt. Das war doch nicht schlimm, oder? Ihre Worte trafen ihn tiefer, als er erwartet hatte, war doch alles, was er gesagt hatte, die reine Wahrheit. Und er hatte auch nie wirklich versucht, mit seinem Wissen zu prahlen. Er wollte ihr wirklich nur helfen, … na ja und ein bisschen wollte er ihren Stolz kitzeln. Er sah sie an, erkannte das Entsetzen, aber das war nicht alles, was er sah. Es war der Schmerz, der aus ihren Augen sprach; ein Schmerz, den ihre Seele nicht verbergen konnte, und der Anteros die Luft nahm. Er fühlte sich elend. Er sah die tiefe Enttäuschung in ihrem Blick, nahm die Verachtung darin wahr, die er herbeigeführt hatte. Er hatte sie verletzt und das offenbar tiefer als ihm bewusst war. Anteros schluckte schwer, denn instinktiv spürte er, dass es nichts gab, was sie jetzt beruhigen würde, ganz gleich was er auch sagte. Er räusperte sich und warf ihr einen entschuldigenden Blick zu. Der Blick, den sie ihm daraufhin zuwarf, hätte ihn mit Sicherheit getötet, wenn das möglich gewesen wäre. Wortlos streckte sie die Hand aus und deutete in Richtung Wohnungstür. Herzlichen Glückwunsch, du hast es erneut geschafft … Seufzend senkte er den Blick. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn rauswarf. Manche Dinge ändern sich wohl nie. „Ich gehe jetzt besser.“, erklärte er ergeben. „Ja, und wage es nicht, hier noch mal aufzutauchen.“, fauchte sie ihm hinterher. Abrupt hielt er inne und sah sie erschrocken an. Sie wollte ihn nie wieder sehen? Nie wieder? War das ihr Ernst? „Und was ist mit unserer Verabredung morgen? Und dem Angebot, dir am Samstag Model für deine Arbeit zu stehen?“, fragte er leise. „Das ist mir scheißegal … Es hat keine Bedeutung mehr für mich. Geh!“, schrie sie, trat mit steifen Schritten zur Tür, öffnete sie schwungvoll und deutete auf den Flur, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Er sah sie an, und als ihr Blick dann doch den seinen für einen Sekundenbruchteil streifte, zog ein scharfer Schmerz durch seine Brust. Sie hatte Tränen in den Augen – wegen ihm. Am liebsten hätte er sie auf der Stelle in seine Arme gezogen, tausend Entschuldigungen gemurmelt, so lange, bis ihre Tränen versiegt gewesen wären. Doch das hatte keinen Sinn. Im Moment war sie so sehr von ihren Gefühlen beherrscht, dass er nicht zu ihr durchgedrungen wäre. Mit hängendem Kopf trat er auf den Flur. Das letzte was er wahrnahm, war der schallende Knall der Tür, die hinter ihm ins Schloss fiel.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Jan 02 2014, 07:12

Hallo meine liebe Mini,
was soll ich sagen? Natürlich liegst du mit deiner Vermutung richtig.  super  lesemist 

Aber ganz ehrlich, ich habe es kommen sehen.
Depp, Depp, Depp und nochmal Depp. Genau so habe ich es mir vorgestellt. Er wird sein komplettes Wissen über Helena raushauen ohne irgendwie klar zu stellen, woher er das hat.  Evil or Very Mad  Evil or Very Mad  Evil or Very Mad Kein Wunder, dass sie die Krise bekommt. Sieht ja auch ganz nach einem Stalker aus, so wie es sich für sie darstellt.
Ok, dass er unfreiwillig offenbart, dass er uneingeladen in ihrer Wohnung war, habe ich nicht vorhergesehen, und auch da kann ich nur sagen - Wie bescheuert ist er denn, dass er es auch noch .Er ist sozusagen bei ihr eingebrochen - über den Balkon, wie er auch noch zugibt ... Surprised

Vielleicht hätte er vor seinen Offenbarungen erst mal seinen Kopf ins Gefrieschrank stecken sollen, um nach der heißen und so unsanft abgebrochenen Nummer mit Helena wieder eine klaren Kopf zu bekommen.  Mad 

Hm, na ja, nutzt ja nichts. Dann drehen wir also alles wieder auf Anfang, bzw. noch weiter zurück und warten ab, wie er sich der guten Helena wieder annähern will. Es drängt ihn ja ein wenig, nicht wahr ... Nicht nur, weil er sie eh nicht aus dem Kopf bekommt ...
Ich bin gerade ein bisschen pessimistisch  No Das sieht nicht gut aus ...

So, jetzt hoffe ich, dass du nach einem vermutlich trubeligen Tag einen ruhigen Abend hast.

Bis dahin!
Katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   So Jan 19 2014, 21:14

@Katha: Danke für deinen lieben Kommi. Ob Helena mal endlich zur Einsicht kommt? Hmm ... wir werden sehen ...

Viel Spaß beim Lesen ...

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Teil 81

Atemlos und vollkommen verwirrt sank Helena hinter ihrer Wohnungstür auf den Boden. Ihre Augen begannen zu brennen, als Tränen in ihnen aufstiegen. Schützend zog sie die Beine an ihre Brust, schlang die Arme fest darum und versuchte, das heftige Schütteln, welches ihren Körper zum Beben brachte, zurückzudrängen, während sie sich wünschte, der Boden täte sich vor ihr auf und böte ihr eine Möglichkeit, sich vor der Welt zu verstecken und ihr Herz zu schützen, welches schon so viele schmerzliche Niederlagen hatte erfahren müssen. Entschieden versuchte sie, die Flut von Gefühlen zurück zu drängen, die sie bestürmten, seit sie ihn vor die Tür gesetzt hatte. Es gelang ihr nicht. Und der Schmerz wurde mit jedem Herzschlag unerträglicher, formte einen dicken Kloß, der sich in ihrem Hals festzusetzen begann und ihr langsam die Luft nahm. Ein krampfhaftes Schluchzen, und ein leiser Schrei drängte sich durch ihre Kehle, während nun unaufhaltsam Tränen über ihre Wangen zu fließen begannen. Hör auf zu heulen, du hast doch gleich gewusst, dass das nur schiefgehen kann …, tadelte sie sich selbst und wischte mit einer zornigen Handbewegung die dummen Tränen aus den Augen, während ihr Unterbewusstsein sie mit offenen Mund und völliger Bestürzung im Blick ansah. Offenbar hatte es noch nicht vollständig realisiert, dass sie diesen atemberaubend gutaussehenden und weltgewandten Typen soeben tatsächlich vor die Tür gesetzt hatte. Schwach zuckte sie die Schultern, während sie sich energisch einzureden versuchte, dass es wohl das Beste sei, wenn sie sich nicht wiedersahen. Doch nur einen Augenblick später wusste sie, dass das nicht stimmte. Dass sie sich selbst nur etwas vormachte. Ja ja, die Liebe …, seufzte ihr Unterbewusstsein, offenbar endlich aus seiner zeitweiligen Schockstarre erwacht, dramatisch. Liebe? Das ist doch keine Liebe … Erneut begann ihr Körper zu beben, als abermals eine Flut von Gefühlen auf ihren errichteten Schutzpanzer traf. Oder vielleicht doch? Die dünne Hülle zerbrach wie ein filigranes Glasgebilde in unzählige Scherben. Überwältigt von der Flut ihrer Gefühle, ließ Helena es zu, dass sich die Wellen der Einsamkeit und Traurigkeit, die sie in den vergangenen Jahren so selten zugelassen hatte, unaufhaltsam in ihr Bahn brachen. Sie schluchzte haltlos. Und es tat gut. So gut. Sie wusste nicht, wie lange diese Gefühle sie beherrschten, als schließlich keine Tränen mehr folgten und das schmerzhafte Schütteln ihren Körper soweit betäubt hatte, dass sie nichts weiter fühlte, als eine unendlich erdrückende Leere. Sie versuchte, sich zu erinnern, was passiert war, doch alles was sie zu greifen vermochte, rann ihr sogleich aus den Fingern wie Sand, der vom Wind verwirbelt wurde. Müde und erschöpft vom vielen Weinen, erfüllt von einer Leere, die ihr das Gefühl gab, innerlich gestorben zu sein, erhob sie sich und schleppte sich mit letzter Kraft auf ihr Sofa. Sie griff nach der Decke, die über der Lehne lag und zog sie über sich, während ihr Blick ins Leere starrte, unfähig etwas wahrzunehmen. Übermannt von dem Wirren ihrer Gedanken und dem stetig pochenden Schmerz in ihrem Herzen schlief sie schließlich ein. Ihre letzten Gedanken drehten sich um den Mann, der Gefühle in ihre ausgelöst hatte, die seinesgleichen suchten – dem Mann, dem sie, ohne es zu wissen, Vertrauen geschenkt hatte … und der sie offenbar seit vier Jahren verfolgte …

Etwas zog sie aus der Tiefe, kitzelte an ihrer Nase, rüttelte sie, versuchte sie aus ihrer Starre zu reißen, in die sie sich geflüchtet hatte. Rote Schleier tanzten vor ihren Augen, flackerten berauschend und verblassten allmählich, um einem hellen Licht Platz zu machen. Helena blinzelte, öffnete langsam die Augen und erkannte, dass es das Sonnenlicht war, welches sie aus dieser tröstlichen Dunkelheit gerissen hatte. Ihr Blick fiel auf die Uhr. Halb elf mittags. Sie riss die Augen auf und blinzelte noch einmal, während sie versuchte zu realisieren, wie spät es war. Halb elf? Sollte ich wirklich zwölf Stunden durchgeschlafen haben? …, dachte sie bestürzt und schloss die Augen, während das Licht der Mittagssonne mit beinahe aggressiver Freundlichkeit durch die Balkontür strahlte und den dumpfen Druck in ihrer Brust linderte, bevor sich die Erinnerung gnadenlos ihren Weg in ihren Kopf zurückkämpfte. Mit einem tiefen Seufzen zerrte sie sich die Decke über den Kopf und sperrte die Sonne aus und all diese blöde positive Energie, die sie im Moment überhaupt nicht haben wollte. Wie ein Embryo im Mutterleib rollte Helena sich unter der Decke zusammen, schloss die Augen und versuchte zu vergessen. Nicht an diese wunderschönen betörenden grünen Augen zu denken, oder an den warmen glatten Körper, der sich so gut an ihrem angefühlt hatte. Und schon gar nicht an seine Lippen, die sich so weich und sinnlich gegen ihre geschmiegt und ihren Körper zum Brennen gebracht hatten. Nein, sie durfte nicht daran denken, musste ihn vergessen, ihn aus ihren Gedanken aussperren. Doch sie hatte keine Ahnung, wie ihr das gelingen sollte. Denk an was anderes …, suggerierte sie sich. Sie kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich … die Uni mit ihren zeitweilig langweiligen Kursen und ihren eigenwilligen Professoren, ... Beth, die sie zu einer Cocktailnacht zu überreden versuchte, ... die Parks an der Seine, in denen sie spazieren ging, ... den Pariser Straßenverkehr, ... überfüllte Metros, ... lachende Kinder … Es war müßig. Denn überall, wo sie hinflüchtete, tauchten diese verfluchten grünen Augen auf. Sich an einen allerletzten Strohhalm klammernd, rief sie sich Mike in ihre Gedanken, zwang seinen blonden Schopf vor ihr inneres Auge, seine braunen Augen, sein Grinsen und seine saloppe unkonventionelle Art. Richtete ihre Konzentration vollkommen auf ihn, stahl sich in seine Arme und sah in seine Augen, gewillt, dieses Bild in ihrem Kopf zu manifestieren, um andere zu verdrängen. Zu ihrer Überraschung funktionierte es und sie atmete erleichtert auf. Ein leises Lächeln auf den Lippen starrte sie auf das projizierte Bild vor ihren Augen – ihren personifizierten Albtraum, den aufzurufen, ihr unvermittelt den Schweiß auf die Stirn getrieben hatte. Konzentriere dich! …, ermahnte sie sich, woraufhin ihr Unterbewusstsein genervt die Augen verdrehte und sich kopfschüttelnd abwandte. Das hat doch keinen Zweck, wirst schon sehen …, stieß es mit einem leisen Schnauben aus. Helena beachtete es nicht, blendete alles um sich herum aus und fokussierte stattdessen ihr Augenmerk auf den projizierten Mike … seine markanten Details … Bis unvermittelt die braunen Augen zu flackern begannen und in ein sanftes Grün wechselten. Nein! Nein! Nein! Unbewusst spannte sie sich an, verstärkte ihre Konzentration, wand sich darin. Doch so sehr sie auch kämpfte, das manifestierte Bild verschwamm immer mehr. Das Blond von Mikes Haaren verwandelte sich in ein dunkles, beinahe schwarzes Braun und zwei Sekunden später hatte Antamos Antlitz seinen drittklassigen Ersatz erfolgreich verdrängt. Sein Blick war glühend und schickte jenes flammende Kribbeln in ihren Körper, welches sie noch vor wenigen Stunden so hingebungsvoll genossen hatte. Verwirrt schüttelte Helena den Kopf, in der Hoffnung, diese sich mehr und mehr in ihr machtvoll aufbäumende Schwäche zu vertreiben. Doch so sehr sie sich auch bemühte, es klappte einfach nicht. Kein Wunder. Seit gestern Nacht war ihre gesamte Gefühlswelt ins Wanken geraten. Sie wusste, dass sie ihn vergessen sollte. Besser früher als später.

Aber da war etwas. Sie wusste nicht recht, was genau. Aber er hatte etwas in ihr berührt. Etwas, dass sie nicht losließ und dafür sorgte, dass sich ihre Gedanken mehr und mehr um ihn drehten. Wenn ich nur wüsste, wer du bist, Antamo …, ging es ihr wehmütig durch den Kopf. Was schon? Er ist ein Kerl …, meinte ihr Unterbewusstsein schulterzuckend, ehe sich ein dreistes Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. … ein ziemlich heißer Kerl, würde ich meinen. Helena schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, die Bilder mit dieser Geste vertreiben zu können, die sich unvermittelt erneut hinter ihre Stirn schoben. Ja.  … Nein! Seufzend ließ sie den Kopf gegen die Rückenlehne sinken. Irgendetwas sagte ihr, dass mehr hinter diesen schönen Augen steckte … spürte, dass er etwas verbarg. Und je mehr sie darüber nachdachte, je deutlicher sie ihn vor sich sah, umso mehr überkam sie das Gefühl, dass sie ihn weniger kannte als sie vermutete. Dass es keineswegs ausreichen würde, ihm ihre Fragen zu stellen, um sein Geheimnis zu ergründen. Doch die eigentliche Frage war nicht, ob sie ihn kannte oder irgendwann kennen würde, wenn sie ihn fragte, sondern ob sie bereit war, ihn kennen lernen zu wollen. Und genau da lag das Problem. Was, wenn das Wagnis, ihn zu erkennen, etwas zutage förderte, das ihr Angst machte … mit dem sich nicht würde leben können? War es dann nicht besser, alles gleich beim Alten zu belassen? „Du bist gern für dich allein, und du hast die Angewohnheit, vor deinem Leben davon zu laufen.“ …, klangen plötzlich seine Worte in ihrem Kopf. Seufzend vergrub Helena das Gesicht in ihren Händen. Mhmm …, zumindest kennt er dich … und das offenbar besser, als du gedacht hast …, meinte ihr Unterbewusstsein nachdenklich. Ja, vermutlich. Und offen gestanden machte ihr genau das Angst. Und mal ehrlich, tief in dir drin willst du ihn doch kennenlernen …, sprach ihr Unterbewusstsein so gnadenlos genau das aus, was sie die ganze Zeit so geschickt umschiffte. Ja, irgendwie schon …, gestand sie sich zögerlich ein. Ja, sie wollte wissen, wer er war. Wer sich hinter diesem Schatten verbarg, der immerzu auftauchte, ihr unaufhörlich folgte und ihre Gefühle durcheinander brachte. Und vor dem sie floh, damit er wieder verschwand. Diese Tatsache drängte sich plötzlich so direkt in ihr Bewusstsein, dass sie sich unvermittelt zusammenkrümmte. Das ist alles so verwirrend. Sie seufzte tief. Wie konnte ein Mann, den sie kaum kannte, derartige Gefühle in ihr auslösen? Warum hatte er eine solche Macht über sie? Wieso fühlte sie sich so stark zu ihm hingezogen – wie ein Magnet zu einem anderen? War es nur eine vorübergehende krankhafte Sehnsucht nach Nähe, weil es niemand anderen in ihrem Leben gab? Aber vielleicht sah sie auch nur etwas in ihm, was sie vor langer Zeit verloren hatte. Oder sie wurde schlichtweg verrückt? Der Anfang einer Schizophrenie ... Schleichender Wahnsinn ... Und dafür gab es nur eine Lösung. Ja, du musst ihn kennenlernen …, freute sich ihr Unterbewusstsein. Ich muss mich von diesem Typen fernhalten, scheißegal, wie anziehend er ist. Ich muss dagegen ankämpfen …, setzte sie im selben Moment ihrem Unterbewusstsein entgegen, welches sie nun mit vor Entsetzten geweiteten Augen anstarrte. Ihm war anzusehen, dass es sich um einen Widerspruch bemühte, aber offenbar war es ausnahmsweise mal vollkommen sprachlos. Ja, es war der einzig richtige Weg, dessen war Helena sich sicher. Trotz des überwältigenden Gefühls, welches er in ihr wachrief. Trotz der Sehnsucht, die er in ihr weckte, wie kein anderer Mann vor ihm. Ein Teil von ihr gratulierte ihr zu dieser weisen Entscheidung, ein anderer – viel lauterer und in letzter Zeit ziemlich dominanter Teil – schalt sie beharrlicher denn je eine Närrin, die sich weigerte, sich dem Leben zu stellen und in jeder möglichen Chance, glücklich zu werden, einen Angriff auf ihre gebeutelte Seele sah. Ja, du bist so ein elender Feigling, Helena …, zischte ihr Unterbewusstsein sichtlich aufgebracht. Offenbar hatte es seine Sprache wieder gefunden. Betrübt schüttelte sie den Kopf und richtete mit einen tiefen Seufzen ihren Blick auf ihre Hände, die merklich zitterten. Was tue ich hier eigentlich? Ihr ganzes Leben lang sehnte sie sich nach Halt und Liebe, doch anstatt sich dem Leben zu stellen und die kleinen Niederlagen hinzunehmen, die ihren Weg kreuzen, verkroch sie sich hinter ihrem Panzer, wenn es schwierig wurde. „Ja, du hast ja Recht …“, seufzte sie leise. „Ich laufe vor meinem Leben davon.“

Sie war immer nur davongelaufen. Als sie ihre Eltern verloren hatte. Als Nathan gegangen war. Und Stephen. Immer war sie weggerannt, hatte sich abgewandt, ohne jemals wirklich zu versuchen zu kämpfen. Anstatt das Leben anzunehmen, hatte sie es weggeworfen. Hatte sogar versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Welt ausgeschlossen, und ihre eigene kreiert, die der Wirklichkeit so weit entfernt war, wie ein Pinguin davon, fliegen zu können. Und sie hatte ihre Freunde darunter leiden lassen. Beth, die ihr nur helfen wollte. Und jetzt hatte sie Antamo zum Teufel gejagt, weil er sich heimlich in ihr Herz gestohlen hatte. Und das ohne große Mühe. Er hatte Gefühle in ihr geweckt, die sie sicher behütet geglaubt hatte. Tief verschlossen hinter ihrem schützenden Panzer. Dabei hatte er doch nur das getan, wonach sie sich so sehr sehnte. Geräuschvoll stieß Helena die Luft aus und richtete ihren Blick starr auf die großzügigen Balkonfenster, hinter denen das Leben pulsierte. Ja, so schwer es ihr auch fiel, es war endlich Zeit aufzuwachen. Resigniert dachte sie an Antamo und diesen todunglücklichen Blick, mit dem er sie bedacht hatte, als sie ihn vor die Tür gesetzt hatte. Und prompt jagte ein schmerzhafter Stich durch ihr Herz, ließ sie leise aufkeuchen. Sie vergrub das Gesicht in den weichen Sofakissen und versuchte erneut, die Welt da draußen, die manchmal so grausam sein konnte, auszusperren. Zwecklos. Es half alles nichts. Sie musste der Realität ins Auge zu sehen. Es war zu spät. Er war fort und dieses Mal vermutlich für immer. Wie hartnäckig er sich gegeben hatte, wurde ihr erst jetzt bewusst. Und sie hatte nichts verstanden. War immer nur vom Schlimmsten ausgegangen. Wieder ein Kerl, der es nicht ernst meinen könnte, war ihr einziger Gedanke gewesen. Niemals hatte sie auch nur in Erwägung gezogen, dass er anders sein könnte. Dass er es ernst meinen könnte. Stattdessen hatte sie sich ihrem Glück wieder einmal verweigert und war davon gelaufen. Wie dumm von ihr. Herzlichen Glückwunsch, Helena. Warum wirst du aus Schaden niemals klug? Ja, er hatte vollkommen Recht – sie lief ihrem Leben davon. Schlug die Hände weg, die sich helfend nach ihr ausstreckten und verschloss die Ohren vor den Worten, die ihr Trost spenden wollten. Niemand hatte ihr Wesen je so erkannt, wie Antamo es in nur wenigen Begegnungen getan hatte. Nicht einmal sie selbst. Niemals hatte sie sich jemandem offenbart, niemals über ihre Gefühle gesprochen, ihre Ängste und ihre Sehnsüchte. Allein durch ihre Bilder gewährte sie einen Einblick in ihre Seele. Eine Sprache, die so geheim war, dass sie nur wenige verstanden. Die sich nur jenen offenbarte, die genau hinsahen. Wie Antamo. Antamo hatte nur einen einzigen flüchtigen Blick gebraucht, und er hatte sie erkannt. Und das so deutlich, dass sie einfach nur schockiert war. Noch niemandem, den sie näher an sich herangelassen hatte, war das bisher gelungen. Nicht Nathan. Nicht Stephen. Nicht einmal Beth. Antamo hatte gesagt, dass er sie kenne. Und mit dem was er über sie wusste, schien es wirklich beinahe, als würde er sie schon ewig kennen. Aber das war unmöglich. Und wenn doch mehr hinter dieser leicht dahin gesagten Floskel steckt? …, mischte sich ihr Unterbewusstsein ein, was sich in Position àla der Denker von Auguste Rodin begeben hatte und sie nun fragend ansah. Wieder seufze Helena leise auf, während sich erneut Antamos Bild vor ihre Augen schob. Wie gern würde sie sich bei ihm entschuldigen, ihn um Verzeihung bitten, dass sie sich so blöd verhalten hatte … ihm sagen, dass er doch mit allem Recht gehabt hatte. Doch wie sollte sie ihn finden? Niedergeschlagen warf sie die Decke von sich und rappelte sich hoch. Es war zwecklos, an Schlaf zu denken. So sehr sie sich auch damit abmühte, in ihre Träume zu flüchten, von denen sie sich Linderung versprach, es gelang ihr nicht. Sie schlang die Arme um ihre Brust, sog seinen Duft ein, der ihr noch immer anhaftete, und ließ sich von ihm einhüllen, gleich einer sanften Liebkosung. Es drängte ihr nach einer Dusche, doch sie wollte den einzigen Teil von ihm, der ihr von ihm geblieben war, nicht verlieren. Nein, sie wollte ihn nicht verlieren.

Ihr Blick fiel auf ihre Uhr. Es war zwölf. Von einem plötzlichen Impuls getrieben, schnappte sie sich ihre Handtasche. Mit fahrigen Händen kramte sie nach ihrem Handy und schaltete es ein. Nachdem sie Antamo aus ihrer Wohnung komplimentiert hatte, hatte sie es abgestellt, weil sie ihre Ruhe haben wollte. Doch nun fühlte sie sich plötzlich von der Welt ausgeschlossen. Einsam und irgendwie eingesperrt in ihren vier Wänden. Ungeduldig wartete sie, bis ihr sämtliche verpasste Anrufe und SMSen geliefert wurden, die sich seit gestern angesammelt hatten. Der Papst ist sicher nicht halb so wichtig …, brummte sie leise in sich hinein. Mit einem ironischen Schnauben scrollte sie sich durch die Anrufliste - keiner der Anrufe gab einen Hinweis auf den Anrufer. Mike oder Antamo? Verdammt! Resigniert schloss sie die Liste und klickte sich durch den SMS-Eingang. Die Bilanz war ernüchternd. Elf Entschuldigungen von Mike, eine dramatischer gesäuselt als die andere. Oh Mann, offenbar hat er es noch immer nicht verstanden …, dachte sie ernüchtert. Sie scrollte weiter, als sie plötzlich auf eine SMS stieß, die irgendwie nicht zu den anderen passte. Gesendet um kurz nach Mitternacht. "Es tut mir leid. Das Letzte was ich wollte, war dir wehzutun. A." Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie begriff, dass es tatsächlich Antamos Worte waren. Dann machte es einen freudigen Hüpfer und begann in halsbrecherischem Tempo loszurasen. Hastig checkte sie die Rufnummer, aber leider stieß sie auch hier nur auf eine weitere Unbekannte. Warum können die Leute nur ihre Rufnummern nicht übertragen? …, fluchte sie innerlich. Wieder und wieder las sie Antamos letzte Nachricht, in der mehr Wehmut mitschwang als sie für möglich gehalten hätte. Und ihr wurde mit schrecklicher Klarheit bewusst, dass ihre einzige Chance, ihn jemals wieder zu sehen, allein von ihm abhing. Er musste zu ihr kommen. Welch tröstlicher Gedanke in einer grauen Welt voll wirrer Augenblicke, Worte und Entscheidungen …, dachte sie ironisch. Vor allem, nachdem sie Antamo unmissverständlich klar gemacht hatte, dass sie ihn nie wieder sehen wollte. Und nun konnte sie ihn noch nicht einmal zurückrufen … oder ihm schreiben. Himmel Herrgott nochmal. Und in einem Moment plötzlicher Klarheit, erkannte sie, was sie tun musste. Etwas, was sie schon längst hätte tun sollen. Ganz gleich, ob Mike ihr auflauerte oder nicht, sie musste aus dieser Wohnung raus. Musste dorthin, wo er war. Denn das war ihre einzige Möglichkeit, ihn wieder zu sehen.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Jan 20 2014, 06:29

Guten Morgen meine Süße,
habe zwar eigentlich keine Zeit, muss dir aber trotzdem einen kurzen Gruß hierlassen Smile 
Ich habe deine Fortsetzung gestern noch gelesen und ich muss gestehen, ich war wirklich sprachlos.
Ich habe mit viel gerechnet, aber mit Sicherheit nicht damit, dass Helena solch einen Wandel durchlebt, und zumindest vorerst  Embarassed davon überzeugt ist Antamo wiedertreffen zu wollen.

Jetzt hoffe ich stark, dass sich Antamo hartnäckig bleibt und sich einfach bei ihr melden wird. Na ja, eigentlich bleibt ihm ja gar nichts anderes übrig und außerdem bestand da ja noch eine Verabredung, auch wenn Helena die zwischenzeitlich gestrichen hatte ...  Wink 

Freu mich auf den nächsten Teil!

Katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Feb 12 2014, 19:00

Hey Mini!

Ich muss endlich etwas loswerden, dass mir schon lange auf der Zunge brennt Smile Hast du eigentlich schon mal daran gedacht, ein Buch zu schreiben?

Was diese Geschichte angeht, schließe ich mich ganz kommentierfaul einfach Kathas Kommi an Wink

Liebe Grüße
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Feb 24 2014, 02:59

Danke ihr Lieben. Und ich sehe gerade, hier müsste ich auch mal wieder was nachliefern. Wo ist nur die Zeit, wenn man sie mal braucht ...  Rolling Eyes Rolling Eyes Rolling Eyes 

LG, Mini

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Apr 07 2014, 22:02

Juhuuuuuuu ... ihr Lieben, ja ich bins. Und ich dachte, nach zwei Monaten wäre es langsam mal wieder Zeit für eine Fortsetzung. Ich hoffe, es gibt noch den einen oder anderen Leser. Also, viel Spaß ...  Wink 

LG, Mini


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Teil 82


Im Bruchteil einer halben Sekunde war er hinter sie geschnellt, hatte seine Hand um ihre Taille gelegt und sie von dem alten Gemäuer der Brücke zurück auf das grobe Kopfsteinpflaster gerissen. Das war Rettung in letzter Sekunde ... Um ein Haar hätte ich dich verloren. Sanft bettete er sie in seine Arme und trug sie rasch zurück nach Hause. Es war kalt geworden, und sie war nur in einem dünnen Nachthemd auf bloßen Füßen unterwegs gewesen. Behutsam legte er sie auf das Bett, tastete nach ihren Füßen. Sie waren eiskalt und die Zehen bereits gefährlich blau angelaufen. Er legte seine Hände um die erfrorenen Zehen und ließ seine heilende Energie in ihre Füße strömen. Wenige Sekunden später verschwand die hässliche blaue Farbe und die Haut nahm wieder einen rosigen Ton an. Seine Wärme strömte in ihren Körper und ihr Zittern ließ langsam nach, genau wie die abstrakt blaue Farbe ihrer Lippen. Meine Güte, wie leichtsinnig sie doch ihr Leben wegwerfen wollte. Hatte sie denn kein bisschen Achtung vor dem eigenen Leben? Angespannt wachte er über ihren Schlaf. Ihr Körper war nicht mehr ganz so kühl, trotzdem weigerte er sich, eine Decke über sie zu legen. Es war reiner Egoismus, der ihn daran hinderte, den atemberaubenden Anblick, auf den seine Augen fixiert waren, nicht zu zerstören. Sie lag auf dem Rücken, den Kopf in das Kissen gebettet, ein Arm auf ihrem Bauch, der andere neben ihrem Gesicht. Ihr Atem ging gleichmäßig und ihre Lippen waren leicht geöffnet. Eine Haarsträhne hatte sich in den Ausschnitt ihres Nachthemdes verirrt. Vorsichtig streckte er seine Hand aus, fasste die Haarsträhne und strich sie zurück in ihren Nacken. Er hatte die Hitze gespürt, die von dieser Stelle ausging und ein wohliges Kribbeln in seinen Fingern auslöste. Sie hatte den Kopf zur Seite gedreht und präsentierte die zarte Linie ihres Halses. Er hatte Mühe, nicht seinem inneren Drängen nachzugeben und die bloße Haut dort zu berühren. Sein Atem ging hastiger, und der Fluch in ihm, erinnerte ihn an seine Mission. Er durfte das nicht tun. Er durfte es sich nicht einfach nehmen, wonach ihm so sehr verlangte, wenn er seine Erlösung nicht gefährden wollte. Er hatte ihr soeben das Leben gerettet. Hatte verhindert, dass sie ihm aus den Händen glitt. Und er verstand nicht, wie sie sich das freiwillig hatte antun können – wie sie ihm das antun konnte. Ab heute – so schwor er sich – würde er sie nicht mehr aus den Augen lassen. Ein Versprechen, für das er im Zweifel sein Leben geben würde. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er würde nicht zulassen, dass sie sich noch ein weiteres Mal in solche Gefahr begab – und das nicht nur um seinetwillen. Mit glühender Begierde schweifte sein Blick über ihren Körper. Das unbändige Feuer, welches sie vor langer Zeit schon in ihm entfacht hatte, loderte erneut in ihm auf, gefährlich nah am Rande eines Infernos. Wie lange war er ihr schon nachgejagt? Hatte ihre Schritte belauscht und sie unentwegt beobachtet? Seit er sie damals in Rom wiedergesehen hatte, hatte er nicht mehr aufgehört, sie zu suchen. Durch die halbe Welt war er ihr gefolgt, wie schon so oft zuvor. Wie oft hatte er sich nach dem Warum gefragt? Wie oft zwischen Bangen und Hoffen gelebt? Eine Gratwanderung, die ihn sämtliche Kraft forderte. Wochenlang hatte es gedauert, bis er ihre Spur schließlich in Schweden gefunden hatte, nachdem sie in Rom quasi vom Erdboden verschluckt worden war. Angst war sein ständiger Begleiter geworden. Ein Gefühl, was ihm lange so fremd gewesen war, wie diese Welt, in der er sich nun bewegte. Aber nun hatte er sie gefunden. Ihr Ruf hatte ihn zu ihr geführt, und diese aphrodisierende Mischung aus Lavendel und Freesien, die sie so einzigartig machte, hatte ihm Fesseln angelegt, derer er sich nicht entziehen konnte. Ihr Duft war unvergleichbar, und die wechselnden Akzente, die er barg und ungewollt ihre Gefühle offenbarte, zerrte ihn in einen Strudel süchtig machender diffuser Sehnsüchte. Er lächelte, während er spürte, wie die aufkeimende Hitze seines Begehrens immer gieriger nach ihr griff. Und er ergab sich. Wie durch eine fremde Macht geführt, hob er eine Hand und strich vorsichtig mit seinen Fingerspitzen über ihr Gesicht, glitt ihren Hals entlang, fühlte die pulsierende Ader, die unaufhörlich den warmen Lebensfluss erkennen ließ, von dem er sich wünschte, dass er ihn eines Tages würde retten können. Behutsam strich er über ihr Schlüsselbein, glitt über die Stelle, an der er die verirrte Haarsträhne eingefangen hatte. Er keuchte leise, und der Wunsch, den er durch diese Berührungen verspürte, ließ ihn sich langsam über sie beugen und nach ihren Lippen lechzen.

Als hätte er eine lautlose Bitte ausgesprochen, drehte sie ihren Kopf zu ihm zurück. Ihr Atem strich so unvermittelt über sein Gesicht, dass es wie einen Faustschlag traf ... seine Sinne benebelte und ihn tiefer in diesen Abgrund seiner eigenen Begierde zerrte. Ihre Lippen bebten, als er seinen Mund immer näher über ihren beugte. Irgendwo tief in ihm schrie es auf. Eine Warnung, die ihn daran erinnerte, dass es falsch war, was er zu tun gedachte. Doch er konnte sich nicht dagegen wehren. Federleicht strichen seine Lippen über ihre, und ein Gefühl tiefen inneren Friedens durchflutete ihn wie eine warme Brise. Ein leises Stöhnen entwich ihm. Und dann erstarrte er ... wich zurück, als hätte ein immaginäres Band ihn unvermittelt zurückgerissen. Sein Blick fiel auf zwei erschrockene Augen, die ihn voller Panik anstarrten. Der gellende Schrei, mit dem sie hochfuhr, holte ihn gänzlich in die Gegenwart zurück. Er dachte nicht darüber nach, als er reflexartig seine Hand auf ihren Mund legte und sie zum Verstummen brachte. Die Ernüchterung traf ihn wie ein Schwall eisiges Wasser. Was hatte er getan? Von einer Sekunde zur anderen mobilisierte sie Kräfte, die er ihr nach allem was passiert war, gar nicht zugetraut hätte, und begann, wild um sich zu schlagen. Ein scharfer Schmerz durchfuhr ihn, als sie ihm in die Hand biss, und nur mit Mühe konnte er verhindern, dass sie ihm mit ihren Fingernägeln das Gesicht zerkratzte. Für einen Sekundenbruchteil starrte sie ihn mit weit aufgerissenen Augen an, ehe sie vom Bett aufsprang, nach der Bettdecke griff und ans andere Ende des Zimmers eilte, und sie schützend um sich wickelte, während sie ihm mit tödlichen Blicken niederzuringen versuchte. Ihre Reaktion entlockte ihm ein belustigtes Grinsen. Und nur eine Sekunde später verfluchte er sich für diese Ungeheuerlichkeit. Ihr mörderischer Blick wanderte über ihn, und er biss sich auf die Zunge, um zu verhindern, laut loszulachen. Vermutlich hätte sie ihm dann direkt den Hals umgedreht. Eine Vorstellung, die ihn wahrlich amüsierte. Doch er beherrschte sich, setzte eine ernste Miene auf und zwang den inneren Ärger herauf, den er verspürt hatte, als er sie auf der Brücke stehend vorgefunden hatte. Mit ernsten Worten schalt er sie für ihre abscheuliche Tat, brachte sein Missfallen überdeutlich zum Ausdruck. Doch anstatt Reue zu zeigen, warf sie ihm vor, sich in ihr Leben einzumischen. Er war fassungslos - etwas was nur äußerst selten vorkam. Und wäre sie nicht in diesem desolaten Zustand gewesen, hätte er sie gepackt, übers Knie gelegt und ihr gehörig den Hintern versohlt ... Kaum eine halbe Minute und eine gehörige Portion wüster Flüche später umfing ihn die Kühle einer Winternacht. Sie hatte ihn tatsächlich vor die Tür komplimentiert. So schnell, dass er nicht den Hauch einer Chance gehabt hatte, etwas zu seiner Verteidigung zu sagen. Der vage Respekt vor ihrer Reaktion wich plötzlich aufflammender Wut, die sogleich wieder abflaute, als er erkannte, dass er auf ganzer Linie gescheitert war. Eine tiefe Ernüchterung machte sich in ihm breit, als er sich schließlich geschlagen gab und sich von dem Haus abwandte. Kopfschüttelnd ging er den schmalen Weg entlang und musste unweigerlich lächeln, als er sich daran erinnerte, wie sie ihm gleich einem wütendenden Stier die Tür vor der Nase zugeknallt hatte. Na das kann ja noch spaßig werden ..., dachte er seufzend. Im Gegensatz zu ihren anderen Begegnungen, war sie dieses Mal eine richtige biestige kleine Wildkatze gewesen. Zugegeben, sein Auftritt war sicherlich nicht optimal gelaufen – um nicht zu sagen, völlig daneben – aber er hatte schon mit etwas mehr Dankbarkeit gerechnet. Schließlich hatte er sie vor dem schlimmsten Fehler ihres Lebens bewahrt. Ein leises Lächeln glitt über seine Züge. Was für ein Temperament. Ein angenehmes Kribbeln lief über seinen Rücken. Sie hatte Feuer, und das gefiel ihm außerordentlich. Unweigerlich stellte er sich vor, wie sie dieses Feuer an anderer Stelle einsetzen würde. Irgendwann. Doch zunächst musste er in ihrer Nähe bleiben. Wer weiß, wozu sie noch in der Lage ist. Er würde sie schützen, wenn sie es  selbst nicht tat. Er schloss die Augen und reckte das Gesicht gen Himmel, sog die kühle Nachtluft ein, während er sich innerlich auf sein Vorhaben einzustellen begann. Denn das war der einzige Weg zu ihr.

Als Anteros die Augen aufschlug, spürte er, wie sein Herz raste. Keuchend setzte er sich auf und versuchte, sich zu beruhigen. Das noch gegenwärtige Verlangen, was langsam verblasste, gänzlich zurückzudrängen. Dieser Traum war so lebhaft, als hätte er die zugehörige Realität erst gestern am eigenen Leib erfahren. Und als er sich der Wirklichkeit bewusst wurde, in der er sich befand, erinnerte er sich auch an den gestrigen Abend. Was für ein Déjà-vu. Als sie ihn das letzte Mal vor die Tür gesetzt hatte, war sie kurze Zeit später verschwunden. Na ja, damals war er auch dem Irrglauben erlegen, dieser gestohlene Kuss wäre ein angemessener Dank dafür, dass er sie vor dem Tode bewahrt hatte. Konnte man eine größere Dummheit begehen, als sein eigenes Leben wegzuwerfen? Ein Gefühl, was er nur zu gut kannte überlief ihn blitzartig. Angst. Was ist, wenn sich das Schicksal wiederholte? Verdammt, dieses Mal hatte er es wahrhaftig vermasselt. Was, wenn sie denselben Weg wählte, wie damals? Nein, das durfte nicht passieren. Und er würde verdammt sein, wenn er diesen Fehler ein zweites Mal zuließe. Vielleicht sollte er Himeros um Rat fragen. Sein Bruder hatte doch immer eine Idee. Ein wenig unkonventionell, aber doch verwertbar. Vielleicht sollte er ihn bitten, mit ihr zu sprechen. Aber wie sollte er ihm das erklären? Und – was noch viel schwieriger war – wie sollte sein Bruder ihr das erklären? Würde sie ihn noch mehr verachten, weil er nicht in der Lage war, seine Fehler selbst zu beheben? Gott, jetzt weilte er schon so viele Jahre unter den Menschen und hatte es noch immer nicht geschafft, sie gänzlich zu verstehen. Frauen sind schon eine verdammt komplizierte Spezies. Und seit letzter Nacht war alles noch viel komplizierter geworden. Wie zum Teufel sollte er auf sie aufpassen und sich gleichzeitig von ihr fernhalten? Er hatte es ja versucht. Aber so sehr er sich auch mahnte, vernünftig zu bleiben, es funktionierte einfach nicht. Ein kurzer Gedanke an sie und er war sofort bei ihr. Sein Herz begann zu rasen und sein Körper geriet völlig durcheinander, als er sich erinnerte, wie sie sich in seinen Armen angefühlt hatte. Wie sie geseufzt hatte. Wie sie sich unter seinem Körper gewunden hatte. So nah wie gestern war er ihr noch nie gekommen. Die köstliche Süße ihres Mundes. Ihre Haut. Die Wärme ihres Körpers, in der er sich fast verloren hatte. So unwiderstehlich. Nein, absolut unmöglich. Er konnte ihr nicht fernbleiben. Eine Katze würde das Mausen auch nicht lassen, so sehr sie auch diesem inneren Drang zu widerstehen versuchte. Und er musste einen Weg zu ihr finden, bevor sie einen fand, erneut vor ihm davon zu laufen. Ein tiefer gequälter Seufzer entrang sich seiner Kehle. Wie er dieses Katz-und-Maus-Spiel doch leid war. Er verzehrte sich nach dieser Frau und je mehr sie von ihm zurückwich, umso mehr sehnte er sich nach ihr. „Himeros, hörst du mich … Komm zu mir!“, flehte er, den Blick zur Decke seines Schlafzimmers gerichtet. „Ich brauche deine Hilfe.“

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Das Schellen der Türglocke riss Helena aus ihren Gedanken und beschwor sofort die alte Angst herauf, die sie seit Tagen heimsuchte und der sie nun mit neuem Mut den Kampf angesagt hatte. Mit gemischten Gefühlen stand sie auf und ging zur Tür. Und was, wenn es Mike ist? Ihre schwache ängstliche Seite jagte zur Unterstützung einen kalten Schauer über ihren Rücken. Oder wenn es Antamo ist, der mit mir sprechen will? Sie war erstaunt über ihre starke optimistische Seite, die plötzlich in ihr aufbegehrte und dem schwachen Teil angriffslustig entgegentrat. Na ja, zumindest hätte sie so eine Chance, sich auch ihm gegenüber zu erklären – für den Fall, dass sie den Mut dazu fand. Die schwache Seite in ihr triumphierte leise und Helena zwang sie entschieden zurück. Doch wenn sie diese Tür nicht öffnete, würde sie es nie erfahren und ihre beiden konkurrierenden Hälften könnten bis in alle Ewigkeit über das Hätte und Könnte debattieren. Sie würde nie erfahren, ob Antamo ihr verzeihen würde. Sie würde nie erfahren, ob sie Mike erfolgreich in die Schranken zu weisen vermochte, wenn er es wäre, der unangekündigt auftauchte. Gewillt, sich ihren Dämonen von nun an zu stellen, griff sie nach der Türklinke und öffnete … und blickte verwirrt in zwei strahlend blaue Augen. Sprachlos starrte sie in das vertraute Gesicht, unfähig zu reagieren. „Hallo Helena. Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.“ Ein verlegenes Grinsen zog über sein Gesicht. „Thomas?“ Mehr brachte sie nicht hervor. Ungläubig starrte sie ihn an. Er sah sich fragend um, suchte offenbar nach einer Antwort für ihre Verwirrung, bevor er sie wieder anlächelte. „Darf ich reinkommen?“ Hastig schüttelte sie den Kopf, um ihre streitenden Geister zu vertreiben, die sie so abrupt erstarren ließen. „Ähem, ja … ja klar, k–komm rein.“, stotterte sie leise, trat beiseite und ließ Thomas herein. Mit fragendem Blick trat er an ihr vorbei in den kleinen Flur. Helena schloss die Tür und folgte ihm schweigend. Was wollte Thomas hier? „Deiner Reaktion nach zu urteilen, hast du mit jemand anderem gerechnet.“, mutmaßte er mit einem verschmitzten Augenzwinkern. Sie schüttelte den Kopf, woraufhin er leise auflachte. Offenbar hatte er ihre Lüge sofort durchschaut. „Dann hast du meine SMS wohl nicht bekommen?“ Erstaunt riss sie die Augen auf. „SMS?“ Thomas grinste breit, zunehmend belustigt über ihre Sprachlosigkeit. „Na ja, dein Handy war abgeschaltet und da hab ich dir halt ne SMS geschickt, dass ich heute bei dir vorbeikomme.“, erklärte er beinahe entschuldigend und sah sich neugierig in der hübschen Wohnung um. Und plötzlich fiel der Groschen. Thomas, na klar, er hatte doch gesagt, dass er ihre Bilder sehen wollte. Und da sie bisher nicht auf sein Angebot reagiert hatte, war er einfach spontan vorbeigekommen. So musste es sein. Aber woher wusste er, wo sie wohnte? Ach ist ja auch egal. Innerlich einen imaginären Schalter umlegend, verdrängte sie sämtliche nutzlosen Gedanken und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. Um Antamo und Mike konnte sie sich auch später noch Gedanken machen. Jetzt galt es, ihre ganze Aufmerksamkeit auf Thomas und den Grund seines Besuches zu richten. Wenn sie Glück hatte, war das die Chance, von der sie schon immer geträumt hatte. „Sorry, ich hab in letzter Zeit … ziemlich viele Anrufe und SMS bekommen. Da hab ich mein Handy ausgeschaltet ... um Ruhe zu haben.“, erklärte sie und verzog indigniert das Gesicht. „Ja, Beth hat mir erzählt, dass Mike … na ja, wohl etwas … hartnäckig ist.“, erklärte er. Hartnäckig? Eine wirklich hübsche Umschreibung für einen aufdringlichen Stalker. Helena nickte, vermied es aber tunlichst, dem Thema neue Nahrung zu bieten. „Kann ich dir was anbieten?“, fragte sie rasch. „Hast du Kaffee?“, fragte er. Sie nickte. „Das wäre toll, Danke.“ Verwundert sah sie ihn an. Wie höflich er war und so zurückhaltend. So ganz anders als Mike. Unweigerlich fragte sie sich, wie die beiden sich wohl kennen gelernt hatten. Wie konnten zwei Menschen, die gegensätzlicher nicht sein konnten, sich trotzdem verstehen? Sie eilte in die Küche und begann, in hektischer Betriebsamkeit, Kaffee zu kochen. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie Thomas sich interessiert in ihrer Wohnung umsah.

„Hübsch hast du es hier.“, bemerkte Thomas beiläufig, als sein Weg ihn zu der kleinen Ecke neben der Balkontür führte, die sie mit viel Liebe zu einem kleinen Atelier umfunktioniert hatte. Der beste Platz in ihrer Wohnung, wie Helena fand. Ihr kleines Heiligtum. Bis zum Abend strömte hier das Tageslicht herein, welches unabdingbar für ihre Arbeiten war. Und wie oft hatte sie schon die Momente genossen, als sie der Sonne beim Untergehen zugesehen hatte. Helena beobachtet Thomas, während er schweigend ihre Bilder betrachtete. Sie versuchte, seine Miene zu deuten, herauszufinden, ob ihm gefiel, was er sah. Doch das gelang ihr nicht. Seine Miene drückte rein gar nichts aus, und sie fragte sich, ob das gut war oder schlecht. Irgendwie überkam sie plötzlich das merkwürdig beklemmende Gefühl, wenn sie ihn nicht überzeugte, würde sie niemanden von ihren Arbeiten überzeugen können. Unbehagen machte sich in ihr breit, weshalb sie sich schnell wieder dem Kaffee widmete, um dieses beklemmende Gefühl loszuwerden. Sie erinnerte sich, wie fasziniert Antamo von ihren Bildern war. Aber schlussendlich waren die Geschmäcker ja verschieden. Thomas musste also nicht derselben Meinung sein. Sie holte zwei Tassen aus dem Küchenschrank und goss den Kaffee ein. „Wie trinkst du deinen Kaffee?“, fragte sie und warf ihm einen flüchtigen Blick zu. Er stand noch immer vor der Wand mit ihren Bildern. Den Kopf leicht geneigt, als würde er über etwas nachdenken, verharrte er in stiller Betrachtung. Er schien total versunken. Als er auch auf ihre erneute Frage nicht reagierte, griff sie kurzerhand nach Milch und Zucker und richtete alles auf dem kleinen Glastisch in ihrem Wohnzimmer an, bevor sie zu ihm ging und neben ihn trat. „Alles in Ordnung, Thomas?“, fragte sie, als er noch immer reglos auf ihre Bilder, eine bunte Collage aus Blumen- und Landschaftsmotiven in verschiedenen Größen, starrte. Abrupt wandte er sich ihr zu, und sie hatte das Gefühl ein feines Glimmen in seinen Augen zu sehen. Er räusperte sich vernehmlich und lächelte entschuldigend, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Wand richtete. „Faszinierend …“, flüsterte er, und Helena war sich nicht sicher, ob er mit ihr sprach oder zu sich selbst. „Ähem … ich hab … ich meine, … der Kaffee ist fertig.“, erklärte sie nun sichtlich verunsichert. „Sehr schön.“, meinte er, und Helena fragte sich, ob er den Kaffee meinte oder die Bilder, die er so versunken betrachtete. Dann wandte er sich ab, ging ohne ein weiteres Wort zur Couch und ließ sich darauf nieder. Helena setzte sich neben ihn. Die eingangs aufgeloderte Euphorie war verschwunden. Plötzlich fühlte sie sich so klein und unbedeutend, wie die Fussel, die sie wie ferngesteuert von einem der Kissen zupfte. Sein Schweigen verunsichert sie, und mit jeder Sekunde, die es währte, sank ihr Mut, ihn zu fragen, was er von ihren Bildern hielt. War sie vielleicht doch nicht so gut, wie andere immer behaupteten? War er enttäuscht, sich die Mühe gemacht zu haben, hier her gekommen zu sein? Schweigend genossen sie ihren Kaffee, bis Helena vor Ungeduld beinahe ausflippte. „Also, …“, setzte er plötzlich an und Helena zuckte erschrocken zusammen, weil er so abrupt die Stille brach. Mit wachsender Anspannung sah sie ihn an, innerlich darauf gewappnet, sein vernichtendes Urteil aufzunehmen. „… was läuft da mit Mike?“

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Fr Apr 11 2014, 23:02

Hmm, bin gerade etwas sprachlos äh schreiblos. So viele Fragen, die sich da auftun und ...
Ach ich weiß auch nicht. Ich glaube, ich muss einfach abwarten wie es da weitergeht.
Positiv finde ich auf jeden Fall, dass Helena sich den Dämonen ihres Lebens endlich stellen will - aber Anteros will sich fernhalten ... Und jetzt wieder Thomas ... Rolling Eyes 
Ich warte einfach mal ab.

LG, Katha

Aber eins noch. Ich mag diese Story sehr  Wink 

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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   So Apr 20 2014, 00:17

Hallo, meine Lieben, anbei eine Fortsetzung der Story. Ich wünsche euch schöne Ostern. LG, Mini   2hzpwfk 

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Teil 83


Überrascht klappte Helena die Kinnlade nach unten und starrte Thomas irritiert an. „Ähem … Wie bitte?“ Mike? Sie runzelte die Stirn, sah ihn an und starrte dann auf ihre Hände. Warum fragte er sie nach Mike, obwohl er doch wegen ihrer Bilder gekommen war? „Beth hat mir erzählt, dass du ziemlich fertig bist, weil … Mike dich seit unserem gemeinsamen Abend im Pirat’s … belästigt.“, erklärte er behutsam. Und plötzlich lichtete sich der Nebel in ihrem Hirn. Also das war der Grund, warum Thomas hier her gekommen war. Beinahe enttäuscht griff sie nach ihrer Tasse und nippte an ihrem Kaffee, um sich zu sammeln, bevor sie ihre bereitgelegte Unterhaltung gedanklich verwarf und auf eine ganz andere umstellte, die ihr alles andere behagte. Sie holte einmal tief Luft und räusperte sich angestrengt. Dann sah sie Thomas direkt in die Augen. „Na ja, angefangen hat es damit, dass er angerufen hatte. Das war ja auch noch ganz okay – am Anfang.“, begann sie und räusperte sich erneut, versuchte das Unbehagen zu verdrängen, welches allein bei diesem Gedanken durch ihren Körper jagte. Thomas sah sie an und schwieg, wartete, dass sie weitersprach. „Dann stand er irgendwann plötzlich vor der Tür und wollte mich zum Frühstück einladen.“, fuhr sie fort. Thomas‘ rechte Augenbraue zuckte leicht nach oben. „Ich hab abgelehnt.“, fügte sie hinzu und beantwortete damit seine stumme Frage. Helenas Blick verfing sich in ihren Fingern, die sich krampfhaft ineinander zu verknoten begannen. „Ab dann wurde es schlimmer.“, flüsterte sie. „Dauernd rief er an oder schrieb, dass er mit mir ausgehen wolle. Ich bin dann … irgendwann nicht mehr ans Telefon gegangen.“ Sie stockte und sah ihn mit gequältem Blick an. „… und dann bin ich doch rangegangen. Er hat mich quasi überrumpelt. Hat mich zum Brunch eingeladen …“, erzählte sie weiter. „… und du hast zugesagt.“, vermutete er. Sie nickte. „Ich war mit ihm frühstücken, und am Anfang war es auch wirklich ganz nett …“ Seufzend stieß sie die Luft aus und schüttelte den Kopf. „… bis er dann … na ja, angefangen hat … mich … ähem … anzubaggern. Und ich bin aufgestanden und abgehauen.“ Die letzten Worte kamen nur noch geflüstert über ihre Lippen. Zögerlich hob sie den Blick und sah Thomas abwartend an, während sie sich fragte, ob er ihr glaubte. Immerhin waren er und Mike beste Freunde.

Thomas sagte nichts,  betrachtete sie nur schweigend. Doch irgendetwas war da in seinen Augen, etwas, was Helena nicht zu deuten wusste. „Und weiter?“, ermutigte er sie, als sie nicht weitersprach. „Na ja, dann … dann …“ Helena räusperte sich und verstummte erneut, suchte nach den richtigen Worten. „… dann war da die Sache … in der Bibliothek.“ Ihre Stimme brach, und ihre Finger, die sich mittlerweile in den Stoff ihrer Jeans gekrallt hatten, zitterten nun merklich. Thomas schwieg mit missmutigem Blick. „… und ich … ich …“ Helena schloss die Augen und presste die Lippen zusammen, versuchte die Gefühle zu verdrängen, die sich einen Weg nach außen bahnten. „Verdammt, ich hab einfach Panik, wenn ich nur seinen Namen höre.“, platzte es schließlich ungehalten aus ihr hervor. Thomas’ Augen verengten sich und eine tiefe Falte grub sich in seine Stirn. „Na ja, er hat einfach nicht nachgegeben. Kurz danach stand er wieder vor meiner Tür, wollte sich entschuldigen und so … Verdammt, Thomas, ich musste mit der Polizei drohen, damit er endlich ging. Er lauert mir ständig auf, kommt mit Blumen an und bettelt immer wieder um eine Chance.“ Helenas Atem kam heftig, während sie den Blick senkte und sich wieder zu beruhigen versuchte. Um sich abzulenken, fasste sie nach der Tasse, und Thomas entging nicht, wie sich ihre Finger zitterten, ehe sie das Porzellan fanden und sich gleich darauf so fest darum krallten, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Ich hab einfach nur noch Angst. Jetzt bin ich schon so weit, dass ich nicht mehr ans Telefon gehe und es zeitweise sogar ganz ausschalte.“, sagte sie leise. Dann holte sie tief Luft und sah Thomas schließlich fest in seine blauen Augen. Sein Blick war mitfühlend, während er ihr einfach nur zuhörte. Und das nahm Helena ein Stück der Angst, die soeben wieder in ihr herausgebrochen war. „Ich möchte mir … nicht vorstellen, was ihm als nächstes einfällt.“, schloss sie zögernd, bevor sie schließlich schwieg. So muss sich jemand fühlen, der bei der Polizei ein volles Verständnis abgelegt hat ..., schoss es ihr unwillkürlich durch den Kopf. Thomas runzelte erneut die Stirn und bedachte sie mit einem Blick, den sie beim besten Willen nicht zu deuten wusste. Und wenn er mir nicht glaubt? „Beth hatte mich gebeten, mit Mike zu sprechen.“, erklärte er nach einem Moment des Schweigens. Dann lachte er, aber es klang wenig amüsiert. „Was ich auch getan habe.“, fügte er leise hinzu. „Du kannst dir sicher vorstellen, dass seine Geschichte … eine ganz andere war. Also wollte ich deine hören, um mir ein Bild zu machen. Und zusammen mit Beths Schilderung, wie sie dich vor einer Woche erlebt hat, erscheint mir dieses nun ziemlich klar.“ Ohne Vorankündigung griff er nach ihrer Hand – wobei sie vor Schreck um ein Haar die Tasse hatte fallen lassen – und sah sie eindringlich an.

Für einen Sekundenbruchteil war Helena versucht, ihre Hand zurückzuziehen, doch dann besann sie sich. Er wollte nur helfen, und sie hatte sich erst heute Morgen geschworen, sich nicht mehr zu verstecken. Tief Luft holend nahm sie seine freundschaftliche Geste an. „Du musst mir glauben, dass das nicht Mikes gängige Art ist. Ich kenne ihn nun schon so lange und nie hab ich etwas Derartiges erlebt oder von irgendjemandem gehört.“, sagte er. Er wirkte betrübt, fast ein wenig schwermütig, als er das sagte. „Ich vermute, er hat sich schwer in dich verguckt, und es fällt ihm offenbar alles andere als leicht zu akzeptieren, dass seine Gefühle nicht erwidert werden.“, murmelte er leise, aber laut genug, dass Helena es hören konnte. Sie schluckte schwer und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern … „Glaub mir, er mag dich wirklich. Das hat er mir mehr als überzeugend versichert.“, unterbrach er ihren Versuch und seufzte leise. Helena starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, ob dieses recht unverblümten Geständnisses. „Dennoch kann ich verstehen, dass dich sein Verhalten sehr ängstigt.“ Beruhigend streichelte er mit dem Daumen über ihren Handrücken, offenbar ohne es selbst zu merken, dass er es tat. Helena sah ihn an, musterte sein Gesicht und fühlte sich plötzlich auf eine ungreifbare Weise zu ihm hingezogen. Es war eine andere Art von Anziehungskraft als die, die sie zu Antamo empfand. Thomas war auf eine wunderbare Weise liebenswürdig und hilfsbereit – wie der große Bruder, den sie nie hatte. Und seine Nähe spendete ihr auf angenehme Art willkommenen Trost. „Helena, ich werde mit Mike sprechen, aber ich kann dir nicht versprechen, dass er aufhören wird, um dich zu kämpfen. Denn das ist es, was er tut. Und Mike ist – tut mir leid, das sagen zu müssen – ziemlich hartnäckig darin, wenn er um etwas kämpft. Aber ich werde versuchen, ihn dazu zu bewegen, über seine Mittel nachzudenken.“, bot Thomas an, woraufhin  Helena geräuschvoll die Luft ausstieß, die sie die letzten Sekunden unbewusst angehalten hatte. Allein der Gedanke, dass Mike nicht aufhören würde, sie für sich gewinnen zu wollen, jagte ihr wie auf Kommando einen unangenehmen Schauer über den Rücken, während sich das kleine Stück vage aufgeflammter Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde, direkt wieder verabschiedete. Es war nicht viel, was Thomas tun konnte, und besonders, weil sie wusste, dass Mike sein bester Freund war, wusste sie sein Angebot umso mehr zu schätzen. Das war mehr als sie erwarten konnte, mehr als sie bisher selbst erreicht hatte. „Danke.“, flüsterte sie leise. Er lächelte und legte in einer tröstenden Geste seine Hand auf ihre Schulter. „Verlier nicht den Kopf … das wird schon wieder.“, ermutigte er sie. Helena nickte schwerfällig. Wieder baute sich Schweigen zwischen ihnen auf. Er trank einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse behutsam auf der Glasplatte ab. „Und was deine Bilder betrifft …“

Wie auf Kommando richtete Helena sich kerzengerade auf und krallte ihre Finger wieder in den Hosenstoff, während sie ihrem plötzlich losdonnernden Herzen befahl, ruhig zu bleiben. Mit zusammengepressten Lippen, hob sie den Blick. Vorsichtig schielte sie zu ihm und bemerkte, dass er sie eingehend musterte. Na los, du Feigling …, suggerierte sie sich selbst. Mehr als deine Werke mit schlichten Worten zu vernichten, kann doch nicht passieren. Allein bei diesem Gedanken drehte sich ihr direkt der Magen um. Für einen Moment war da das drängende Bedürfnis, aufzuspringen und auf die Toilette zu flüchten. Wirklich lächerlich, Helena …, murmelte eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf. Okay, was soll‘s. Helena holte tief Luft, schluckte einmal hart auf und wartete, die Nerven zum Zerreißen angespannt. Das ist der Todesstoß …, dachte sie, während sie mit zusammengekniffenen Augen in seinem Gesicht zu lesen versuchte. „… Beth hat recht … sie sind wirklich sehr gut. Wenn du also nichts dagegen hast, spreche ich mal mit meinem Bekannten …“ Seine Worte schossen wie ein Katapult durch ihr Hirn. Und noch ehe Thomas zu Ende sprechen konnte, war Helena in einem Anflug ungezügelter Begeisterung aufgesprungen und hatte sich auf ihn gestürzt. In aufbrausender Euphorie hatte sie ihre Arme um seinen Hals geschlungen und einen Kuss auf seine Wange gedrückt. Überrascht von ihrem spontanen Gefühlsausbruch, der ihn unvermittelt in die weichen Sofakissen geworfen hatte – mit ihr obenauf –, schloss Thomas die Augen und ließ die leisen Gefühle auf sich einströmen, die ihr plötzlicher Enthusiasmus mitbrachte. Gefühle, die er schon beim ersten Mal, als er sie gesehen hatte, empfunden hatte. Doch bisher hatte er sich zurückgehalten. Er war nicht der opportunistische Draufgänger, der sich Hals über Kopf in ein bisweilen undurchdachtes Abenteuer stürzte. Doch er wusste Chancen durchaus zu nutzen, wenn sie sich ihm boten. Und so kam er dieser Geste nur zu gern entgegen, legte behutsam legte seine Arme um sie und zog sie sanft an sich. Als Helena seine Reaktion auf ihren spontanen Übergriff realisierte, löste sie sich von ihm, lächelte verlegen und murmelte ein leises „Danke“ Ohne zu zögern ließ Thomas sie los, und Helena nahm ihren Platz wieder ein. Ein verschmitztes Grinsen in Thomas’ Gesicht verriet ihr, dass er ihre Spontaneität genossen hatte. Und eine Sekunde später ohrfeigte sie sich innerlich für ihre Unbedachtheit. Klar, Thomas war zweifellos nett und durchaus auch attraktiv. Aber sie wollte ihm keine falschen Hoffnungen machen, wo sich doch ihre Gedanken einzig und allein um den attraktiven Mann mit diesen traumhaft grünen Augen drehten, den sie gestern ziemlich schroff vor die Tür gesetzt hatte. Und den sie so gerne wieder sehen wollte. Thomas, der ihre Reaktion durchaus richtig zu verstehen wusste,  warf einen schnellen Blick auf seine Uhr und stand auf. „Ich muss los, Helena. Meine Schwester wartet auf mich … wir sind zum Kaffee verabredet.“, erklärte er knapp und lächelte mit einem verstohlenen Blick auf seine leere Kaffeetasse. Seine Andeutung verstehend erhob sie sich und begleitete ihn zu Tür. „Danke.“, sagte sie und lächelte. „Ich gebe dir Bescheid, wenn ich mehr bezüglich deiner Bilder weiß.“, sagte er leise. „Pass auf dich auf. Und wenn Mike auftauchen sollte, sag ihm einfach, dass er dich in Ruhe lassen soll. Du musst keine Angst haben, er wird dir nichts tun, dafür mag er dich zu sehr.“, versprach er, wandte sich um und eilte die Treppe hinunter, ohne sich noch einmal umzusehen. Deine Worte in Gottes Gehörgang … Nicht sicher, ob sie diese Botschaft als positiv interpretieren sollte, schloss sie die Tür und ließ ihre Gedanken schweifen. Antamo, wo bist du nur? Bitte, komm zurück zu mir!

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Als es an Mikes Tür unvermittelt klingelte, zuckte der erschrocken zusammen. Seit seiner unheimlichen Begegnung mit dem Kerl, der plötzlich vor Helenas Tür aufgetaucht war, hatte er sich nicht weiter als unbedingt notwenig aus seiner Wohnung gewagt. Dass es nun an seiner Tür klingelte, war eine derartige Seltenheit - er hatte beinahe vergessen, wie sich die Türklingel anhörte – dass er tatsächlich für eine endlos lange Minute erstarrt auf seinem Sofa saß und überlegte, was er tun sollte. Etwas missmutig stand er auf und schlich auf leisen Sohlen zur Tür, um durch den Spion zu sehen. Was ihn irritiert die Stirn runzeln ließ, als er seinen Besucher erkannte. Die Augen verdrehend öffnete die Tür und starrte seinen Gegenüber mit einem ironischen Funkeln in den Augen an. „Seit wann klingelst du?“ John, der lässig an dem Türrahmen lehnte, belächelte ihn spöttisch. „Seit du mich über die Regeln der Etikette aufgeklärt hast.“ Mike hob erstaunt die Brauen. Der Kerl verblüffte ihn stets aufs Neue. „Seit wann gibst du etwas auf Etikette?“ John rollte genervt die Augen. „Willst du mich jetzt hier auf dem Flur zuquatschen oder lässt du mich rein?“ Tief seufzend trat Mike zur Seite und bedeutete seinem Gast, einzutreten. „Was verschafft mir die hohe Ehre deines Besuches?“, fragte Mike mit unverhohlenem Sarkasmus und gab John das unmissverständliche Gefühl, dass es ihm lieber wäre, er würde wieder gehen. Am besten sofort. Schulterzuckend warf John sich auf das Sofa, als wäre er in seinen eigenen vier Wänden, griff wie selbstverständlich nach der Fernbedienung für den Fernseher und wechselte von „Terminator 2“, den Mike sich gerade reinzog, auf einen Sportkanal. Missbilligend nahm Mike dies zur Kenntnis. „Wo wir gerade von Etikette sprechen …“, begann er, trat vor, nahm John etwas forsch die Fernbedienung aus der Hand und schaltete zu Arnold Schwarzenegger zurück. „… das ist meine Wohnung, mein Fernseher und meine Fernbedienung. Und wenn ich Schwarzenegger sehen will, kommt es einem Verbrechen gleich, wenn sich jemand das Recht rausnimmt, dieses geheiligte Gerät nimmt …“ Er deutete ehrfürchtig auf die Fernbedienung, „… und einfach umschaltet.“, erklärte er sichtlich angesäuert. John hob ergeben die Hände und lehnte sich entspannt in die Kissen zurück. „Ich dachte, du magst Sport.“, konstatierte er schlicht. Mike bedachte ihn mit einem angespannten Blick. „Tue ich auch. Aber wenn Arnold läuft, hat Fußball Pause.“, knurrte er. John rollte die Augen und stieß einen ergebenen Seufzer aus. „Okay … ich hab’s ja kapiert.“ Mike legte die Fernbedienung auf den Couchtisch und achtete darauf, dass sie außerhalb von Johns Reichweite lag – nur zur Sicherheit. „Und warum bist du hier?“, fragte er  gelangweilt, während er sich in seinen Lieblingssessel sinken ließ. John setzte ein süffisantes Grinsen auf. „Ich hab dich vermisst.“ Mike verzog angewidert das Gesicht. „Bedaure … Ich stehe nicht auf …“ „Ja, ja, … vergiss es.“, winkte John hastig ab und stieß ein abwertendes Schnauben aus. „Hatte ja keine Ahnung, wie Scheiße du drauf bist.“ Mike knurrte genervt, was in Arnis ohrenbetäubender Maschinengewehrattacke allerdings unterging. John stöhnte und winkte mit offensichtlich angepisster Miene in Richtung Fernseher. „Kannst du Mister Superheld mal ein wenig leiser drehen? Da bekommt man ja Ohrenschmerzen.“ Mike rümpfte ärgerlich die Nase. „Hey, das ist Arnold … den dreht man nicht leiser.“, zischte er mit offenem Entsetzen. „Mir doch egal, wer das ist.“ „Du kennst Terminator nicht?“ Mike konnte nicht fassen, dass ein Typ, der so aussah, als würde er Arnold Schwarzeneggers Zwilling sein – na ja, zumindest von der Statur her –, sich so abfällig über Terminator äußerte. Dann hob er gleichgültig die Schultern und widmete sich wieder dem Fernsehprogramm. „Vielleicht solltest du wieder gehen … und zurückkommen, wenn du besser drauf bist. Hab heute nämlich keinen Bock auf Spaßbremsen.“

John lachte amüsiert, während Mike mürrisch die Beine auf den Tisch legte. Dann neigte er den Kopf und grinste herausfordernd. „Erst wenn du mir sagst, was du bei Helena erreicht hast.“, erwiderte John, verschränkte die Arme vor seiner Brust und schob die Unterlippe vor wie ein trotziges Kind. Mike musste unweigerlich lachen, verstummte aber genauso abrupt, während sich sein Gesicht in eine ausdruckslose Maske verwandelte. „Erinnere mich nicht daran.“ John hob neugierig die Brauen. „Was ist passiert?“ Ein geplagtes Seufzen folgte. „Ich bin Mister Finger-weg-von-Helena begegnet.“, argwöhnte er. Sofort hatte Mike Johns ungeteilte Aufmerksamkeit. Ungeniert ließ der seinen Blick zwischen Mikes Beine schweifen und hob interessiert eine Braue. Mike verdrehte die Augen, als er Johns Gedanken erriet. „Keine Sorge, meiner Fortpflanzungsfähigkeit geht’s prächtig … Ein Glück.“, seufzte er als er sich an die Begegnung mit diesem unheimlichen Typen zurückerinnerte. Eine Begegnung, auf deren Wiederholung er getrost verzichten konnte. Mindestens für die nächsten hundert Jahre. Normalerweise zuckte Mike vor keiner Herausforderung zurück, aber der Typ hatte ihm in der Tat eine Scheißangst eingejagt. „Und?“, drängte John, als Mike nicht direkt antwortete. Der hob die Schultern. „Keine Ahnung, aber sie erzählte irgendwas von wegen, sie wären verabredet gewesen.“ Augenblicklich erstarrte John, nur um eine Sekunde später, wie von einer Tarantel gestochen, vom Sofa hoch zu schnippen. „Verdammte Scheiße.“, fluchte er, blieb abrupt stehen und starrte Mike an, als hätte der soeben den schlimmsten Fehler seines Lebens begangen und würde es in den nächsten drei Minuten bereuen. Abwehrend hob er die Hände. „Hey, ich hab nichts damit zu tun.“ Johns Augen verengten sich bedrohlich. „Nein, hast du nicht …“ Wie ein angestacheltes Raubtier begann er, in Mikes Wohnzimmer auf und ab zu tigern. Mike verfolgte angespannt seine Bewegungen, die immer wieder kurz innehielten, nur um dann noch mehr Wut zu suggerieren. Dann blieb John abrupt stehen. Sein Blick wanderte zu Mike, der ihn völlig verunsichert ansah. Unvermittelt breitete sich ein hämisches Grinsen auf seinem Gesicht aus. Eine Reaktion, die bei Mike zu einer sichtlichen Steigerung seines ohnehin schon bestehenden enormen Unbehagens führte. „Ich hab die Lösung für unser Problem.“, erklärte John triumphierend. Sein plötzlicher Stimmungswechsel und das gefährliche Glitzern in seinen Augen machte Mike sofort misstrauisch. „Und wie sieht diese Lösung aus?“, fragte er ganz behutsam. Johns Gesicht strahlte förmlich vor Zufriedenheit. „Ich kenne da jemanden, der uns sicher helfen wird und die – wie ich mir gut vorstellen kann – noch eine offene Rechnung mit unserem Superhelden hat, wenn sie erfährt, wie die Dinge stehen.“ Mike glotzte John an, als würde er eine fremde Sprache sprechen, die nur er und seinesgleichen beherrschten. „Sie?“ John nickte, während sein Grinsen diabolische Züge annahm. Und Mike beschlich das seltsame Gefühl, dass er die Details dieser Lösung nicht wirklich wissen wollte.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Apr 21 2014, 23:00

So, bevor ich mich ins Bettchen begebe, für euch noch einen neuen Teil. LG, Mini

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Teil 84

„Du hast mich gerufen, Bruder.“, ertönte Himeros Stimme hinter ihm. Anteros hatte sich auf seinem Sofa ausgestreckt und starrte an die Decke, während er versuchte, die Ereignisse des vergangenen Abends zu verdrängen. Doch das war einfacher gesagt, als getan. Sie hatte ihm vorgeworfen, dass sie ihn gar nicht kannte und ihn aus diesem Grund zurückgewiesen. Was für ein Unsinn. Geradezu  lächerlich. Aber am Ende hatte er einsehen müssen, dass sie Recht hatte. Sie wusste tatsächlich nichts über ihn. Und das war seine Schuld. Schließlich war es seine Entscheidung gewesen … Und es war das Beste gewesen … zumindest damals. Aber jetzt? Seufzend schloss er die Augen. Das Problem war nicht, dass er nicht wollte, dass sie ihn kannte, sondern, dass er keine Ahnung hatte, wie er sie über seine Identität aufklären sollte. Und genau dafür hatte er Himeros gerufen. Sein Bruder war geradezu prädestiniert dafür, für jedes Problem eine Lösung zu haben. Er würde ihm helfen … so wie er ihm immer geholfen hatte „Du hast mich warten lassen, Bruder?“, erwiderte Anteros mürrisch. Ganze drei Stunden hatte er auf Himeros gewartet. Und jede Sekunde hat ihn mehr seiner inneren Kontrolle gekostet. Normalerweise war der hochgewachsene Blonde mit den grünen Augen ein äußerst zuverlässiger Begleiter. Himeros, der am Türrahmen stand, trat in den großzügigen Salon, dessen Anblick einen Renaissance-Fan die Tränen in die Augen getrieben hätte, weil man das Gefühl hatte, Michelangelo und Raffael hätten als Innenarchitekten zur Verfügung gestanden, und ließ sich in einen der antiken Sessel fallen. „Entschuldige Bruder, ich war … beschäftigt.“, erklärte Himeros und ein breites Grinsen zog auf sein Gesicht. Anteros verdrehte die Augen und seufzte leise. Himeros und seine Frauengeschichten, wie typisch für ihn. „Es betrübt mich, Bruderherz, dass ich allem Anschein nach auf deiner Prioritätenliste nach unten gerutscht bin.“, bedeutete er mit theatralischer Enttäuschung. Anteros wusste nur zu gut, dass sein Bruder immer hinter ihm stand, wenn er ihn brauchte – was er nicht von jedem seiner vielen Geschwister behaupten konnte. Insbesondere sein Bruder Eros hatte nämlich in der Vergangenheit erfolgreich dafür gesorgt, dass das Feld in zwei Fronten aufgeteilt worden war.

Himeros legte den Kopf schief und sah seinen Bruder tadelnd an. „Kyra wollte mich einfach nicht gehen lassen. Du weißt ja, wie die Frauen sind?“, erklärte er und grinste anzüglich. Anteros zog ironisch die Brauen hoch. „Ach, tatsächlich?“ Was das Thema Frauen betraf, konnte Anteros nicht mal mit einem Viertel der Erfahrung, über die Himeros verfügte, aufwarten. „Wenn ich darüber Bescheid wüsste, hätte ich dich wohl kaum gerufen.“, erwiderte Anteros seufzend, worauf Himeros ihm einen bekümmerten Blick zuwarf. „So schlimm?“ Anteros schnaubte resigniert. „Du hast ja keine Ahnung. Außerdem kannst du unsereins nicht mit Menschen vergleichen.“, gab er seinem Bruder knurrend zu verstehen. Himeros stieß ein leises Grunzen aus. „Bist du dir da so sicher? Frauen – egal ob sterblich oder nicht – sind im Grunde alle gleich.“ Jetzt horchte Anteros interessiert auf. „Ach … na wenn das so ist, dann bin ich gespannt auf eine Lektion in Sachen ‚Frauen verstehen’.“, erwiderte er mit einem bitteren Lachen. Himeros grinste belustigt. „Bevor ich das tue, solltest du wissen, dass es in der ganzen Existenz des Universums noch keinem wirklich gelungen ist, die Frauen zu verstehen. Also, mach dir gar nicht erst die Mühe … das ist reine Zeitverschwendung. Zeit, die du ohnehin nicht hast, mein Lieber …“, erinnerte er Anteros, woraufhin diesem ein unangenehmer Schauer über den Rücken rann. Ja, wie sollte er das nur vergessen? Himeros lehnte sich entspannt zurück, schlug die Beine lässig übereinander und sah Anteros lächelnd an. „Also, schieß los … wo drückt der Schuh?“ Anteros schnaubte verächtlich. Er konnte es nicht verhehlen, dass er sich über die ungalante Aussage seines Bruders hinsichtlich des weiblichen Geschlechts ärgerte. So wie es für Anteros aussah, hatte sich wohl noch niemand wirklich die Mühe gemacht, die Frauen zu verstehen. Aber gut, von seinem Bruder hatte er wohl nichts anderes erwarten dürfen. Ein leises Seufzen entrang sich seinem Inneren. Wenn es in seiner Welt so etwas wie einen Gigolo gäbe, würde dieser mit Sicherheit Himeros heißen. Anteros holte tief Luft und sah seinen Bruder nun mit einem Ausdruck völliger Niedergeschlagenheit in die Augen. „Ich hab’s vermasselt.“, murmelte er zerknirscht. Himeros hob bei dieser kurzen Aussage erstaunt die Brauen. „Du gibst schon auf, Bruder? So kenne ich dich gar nicht.“ Anteros sah auf und zuckte nonchalant die Achseln. „Ich gebe nicht auf …“ Er rümpfte empört die Nase. „… ich bin nur ein wenig mit meinem Latein am Ende.“

Himeros stieß einen Laut aus, der wie ein belustigtes Glucksen klang. „Aha … Was ist denn passiert?“, fragte er mit der Miene eines gutmütigen Opas, der seinem Enkel ob eines aufgeschlagenen Knies zu trösten versuchte. Anteros verzog mürrisch das Gesicht und bedachte Himeros mit einem Blick, der sein Amüsement offensichtlich nicht billigte. „Sie hat mir offen ins Gesicht gesagt, dass ich mich nicht mehr bei ihr blicken lassen soll.“ Anteros sah seinen Bruder hilfesuchend an. Ihm entging nicht, wie ein Mundwinkel in Himeros’ Gesicht leicht zuckte, bevor sich seine Lippen fest aufeinander pressten und seine Gesichtsfarbe von einem gesunden Hautton zu einem bedenklichen Rot wechselte. Anteros Augen weiteten sich. Für einen kurzen Moment war er sichtlich besorgt um das Wohlbefinden seines Bruders. Für einen kurzen Moment … Bis Himeros schallend loslachte. „Du verstehst wirklich nicht viel von Frauen.“, stieß er kichernd hervor. Anteros warf ihm einen tödlichen Blick zu, der Himeros lediglich ein erneutes belustigtes Grinsen auf die Lippen zauberte. Mit einem niedergeschlagenen Seufzen erhob er sich von dem Sofa und trottete mit schleppenden Schritten zu dem rustikalen Kamin, der den Raum zwischen zwei bodentiefen Fenstern einnahm. Stumm starrte er auf die antiken Kostbarkeiten, die auf dem schwarzen Sims drapiert waren, während Himeros gleichsam schweigend seinen Bruder beobachtete. So niedergeschlagen hatte er ihn noch nie gesehen. Nicht einmal, als seine Mutter ihm diesen unsäglichen Fluch auf den Hals gehetzt hatte. Himeros stand auf und trat hinter Anteros. Brüderlich legte er ihm eine Hand auf die Schulter. „Du empfindest ziemlich viel für sie, hab ich Recht?“ Anteros nickte kaum merklich und warf ihm einen Blick zu, der den Schmerz von Jahrtausenden barg. Himeros‘ Augen weiteten sich erschrocken. Die Angelegenheit schien sehr viel ernster als er vermutet hatte. „Liebst du sie?“, fragte er leise. Anteros zog sie Brauen hoch, und zum ersten Mal versuchte er den Sinn dieser drei Worte zu verstehen. Liebte er sie? Er dachte darüber nach, rekapitulierte die Momente, in denen sie sich begegnet waren. Aber Liebe? Wenn diese Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte, Liebe bedeutete oder der drängende Wunsch, ständig in ihrer Nähe zu sein oder die Angst, sie zu verlieren, unabhängig davon, was das für sein Schicksal bedeutete, dann konnte er dem zustimmen. Aber wenn er ehrlich war, wusste er es nicht. Schwermütig hob er die Schultern und sah Himeros traurig an. „Woher soll ich wissen, wie sich Liebe anfühlt? Ich hab noch nie Liebe empfunden.“

Bei diesen Worten sah Himeros Anteros nachdenklich an, während sich ihm die Frage aufdrängte, seit wann sich sein Bruder solche Gedanken machte. Wo war die Gleichgültigkeit geblieben, mit der er für gewöhnlich sein Leben fristete? Wo waren der Hass und der Zorn geblieben, die so lange Zeit seine einzigen Gefühle waren? Forschend betrachtet er sein Gesicht, versuchte eine Antwort darin zu finden, doch er kam nur zu einem einzigen Schluss. Der Anteros, der vor unzähligen Jahren seinen Fluch bereitwillig hingenommen hatte, war nicht mehr derselbe, der jetzt in diesem Moment vor ihm stand. Ohne Zweifel hatte die Zeit ihn verändert. Sein ganzes Wesen … war ein anderes. Als stünde jemand anderer vor ihm. Ein kleines Lächeln spielte um Himeros' Lippen, als er begriff. Anteros hatte Gefühle entwickelt. Gefühle, die er nie unter dieser rauen Schale seines Bruders vermutet hätte. Ein Anflug innerer Freude durchfuhr ihn, und schließlich nickte er wissend. „Ja, ich würde sagen, du bist bis über beide Ohren verknallt.“ Anteros schnaubte leise, woraufhin Himeros den Kopf schief legte und seinen Bruder nachdenklich musterte. „Wenn ich dich so ansehe, Anteros … Wo ist der derbe Kerl geblieben, der du noch vor ein paar Jahren warst?“ Anteros sah ihn mürrisch an, dann hob er das Kinn und schenkte Himeros ein arrogantes Lächeln. Der lachte spontan auf und schlug seinem Bruder auf die Schulter, so dass dieser kurz zusammensackte. „Wusste ich doch, dass da noch der alte arrogante Kotzbrocken in dir drin ist.“ Erbost über diese Beleidigung warf Anteros ihm einen abwertenden Blick zu. „Glaub mir, diese Seite von mir gibt es immer noch, aber sie drängt sich nicht mehr so beharrlich in den Vordergrund. Die vielen Jahre haben mich eben gelehrt – einen anderen Mann aus mir gemacht. Solltest du auch mal probierten.“, spöttelte er. Himeros lachte ironisch. „Ich würde fast sagen, diese Helena hat dir nicht nur den Kopf verdreht … Ich kann es kaum erwarten, die Kleine kennen zu lernen.“ Die Art wie Himeros das sagte, ließ Anteros aufhorchen. Er kannte seinen Bruder gut genug, und auch wenn er ihm der Liebste unter seinen vielen Geschwistern war, würde diese Tatsache ihn nicht davon abhalten, Himeros in seine Schranken zu weisen. „Und du lenkst immer noch gekonnt von Thema ab, Bruder. Was das betrifft, hast du dich ebenso wenig verändert. Vielleicht sollte ich Mutter bitten, dir auch einmal tausend Jahre Selbstfindung aufzubürden. Würde dir sicher gut bekommen.“, erwiderte er mit einem Blitzen in den Augen und lächelte sarkastisch.

Himeros wandte sich kopfschüttelnd ab, und schluckte die derbe Bemerkung hinunter, die ihm auf der Zunge lag. „Also, warum hast du mich gerufen?“, versuchte er, das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema zu lenken. „Tja, Helena hat mich quasi zum Teufel gejagt, aber ich denke gar nicht daran, dem nachzugeben.“, klärte Anteros auf. „Aber was ihre Ansage betrifft, da gibt sie sich unglaublich stur.“, überlegte er nachdenklich. „Aber du bist sturer.“, lachte Himeros. Anteros setzte ein ironisches Lächeln auf, was gleich darauf einer bedrückten Miene wich. „Ja, aber ich bin mir nicht sicher, was ich jetzt machen soll. Meine Sturheit würde garantiert zu einem ausgewachsenen Streit führen.“ Sein Gesichtsausdruck verdeutlichte, dass er alles andere als abgeneigt wäre, sich auf eine derartige Auseinandersetzung einzulassen. Dann wurde er wieder ernst. „Ich will nicht riskieren, sie endgültig zu vertreiben … vielleicht noch in die Arme eines anderen Typen.“, fügte er murmelnd hinzu. „Und du glaubst, wenn du hier sitzt und Löcher in die Decke starrst, gelingt dir das?“ Anteros verzog grimmig das Gesicht und Himeros bereute seine schnippische Bemerkung sofort. „Natürlich nicht … aber bist du hier nicht der Frauenkenner?“, konterte er mit beißendem Sarkasmus. Himeros lachte bissig. „Klingt, als würde es einen Konkurrenten geben.“, mutmaßte er leichthin. Anteros ließ ein leises Knurren vernehmen. „Einer?“ Der Blonde riss verblüfft die Augen auf, bevor sich seine Lippen zu einem gemeinen Grinsen verzogen. „Oh … da ist wohl jemand eifersüchtig …“ „Spar dir deine dämlichen Kommentare.“, fuhr Anteros fauchend dazwischen. Himeros hob abwehrend die Hände und trat vorsichtshalber einen Schritt zurück. Anteros‘ Reaktion verblüffte ihn immer mehr. „Wer bist du und was hast du mit meinem Bruder gemacht?“, fragte er lachend. „Ha, ha, ha … Ich lache später, wenn es recht ist.“, erwiderte er genervt und gab Himeros damit zu verstehen, dass seine Geduld trotz tausend Jahre Lehre noch immer begrenzt ist. „Sag mir einfach nur, wie ich sie für mich gewinnen kann. Und das so schnell wie möglich.“ Himeros runzelte nachdenklich die Stirn und begann, in dem Salon auf und ab zu gehen. „Wie weit seid ihr in eurer … Beziehung … vorangekommen?“, wollte er wissen und musterte ihn prüfend. Anteros Blick war missbilligend, ehe er sich von ihm abwandte. „In der Kiste waren wir noch nicht – nicht ganz –, wenn du das meinst.“, meinte er bissig, vermied es dabei jedoch, Himeros anzusehen. Es war ihm irgendwie unangenehm, darüber in Gegenwart seines Bruders zu sprechen. Im Vergleich zu ihm war Anteros ein blutiger Anfänger. Das wäre wohl jeder im Vergleich zu einem Gigolo wie ihm. Früher wäre ihm diese Tatsache egal gewesen, doch nun störte ihn das auf eine Weise, die er selbst nicht so recht verstand.  „Empfindet sie denn etwas für dich?“, wollte sein Bruder wissen. Anteros musste einen Moment über diese Frage nachdenken, war er sich der Antwort darauf doch nicht sicher. Er hatte ihre Gefühle gespürt, ihre Reaktionen gesehen, wenn er in ihrer Nähe war, und er hatte den berauschenden Duft ihrer Erregung eingesogen. „Ja, ich würde sagen, dass sie auch für mich etwas empfindet.“, gab er zur Antwort. Ganz sicher war er sich dennoch nicht. Helenas Verhalten war für ihn nach wie vor ein Brief mit sieben Siegeln. Noch – hoffentlich. „Gut.“, sagte Himeros knapp.

Erwartungsvoll sah Anteros ihn an, gewillt jeden seiner Ratschläge anzunehmen, um Helena für sich zu gewinnen. „Gib ihr etwas Zeit …“, sagte Himeros knapp. Wie bitte? „Zeit? Die hab ich aber nicht.“, unterbrach Anteros ihn forsch, irritiert von diesem mehr als merkwürdigen Vorschlag. Nun sah Himeros ihm fest in die Augen. Sein Blick war sanft, frei von jeglichem Spott und Vorwurf. Anteros musste unwillkürlich schlucken. „Ich rede hier von ein paar Tagen … lass sie auf dich zukommen. Wenn sie genauso für dich empfindet wie du, wird sie zu dir kommen. Auf diese Weise kannst du etwas über ihre Gefühle erfahren, ohne dass sie darüber spricht.“ Anteros kniff nachdenklich die Augen zusammen. Dann stieß er geräuschvoll die Luft aus. Mürrisch verschränkte er die Arme vor der Brust und starrte auf den teuren Perser. Er wusste, dass sein Bruder Recht hatte. Aber seine Antwort befriedigte ihn in etwa so sehr wie einen Löwen, den man vegetarische Kost schmackhaft machen will. Wie sollte er das anstellen? Davon mal abgesehen hatte er keine Zeit zu verlieren. Von daher war Warten im Augenblick wirklich extrem kontraproduktiv. Himeros sah ihn ernst an. „Ich weiß, dass Geduld nicht deine Stärke ist, aber genau das brauchst du jetzt. Warte ein paar Tage, beobachte sie. Schau, was sie tut.“, erklärte er sanft und sah ihn mit liebevollen Augen an. „Denn, wenn sie zu dir zurückkommt, dann kannst du dir ihrer Zuneigung sicher sein. Und genau das ist es doch, worauf es ankommt. Du musst ihre Liebe gewinnen, um den Fluch zu brechen.“ Anteros dachte über seine Worte nach. Nur widerwillig gestand er sich ein, dass Himeros schon wieder Recht hatte. Ärgerlich schüttelte er den Kopf. „Und dann? Was ist, wenn sie zu mir zurückkommt? Was soll ich ihr sagen, wenn sie wissen will, wer ich bin?“, fuhr er fort, bevor er einen Moment innehielt und tief durchatmete, um seine aufwallenden Gefühle zu beherrschen. „Ich will sie nicht anlügen, aber ich habe Angst, dass die Wahrheit sie mir gänzlich entreißt.“, flüsterte er. Himeros sah ihn schweigend an und fuhr dann fort, unablässig auf und ab zu gehen. Anteros sah ihm eine Weile zu, darauf bedacht, ihn nicht in seinen Überlegungen zu unterbrechen. Doch nach zwanzig Minuten hielt er dieses schweigende Teppichpflügen nicht mehr aus. „Wenn du so weiter herumtigerst, bekomme ich diese Laufspur nicht mehr aus dem teuren Perser raus.“, bemerkte er trocken und brachte Himeros dazu, stehen zu bleiben und ihn verwundert anzusehen. Er seufzte leise. „Das ist schwierig. Ich meine, … es ist nicht verboten, über uns zu sprechen, aber … ich weiß nicht …“ Er sah Anteros ernst an, bevor er weitersprach. „… du musst es ihr behutsam beibringen. Ich kann dir leider keine ideale Lösung anbieten … Tut mir leid.“, sagte er leise und in seinem Blick spiegelte sich echtes Bedauern.

Anteros schluckte schwer und musterte seinen Bruder aus zusammengekniffenen Augen. Die Tatsache, dass Himeros keinen passenden Ratschlag hatte, war völlig neu, ja geradezu beunruhigend. Und ihn ließ das Gefühl nicht los, dass diese Herausforderung unabänderlich mit der dem Verlust von Helena verknüpft ist. Unbehagen keimte in ihm auf, schwoll in ihm an und ließ ihn nervös mit den Fingern auf den Kaminsims trommeln. Oh Gott, was ist, wenn meine Geschichte uns erneut entzweit? Nagende Zweifel stiegen in ihm auf. Sollte er sich ihr wirklich vollkommen anvertrauen? Sich ihr offenbaren? Aber wie, verdammt nochmal …, fluchte er innerlich. Himeros wandte sich zu Tür. „Es tut mir leid, aber ich muss wieder los.“, bedeutete er. Anteros nickte abwesend. „Wenn ich dir einen Rat geben darf …“, hob er an, und Anteros’ Aufmerksamkeit war sofort wieder auf seinen Bruder gerichtet. „Versuch nicht, sie anzulügen. Eine Lüge ist schlimmer als eine zunächst schwer verdaubare Wahrheit.“ Er hielt kurz inne, bevor er fortfuhr. „Wahrheit kann man lernen zu akzeptieren, eine Lüge zerstört das Vertrauen und entzweit.“ Anteros nickte, noch immer nicht in der Lage, das in Worte zu fassen, was in ihm vorging. „Ach, und noch etwas.“ Anteros sah erneut auf. „Schöne Grüße von Nemesis … ich glaub die Kleine hat einen ziemlichen Narren an dir gefressen.“ Anteros zog die Brauen hoch, erstaunt über die unerwartete Information. „Wenn mich meine Vermutung nicht trübt, ist die Kleine ein wenig … eifersüchtig, weil du mehr Zeit mit deiner Seelenverwandten verbringst als mit ihr.“, lachte er, und Anteros’ Gesicht erstarrte. Bei diesen Worten war ihm alles andere als zum Lachen zumute. Er räusperte sich vernehmlich. „Sag ihr, dass ich täglich an sie denke und sie sich keine Sorgen machen soll.“, erwiderte er und lächelte. Himeros wollte etwas entgegnen, schwieg aber. Dann wandte er sich erneut zum Gehen, unterbrach sich aber selbst. „Ach, noch etwas, bevor ich es vergesse. Eros ist seit einiger Zeit verschwunden. Nimm dich in Acht, Bruder … der Knabe scheint etwas im Schilde zu führen.“ Anteros sah ihn mit großen Augen an, dann lachte er bekümmert. „Ja, ich weiß …“ Himeros blinzelte ungläubig. „Ach ja?“ Anteros’ Augen begannen gemein zu leuchten. „Ich hab ihn neulich getroffen, was – um es milde auszudrücken – schmerzlich gewesen ist.“ Überrascht sah Himeros ihn an. „Wie darf ich das verstehen?“ Seufzend schüttelte Anteros den Kopf. Ein kurzes Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln, was jedoch sofort wieder verschwand. „Das bleibt mein Geheimnis. Aber glaub mir, wenn er mal wieder einen von uns piesacken sollte, wirst du es erfahren.“ „Warum nicht gleich, schließlich ist er doch mit Sicherheit hier, um dich zu piesacken.“ Anteros zuckte die Achseln und schob die versteckte Warnung in der Botschaft mit einer lässigen Handbewegung beiseite. Dass er innerlich anders fühlte, musste sein Bruder nicht wissen – jetzt noch nicht. Davon mal abgesehen wäre es nicht das erste Mal, dass Eros versuchte, ihm das Leben zu Hölle zu machen. Er sah auf und begegnete Himeros Blick. „Danke, Bruder.“, sagte er und lächelte. Dieser nickte, wandte sich um und verließ den Salon.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Apr 28 2014, 20:26

Hallo meine liebe Mini,
natürlich habe ich deine Teile hier schon gelesen, bin allerdings etwas zwiespältig, wie ich die Informationen dort finden soll.
Thomas scheint ja mal ein wirklich netter Kerl zu sein. Mike ist nach wie vor ein Trottel und John durchaus unsymphatisch. Anteros irgendwie süß in seiner Hilflosigkeit und sein Bruder recht amüsant. Schön, dass er die Gefühle Anteros so positiv aufnimmt, obwohl er selbst jawohl eher ein Gigollo ist.
Bleibt jetzt also die Frage: Was folgt?
Wird Anteros die Wahrheit über sich Preis geben, Was hat John geplant, wie werden Helena und Anteros sich wieder begegnen ...
Ich freu mich auf die Fortsetzung. Wobei ich irgendwie im Kopf habe, dass ein Urlaub ansteht ?

Auf jeden Fall, von hier liebe Grüße
Katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Mai 15 2014, 21:22

Hallo ihr Lieben, da bin ich mal wieder. Und hab auch einen neuen Teil für euch. Zwar nicht so lang, wie sonst, aber ich hoffe, er gefällt euch trotzdem. Viel Spaß beim Lesen. LG, Mini  Wink 

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Teil 85

„Verdammt, Mike … versteh doch, bitte. Das zwischen uns wird nichts.“, betete Helena mantraartig  in ihr Handy. Sie stand kurz davor, die Nerven zu verlieren. Seit einer halben Stunde versuchte sie mit der Geduld einer Schildkröte, die sich durch den Dschungel kämpfte, Mike klar zu machen, dass sein Vorhaben keinen Erfolg haben würde und er sie endlich in Ruhe lassen sollte. Sie hätte Pfarrerin werden sollen – predigen konnte sie ja inzwischen perfekt. Wenn er sie nun noch erhören würde, wäre das der sprichwörtliche Sechser im Lotto. Ihre getroffene Entscheidung, sich ihrem Leben nicht länger zu verschließen und ihre Wünsche anzugehen, hatte sie dazu veranlasst, den letzten von Mikes acht Versuchen, sie zu erreichen, anzunehmen. Sie hatte sich vorgenommen, ihm klipp und klar seine Grenzen aufzuweisen und ihm den Rücken zu kehren. Endgültig. Doch schon nach fünf Minuten musste sie erkennen, dass ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt war. Seit nunmehr dreißig Minuten redete sie daher mit Engelszungen auf ihn ein. Doch offenbar war Mike taub auf diesem Ohr, denn anstatt endlich ein Einsehen zu haben, säuselte er eine Liebenswürdigkeit nach der anderen – und jede dieser schwülstigen Bekundungen trieb Helena mehr die Galle hoch. Schlimmer noch, Helena hatte geradezu das Gefühl, je mehr sie sich gegen ihn zu wehren versuchte, umso mehr spornte ihn sein Vorhaben an. Er schien wahrlich besessen von der Idee, sie für sich zu gewinnen. „Ach Helena, komm … lass uns heute Abend ausgehen und in Ruhe über alles reden. Nur wir beide.“, säuselte er mit sanfter Stimme. Helena verdrehte genervt die Augen. „Nein, Mike! Ein letztes Mal … halte dich von mir fern, ruf mich nicht mehr an … und schreib nicht mehr. Ich habe kein Interesse.“, erwiderte sie ungehalten. So langsam verlor sie die Geduld. Sein plötzliches Schweigen am anderen Ende ließ sie kurz innehalten und der Wunsch, ihre Wut in das Telefon zu brüllen, verebbte wie ein Sturm, der spontan seiner Energie beraubt wurde. „Du weißt gar nicht, was du versäumst, Süße …“, versuchte er es nach einer kurzen Pause erneut. „Und ich werde einen Weg finden, dir das nahe zu bringen.“ „Ach ja, du meinst, so wie du es in der Bibliothek versucht hast.“, presste Helena hervor, und Ekel stieg in ihr hoch, als sie sich an die Szene erinnerte. Am anderen Ende war es plötzlich still. Helena spürte, wie er sich wand. Offenbar war ihm die Art dieser Begegnung wirklich unangenehm gewesen, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass er nicht einsehen wollte, dass seine Bemühungen für die Katz waren. „Dafür habe ich mich ausreichend entschuldigt. Dieses Verhalten war wirklich nicht okay von mir.“, erklärte er. Der leise Ärger in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Was mein Versprechen allerdings betrifft, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“, proklamierte er. „Betrachte es als Kampfansage, Helena.“ Sie konnte sein Grinsen am anderen Ende förmlich sehen, was ihr einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Und für einen Moment dankte sie dem Umstand, dass er nicht vor ihr stand. „Gute Nacht, Mike.“, entgegnete sie tonlos und legte auf, ohne eine Erwiderung auf diese mehr als plumpe Aussage, und ohne seine Reaktion abzuwarten. Thomas scheint wohl noch nicht mit ihm gesprochen zu haben …, dachte sie mit einem Anflug von Ernüchterung. Anders konnte sie sich diese verzweifelte Hartnäckigkeit beim besten Willen nicht erklären. Was hast du denn erwartet, Helena? Dass es nur eines Fingerschnipps bedarf und alle Probleme lösen sich in Nichts auf? Ja, wirklich naiv. Du hast erst vor zwei Tagen mit Thomas gesprochen. Ja. Doch so langsam fragte sie sich, wie lange sie diesen Terror noch ertragen würde. Zum Glück hatte sie Beth auf ihrer Seite.

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Es war Dienstagabend als Helena und Beth ihren Kunstkurs absolviert hatten und gerade die Treppe vor der Uni hinuntergingen und den Weg Richtung Metro antraten. „Wie geht’s dir, Hel?“, begann Beth unvermittelt. Helena betrachtete ihre Freundin mit einem fragenden Blick. „Versteh mich nicht falsch, aber du siehst echt … scheiße aus.“, gab sie mit einem verkniffenen Lächeln zu verstehen. Helena verzog den Mund, als sie den besorgten Unterton in der Stimme ihrer Freundin bemerkte. Eine Moment lang überlegte sie, was sie antworten sollte. Doch dann besann sie sich. Fest entschlossen, an ihrem Vorhaben festzuhalten und ihre neue Einstellung zu bejahen  – was zwangsläufig bedeutete, ihrer Freundin die Karten offen auf den Tisch zu legen – holte sie tief Luft. „Hör bloß auf, Beth … das wird immer schlimmer.“, erklärte sie und bedachte sie mit einem niedergeschlagenen Blick. „Dann hat Thomas also noch nicht mit dir gesprochen?“, merkte Beth überrascht auf. Hellhörig geworden, sah Helena auf. „Doch, doch, er war am Sonntag bei mir und hat mir versprochen, mit Mike zu reden.“ Helena seufzte leise auf. „Vermutlich ist er noch nicht dazu gekommen.“, fügte sie leise murmelnd hinzu. Beth nickte zustimmend. Mit zusammengekniffenen Augen musterte sie ihre Freundin, und sie ließ das Gefühl nicht los, dass das nicht der einzige Grund war, weshalb Helena seit einiger Zeit – insbesondere heute – wie ein wandelnder Schatten wirkte. Beth war schon immer eine gute Beobachterin gewesen, hatte ein Gespür für die Stimmung anderer gehabt. Sie sah es Helena direkt an der Nasenspitze an, wenn es ihr nicht gut ging. „Wenn du drüber reden willst, sag Bescheid.“, erklärte sie und sah beiläufig auf die Uhr. „Sorry, Süße … aber ich muss los. Ich hab nachher eine Verabredung, die keinen Aufschub duldet.“, erklärte sie mit einem bekümmerten Lächeln. Helena nickte sichtlich betrübt. „Bis dann.“, rief Beth und wollte sich umwenden. „Warte!“, hielt Helena sie zurück. „Am Freitag ist doch frei. Hast du Lust am Donnerstagabend auszugehen?“ Beth hob überrascht die Brauen, woraufhin Helena bekümmert die Schultern zuckte. „Ich muss unbedingt mit jemandem reden.“, erklärte sie. Beth musterte sie prüfend, was Helena nicht wirklich verwunderte. Ihre Freundin war es nicht gewohnt, dass sie derartige Verabredungen vorschlug. Für Beth war das völlig neu. Genauso wie für Helena. Beth neigte fragend den Kopf. „Oh-oh … ich ahne Schlimmes.“, gab sie schließlich sorgenvoll zurück. Helena seufzte tief und schloss für einen Moment die Augen, ehe sie Beths herausfordernden Blick erwiderte. Offenbar versuchte sie, ihre Absichten zu erkunden. „Das ist eine lange Geschichte, und ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich diesem ganzen Wirrwarr Luft mache.“ Ihre Schultern sanken nach unten. „Ich kann einfach nicht mehr.“ Einen Moment noch sah Beth ihre Freundin mit einer Spur Misstrauen an, dann verzogen sich ihre Lippen zu einem breiten Grinsen. „Ooooh .. Ich liebe lange Geschichten. Was hältst du von Donnerstagabend, acht Uhr im Oz?“, schlug sie mit einem Augenzwinkern vor, woraufhin  Helena nur nickte und ein erleichtertes Seufzen ausstieß. „Danke!“ Erst einen Augenblick später wurde ihr bewusst, was soeben passiert war. Und dann lächelte sie unvermittelt. Es war eine unausgesprochene Tatsache, dass Beth ihre Dates vorschlug. Offenbar hatte sie sich soeben gleichsam daran erinnert. Es war also alles wie immer. Beths Grinsen wurde noch eine Spur breiter. „Keine Ursache, Süße … aber ich will alles wissen.“ Und wenn Beth alles sagte, meinte sie auch ALLES. Helena schluckte schwer, und für einen Moment bereute sie ihren Vorstoß. Was das Ergründen von Geheimnissen betraf, war Beth schlimmer wie jeder Profiler. Du willst doch nicht etwa wieder kneifen? …, warnte sie ihre innere Stimme. Beth warf einen Blick auf ihre Uhr. „Mach dir keine Sorgen, Hel … egal worum es geht, wir kriegen das wieder hin. Aber ich muss jetzt wirklich los … Tut mir leid.“ Helena schenkte ihr ein halbes Lächeln, das nicht ganz das widerspiegelte, was sie fühlte. Wenn du das sagst, hört sich das so einfach an … Beth wandte sich zum Gehen. „Ach, Beth …“ Die junge Frau hielt inne und lächelte ihr aufmunternd zu. „… ein Abend unter uns, … bitte.“ „Klar doch.“, erwiderte Beth, wandte sich um und rannte los. Helena sah ihrer Freundin nach, bis sie um die Ecke verschwunden war. Sie wusste, dass Beth ihr sicher nicht ihre Probleme würde nehmen können, aber allein das Wissen, sich jemanden anvertrauen zu können schenkte ihr die Erleichterung, die ihr sagte, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Mai 15 2014, 21:39

Hallo Süße,
da habe ich ja passen hier vorbei geschaut  Wink 
Was soll ich sagen ...
Mike ist ein Idiot und Helenas Wandel sehr, sehr, sehr erstaunlich. Wenn jetzt Anteros mal auf die Idee käme Kontakt zu ihr aufzunehmen würde es vermutlich sehr spannend.
Aber er macht es ja lieber durch Abwesenheit spannend  Evil or Very Mad 

Ach ja, und ich bin natürlich total neugierig, ob es zu dem Mädelsabend wirklich kommt und was Beth zu dieser ganzen Geschichte sagt.

LG Katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Jun 09 2014, 16:53

Hey!

 Mir bleibt nichts anderes als zum gefühlt 200 Millionsten Mal zu sagen, dass ich deine Texte einfach liebe Ilikeit flowers 

Ich hoffe einfach mal, dass es bald ne Fortsetzung gibt

Liebe Grüße
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Jun 10 2014, 22:15

Juhuu Mädels ... Nach meinem zweiwöchigen Urlaub und einer anschließenden fast zweiwöchigen Zwangstrennung von der Internetwelt  Twisted Evil bin ich nun wieder da. Und hab auch gleich einen neuen Teil für euch im Gepäck. Ich hoffe, er gefällt.

Schönes Schwitzen noch im Backofen Deutschlands.  hallo 

LG, Mini

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Teil 86

Anteros, der in den vergangenen Tagen nichts anderes getan hatte als sich unerkannt in Helenas Nähe aufzuhalten, war wenig erfreut über den Verlauf seiner Bemühungen. Genauso wenig wie über die Erfolge hinsichtlich seines Vorhabens, ihr Zeit zu geben und zu hoffen, dass sie von selbst zu ihm zurückkehren würde. Eine Reise in die Hölle wäre dagegen ein Spaziergang gewesen. Es war erst ein paar Tagen her, als er einen Typen mit dunklen Haaren, der durchaus als attraktiv hätte durchgehen können, aus ihrer Wohnung hatte kommen sehen – und das nur wenige Stunden, nachdem sie ihn selbiger verwiesen hatte. Und sofort waren all die Zweifel wieder allgegenwärtig gewesen. Der leise Funken Hoffnung so gut wie verloschen. Hatte er sich hinsichtlich ihrer Gefühle doch getäuscht? War Himeros’ Vorschlag, ihr Zeit zu geben, am Ende doch nicht so gut gewesen, wie er vermutet hatte? Verdammt, er würde noch völlig irre. Wenn er sie jetzt an einen anderen verlor, würde er sie nie bekommen. Irritiert von seiner plötzlichen heroischen Denkweise, hielt er abrupt inne. Warum machte er sich plötzlich solche Gedanken? Früher hatte er seine Konkurrenz auch einfach ausgeschalten. Aber das hier, … das war irgendwie etwas anderes. Damals hatte er triftige Gründe. Auch wenn ihm die wenigsten, die ihn kannten, so etwas wie Moral bescheinigen würden, er wusste durchaus zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Dennoch würde er es dem Typen nicht leicht machen. Und so lange Helena zu haben war, musste man mit ihm rechnen. Doch mal abgesehen von dem Männerbesuch, war nichts Aufregendes geschehen, außer dass sie mehr und mehr niedergeschlagen und traurig wirkte. Ein Anblick, der ihm das Herz zusammenzog –obwohl genau dieselben, die ihm mangelnd Moral nachsagten, behaupteten, er hätte kein Herz. Seufzend richtete er seinen Blick auf die Fenster, die hell erleuchtet waren, während er sich fragte, ob ihre trübe Stimmung etwas mit ihm zu tun hatte. Und der Wunsch, sie in seine Arme zu schließen und ihr Trost zu spenden, wurde nahezu übermächtig. Doch er musste auf Abstand bleiben, konnte nicht zu ihr gehen. Und unweigerlich begann er sich zu fragen, was er tun sollte, wenn sie überhaupt keine Anstalten machte, zu ihm zurück zu kehren. Was, wenn dieser fremde Typ … Ach verdammt. Schnell schüttelte er diese Gedanken ab, die ihn in eine falsche Richtung leiten wollten. Himeros hatte gesagt, dass er sich in Geduld üben sollte. Er schickte einen ironischen Dankesgruß an seinen Bruder und knurrte leise. Anteros war nicht bekannt für seine übermäßige Geduld. Ein leiser Fluch wich über seine Lippen. Was für eine blödsinnige Idee. Niedergeschlagen wandte er sich um und ging zurück zu seinem Wagen. Heute konnte er hier nichts mehr erreichen. Gerade öffnete er die Tür zu seinem Wagen, als er eine vertraute Stimme vernahm. Verwirrt blickte er auf. „Hallo, schöner Engel.“, ertönte erneut diese sanfte Stimme, die er schon so lange kannte. Fast sein gesamtes Leben. Mit einer fließenden Bewegung wandte er sich um und blickte einen Moment lang irritiert auf die zierliche Gestalt, die in diesem Moment hinter einem Baum vortrat und ihn breit anlächelte. „Nemesis? Was machst du hier?“, entfuhr es ihm, ehe er sich zurückhalten konnte. Nemesis grinste schief. „Na ja, ich dachte mir, wenn du mich schon nicht besuchst, dann besuche ich dich eben.“ Anteros runzelte tadelnd die Stirn. „Aber du darfst nicht einfach hier erscheinen, wenn dich keiner ruft.“, gab er zu verstehen. Nemesis lächelte wissend. „Hast du etwa vergessen, wer ich bin?“, erwiderte sie mit einem klaren Lachen, was bei Anteros ein unbehagliches Gefühl auslöste. „Ich bin die Rachegöttin und dort, wo Rache geschworen wird, da tauche ich auf.“, fügte sie hinzu,  breitete theatralisch die Arme aus und drehte sich anmutig im Kreis.

Vollkommen verdattert starrte Anteros seine langjährige Freundin an, die wie eine sprichwörtliche Fatamorgana vor ihm erschienen war. Und unweigerlich fragte er sich, was sie ausgerechnet hier wollte. „Und weil du gerade in der Nähe warst, dachtest du dir, du schaust mal bei mir vorbei?“, kam es stockend über seine Lippen. „So ungefähr …“, erwiderte sie und grinste wieder, bevor sie die Arme vor der Brust verschränkte und den Kopf schieflegte. „Mit dem Unterschied, dass du zufällig hier bist, nicht ich.“, fügte sie lächelnd hinzu. „Und warum bist du hier, Nemesis?“, hakte er nach. Das Unbehagen in ihm wuchs. Nemesis hob stolz das Kinn. „Ich wurde gerufen, … also habe ich quasi einen Auftrag. Jemand hat Rache geschworen, weil er … wie soll ich sagen … abgewiesen wurde … Deshalb ich bin hier, um jemanden zu bestrafen.“ Anteros sah sie mit großen Augen an. „Ist das nicht eigentlich meine Aufgabe?“, fragte er erstaunt. Nemesis lächelte süffisant. „Natürlich, aber du bist ja quasi … out of order. Und da ich ja nett bin … und dich mag …“ Sie zwinkerte ihm verschmitzt zu. Anteros zog die Brauen hoch. „… hast du dir gedacht, du übernimmst meine Schicht, so lange ich … abwesend bin.“ Sie nickte und grinste schelmisch. Anteros schenkte ihr ein halbes Lächeln, was nicht ganz ehrlich wirkte. Etwas an dieser Sache gefiel ihm ganz und gar nicht. Und das lag nicht nur daran, dass Nemesis plötzlich hier auftauchte und ihn auf diese kecke Weise ansprach. Etwas was er von ihr überhaupt nicht kannte. Himeros‘ Worte schossen durch seinen Kopf, doch er verdrängte sie sogleich wieder. Nemesis und in mich verknallt, … das ist absoluter Quatsch …, dachte er. Nein, das war geradezu lächerlich. Sie waren Freunde, trugen eine ähnliche Bürde. Sie waren für einander da, wann immer der andere einen brauchte. Sie war … wie eine Schwester für ihn … Nachdenklich runzelte er die Stirn und betrachtete die hübsche junge Frau, die ihn auf eine Weise anlächelte, wie sie es nicht tun sollte. Es gab keinen Zweifel, irgendetwas war heute anders an seiner kleinen Schwester. Und ihn ließ das Gefühl nicht los, dass sie etwas vor ihm verbarg. „Und wen wirst du bestrafen?“, fragte er vorsichtig, nicht sicher, ob er die Antwort wirklich hören wollte. Sie zuckte die Schultern und deutete mit einem Kopfnicken auf das Haus vor ihnen. „Sie wohnt dort … Ein Mädchen, was einen armen Mann seit einer Weile ziemlich brutal abserviert, obwohl er doch alles tut, um sie für sich zu gewinnen.“, erklärte sie und stieß ein bedauerndes Seufzen aus. Noch etwas, was merkwürdig war. Nemesis empfand nur selten Reue … um nicht zu sagen, gar nicht. Anteros’ Blick wanderte abwechselnd zwischen dem Haus und Nemesis hin und her. Eine merkwürdige Vorahnung beschlich ihn, und falls diese sich als wahr erweisen würde, würde er Nemesis mit allem was in seiner Macht stand, daran hindern. „Siehst du, da kommt er …“, verkündete sie und deutete auf einen jungen blonden Mann, der Anteros nur zu bekannt vorkam, und der in jenem Moment direkt auf den Eingang des Hauses zusteuerte, in welchem Helena wohnte. „Verdammt, nicht schon wieder.“, murmelte er frustriert und warf Nemesis einen zerknirschten Blick zu. „Du bist hier, um Helena zu bestrafen?“, fragte er gerade heraus. Nemesis legte wieder den Kopf schief und musterte ihn misstrauisch. „Ja, … aber was hast du mit ihr zu tun? Ist sie etwa …“ Ihre Augen verdunkelten sich und ihre Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie zusammen. Vielleicht hat Himeros doch Recht …, durchfuhr es Anteros. „Sie trägt die Seele, die ich seit jenem unsäglichen Tag suche, und ich werde nicht zulassen, dass du sie vernichtest.“, beeilte er sich zu sagen. Es klang schroffer als er beabsichtigt hatte. Nemesis hob gleichgültig die Schultern. „Tut mir leid, für mich ist das nur ein Auftrag wie jeder andere.“, erklärte sie versucht gelassen. Doch Anteros entging das seltsame Funkeln in ihren Augen nicht. Das war doch kein Zufall. Was zum Teufel verbarg sie vor ihm? Nemesis wollte gerade auf das Haus zugehen, als Anteros sie am Arm packte und zurückhielt. „Das kannst du nicht tun, Nemesis.“ Ihre Augen weiteten sich. „Das würdest du mir nicht antun.“, flüsterte er. Ihre Miene blieb ausdruckslos. In diesem Moment ähnelte sie der Nemesis, die er seit unzähligen Äonen kannte. „Wenn sie stirbt, sterbe ich auch.“ Nemesis‘ Augen weiteten sich unmerklich, und an der Art wie ihre Mundwinkel zuckten, erkannte er, wie ihre Gefühle miteinander rangen. Nach einer gefühlten Ewigkeit löste sie sich langsam von ihm. Dann wurde ihr Blick traurig, während sie ihre Hand hob und ihm sanft über die Wange strich. „Deine Mutter hat Recht, du empfindest wirklich keine Liebe. Ich dachte immer, das könne nicht sein. Ich dachte, zwischen uns ist es anders …“, sagte sie. „… dass da etwas wäre.“, fügte sei leise hinzu.

Verblüfft über diese unerwartete Offenbarung riss Anteros erstaunt die Augen auf. Wie zum Teufel kam sie darauf? Er mochte sie. Ja. Er mochte sie sehr – wie eine Schwester. Aber sie … Großer Gott, sollte sein Bruder tatsächlich Recht behalten? Als hätte man ihm spontan den Sinn allen Seins geraubt, sank Anteros vor ihr auf die Knie und griff nach ihren Händen. Zarte, zerbrechlich wirkende Hände. Doch Anteros wusste nur zu gut, wozu sie wirklich fähig waren. „Nemesis ...“, flüsterte er. „Du bist mir wichtig … sogar sehr wichtig. Ich will, dass es dir gut geht …, dass dir niemand etwas zuleide tut. Kleine Schwester.“ Er hob den Kopf und sah ihr fest in die Augen. „Seit so langer Zeit fühle ich mich dir verbunden, weil du mich so siehst wie ich bin und weil du mich so akzeptierst, wie andere es nicht können.“ Nemesis senkte den Kopf, als sie spürte, dass ihre Augen feucht wurden. „Anteros, du bist mir auch wichtig … aber für mich ist da mehr. Ich liebe dich … nicht wie einen Bruder. Ich liebe dich, … als … Mann.“, erwiderte sie leise und bemühte sich, ihre Stimme unter Kontrolle zu bekommen. Anteros seufzte leise und schüttelte den Kopf. Dann lachte er gequält auf und sah sie mit traurigen Augen an. „Du sagst, ich wüsste nicht, was Liebe ist.“ Er zuckte die Schultern. „Vielleicht magst du da Recht haben. Doch wenn ich etwas in diesen vielen Jahren gelernt habe, dann, wie es ist zu leiden. Zu leiden, wenn man etwas verliert, was einem am Herzen liegt.“ Er seufzte tief, als er daran zurückdachte, wie lange er sich nun schon quälte … orientierungslos getrieben zwischen Hoffen und Bangen. Ohne Ziel. „Du glaubst gar nicht, wie oft ich sie schon verloren habe. Dass ich noch lebe, verdanke ich der Zuneigung, die sie mir geschenkt hat und der Hoffnung, sie immer wiederzufinden. Doch nun ist meine Zeit fast abgelaufen. Und ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich einfach nur noch müde bin.“, erzählte er mit schwerer Stimme. Dann sah er sie mit festem Blick an. „Wenn du sie also tötest, dann besiegelst du auch meinen Tod.“ Er zuckte gleichgültig die Achseln. „Also, vernichte sie … Aber dann gewähre mir wenigstens dieselbe Gnade. Ich möchte die Qual nicht ertragen, die wenigen Tage, die mir noch bleiben, dahin zu vegetieren, in dem Wissen, dass es für mich keine Chance mehr gibt. Denn mein Herz und meine Seele hängen an ihr, sind mit ihr untrennbar verbunden.“ Nemesis sah ihn mit ausdruckslosen Augen an und trat einen Schritt zurück. Ihr Blick wanderte über seine zusammengesunkene Gestalt. „Du hast dich so sehr verändert. Wo ist der zornige, unbeherrschte Mann geblieben, der du immer warst?“, fragte sie. Leise Überraschung schwang in ihrer Stimme. Anteros lachte trocken. „Er hockt vor dir.“ Nemesis zog ironisch die Brauen hoch, während sie abermals einen prüfenden Blick über ihn gleiten ließ. „Glaub mir, es gibt ihn nach wie vor, nur wurde er ein wenig … zurückgedrängt.“ Er seufzte leise. „Ich bin es so müde, immer am Rande zu stehen, von den anderen verachtet. Ich will das nicht mehr. Ich würde lieber den Tod wählen, als wieder in dieses Leben gezwungen zu werden.“ Verblüfft trat Nemesis einen weiteren Schritt zurück. „Du meine Güte, hast du eine Ahnung, was das heißt?“ Anteros hob die Schultern und sah Nemesis niedergeschlagen an. „Dass ich arbeitslos bin, falls ich zurückkehren sollte?“, stieß er ironisch hervor. Nemesis schnaubte leise. Ihr Blick fiel auf das Haus, in dem Helena lebte. Sie seufzte leise und sah wieder auf Anteros herab. Sie liebte diesen Mann, doch er war unfähig, das zu erkennen. Aber vielleicht gelang es ja diesem Mädchen, Liebe in ihm zu erwecken, auf das er zu einem Ganzen würde. „Ich habe noch ein wenig Zeit, diesen Auftrag auszuführen …“, lenkte sie schließlich ein. Anteros sah sie mit einer Mischung aus Erleichterung und Dankbarkeit an. „… aber ich verspreche dir, ich werde ihn ausführen.“, erklärte sie mit harter Stimme. Unverhohlene Missbilligung funkelte in ihren Augen. „Sie ist sterblich, du bist es nicht. Jede Art sollte unter sich bleiben, und wir sind so vertraut miteinander. Du gehörst zu mir, und ich werde dich nicht gehen lassen.“ Anteros’ Augen wurden riesengroß, bevor er sie zu schmalen Schlitzen zusammenkniff und voller Argwohn auf die zierliche Gestalt blickte, die langsam vor ihm verblasste. „Ach … und übrigens …“ Sie hielt inne und sah Anteros lächelnd an. „Schöne Grüße von Eros …“ Dann war sie verschwunden. Eros? Was zum Teufel hatte sie mit Eros zu tun? Diesem Bastard von einem Bruder. Wie aus dem Nichts flackerte eine beunruhigende Erkenntnis gleich einer flammenden Kerze in seinen Gedanken auf, als er die Einzelteile zu einem Bild zusammenfügte. Wieder ertönten Himeros‘ Worte in seinem Kopf. Und Anteros überkam das dringende Bedürfnis, mit Nemesis ein ausführlicheres Gespräch zu führen. Denn der Gedanke, dass die beiden wohlmöglich unter einer Decke steckten, würde weder ihm guttun, noch ihr.

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Sonnenschein
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mi Jun 11 2014, 14:31

Hey  hallo 

Ich hoff der Urlaub war schon und vorallem erholsam

Omg Twisted Evil das klingt beänstigend, crying  da braut sich richtig etwas zusammen Surprised  gegen die arme Helena, ich hoffe Anteros kann die Bombe noch rechtzeitig entschärfen.

Ich bin schon neugierig welche Erkenntnis Anteros da genau gewonnen hat und hoffe natürlich mal ganz doll, dass es Helena nicht ans Leder geht.

Liebe Grüße aus der Ofensauna Österreich Wink
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Jun 23 2014, 20:41

Hallo, Hallo,
da habe ich doch total vergessen was zu schreiben. Oh, oh, oh ...
mir geht es ähnlich wie Tastentante, wobei ich auch das Gefühl habe, dass sich gegen Anteros was zusammenbraut. Also Helena scheint ja tatsächlich ein Spielball der anderen zu sein und man hat Sorge, dass sie das Bauernopfer wird. Aber welche Möglichkeiten hat Anteros denn überhaupt? Ich kann das immer noch wirklich einschätzen.
Also, es ist wie immer, ich bleibe gespannt und habe ein wenig Angst  pale 

LG an meine Süße  Laughing 
Katha

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Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"
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