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 Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"

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Mini_2010

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BeitragThema: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 09 2012, 18:51

das Eingangsposting lautete :

Liebe Leser,

Die nachfolgende Geschiche habe ich vor etwa zwei Jahren einmal geschrieben. Bisher verweilte sie geduldig auf meinem Laptop. Nach langen Überlegungen habe ich mich nun doch dazu durchgerungen, sie hier im Forum zu veröffentlichen. Ich weise vorab darauf hin, dass die Geschichte Passagen enthält, die in die Kategorie FSK 16/18 gehören. Ansonsten freue ich mich natürlich, wenn sie euren Zuspruch findet. Sollte das nicht der Fall sein, wäre es schön, das zu wissen, dann würde ich davon absehen, sie fortzuführen.

Danke und viel Spaß beim Lesen.

Liebe Grüße
Mini


****************************************

Prolog
Schweden, Juni 2005


Unruhig warf er sich auf seinem Bett hin und her. Es war wieder einer jener grausigen Träume, der ihn seit Monaten verfolgten. Erschöpft und verwirrt von seiner träumenden Pein drehte er sich auf den Rücken und starrte an den weißen Baldachin, der anmutig über seinem Bett schwebte. Warum immer wieder dieser Traum? War es bald wieder soweit? Immer, wenn die Zeit drängte, mehrten sich diese seltsam beunruhigenden Träume. Und er hatte keine Zeit mehr, soviel wusste er. Und noch etwas lag in der Luft. Etwas, was er noch nicht greifen konnte, etwas, was ihn beunruhigte und sein Herz zum Rasen brachte. Keuchend stieß er den Atem aus und legte sich die Hand über seine Augen. Ein schwaches Licht drang von draußen durch die feinen seidenen Vorhänge. Mit schwirrendem Kopf erhob er sich von seinem Bett, durchquerte auf schlaftrunkenen Füßen das Schlafzimmer und trat auf den Balkon des großzügigen Hauses, welches er seit ein paar Jahren sein Eigen nannte. Er war viel herumgekommen, und einst würde der Moment kommen, dass er wieder gehen müsste. Aber noch war es nicht soweit, noch hatte er die Möglichkeit, seine Aufgabe zu erfüllen, um dem Bann zu entgehen, der auf ihm lastete. Als er damals ausgesprochen wurde, hatte er es zunächst für den kompromittierenden Versuch einer zynischen Frau gehalten. Aber er hätte es besser wissen müssen, schließlich hatte er sie bis aufs Blut gereizt. Und wenn er ehrlich war, hatte er sich auch keineswegs dafür geschämt. Seine Arroganz war ein sicherer Schild seiner virilen Selbstsicherheit, und seine Wut stärkte ihn regelmäßig, damit er nicht vergaß, dass eine Offenbarung seiner Seele ihm nur mehr Leid zuführen konnte. Wann er so geworden war, wusste er nicht mehr, und dass sie dieses Wesen an ihm hasste, gab ihm den notwenigen Nährboden, sich sicher zu fühlen – von der Welt gehasst und nur von den Allerengsten wirklich erkannt und geliebt. Im Grunde war er selbst schuld an seinem Leid, und das wusste er. Wie oft hatte er sich gewünscht, so zu sein, wie seine Geschwister, gesegnet mit der Liebe einer Mutter und dem Wissen, dass er ihr etwas bedeutete. Er wusste, dass er ihr mit diesem Wunsch unrecht tat, da sie auch ihm das gegeben hatte, was er den anderen tief in seinem Inneren neidete. Nur leider schien er für ihr Geschenk nicht empfänglich zu sein. Wie eine Krankheit war das Geschenk in seinen Händen verdorben und unbrauchbar geworden und hatte stattdessen seinen Hass und seinen Zorn geboren und stetig genährt. Am Ende war es sein innerer Gram, sein Hass allein auf sich selbst, der ihr die Schuld an seinem Unglück gab.

Sein Vater war stolz auf ihn. Als er ihn nach dem Grund gefragt hatte, hatte er gesagt, dass er besser für den Kampf geeignet wäre als sein Bruder. Er erinnerte sich, wie glücklich er über diese Anerkennung gewesen war. Und als er seinen Vater gefragt hatte, warum er das so sah, hatte dieser nur gemeint, dass er nicht das verschwenderische Herz eines Liebenden besäße. Es sei gerade soviel Gefühl in ihm, dass er seinen Feinden den Gnadenstoß gewähren würde, anstatt wie ein feiger Hund jaulend vom Schlachtfeld zu flüchten. Er besaß nicht das Herz eines Liebenden? Er war betrübt, ja sogar entsetzt darüber gewesen, was sein Vater von ihm hielt. Daraufhin hatte er sich geweigert, an seiner Seite zu kämpfen und begonnen, das Leben eines Eremiten zu führen. Hinter dem Schutzmantel der Gleichgültigkeit hatte er seine verletzte Seele vor der Welt verborgen. Niemand sollte je an sie herankommen. Mit den Jahren wurden Einsamkeit und Selbsthass seine besten Verbündeten, halfen sie ihm doch, den Panzer um seine Seele zu stählen, die das winzige Gefühlsaufkommen beinhaltete, was ihm zueigen war. Und mit der Zeit wurde er gut darin, diese kostbaren Gefühle tief in sich zu verbergen, bis sie fast gar nicht mehr zum Vorschein kamen. Nur sehr selten und meist nur dann, wenn er selbst keinen Einfluss darauf hatte, zeigten sie sich. Der sichere Panzer hatte ihn die Äonen seines Daseins über geschützt. Doch urplötzlich schien die Zeit aus den Fugen geraten zu sein. Eigentlich sollte er es als einen Segen empfinden, aber die Tatsache, dass er nicht selbst über sein Dasein entscheiden konnte, ließ diese Empfindung nicht zu. Er war ein Narr – ein kaltes Herz, was einer Seele nachjagte, die er doch nie erwärmen können würde. „Du siehst aus, als hättest du schlecht geträumt.“, vernahm er eine sanfte weibliche Stimme, gefolgt von leisem Rauschen. Er sah auf und konnte einen schwebenden Schatten am nächtlichen Himmel ausmachen. Die schöne Gestalt schwebte, getragen von anmutigen Schwingen, auf seinen Balkon. Augenblicklich verschwanden ihre schönen Flügel, die er immer bewundert hatte. „Nemesis. Was verschafft mir die Ehre deines nächtlichen Besuchs?“, erwiderte er beinahe gelangweilt. Es tat ihm leid, dass er sie so schroff begrüßte, denn er mochte Nemesis. Sie waren sich auf eine ungewöhnliche Weise sehr ähnlich. „Ich habe dich gesucht. Und du hast dich ziemlich gut versteckt. Doch dein Zorn hat dich verraten. Ich hab ihn gespürt. Du weißt doch, wie sehr ich dafür empfänglich bin.“, erklärte sie und tippte sich lächelnd gegen ihre kleine hübsche Nase. „Zornradar …“ Er lachte leise. „Ich rieche ihn … und dann bin ich da. Wer hat dir Unrecht getan?“, fragte sie mit fester Stimme, in der ein Hauch Missbilligung mitschwang.

Er schnaubte leise und winkte mit einer lässigen Handbewegung ab. „Die Kurzfassung?“, fragte er trocken. Nemesis nickte wortlos. Aus ihrem hübschen Gesicht, welches von einer dichten blonden Lockenpracht umrahmt wurde, blickten ihn zwei silbergraue Augen streng an. Er kannte diesen Blick, der ihm nur zu deutlich sagte, dass sie keine Ruhe geben würde, bevor er nicht ausgesprochen hatte, was sie zu wissen verlangte. Es war schon so lange her, seit dieser Bann gesprochen wurde, und erst jetzt fiel ihm auf, dass er Nemesis lange nicht gesehen hatte. Er seufzte indigniert. „Mein Bruder hatte einen Anfall von Geltungssucht, ich hab mich provozieren lassen und ein paar … wie soll ich sagen … Dinge laut ausgesprochen, die andere nicht mal im Stillen gedacht hätten, und sie – er sprach dieses Wort aus, als wäre es eine Krankheit – hat mich darauf hin verflucht. Nun sitze ich hier, inmitten der Zeit, die mir so unaufhaltsam durch die Finger rinnt, und bin doch nicht schlauer als gestern oder vorgestern. Zumindest habe ich schon mal gelernt, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Alternativ droht mir ja ohnehin nur das Getuschel sensationssüchtiger Dummköpfe, und da mir das eh nicht behagt, bleibe ich, wo ich bin. Du weißt ja, Selbstmitleid war noch nie meine Stärke.“ Nemesis hob fragend die Augenbrauen. Kopfschüttelnd sah sie ihn an. „Das übliche also?“ Er nickte betrübt. Nemesis stieß ein leises Seufzen aus. „Du weißt, dass ich sie nicht für etwas zur Rechenschaft ziehen kann, was sie nicht zu beeinflussen in der Lage ist. Sie liebt dich, das weißt du genauso gut wie ich. Dass ihre Gabe in dir keine Wurzeln schlägt und Früchte trägt, ist einem höheren Schicksal zuzuschreiben.“, erklärte sie ruhig und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er seufzte wieder. Sein innerer Schutzpanzer war brüchig geworden, aber Nemesis konnte er vertrauen. Selbst wenn er sein Gesicht verlöre, sie würde ihn nicht verhöhnen oder verurteilen. Sie war ihm treu, wie kaum ein anderer, den er kannte. Dann sah er sie an und lächelte gemein. „Vielleicht könntest du ja meinem Bruder mal einen Denkzettel verpassen. Glaub mir, der Knabe hat es mehr als verdient.“ Nemesis lächelte zaghaft. „Ja, da gebe ich dir recht. Aber sein Hass ist ehrlich. Er empfindet keine Liebe für dich, die man als herzlos oder falsch bezeichnen könnte. Glaub mir, wenn dem so wäre, würdest du meine Rache schon bemerkt haben.“ Jetzt grinste sie breit. Er bedachte sie mit einem gequältem Lächeln, und Nemesis hob ihre Hand, um ihm zärtlich über seine Wange zu streichen. „Du bist mir unter all denen Unsrigen der Liebste, mein schöner dunkler Engel.“, raunte Nemesis.

Er sah auf sie herab und verzog mürrisch das Gesicht. Er hasste es, wenn sie ihn so nannte. Er war kein Engel, doch Nemesis schien die Tatsache allein, dass er Flügel besaß – die er so gut wie nie zeigte, geschweige denn, benutzte – zu genügen, ihn regelmäßig damit aufzuziehen. Er sah sie tadelnd an, doch sie grinste nur verschmitzt zurück. „Du bist, was du bist. Wir zwei sind uns in manchen Punkten so ähnlich.“, erklärte sie feierlich. „Eigentlich ein perfektes Paar.“ Sie machte sich nicht die Mühe, das schelmische Grinsen zu verbergen. „Ja, das ist dein Glück. Andernfalls hätte ich dich schon längst übers Knie gelegt und dir den Hintern versohlt.“, knurrte er leise.“ Nemesis grinste noch breiter, trat näher zu ihm und stellte sich auf die Zehenspitzen. Dann legte sie ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn zu sich hinunter. Ihre Lippen an seinem Ohr jagten ihm einen kurzen Schauer über den Rücken. „Mein schöner Engel, komm, lass uns die Nacht ein wenig unsicher machen.“, säuselte sie. Er sah sie argwöhnisch an. „Ich weiß nicht …“ Er wollte sich aus ihrer Umarmung lösen, doch sie hielt ihn fest. „Komm, ich weiß dass du das nicht magst, aber es ist jetzt genau das, was du brauchst. Und morgen stellst du dich wieder deinem Leben. Glaub mir, auch das Schicksal braucht mal eine Pause.“, meinte sie leichthin. Er zögerte einen Moment und sah sie schweigend aus traurigen Augen an. „Also gut, kleine Schwester. Nur für dich.“, flüsterte er mit einem kleinen Lächeln. Dann wuchsen zwei wunderschöne mitternachtsschwarze Flügel aus seinem Rücken, und Nemesis’ Augen leuchteten begeistert auf. Dann stießen sie sich von dem Balkon seines Schlafzimmers ab und entschwanden gemeinsam lautlos in der Nacht. Eine Weile streiften sie durch die Gegend, bis sie sich auf einer kleinen unbewohnten Insel nahe einem Fjord an der Schwedischen Küste niederließen und in die Magie des Midsommar fühlten. Er liebte diesen Moment im Jahr, an dem der Sommer gefeiert wurde. Die Sommersonnenwende und der Beginn der weißen Nächte. Er sah zum Himmel auf. Das Zwielicht des Midsommar ließ die Sterne in einem anderen Glanz funkeln. Sterne. Ein leises Seufzen entwich seinem Inneren. Sie hatten etwas mit ihm gemeinsam. Sie waren genauso weit entfernt wie er von seiner Erlösung.

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ist manchmal der beste Weg,
um zu sich selbst zu finden.“


Zuletzt von Mini_2010 am Do Aug 30 2012, 20:39 bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet
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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Aug 20 2012, 22:47

katha schrieb:
Hey Mini-Schatz,
wow meine Liebe, hast du neben deinem eigentlichen Job auch noch ein paar Semester Kunstgeschichte studiert?
Und die packst du dann hier kunstvoll mit deiner Geschichte zusammen? Ich bin wieder mal völlig von den Socken und platze vor Neugier, wer dieser Typ ist, und was er will.
Ich sag ja, ich bin ebenso verwirrt und mindestens genauso unruhig wie Helena. bounce
Liebe Grüße
Katha


Danke dir, meine Katha-Maus. I love you Nein, hab nie studiert ... aber wenn, würde es wohl Kunst sein. Ist mein Steckenpferdchen (neben dem Schreiben Wink) Ich bemühe mich um baldigen Nachschub.

LG und Gute Nacht, Mini

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Aug 21 2012, 11:36

So Mini, jetzt muss ich dir mal ein gaaaanz gaaanz dickes Lob aussprechen. Smile

Deine Geschichte ist wirklich genial und ich freu mich jedes mal riesig wenn ein neuer Teil kommt. Smile

Weiter so!!
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Aug 21 2012, 12:25

Lizzy schrieb:
So Mini, jetzt muss ich dir mal ein gaaaanz gaaanz dickes Lob aussprechen. Smile

Deine Geschichte ist wirklich genial und ich freu mich jedes mal riesig wenn ein neuer Teil kommt. Smile

Weiter so!!

Danke dir, Lizzy ... Dein Lob freut mich riesig. Smile

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 23 2012, 07:58

Teil 14


Nachdenklich trottete Helena neben Beth zur nächsten Vorlesung. Die Aussagen des unbekannten Studenten schwirrten ihr noch immer im Kopf. Sicherlich hatte er Recht mit manchen Ansichten, dass er aber da Vincis Schaffen so denunzierte, ärgerte sie ein wenig. Monsieur Honoré leitete den Kurs „Plastisches Gestalten“ – neben der Malerei und dem Zeichnen an sich eines von Helenas liebsten Kursen. In diesem Punkt musste sie ihrem Kontrahenten durchaus Recht geben. Etwas mit eigenen Händen zu schaffen, war für sie ebenfalls der Inbegriff von Kunst, denn im Allgemeinen bevorzugte sie das praktische Studium, statt der trockenen Theorie, bei der es um Farben- und Materiallehre, Strukturen und Instanzen des Kunstmarktes oder die Kunstgeschichte ging, ausgeliefert zu sein. Natürlich war das Wissen, was in der Theorie vermittelt wurde, wichtig, aber ihr war es doch viel lieber, einen Fächerpinsel in den Fingern zu halten, Pinselreiniger zu riechen oder mit roter Tonmasse und ihren kreativen Händen etwas zu schaffen. Umso erfreuter war sie, als sie auf den Plätzen der Studenten die Materialien für den heutigen Kurs entdeckte. Vor ihr stand ein Block Speckstein, ein Set von Schnitzwerkzeugen und ein Riffelraspelset in Größe Medium. Neben den Materialien lag ein A4 Blatt auf dem eine Skulptur abgebildet war. Helena ließ sich auf ihren Stuhl fallen und warf Beth ein zufriedenes Grinsen zu, was diese in selbiger Intensität erwiderte. Monsieur Honoré erläuterte mit wenigen Worten die Aufgabe, die schlicht besagte, die auf dem Blatt Papier abgebildete Skulptur auf den Speckstein zu übertragen. Er wies gleichzeitig darauf hin, dass die Arbeit am Ende der Stunde mit nach Hause genommen und bis nach den Frühjahrsferien abgeschlossen werden soll. Helena seufzte leise. Sie mochte Bildhauerarbeiten, aber noch viel lieber mochte sie das Arbeiten mit Farbe und Pinsel. Das lag einzig in der Tatsache begründet, dass das Hantieren mit Farbe und Pinsel Schmutz in kontrollierterer Weise nach sich zog, als die Bildhauerei, bei der Staub und Steinbrocken nur so durch die Gegend flogen. Helena zog ihre Arbeitskleidung an und machte sich ans Werk. Der Vorteil solch praktischer Arbeit lag nicht nur darin, dass die Zeit einfach schneller verging, sondern auch in der Tatsache, dass man dabei perfekt abschalten konnte, wenn man mal zu sehr mit dem Kopf beschäftigt war. Eine Möglichkeit, die ihr im Moment mehr als recht war, wenn sie an ihre beunruhigenden Träume zurückdachte. Ganz anders als bei so trockenen Themen wie Kunstgeschichte. Helena musste lächeln, als sie an den vergangenen Kurs dachte. Wenn der Fremde seine Art und Weise der Unterrichtsgestaltung zukünftig so beibehielte, würde selbst Kunstgeschichte interessant werden. Madame Petite würde sich sicher freuen, wenn ihr zukünftig mehr Aufmerksamkeit von ihren Schülern zugedacht würde.

Als das Klingeln das Ende des letzten Kurses an diesem Tag besiegelte, packte Helena ihre Materialien ein und verließ zusammen mit Beth den Raum. „Puh … was für ein Tag.“, stöhnte Beth. „Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich auf ein entspannendes Bad freue.“ Helena grinste. „Kann ich mir vorstellen.“ „Und du?“ Helena hob die Schultern. „Ich glaub, ich werde noch ein wenig in die Bibliothek verschwinden. Madame Petites Aufgabe zu diesem Referat über die Renaissance will ich hinter mich bringen, so lange die Ideen noch in meinem Kopf sind.“, lächelte sie. Beth grinste breit. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal solche Befriedigung in einem Fach wie Kunstgeschichte erfahren würde.“ Helena musste unweigerlich mitgrinsen. „Ja, dass Madame Petite so dermaßen aus dem Konzept gebracht werden kann, hab ich auch noch nie erlebt. Na ja, vielleicht macht sie sich jetzt endlich mal ein wenig lockerer. Dann hätten ihre Studenten wahrscheinlich auch mehr Spaß an ihren Vorlesungen.“ Beth und Helena sahen sich an und prusteten beide gleichzeitig los. „Ich könnte den Typen glatt knutschen, weil er ihr Kontra geboten hat und ihr beide galant die Vorlesung übernommen habt.“ Helena lief leicht rot an und wandte beschämt den Kopf ab. Dass sie sich in ein derartiges Duell hineingesteigert hatte, verstand sie noch immer nicht. Für gewöhnlich glänzte sie im Stillen mit ihrem Wissen und war es zudem nicht gewöhnt, wenn jemand ihre Ansichten in Frage stellte. „Ich hab noch nie soviel gelernt, wie in der letzten Stunde.“, gab Beth offen und anerkennend zu. „Ich frag mich gerade, warum mir der Typ nicht schon früher aufgefallen ist.“, sinnierte sie laut. Helena dachte über ihre Worte nach und musste feststellen, dass er ihr auch noch nie aufgefallen war. Warum wusste sie nicht. Vielleicht lag es daran, dass er sich bisher dezent im Hintergrund gehalten hatte oder die behandelten Themen einfach nicht nach seinem Geschmack waren. Wie auch immer, sie wollte sich nicht den Kopf über solche Nebensächlichkeiten zerbrechen. Ohne Zweifel hatte sein Wissen sie beeindruckt, aber seine Art und Weise ließ ihn dennoch ziemlich aufgeblasen und arrogant rüberkommen. Wenn er ihr bisher nicht aufgefallen war, dann würde sie nicht ausgerechnet jetzt damit anfangen. Er ist gut, ohne Frage … aber das ist sie auch. Lässig zuckte sie die Achseln. „Keine Ahnung, mir ist er auch noch nie aufgefallen. Wer weiß, vielleicht ist er ja ein neuer Student oder so.“ Am Ende des langen Flures verabschiedeten sich die beiden Freundinnen, und während Beth den Haupteingang anstrebte, ging Helena nach links die Treppe hinauf und steuerte die Universitätsbibliothek an.

Gedankenverloren schlenderte sie durch die Reihen und durchforstete die Regale nach interessanter Lektüre über die Renaissance. Schnell hatte sie ein paar vielversprechende Bücher gefunden, stapelte sie auf ihrem Arm und balancierte sie zu einem Tisch in einer ruhigen Ecke. Sie setzte sich, kramte Block und Stift aus ihrer Tasche hervor und schlug eines der Bücher auf, das sich mit der Entstehung und Gestaltung der sixtinischen Kapelle beschäftige. Es dauerte nicht lange, und sie war in die Hintergründe der Erschaffung der Werke von Michelangelo vertieft, der als der Schöpfer des Deckengemäldes und des Altarbildes bekannt war. Helena erinnerte sich an ihren kurzen Tagtraum, in dem sie in die sixtinische Kapelle zurückgekehrt war und dieses riesige Kunstwerk betrachtet hatte. Der Fremde hatte Recht – es war wirklich einzigartig. Und während sie in das Buch vertieft war, begann ihr Stift wie von selbst über den leeren Block zu schweben und die vorgedruckten Linien mit Worten zu füllen. „Wenn unser Hirn das Wissen nicht zu halten vermag, ist Schreiben seliger denn je.“, ertönte eine belustigte Stimme hinter ihr. Erschrocken fuhr Helena herum und sah auf eine hochgewachsene schlanke Gestalt. Der Typ war so riesig, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um in sein Gesicht sehen zu können. Einen Moment lang war sie irritiert. Ist das der Typ? In der Vorlesung hatte sie ihn nur von weitem sehen können. Aber etwas an ihm bestätigte ihre Annahme. Die Arroganz, die sie zu früherer Stunde nur aus der Ferne vernommen hatte, war genau dieselbe. Und als sie das unverschämte Grinsen in seinem Gesicht bemerkte, was sofort einen leisen Groll in ihrem Inneren aufkeimen ließ, wusste sie, dass sie ihren Gegner gefunden hatte. Warum wundert es mich nicht, dass ich ihn ausgerechnet hier antreffe …, ging es ihr resigniert durch den Kopf. Ohne ihm mehr Aufmerksamkeit als nötig zu schenken, wandte sie den Blick ab. Ignoriere ihn einfach ..., sagte die leise Stimme in ihr, und Helena war gewillt, genau das zu tun. Sie war noch immer sauer über seine Ansichten. Nicht weil er sie vertrat, sondern weil sie konträr zu ihren gingen und er in gewisser Weise damit recht hatte. Das musste sie erst mal verdauen. Kurzerhand wandte sie sich wieder ihrem Block und ihren Gedanken zu. „Die Anerkennung ist mit den Schreibenden, denn sie teilen ihr Wissen mit der Welt.“, antwortete sie gelassen und blendete seine Gegenwart augenblicklich aus.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 23 2012, 08:10

Teil 15


Er lachte über ihren spontanen Konter, ehe er um den Tisch herumging und sich ohne zu fragen auf einem Stuhl ihr gegenüber niederließ. Helena versuchte ihn zu ignorieren, wie ihre innere Stimme es befohlen hatte – was ihr jedoch nur mäßig gelang. „Ich habe dich nicht gebeten, dich zu mir zu setzen.“, erwiderte sie schroff. So hätte sie wohl gegenüber jedem anderen auch reagiert, denn sie hasste es, wenn man sie ungefragt in der Bibliothek belästigte, sah sie diesen Ort doch als eine Art Oase der Ruhe an. Sie war gerne hier, besonders dann, wenn sie sich vor ihren einsamen vier Wänden zu flüchten versuchte. Es war nicht so, dass sie die Gesellschaft anderer suchte, aber hier hatte sie das Gefühl, nicht ganz außerhalb des Rests der Welt zu sein. Als er nicht antwortete, sah sie auf und begegnete direkt seinem schiefen Grinsen. „Ich muss zugeben, ich bin fasziniert.“, gab er ihr salopp zu verstehen. Helena hob die Brauen und sah ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Skepsis an. Seufzend schüttelte sie den Kopf, dann wandte sie ihren Blick wieder ab und versuchte seine Gegenwart zu ignorieren, während sie sich erneut ihrem Referat widmete. Das war der Nachteil ihres Zufluchtsortes, man konnte Leute, die einem auf den Wecker gingen, nicht einfach rausschmeißen. Nachdem Helena ihn eine Weile angestrengt unbeachtet gelassen hatte, und ihr endlich aufging, dass die Nummer mit dem Ignorieren nicht funktionierte, seufzte sie übertrieben genervt auf und legte den Stift beiseite. Dann lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor ihrer Brust und sah ihn argwöhnisch an. „Ich habe ein Referat vorzubereiten, und du tust gut daran, dasselbe zu tun. Madame Petite kann ziemlich ungemütlich werden, wenn man ihre Anweisungen ignoriert.“, sagte sie trocken. Er lachte wieder und beobachtete sie amüsiert. „Hast du vor, unsere Debatte von vorhin fortzuführen?“ Nicht im Geringsten …, ging es ihr durch den Kopf. Herausfordernd zog er die Augenbrauen hoch. „Ich hätte nichts dagegen.“ Das ist mir durchaus klar …, dachte sie genervt und bedachte ihn mit einem müden Lächeln. Schließlich beugte sie sich näher zu ihm und flüsterte mit argwöhnisch funkelnden Augen: „Ich habe es nicht nötig, mich in derartige Wortgefechte zu begeben … und schon gar nicht mit dir.“ Er ging ihr schlichtweg auf die Nerven, und je länger er hier weilte, umso mehr förderte er dieses Empfinden. „Ich weiß was ich weiß … und was nicht.“, fügte sie entschieden hinzu.

Der Typ hob die Brauen und beugte sich nun ebenso vor, sodass ihre Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Helena wich instinktiv ein Stück zurück, als sie sich dieser unmittelbaren Nähe bewusst wurde. Er lachte wieder dieses Lachen, welches ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Es war weich und samten wie glatter Satin – tief und dunkel wie die Finsternis der Nacht. „Und trotzdem tust du es … Weise gesprochen … Bist du ein Fan von Sokrates?“, bemerkte er gelassen. Helena räusperte sich und lehnte sich wieder in ihrem Stuhl zurück – in sicherem Abstand zu dem Unbekannten. „Philosophie ist eine meiner Leidenschaften.“, erwiderte sie ungerührt und schalt sich im nächsten Moment dafür, wie sie so blöd sein konnte, ihm dieses Geheimnis zu offenbaren, wo sie ihn doch gar nicht kannte. „So so, wie mir scheint, hast du einige … Leidenschaften.“, säuselte er und schenkte ihr einen Blick, bei dem Helena schwummrig wurde. Das ging eindeutig zu weit. Sie befahl ihrem Herzen und ihrer Lunge, wieder auf Normalgang zu schalten und funkelte ihn mürrisch an. „Ich war eigentlich in der Absicht hierher gekommen, meine Hausarbeiten zu machen. Ich wäre dir daher sehr verbunden, wenn du mich mit deinen dubiosen Andeutungen verschonen würdest.“ Ihr beißender Sarkasmus veranlasste ihn, das Gesicht zu einem gequälten Ausdruck zu verziehen, der vermutlich Mitleid erregen sollte. Helena glaubte keine Sekunde, dass es echt war. Der Typ hatte wirklich Nerven. „Ich kann dir bei deinem Referat helfen.“, bot er unvermittelt an. Helena klappte die Kinnlade nach unten und geriet für einen Moment aus der Fassung. „Wenn es um die Renaissance geht, kennt sich kaum jemand besser aus als ich. Du kannst mich alles fragen.“ Die Arroganz, die seine Worte begleitete, brachte Helenas Geduld beinahe zum Zerreißen. „Dann schlage ich vor, du hebst dir dein Wissen für dein Referat auf.“, zischte sie leise. Nicht mehr lange und der Typ würde sie auf hundertachtzig gebracht haben, was zur Folge hätte, dass sie aufspringen und ihn ungespitzt in den Boden stampfen würde. Er lächelte müde und sah sie mit forschendem Blick an. „Ich brauche kein Referat zu schreiben … ich bin nur Gasthörer … Und wenn ich ehrlich bin, ist es jämmerlich, was euch diese einfältige Lady beibringt.“, erklärte er und erhob sich mit einer fließend eleganten Bewegung, die Helena abrupt in ihrer sorgfältig vorbereiteten Entgegnung innehalten ließ. Einen unendlichen Augenblick lang starrte sie ihn an.

Und jetzt, da ihre Augen ihn bewusst wahrnahmen – zum ersten Mal – kam sie nicht umhin, ihn genauer zu betrachten. Und viel zu schnell kam sie zu dem Schluss, dass er verteufelt gut aussah – schlanke Gestalt, knapp schulterlange dunkle – nein eher schwarze – Haare und ein äußerst attraktives Gesicht, aus dem sich zwei unglaublich grüne Augen in ihren Blick bohrten. Rein äußerlich war er eher der Typ, den man – oder Frau – in der Mens Health bewundern würde, als in einem Hörsaal oder einer Universitätsbibliothek. Unweigerlich schoss ihr die Frage durch den Kopf, ob er wirklich ein Gasthörer war. Mhmm … gewiss hatte er das Alter eines Studenten, aber er wirkte nicht wie einer. Seine dunklen Jeans, sein ebenso dunkles Hemd, dessen oberste Knöpfe offenstanden und einen Blick auf glatte gebräunte Haut gewährten, und die Lederstiefel wirkten eleganter als sie anmuten sollten und passten so gar nicht zu einem klassischen Kunststudenten – eher zu einem Gothic-Anhänger mit Unterweltgesinnung. Fehlte nur noch das mystische Make-up, alá Marylin Manson, was ihm zweifellos zu einem gruseligen Touch verhelfen würde. Ein Schauder lief über ihren Rücken, und sie schloss kurz die Augen, um den Blickkontakt zu unterbrechen. Wie kam sie nur darauf, dass er Kunst studierte? Schließlich bot diese Universität ja noch weitere Studienrichtungen an. Doch welcher er angehören sollte, konnte sie beim besten Willen nicht ausmachen. Schließlich akzeptierte sie seine Aussage, dass er nur ein Gasthörer mit unbestreitbarer Ambition für die Kunst war, griff nach ihrem Stift und widmete ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Referat. Ein kurzer Blick auf die Uhr ließ sie aufstöhnen. Sie saß seit einer Stunde hier und hatte gerade mal die Hälfte des ersten Blattes beschieben. Was für eine magere Ausbeute. Der Typ lenkte sie eindeutig von ihrer Arbeit ab. Sie ertappte sich bei dem eindringlichen Wunsch, er würde einfach gehen … „Wie wär’s mit einem Kaffee? Nur du und ich.“, schlug er spontan vor und riss sie aus ihren Gedanken. Überrascht sah Helena auf und starrte ihn auf eine Weise an, als hätte er von ihr verlangt, die nächstgelegene Tankstelle auszurauben. Unbeeindruckt von ihrer deutlich sichtbaren Irritation fuhr er mit einem „Sagen wir, … Mittwoch gegen vier Uhr Nachmittags?“ fort. Helena schluckte und blinzelte hektisch. Seine unverblümte Direktheit schockierte sie, während sie sich gleichzeitig geschmeichelt fühlte, dass ein Mann wie er sie auf einen Kaffee einlud. Diese Masche zieht er mit Sicherheit bei jeder Frau ab, Helena …, rief sie sich zur Räson und erinnerte sich wieder an ihr Vorhaben – genauso wie an die Tatsache, dass er ein ungehobelter arroganter Schnösel war. Augenblicklich fragte sie sich, warum Arroganz immer so nett verpackt sein musste.

Endlich senkte sie ihren Blick, bevor ihre Verlegenheit sichtbar werden konnte. Er hat tatsächlich sehr schön Augen …, dachte sie bei sich. „Mittwochnachmittag geht nicht … da hab ich Kunstkurs.“, erwiderte sie nüchtern und versuchte sein unbestreitbar selbstsicheres Grinsen zu ignorieren. „Den hast du aber erst abends um sechs.“ Die Ironie dieser Worte waberte zu ihr herüber und lockte ihren Zynismus. Für eine winzige Sekunde fragte sie sich, woher er das wusste, dachte aber nicht weiter darüber nach. Gleichzeitig biss sie sich auf die Zunge, um dem Wortgefecht keine neue Nahrung zu geben. Alles was sie wollte, war ihre Ruhe, damit sie sich gedanklich in ihrem Referat vergraben konnte, um alles andere auszublenden. Sie holte tief Luft und stieß sie hart wieder aus. „Ich hab trotzdem keine Zeit.“, sagte sie und versuchte krampfhaft ihre Stimme gleichgültig klingen zu lassen. Was ihr alles andere als gelang. Sie hörte sein tiefes betrübtes Seufzen. Hundertprozentig gespielt. „Schade, … wir hätten ein wenig philosophieren können … über die Renaissance.“ Helena verdrehte die Augen. Dann sah sie auf, setzte eine betont freundliche Miene auf und lächelte. „Ich bin untröstlich … aber ich habe zu tun …“, erwiderte sie spitz. „Vielleicht ein andermal.“, fügte sie murmelnd hinzu, während sie wieder auf ihr halbbeschriebenes Blatt Papier starrte. Er lachte wieder dieses Lachen, was ihr wie Samt über die Haut streichelte. „Ich werde darauf zurückkommen.“, erwiderte er mit einer Stimme, in der eine derartige Verheißung lag, die ihr erneut die Hitze in die Wangen trieb. Der letzte Teil ihrer Antwort war eigentlich nicht für seine Ohren bestimmt gewesen. Umso blöder, dass er es scheinbar gehört hatte. Arroganz sieht nur für Blinde aus wie Niveau …, dachte sie kopfschüttelnd. Sie verbot es sich, ihn anzusehen, starrte stattdessen angestrengt auf ihren Block und begann, die Buchstaben ihrer handgeschriebenen Aufzeichnungen zu zählen, während sie gleichzeitig darauf wartete, dass er endlich ging. Als er nichts sagte, sah sie vorsichtig auf und hoffte, dass das glühende Rot aus ihrem Gesicht verschwunden war. Lieber aufrichtige Arroganz als falsche Bescheidenheit …, tönte eine Stimme in ihrem Kopf, begleitet von jenem mittlerweile vertrauten amüsierten Lachen. Verwundert, sah sie sich um und versuchte, die Quelle dieser Worte auszumachen. Doch sie hörte nur noch, wie die Tür ins Schloss fiel. Er war verschwunden.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 23 2012, 12:27

Oh ... der Spannungspegel steigt ins Unermessliche bounce

... bitte schnell weiter ... sonst sterbe ich noch vor Neugier . Smile

Toll geschrieben . Laughing

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katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 23 2012, 14:46

Lizzys Worten ist nichts hinzu zu fügen meine Liebe Smile

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 23 2012, 19:23

Dem schließe auch ich mir gerne an Very Happy

Menschenskind, ich glaube ich habe für die nächsten Tage Buchstaben auf den Augen,s o viel wie ich heute gelesen habe Wink
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 23 2012, 21:02

Lizzy schrieb:
Oh ... der Spannungspegel steigt ins Unermessliche bounce

... bitte schnell weiter ... sonst sterbe ich noch vor Neugier . Smile

Toll geschrieben . Laughing


Oh Bitte nicht sterben, sonst kann ich ja gar nichts mehr von dir lesen ... Smile
Danke dir für den Kommi. Ich eile, ich eile ... mal schauen, ob ich es am WE schaffe, was neues einzustellen.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 23 2012, 21:03

katha schrieb:
Lizzys Worten ist nichts hinzu zu fügen meine Liebe Smile

Oha, sind dir etwa schon die Buchstaben ausgegangen ... Razz
Das wäre verdammt sch...., weil ich sonst von dir nichts mehr lesen kann. Ich könnte dir ja ein paar von den Dingern schenken, alá Glücksrad "Ich kaufe ein A" silent Wink

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 23 2012, 21:05

Tastentante schrieb:
Dem schließe auch ich mir gerne an

Menschenskind, ich glaube ich habe für die nächsten Tage Buchstaben auf den Augen,s o viel wie ich heute gelesen habe Wink

Dann hab ich einen Tipp für dich. Nimm die Dinger von deinen Augen und koch dir eine Buchstabensuppe ... Razz Razz
Danke dir für deinen lieben Kommi Smile

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Sa Aug 25 2012, 18:01

Weiter gehts. Viel Spaß beim Lesen ...


Teil 16


Frustriert von der Tatsache, dass Helena wieder einmal einfach aufgelegt hatte, warf Mike sein Handy etwas unsanft auf das Sofa in seinem Zimmer und begann mit unterdrückter Wut vor der großzügigen Terrasse seines Apartments auf und ab zu gehen. Die Hände zu Fäusten geballt versuchte er gegen den Zorn anzukämpfen, der wie ein Ungeheuer in ihm brüllte. Er hatte sie nun schon zum fünften Mal innerhalb von zwei Tagen zu erreichen versucht. Beim ersten Mal hatte sie mitten im Gespräch mit einer kurzen Ablehnung einfach aufgelegt, genauso wie gerade eben. Dreimal war sie gar nicht ans Telefon gegangen. Verdammt! Er wollte doch nur mit ihr reden. Was war so schlimm daran? Seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte, ging sie ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Und nach dem Treffen am Freitag, worüber er mehr als glücklich gewesen war, – nie hatte er zu träumen gewagt, ihr so schnell wieder zu begegnen – hatte er eigentlich gehofft, dass sie sich von nun an häufiger sehen könnten. Der Abend war nett gewesen, und dass sie ihm ihre Karte mit ihrer Adresse und Telefonnummer gegeben hatte, hatte er als eindeutig positives Zeichen empfunden. Und daran wollte er einfach nur festhalten. Hatte er ihre Signale am Ende etwa doch falsch verstanden? Nein, das war unmöglich. Er hatte ganz deutlich ihre Verlegenheit gespürt, als er mit ihr geflirtet hatte. Doch das Seltsamste war, dass er selbst von seiner eigenen Reaktion überrascht war. Normalerweise ging er nicht so proaktiv auf das andere Geschlecht zu. Eigentlich war er dazu viel zu zurückhaltend. Klar, sie gehörte zu der Sorte Mädchen, die er schon immer anziehend fand, doch für gewöhnlich scheiterte er an seiner Unfähigkeit zu tiefgreifender sensibler Kommunikation. Und doch war es bei ihr irgendwie anders. Warum er so fühlte, konnte er sich jedoch nicht erklären. Seit er sie bei ihrem Zusammenstoß das erste Mal gesehen hatte, hatte er eine unbestreitbare Faszination für sie entwickelt. Das muss es wohl sein, was die Leute mit Liebe auf den ersten Blick meinen. „Meine Güte … stellst du dich eigentlich immer so blöd an, wenn du eine Frau für dich gewinnen willst?“, tönte eine arrogante Stimme hinter ihm. Erschrocken fuhr Mike herum und erstarrte. Nur drei Sekunden später seufzte er genervt. Goldlöckchen war wieder da. Juhu … Nur mit Mühe konnte er seine überschwängliche Freude im Zaum halten. Aber wie zum Teufel war der Typ in seine geheiligte Bude gekommen? Hatte er etwa die Tür nicht zugezogen?

„Da du es anscheinend nicht auf die Reihe bekommst, etwas Charme aufzubieten – das gerade am Telefon war wohl eher ein Anmachversuch, der von intellektuellen Frauen in die Ablage „unverwertbarer Schrott“ geschoben würde –, werde ich dir wohl oder übel ein paar Tipps in Sachen Flirttaktik geben müssen.“, erklärte er mit übertriebener Ungeduld. Ich hab dich nicht gebeten, herzukommen …, grollte es in Mike. Goldlöckchen stieß sich von der Wand ab, an der er lässig lehnte und trat einen Schritt auf ihn zu. Mit seinen unheimlichen grünen Augen starrte er ihn an, was ihm unweigerlich eine unangenehme Gänsehaut über den Rücken kriechen ließ. Und höfliche Leute stellen sich erst mal vor, du schlechter Amor-Verschnitt in Leinenkostüm. Gott, bei dem Klamottengeschmack wundert es mich wirklich, dass die Frauen nicht direkt schreiend weglaufen ..., ging es ihm frustriert durch den Kopf. Mike versuchte, seinem Blick standzuhalten, schaffte es jedoch nicht. Grimmig wandte er sich schließlich ab, woraufhin der Typ leise hämisch lachte. „Lad sie zum Dinner ein. Schick ihr Blumen. Beeindrucke sie mit weisen Worten oder Gedichten, mach ihr Komplimente … meine Güte, so schwer kann das doch gar nicht sein. Selbst so ein Trottel wie du sollte das hinbekommen.“, erklärte er mit einer theatralischen Handbewegung, die eine falsche Resignation widerspiegelte, und begann mit anmutigen Bewegungen in dem kleinen Apartment auf und ab zu schreiten. Sein Gesicht war grimmig verzogen, und Mike fragte sich, warum der Typ so erpicht darauf war, dass er sich Helena näherte. Okay, er hatte sich schon ziemlich in sie verguckt und war daher für jede Unterstützung dankbar. Aber dass dieser Typ ihn so als vollkommenen Idioten hinstellte, trieb die kalte Wut in ihm hoch. Warum verpisste er sich nicht einfach, wenn es ihm nicht schnell genug ging? Davon mal abgesehen, was interessierte es ihn überhaupt, wie schnell Mike mit seinen Annäherungsversuchen bei Helena Erfolg hatte? Er beobachtete den merkwürdigen Typen, der soeben dabei war, einen unschönen Trampelpfad in seinen Ikea-Teppich, für den er ziemlich viel Geld gelassen hatte, zu walzen und fragte sich, welche tiefere Absicht der Kerl mit seiner geradezu aufdrängenden Unterstützung, Helena für sich zu gewinnen, verfolgte. Und wenn er mich einfach nur dazu benutzt, selbst an Helena ranzukommen …, ging es ihm spontan durch den Kopf.

Nein! Das würde er sich direkt von der Backe putzen können. Helena gehörte ihm, und er würde nicht zulassen, dass er ihm zuvor kam. Im Zweifel würde er das auch ohne die Hilfe dieses überheblichen Schnösels angehen. Plötzlich hielt Goldlöckchen in seiner rastlosen Wanderung inne und sah Mike mit nachdenklichem Blick an. „Im Grunde musst du sie nur irgendwie alleine treffen. Bei dem Rest könnte ich dir dann helfen. Was hältst du davon?“, fragte er und legte den Kopf schief. In diesem Moment erinnerte er Mike an einen Golden Retriever der um einen Knochen bettelte. Ein leises Grinsen stahl sich in sein Gesicht, ehe er Goldlöckchens Worte auf sich wirken ließ. Angestrengt dachte er über diese Option nach, wobei seine Augen immer wieder diesen blonden Schönling streiften, der so plötzlich auf mysteriöse Weise auf der Bildfläche erschienen war. Dann nickte Mike langsam, unsicher, wo das alles hinführen würde. Doch sein Drang, Helena nahe zu sein, ließ die leisen Zweifel, die unaufhörlich in ihm schrien, allmählich verstummen. „Okay … das sollte ich hinbekommen.“, gab er stockend von sich. Aber glaub ja nicht, dass ich dir traue …, fügte er in Gedanken hinzu. Und wenn du auch nur einen falschen Furz lässt, lernst du mich kennen. Er räusperte sich und versuchte, sich zu konzentrieren. Goldlöckchen hatte gesagt, dass er Helena irgendwie alleine treffen müsste. Dazu müsste er sie eigentlich nur aus ihrer Wohnung locken. Allerdings hatte er nicht die leiseste Ahnung, wie er das anstellen sollte. Sie ging ja kaum mal an ihr Telefon. Würde sie dann so ohne weiteres einer Einladung folgen? Es käme auf einen Versuch an …, dachte er. „Vielleicht ein anderes Mal …“ ..., erinnerte sie sich an ihre Worte. Doch wie sollte er sie treffen? Und dann kam ihm eine Idee. Er kannte die Uni auf die sie ging. Er könnte doch einfach dort auf sie warten. Sie würde ihm zumindest nicht vorbehaltlos entwischen können. Und anschließend würde er sie zu einem Kaffee einladen – ungezwungen und auf neutralem Boden. Sicherlich würde sie nichts dagegen haben, schließlich hatte sie ihn ja auf ein anderes Mal vertröstet. Und was den Rest betraf, Goldlöckchen hatte ihm ja ausreichend Tipps gegeben, wie er seinen Charme aufbessern konnte. Und er war gewillt, sich sofort auszuprobieren.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Sa Aug 25 2012, 19:46

Klasse geschrieben, Mini .... ich liebe deinen flüssigen Schreibstil Smile

Bin ganz gespannt auf die Fortsetzung Wink
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   So Aug 26 2012, 21:17

Mini, du machst mich ratlos Rolling Eyes
Da tauchen so viele Männer in Helenas Leben auf und ich versuche mir die ganze Zeit einen Reim darauf zu machen, wer welche Interessen verfolgt, denn irgendwie sind sie alle undurchschaubar und daher irgendwie spannend.

Ich muss also dringend mehr Informationen haben Wink
LG Katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Aug 27 2012, 10:27

Lizzy schrieb:
Klasse geschrieben, Mini .... ich liebe deinen flüssigen Schreibstil Smile

Bin ganz gespannt auf die Fortsetzung Wink

Danke dir für dieses wundervolle Kompliment. Smile

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Aug 27 2012, 10:32

katha schrieb:
Mini, du machst mich ratlos Rolling Eyes
Da tauchen so viele Männer in Helenas Leben auf und ich versuche mir die ganze Zeit einen Reim darauf zu machen, wer welche Interessen verfolgt, denn irgendwie sind sie alle undurchschaubar und daher irgendwie spannend.

Ich muss also dringend mehr Informationen haben Wink
LG Katha

Ich mache dich also ratlos ... Mhmm ... ja gut, da sind ein paar Männer Thema, aber im Augenblick sind es tatsächlich nur zwei, die in ihrem engeren Dunstkreis weilen. Und soviel sei gesagt, jeder einzelne spielt eine kleine oder größere Rolle im Großen Ganzen.

Im Moment sind alle noch ein bisserln geheimniskrämerisch, aber das löst sich schon noch alles auf. Kann ja schlecht schon am Anfang alles verraten ... Razz Wink

Mehr Informationen kommen natürlich ... demnächst Wink

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Aug 27 2012, 19:53

Teil 17


Schweißgebadet fuhr Helena aus dem Schlaf. Verwirrt sah sie sich um und war erleichtert, als sie die bekannte Umgebung ihrer geliebten Wohnung erkannte. Es war nur ein Traum! Nur ein Traum … Aber er war so lebhaft gewesen, keine trügerische Fantasie. Nein, er war real. Sie erinnerte sich an die besagte Nacht, als sie das letzte Mal Midsommar in ihrer alten Heimat in Schweden gefeiert hatte. Sie war eigentlich nie ein abergläubischer Mensch gewesen, aber nach allem, was damals mit Nathan passiert war, hatte sie in diesem Mythos eine Art Befreiung von ihrer Traurigkeit gefunden. Dieses Ungreifbare hatte ihr irgendwie das Gefühl gegeben, dass es noch Hoffnung gab. Und sie hatte sich daran festgehalten. Doch warum tauchte ausgerechnet jetzt diese Erinnerung in ihren Träumen auf? So wie all die anderen. Was hatte das zu bedeuten? Hatte es überhaupt eine Bedeutung? Sie sah auf ihre Uhr. Es war zwei Uhr morgens. Wenn sie Glück hatte, würde sie noch einmal einschlafen können, bevor sie in die Uni musste. Sie stand auf und holte sich ein Glas Wasser. Dann schlüpfte sie zurück in ihr Bett, zog die Decke über sich und rollte sich auf ihrer Matratze zusammen. Es dauerte eine Weile, aber schließlich fielen ihr die Augen zu und sie sank in einen traumlosen Schlaf hinab … Als sie erneut ihre Augen aufschlug, zeigte die Uhr kurz nach Sieben ... Einen unwirklichen Moment lang erstarrte sie. Dann erfasste sie die Realität. Verdammt, sie hatte verschlafen. Wie von der Tarantel gestochen sprang sie aus ihrem Bett und flitzte ins Bad. Wenn sie sich beeilte und das Frühstück ausließ, würde sie es noch rechtzeitig schaffen. Zehn Minuten später wühlte sie eine Jeans und ein T-Shirt aus ihrem Schrank hervor und zog sich hastig an. Wie sie solche Tage hasste. Helena kam nie zu spät, und sie konnte es nicht ausstehen, unpünktlich zu sein. Heute würde sie das erste Mal in ihrem Leben die Erfahrung machen, zu spät zu kommen. Weitere zehn Minuten später, stürzte sie aus dem Haus und eilte zur nahe gelegenen Metrostation. Sie betete, dass sie die Bahn noch erreichen würde. Sie hatte Glück. Mit einem erleichterten Seufzen ließ sie sich auf einen freien Platz sinken und starrte aus dem Fenster, während ihr rasender Puls sich allmählich wieder beruhigte. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf den abgewetzten Ledersitz, tippte einen hibbeligen Takt mit ihrem Fuß, ehe sie zum gefühlt hundertsten Mal auf die Uhr sah. Sie hatte noch zwanzig Minuten. Mit der Bahn müsste sie noch gute zehn Minuten fahren, und von der Station aus hatte sie noch einen zehnminütigen Fußweg zu absolvieren ... Anschließend noch einen Zwischenstop an ihrem Spind. Verdammt knapp. Sie würde rennen müssen.

Als die Bahn hielt, stürmte sie auf den Bahnsteig und schlängelte sich galant durch die Menschenmenge. Als sie den Ausgang erreicht hatte, setzte sie ohne weitere Verzögerung zum Spurt auf das Unigelände an. Sie hasste es, rennen zu müssen. Völlig außer Atem hastete sie durch den Haupteingang in das Gebäude. Drei Minuten vor Acht. Jetzt noch schnell zum Spind, die Bücher holen und dann in den Hörsaal. Sie hoffe, dass Madame Petite sich zwei Minuten verspäten würde, was eigentlich nahezu unmöglich war, da die strenge Professorin in diesem Punkt mindestens genauso pedantisch war wie Helena. Als sie an Madame Petite dachte, flogen ihre Gedanken zum gestrigen Tag zurück. Ob der fremde Typ heute auch wieder da sein würde? Er hatte ihr gesagt, dass er ein Gasthörer war. Er konnte also kommen und gehen wann er wollte. Was kümmert es dich, Helena ..., dachte sie und verbannte den Gedanken, was den kleinen Funken Hoffnung jedoch nicht vertreiben konnte, der sich augenblicklich in ihr festgesetzt hatte. Als sie wenige Minuten später durch die Tür in den Hörsaal schlüpfte und den Platz neben Beth ansteuerte, stellte sie erleichtert fest, dass sie gerade noch pünktlich war. Schwer atmend ließ sie sich auf ihren Platz sinken. Beth warf ihr einen ungläubigen Blick zu, doch ehe sie nach dem Grund ihrer Beinahe-Unpünktlichkeit fragen konnte, betrat auch schon die Professorin den Raum. Helena entging nicht, wie sie kurz ihr Publikum maß und dann mit leicht enttäuschter Miene ihr Pult ansteuerte. Helena warf einen vorsichtigen Blick in die hintere Reihe und erkannte den Grund für Madame Petites offensichtliche Unzufriedenheit. Der Fremde von gestern war nicht da. Gegen ihren Willen erfasste sie ein Gefühl von Enttäuschung. Warum, konnte sie sich nicht erklären. Aber offenbar war sie nicht die Einzige ... Nicht zuletzt aufgrund der Abwesendheit des Fremden verlief der Unterricht wie immer. Jeder war mit sich selbst beschäftigt, und das offensichtliche Desinteresse war wieder genauso präsent, wie eh und je. Pünktlich fünf Minuten vor Kursende hatte auch Madame Petite akzeptiert, dass es keinen Sinn hatte, ihre Studenten von der Wichtigkeit ihres Unterrichts zu überzeugen. Ohne Hast packten Beth und Helena ihre Unterlagen zusammen und verließen den Hörsaal. Auf halbem Weg zu den Spinden trennten sich die beiden Freundinnen. Beth hatte sich mit Adrienne zu einem Kaffee in der Mensa der Uni verabredet, und Helena wollte noch ein paar Dinge aus ihrem Spind holen, wofür sie heute Morgen keine Zeit mehr gehabt hatte.

Ihre Gedanken kreisten wirr um ihren Traum, den sie vergangene Nacht hatte, während sie das Spindschloss aufdrehte. Als sie die metallene Tür öffnete, fiel etwas aus dem obersten Fach heraus. Sie runzelte die Stirn als sie den weißen einfach gefalteten Zettel vor sich auf dem Boden liegen sah. Sie bückte sich und hob ihn auf. Verwundert darüber entfaltete sie ihn. In anmutig geschwungenen Lettern prangte darauf eine kurze Nachricht.

„Hüte dich vor den Lehren jener Spekulanten, deren Überlegungen nicht von der Erfahrung bestätigt wird. Denn du tust unrecht, wenn du das lobst, was du nicht recht verstehst; aber noch unrechter, wenn du es tadelst.“ Zeit für die Wahrheit – Heute, Café Paris, 15.00 Uhr ...

Vollkommen verdattert starrte Helena auf die Nachricht, dann sah sie sich um. Der Flur, in dem sie stand, war leer. Was bitte soll das denn? Wieder und wieder las sie die Worte und versuchte, eine Bedeutung darin zu erkennen. Sie drehte den Zettel um, um den Absender der Nachricht zu ermitteln. Doch es gab nichts, was auf einen Verfasser hinwies. Unbehagen wallte in ihr auf. Wer hatte ihr diesen Zettel in den Spind gelegt? Nachdenklich betrachtete sie die Angaben zu dem Treffpunkt. Sie kannte das gemütliche kleine Cafe, welches sich direkt an der Seine befand. Sie selbst war erst einmal dort gewesen, kurz nachdem sie Beth kennengelernt hatte. Der Verfasser hatte als Datum nur „heute“ angegeben. Und da der Zettel ganz sicher heute Morgen noch nicht in ihrem Spind lag, musste derjenige ihn innerhalb der letzten Stunde dort hinterlassen haben. Ein ungutes Gefühl kam in ihr auf, als sie die Möglichkeiten durchforstete. Es gab nicht viele Kandidaten, die für eine derartige Nachricht in Frage kamen und die auch noch wussten, wo ihr Spind war. Vielleicht ein Versehen? Wieder las sie die Worte. Nein. Ihr Gefühl sagte ihr, dass tatsächlich sie gemeint war. Und es gab auch nur eine Person, zu der diese Worte passten. Allerdings war sie sich nicht sicher, ob sie das gut oder schlecht finden sollte.

Und wenn es doch jemand anderes ist …, ging es ihr durch den Kopf. Mike? Ein unangenehmer Schauder lief ihr bei diesem Gedanken über den Rücken. Nee, ... nie und nimmer ... Doch das Unbehagen, was in ihr wühlte, konnte diese Möglichkeit nicht gänzlich beiseite schieben. Unweigerlich drängte sich ihr die Frage auf, ob sie hingehen sollte. Wenn derjenige wenigstens angegeben hätte, wie ich ihn oder sie erkenne … War das Absicht? Nachdenklich drehte sie den Zettel in ihren Händen. Mhmm … und wem sollte sie im Falle einer Absage Bescheid geben? Oder war der Verfasser sich seiner so sicher, dass Helena auf jeden Fall kommen würde? Ziemlich überheblich …, schoss es ihr durch den Kopf und musste unweigerlich wieder an den Typen aus der Bibliothek denken. Aber das würde passen. Oder wollte der Absender einfach nur unerkannt bleiben? Wieder schob sich Mike in den Vordergrund. Das allerdings würde auch passen …, dachte sie, als sie sich wieder daran erinnerte, wie sie ihn neulich erst abgewimmelt hatte. Ach verdammt. Kurzerhand entschied sie, dass sie keine Lust auf so einen Kram hatte, stopfte den Zettel schließlich zurück zwischen ihre Bücher und schloss den Spind, ohne eine Entscheidung getroffen zu haben. Ihr blieben noch etwa fünf Stunden. Fünf Stunden, in denen sie das Für und Wider abwägen konnte. Ihre Neugier sprach sich ganz eindeutig für das Treffen aus; die Angst vor dem Unbekannten warnte sie jedoch. Kopfschüttelnd wandte sie sich von ihrem Spind ab und machte sich auf den Weg zur Mensa, um sich etwas zu Trinken zu holen. Vielleicht würde sie sich zu Beth und Adrienne setzen, um sich ein wenig abzulenken. Oder aber sie verkrümelte sich in die Bibliothek, um mit ein paar fesselnden Büchern über die Kunstgeschichte ihre wirren Gedanken zu verdrängen. Ein bisschen Gehirndope war schließlich noch immer die beste Methode, um sich von unliebsamen Gedanken abzulenken.

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Zuletzt von Mini_2010 am Di Aug 28 2012, 09:43 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Aug 27 2012, 21:26

Hallo liebste Mini,
Oh, wie gut ich Helena verstehen kann. Verschlafen und dann in völliger Hektik den Tag beginnen ist wirklich eine Qual No
Haha, als ob sie bei diesen Worten wirklich überlegen müsste, von wem sie kommen. Das kann doch eigentlich nur der "Gasthörer" sein, der mit so einem Spruch aufwartet und sich so sicher ist, dass sie kommen wird. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Neugier siegen wird. Surprised Schließlich kann sie ja auch versuchen, vorab einen Blick auf ihr Date zu erhaschen, indem sie schon früher da ist, oder draußen abwarten...

Die einzige Alternative, dass es doch Mike sein könnte, wäre natürlich, dass Goldlöckchen seine Anregungen weiter gegeben hat. Aber davon kann Helena ja nicht ausgehen.

So, da bin ich also wieder so schlau wie zuvor Question , und warte wie immer auf mehr!!!!

Liebe Grüße
Katha

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Mo Aug 27 2012, 21:55

Hach Mini, war das wieder eine Wohltat deine wunderschönen Zeilen zu lesen Wink
.... ich freu mich auf die Fortsetzung Smile
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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Aug 28 2012, 09:50

katha schrieb:
Hallo liebste Mini,
Oh, wie gut ich Helena verstehen kann. Verschlafen und dann in völliger Hektik den Tag beginnen ist wirklich eine Qual No
Haha, als ob sie bei diesen Worten wirklich überlegen müsste, von wem sie kommen. Das kann doch eigentlich nur der "Gasthörer" sein, der mit so einem Spruch aufwartet und sich so sicher ist, dass sie kommen wird. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Neugier siegen wird. Surprised Schließlich kann sie ja auch versuchen, vorab einen Blick auf ihr Date zu erhaschen, indem sie schon früher da ist, oder draußen abwarten...

Die einzige Alternative, dass es doch Mike sein könnte, wäre natürlich, dass Goldlöckchen seine Anregungen weiter gegeben hat. Aber davon kann Helena ja nicht ausgehen.

So, da bin ich also wieder so schlau wie zuvor Question , und warte wie immer auf mehr!!!!

Liebe Grüße
Katha

Es ist noch immer mysteriös. Und die Frage steht tatsächlich im Raum, ob Helena sich auf dieses "Date" einlässt. Und was Mike betrifft, ... mhmm ... ob er sich vielleicht doch Goldlöckchens Weisheiten zu Herzen genommen hat? Wir werden sehen. Smile

Danke dir, meine Liebe Wink

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Di Aug 28 2012, 09:50

Lizzy schrieb:
Hach Mini, war das wieder eine Wohltat deine wunderschönen Zeilen zu lesen Wink
.... ich freu mich auf die Fortsetzung Smile

Danke dir Smile

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 30 2012, 19:39

Nachschub für die Lesehungrigen ... viel Spaß beim Lesen ... Smile


Teil 18


Während Helena die Mensa ansteuerte, flogen ihr immer wieder diese Zeilen durch den Kopf. Sie kannte den Spruch nicht und fragte sich, ob es einer von den Großen war oder Worte, die der Verfasser selbst gewählt hatte. Als sie die riesige Mensa betrat, war es beinahe still. Nur ein paar Studenten hatten sich an vereinzelten Tischen niedergelassen und nahmen ihr Frühstück ein, während sie Gesprächen nachgingen, die in einem Schwall gemurmelter Laute durch den Raum zu Helena drangen – fremd und unidentifizierbar. Am anderen Ende des Saals konnte sie Beth und Adrienne sehen, die sich angeregt und ausgelassen lachend unterhielten. Neid keimte plötzlich in Helena auf, und sie fragte sich, warum sie nicht bei den beiden saß. Ob Beth und Adrienne etwas dagegen hätten, wenn sie sich zu ihnen setzte? Sie bezahlte ihre Flasche Wasser, als lautes Gekicher ihre Aufmerksamkeit plötzlich in eine andere Richtung des Raumes lenkte. Eine Gruppe von vier Mädchen hatte sich um einen Tisch versammelt. Lautstark redeten sie und gestikulierten wild durcheinander. Helena seufzte. Erstsemester … ohne Zweifel. Als sich zwei der Mädchen schließlich setzten, erstarrte Helena. Sie hatte die Ursache für den subtilen Ausbruch weiblichen Enthusiasmus’ entdeckt. Er lehnte lässig auf einem Stuhl, die Arme vor der Brust verschränkt und die Beine unter dem Tisch ausgestreckt. Sie erkannte ihn sofort. Und als sie die Mädchen, die sich um ihn herum in Pose gebracht hatten und offensichtlich um seine Gunst buhlten, betrachtete, hatte sie schnell eins und eins zusammen gezählt. Jedoch war sein Blick eher ausdruckslos als interessiert in die Runde der Frauen gerichtet. Seine ganze Haltung strahlte Ablehnung aus. Er war eindeutig nicht interessiert an derartiger Gesellschaft. Als sie sich selbst bei diesen Gedanken ertappte, schalt sie sich. Warum machte sie sich solche Gedanken darum, wie viele Mädchen um ihn versammelt waren? Und wenn er einen ganzen Harem halten würde, wäre ihr das ziemlich egal. Sie zuckte gelassen die Achseln und steuerte den Ausgang der Mensa an. Geh einfach nur raus … Sieh ihn nicht an! Ihr Vorhaben scheiterte kläglich, als neuerliches Gekicher von dem Tisch ertönte – diesmal so laut, dass es den übrigen Geräuschpegel der Mensa übertraf.

Helena drehte unwillkürlich den Kopf zu dem Tisch und zuckte erschrocken zusammen. Seine Augen waren direkt auf sie gerichtet. Sein Blick war bohrend, intensiv – fast so als wolle er geradewegs in ihre Gedanken vordringen. Für einen Moment geriet sie ins Schwanken. Sie atmete tief durch, schloss die Augen und unterbrach den schwindelerregenden Blickkontakt. Wie gerne hätte sie in dieses atemberaubende Grün gesehen – diese unglaubliche Farbe seiner Augen – aber dafür saß er zu weit weg. Sie warf ihm einen bedauerlichen Blick zu. Meine Güte … der kann einem richtig leid tun … umringt von lauter Hühnern. Helenas Blick blieb einen Moment in den seinen geheftet, bevor sie sich wieder der Tür zuwandte und verständnislos den Kopf schüttelte. „Wem sagst du das ...“ Die Stimme waberte durch ihren Kopf, und Helena blieb abrupt stehen. Wer hatte das gesagt? Hastig huschte ihr Blick durch den Raum. Links von ihr waren zwei Jungs in ein Schachspiel versunken. Ein Stück weiter saß eine junge Blondine, die in einem Buch las. Beth und Adrienne schienen ebenfalls in ihre Diskussion vertieft und die vier Hühner und ihr Gockel gackerten wie auf einem Hühnerhof. Hatte sie sich die Stimme nur eingebildet? Wie auch immer. Gleichgültig zuckte sie die Schultern, warf dem Typen in seinem Hühnerhaufen einen letzten kurzen Blick zu, den er mit einer stummen Intensität erwiderte, die Helena eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Plötzlich war ihr spontanes Mitleid mit diesem Kerl wie weggewischt. Mit einem gemeinen Grinsen wandte sie ihren Blick von ihm ab und ging zu Tür. Das hast du verdient … Warum gräbst du auch einfach fremde Frauen an, die gar kein Interesse haben? Jetzt weißt du mal, wie das ist … Ein leises Lachen ertönte in ihrem Kopf, und Helena wandte ihn automatisch wieder dem Fremden zu, der noch immer von den Erstsemestermädchen umringt war. Als ihre Blicke sich wieder trafen, schenkte er ihr ein kleines schiefes Grinsen. Verwirrt verließ sie die Mensa und hielt einen Moment auf dem riesigen Flur inne. Bis zu ihrer nächsten Vorlesung hatte sie noch über eine Stunde Zeit. Ihr Blick glitt den Flur hinunter, ehe sie sich umwandte und loslief. Auf direktem Weg steuerte sie die Bibliothek an und verschwand im Mediabereich des Büchersaals – weit versteckt vor dem Rest der Zivilisation.

Sie war gerade in einen interessanten Bericht über den Aufschwung der Renaissance und deren Übergang in den Barock vertieft, als sie ein leises Räuspern hinter sich wahrnahm. „Hallo Helena.“ Erschrocken sah sie auf. Sie war so in den Bericht versunken gewesen, dass sie ihre Umgebung vollkommen ausgeblendet hatte. „Thomas? … Ähem … Hallo. Ähem, … was machst du denn hier?“, fragte sie mit echter Überraschung. Er musterte sie leicht verlegen, und Helena sah sich suchend um. „Ganz alleine hier?“, fragte sie lächelnd. Ein schiefes Grinsen stahl sich in Thomas’ Gesicht. Schweigend sah er sich um. „Ja … und wie ich sehe, … du auch.“ Helena lachte leise. Neugierig sah er ihr über die Schulter. „Oh … schwere Lektüre?“, fragte er und rümpfte die Nase. Helena zuckte die Schultern und wandte sich den Informationen auf der Website zu. „Ich muss bis nächste Woche ein Referat über die Renaissance fertig bekommen.“, erklärte sie seufzend und sah ihn gequält an. „Du hast nicht zufällig das ultimative Wissen für dieses Referat parat?“ Sie lächelte ihn verschmitzt an. Thomas schüttelte resigniert den Kopf. „Nein … Sorry, nicht meine Fachrichtung. Aber, wenn du mal eine mathematische Frage hast, stehe ich dir gern zur Verfügung.“, erklärte er gelassen und ließ sich neben ihr auf einem freien Platz vor einem Computer nieder. Helena musterte ihn prüfend und legte den Kopf schief. „Was machst du eigentlich hier?“, fragte sie stirnrunzelnd. „Soweit ich weiß, ist das hier nicht die wissenschaftliche Fakultät.“ Ihre gespielte Entrüstung, brachte Thomas zum Lachen. „Nein, da hast du wohl Recht, aber ich treffe hier in zwei Stunden einen alten Freund und ich dachte, solange könnte ich für meine Klausur noch ein wenig pauken.“ Während er das sagte, schaltete er den PC an und öffnete den Internetexplorer. Helena beobachtet ihn eine Weile, bevor sie sich wieder ihrer eigenen Arbeit widmete. Gedanklich in ihr Referat versunken, versuchte sie gerade ihrem Text den letzten Feinschliff zu verpassen, bevor sie es in Reinschrift bringen würde. „Hast du heute Nachmittag schon was vor?“, fragte Thomas unvermittelt. Helena sah abrupt auf und starrte ihn an wie ein Mondkalb. Thomas sah sie mit seinen blauen Augen neugierig an und hob erwartungsvoll die Brauen. „Und?“ Helena blinzelte und schüttelte den Kopf, um ihre trägen Gedanken ein wenig in Schwung zu bringen. „Ähem … na ja, klar, warum?“, gab sie stotternd zurück und entlockte ihm damit ein neuerliches Lachen. „Gut … dann warte ich nach dem Unterricht auf dich. Sagen wir … zwei Uhr?“, schlug er vor. Augenblicklich kam Helena die merkwürdige Einladung wieder in den Sinn. Sie überlegte kurz und nickte schließlich. Tja, damit wäre wohl die Sache mit dem Café Paris entschieden.

Thomas grinste und widmete sich wieder seinen Klausurvorbereitungen. Der hochgewachsene Dunkelhaarige war zwei Jahre älter als sie, und er befand sich in seinem vorletzten Semester. „Ähem … und was hast du vor? Ich meine … heute Nachmittag.“ Thomas Antwort war ein verschmitztes Grinsen, begleitet von einem verheißungsvolles Augenzwinkern. Helena stockte kurz der Atem, während sie ihn mit offenem Mund sprachlos anstarrte. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie die Fassung wieder zurückerlangt hatte. Und während Thomas in seine Vorbereitungen vertieft war, ließ sie ihre Augen über seine Gestalt gleiten. Er sah wirklich gut aus. Und er war humorvoll und charmant. Lächelnd schloss sie die Augen und rief sich Thomas faszinierend blaue Augen, in denen sie schlichtweg versinken konnte, in Erinnerung. Gemeinsam mit seinem Lächeln brachten sie sie förmlich zum Schmelzen. Als sich das strahlende Blau vor ihrem inneren Auge plötzlich in ein intensives Grün verwandelte und das Lächeln in ein schiefes Grinsen überging, riss sie erschrocken die Augen auf. Verdammt, warum drängt er sich nur ständig in ihre Gedanken? Mürrisch sah sie auf ihre Uhr und stieß einen erschrockenen Laut aus. „Verdammt! Ich muss los.“, erklärte sie knapp und sprang auf. Thomas sah sie erstaunt an. „Sorry, meine nächste Vorlesung geht gleich los.“ Thomas lächelte verstehend. „Wir sehen uns nachher?“, erkundigte er sich. Helena nickte. „Bis dann …“ Fünf Sekunden später war sie aus der Bibliothek verschwunden und steuerte den Kursraum an, in dem Monsieur Porter ihnen die Lehre von Farben und den unterschiedlichsten Materialien der klassischen und modernen Kunst nahe brachte. Helena hasste diesen Kurs, aber er war notwendig ... leider. Doch mit der Aussicht auf ihr Date am Nachmittag, würde sie diesen Kurs mit links überstehen. Sie ließ sich neben Beth auf ihren Platz sinken und starrte ihre Freundin breit grinsend an. „Was ist?“, fragte die irritiert von Helenas überschwänglicher Laune. „Ich habe gerade Thomas in der Bibliothek getroffen.“, sagte sie freudestrahlend. Fragend hob Beth die Brauen. „Und?“ Helena seufzte und verdrehte selig die Augen. „Wir sind verabredet … Heute Nachmittag um zwei.“ Beth sah sie an und schüttelte verständnislos den Kopf. „Boah … und ich dachte schon, du grinst so breit, weil du Brad Pitt getroffen hast.“, erwiderte sie mit einem genervten Augenrollen, ehe sie sich näher zu ihr lehnte. „Das, meine Liebe, wäre tatsächlich ein Highlight.“, gab sie ihr mit leuchtenden Augen zu verstehen. Helena schnaubte abfällig. Brad Pitt? Auf welchem Trip bist du denn …, dachte Helena ironisch und warf einen Blick auf ihre Uhr. Ihre Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. Noch neunzig Minuten, dann würde sie sich mit Thomas treffen.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 30 2012, 19:57

Teil 19


Helena hatte sich rasch von Beth verabschiedet und war dann hinaus auf den riesigen Vorplatz des Uni-Campus’ gelaufen. Es war kurz vor zwei, und sie sah sich suchend nach Thomas um. Sie entdeckte ihn in der Nähe des kleinen Springbrunnens an der Mauer, die die riesige Treppe teilte, welche zum Hauptgebäude der Uni hinaufführte. Der Himmel zeigte sich in einem strahlenden Blau, und die Sonne schien warm von selbigem. Der Frühling hatte nun doch endlich über den kalten Pariser Winter gesiegt. Voller Vorfreude auf ein Date mit Thomas eilte sie die Stufen vorm Eingang hinunter und steuerte auf Thomas zu. Als er sie entdeckte, stand er auf und ging langsam auf sie zu. Er schenkte ihr ein warmes Lächeln und deutete auf die Treppe vor dem Campus, die zu einem großzügigen Parkplatz führte. Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander her. Helena suchte verzweifelt nach einem Thema, um die unangenehme Stille zu vertreiben. „Hast du deine Klausurvorbereitungen abgeschlossen?“, unterbrach sie schließlich das Schweigen. Thomas wandte sich ihr zu und nickte. Oh Gott, diese Augen. Verdammt, wie konnte man nur solche Augen haben? „Und du? Wie war dein Kurs?“ Helena zuckte die Achseln. „Langweilig würde es wohl am ehesten treffend ausdrücken.“, erklärte sie gedehnt. Thomas lachte leise. „Weißt du, Farbenlehre ist nicht unbedingt das spannendste Fach, welches im …“ Abrupt hielt sie inne, als sie bemerkte, dass Thomas gar nicht mehr neben ihr war. Hatte sie ihn etwa jetzt schon zu Tode gelangweilt? Hastig drehte sie sich um, in der Hoffnung, ihn noch zu entdecken. Doch ihre Unruhe war unbegründet. Thomas war ein paar Meter hinter ihr stehen geblieben und starrte auf etwas. Helena, die Thomas’ seltsame Haltung irgendwie witzig fand, kam auf ihn zu und erstarrte augenblicklich, als ihr Blick dem folgte, was augenscheinlich Thomas’ Aufmerksamkeit vollkommen in seinen Bann gezogen hatte. Sie standen mitten auf einem gewöhnlichen Uniparkplatz, voller verbeulter, zerkratzter und halb verrosteter studententypischer Autos. Und inmitten dieser Ansammlung von Schrott prangte ein Wagen, der hier vollkommen fehl am Platz war. Doch das war es nicht, was Helena derart ins Stocken brachte. Sie kannte dieses Auto. Unvermittelt glitt ihr Blick auf das Nummernschild. Kein Zweifel, es war derselbe Wagen, den sie vor ein paar Tagen in der Straße vorm Pirat’s gesehen hatte. Aber was machte der hier? Wer zum Teufel fuhr einen solchen Sportwagen und war dazu noch ein Student?

Vielleicht gehört der aber auch einem Professor …, ging es Helena durch den Kopf. Das war natürlich auch nicht auszuschließen. Aber was machte ein Professor dieser Uni im Pirat’s? Sie dachte eine Sekunde lang darüber nach und verwarf ihre Annahme schließlich. Vielleicht war der Fahrer ja auch gar nicht im Pirat’s, sondern bei irgendjemandem privat zu Besuch? Sie verscheuchte diese überflüssigen Gedanken, während Thomas noch immer mit glänzenden Augen auf den Wagen starrte. Gleich sabbert er …, mutmaßte Helena mit einem verstohlenen Grinsen. Als Thomas’ nach fünf Minuten immer noch nicht aus seiner Starre erwacht war, wurde Helena langsam unruhig. Schließlich verpasste sie ihm einen sanften Schubs, woraufhin er sich erschrocken zu ihr umwandte. „Was ist?“, fragte sie besorgt. „Du siehst aus als hättest du einen Geist gesehen.“ Sie lächelte verlegen, als sie Thomas Benommenheit registrierte, aus welcher der nur langsam erwachte. Er räusperte sich vernehmlich und starrte wieder auf das schwarze Gefährt vor ihnen. „Entschuldige … ich war nur, etwas … abgelenkt.“, erklärte er langsam, während seine Augen abermals über den unbestreitbar außergewöhnlichen Sportwagen glitten. Helena verzog missbilligend das Gesicht. Männer. Kaum sehen sie ein schönes Auto, schon fangen sie an zu sabbern … „Thomas.“, mischte sich eine andere Stimme in das Geschehen. Thomas’ Kopf schnellte herum zu der Stimme und erkannte eine Gestalt, die langsam über den Parkplatz auf sie zukam. Helena erstarrte aufs Neue und diesmal nicht wegen eines protzigen Sportwagens. Mike. Automatisch spannte sie sich an. Was will der denn hier? Ein Anflug von Frustration keimte in ihr auf. Und warum muss der ausgerechnet jetzt hier auftauchen? Instinktiv dachte sie daran, das Weite zu suchen. Sie hatte wirklich keinen Bedarf auf schmalzige Blicke und gezwungene Gespräche mit übertrieben geheucheltem Interesse. Thomas ging einen Schritt auf Mike zu, als ihm augenscheinlich wieder der Wagen einfiel und ihn in dem Gedanken bremste, weiter auf Mike zuzugehen. „Mike.“, rief er mit einem neuerlichen flüchtigen Blick auf den schwarzen Wagen. „Was machst du hier?“, fragte er, als der große Blonde vor ihm zum Stehen kam. Mike grinste seinen Freund breit an. „Ich war gerade zufällig in der Nähe.“, erklärte er gelassen und begrüßte Thomas mit einem kumpelhaften Handschlag.

Dann fiel Mikes Blick auf Helena. „Hallo, schöne Frau.“, schmeichelte er und musterte sie einmal von oben bis unten, bevor er ihr in die Augen sah. Der seltsame Glanz in seinem Blick ließ Helena einen Moment innehalten. Nur mit Mühe konnte sie ein genervtes Augenrollen unterdrücken, als sie das gierige Glitzern in seinem Blick bemerkte. Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt …, seufzte sie resigniert. Hilfesuchend schaute sie zu Thomas. Der lächelte und sah dann wieder auf Mike. „Was machst du hier?“, fragte dieser, erfreut seinen Freund zu sehen. „Ich bin mit Helena verabredet.“, erklärte Thomas wahrheitsgemäß. Augenblicklich verfinsterte sich Mikes Gesicht ein wenig. Erstaunt hob Helena die Brauen, als sie Mikes unverhohlene Missbilligung hinsichtlich Thomas’ Vorhaben erkannte. Oh-oh … konnte es wirklich sein, dass Mike etwas dagegen hatte, das Thomas sich mit ihr traf? „Alter Schwede … was ist das denn für ein Geschoss?“, staunte Mike, und augenblicklich war die misstrauische Gesinnung verschwunden, als sein Blick auf den schwarzen Sportwagen fiel, der seelenruhig auf dem Uniparklatz stand und bereits seit einigen Minuten von Thomas angehimmelt wurde. „Ja, wer zum Teufel ist so bescheuert und stellt so eine Kiste hier ab?“, stimmte Thomas kopfschüttelnd ein. Mike warf seinem Kumpel einen wissenden Blick zu. Seine Augen begannen zu leuchteten, und Helena war überzeugt, dass er gleich in Thomas’ Gesabbere mit einstimmen würde. Genervt rollte sie die Augen, was Mike natürlich nicht entging. Augenblicklich verzogen sich seine Lippen zu einem schiefen Grinsen. „Sorry Süße, aber das …“ Er deutete mit einer ehrfürchtigen Handbewegung auf den außergewöhnlichen Wagen. „… verstehst du nicht.“ Er lachte und Helena warf den beiden Männern einen ziemlich verstimmten Blick zu. „Manche Dinge muss Frau auch einfach nicht verstehen.“, murmelte sie zerknirscht. Es passte ihr überhaupt nicht, dass ihr Date anscheinend soeben den Bach hinunterging – und das zu Gunsten eines bekloppten Autos. Das musste man sich wirklich einmal vorstellen. Da taucht dieser blöde Wagen hier auf und nimmt Thomas gefangen, der sie daraufhin einfach stehen lässt. Und als wäre das noch nicht genug, gesellte sich noch ein weiteres sabberndes Geschöpf der Kategorie Mann hinzu. Mhmm ... Gruppensabbern. Wie ansehnlich. „Tja, muss wohl am Testosteron liegen …“, murrte sie und verschränkte provokativ die Arme vor der Brust.

Den seichten Seitenhieb verstehend, sah Mike sie beinahe entrüstet an. „Hast du eine Ahnung, was das hier ist?“, fragte er und bedachte sie mit einem Blick aus leuchtenden Augen. Aus irgendeinem Grund störte sie es, dass er sie neulich erst mit demselben Blick angesehen hatte. Konnte es wirklich sein, dass Mike Frauen und Autos mit derselben Leidenschaft betrachtete – vielleicht sogar verglich? Gott, wie erbärmlich … nein, … demütigend trifft’s wohl eher …, dachte sie sichtlich angefressen. „Lass mich überlegen …“, begann Helena und kräuselte nachdenklich die Lippen, … ehe sie schließlich übertrieben seufzend den Kopf schüttelte. „Tut mir leid, mein Östrogenüberschuss reicht leider nur dafür aus, in diesem Ding ein Auto zu erkennen.“ Ihr beißender Sarkasmus war geradezu greifbar. Mike starrte sie an als hätte sie soeben den Präsidenten höchst persönlich beleidigt und schüttelte resigniert den Kopf. Respektvoll strich er über den Kotflügel des Sportwagens, was unweigerlich die Frage in Helena aufkeimen ließ, ob er einer Frau wohl denselben Respekt entgegenbrachte. Flüchtig musste sie an Stephen denken, was ihr ein inneres Seufzen entlockte. Vermutlich hätten Mike und er sich blendend verstanden. „Das ist ein GTA Spano … in Schwarz …“, hauchte er ehrfürchtig. Helena musste sich ein Grinsen verkneifen. „Ein was?“, warf sie ein und begann, sich einen Spaß mit den beiden Männern zu machen, die hechelnd ihrer Obsession frönten. Mit zerknirschtem Blick wandte sich Mike zu ihr um. „Ich erwarte nicht, dass eine Frau was von Autos versteht. Aber Ferrari oder Lamborghini sagt dir doch bestimmt was?“ Helena verzog verärgert das Gesicht. Das war eindeutig eine unterschwellige Andeutung, dass er sie für dumm hielt. Das würde sie sich auf keinen Fall bieten lassen. „Ja, soweit ich richtig informiert bin, stellte Lamborghini doch Traktoren her, oder?“, konstatierte sie und grinste sardonisch. Mike hob anerkennend die Brauen und schenkte ihr ein verschmitztes Grinsen, was Helena wenig besänftigte. Er ignorierte ihre Aussage. „Das hier …“ Sein Blick glitt sehnsüchtig über die ansehnlichen Kurven des schwarzen Edelgeschosses. „… reiht sich in die Kategorie von Lamborghini und Ferrari ein …“ Er hielt nachdenklich inne. „… aber normalerweise gibt’s die nur in weiß. Das hier scheint wirklich ein absolutes Einzelexemplar zu sein.“ Mikes Stimme überschlug sich beinahe vor Aufregung und Helena rollte erneut genervt die Augen. Dennoch versuchte sie, ein wenig Interesse zu heucheln, indem sie andächtig nickte. „Aha … Sieht irgendwie nicht aus wie ein Traktor.“, bemerkte sie trocken.

Mike schüttelte verständnislos den Kopf, während er um das Auto herum ging und sich eine erneute Bemerkung verkniff. „Lamborghini stellt durchaus Traktoren her …“ Er seufzte theatralisch. „… aber die bauen auch Autos – vorzugsweise Luxusklasse.“ Wie ein Kenner, der einen seltenen Picasso betrachtete, begutachtete er den Wagen. Helena schnaubte verächtlich. „Danke für den Crashkurs in Sachen „Auto-Motor-Sport“. Hältst du mich etwa für beschränkt? Ich bin vielleicht eine Frau, aber selbst ich bin in der Lage, einen Sportwagen von einem Traktor zu unterscheiden. Danke für die Untergrabung meiner Intelligenz.“, schleuderte sie ihm sichtlich angefressen entgegen. Mike starrte sie verblüfft an und setzte schließlich eine versöhnliche Miene auf. „Sorry Süße, so war das nicht gemeint.“ Was den Rest seiner Aussage betraf, da biss er sich auf die Zunge, denn er wollte seine wertvolle Zeit lieber damit verbringen, diesen Wagen zu bestaunen, anstatt sich mit einer Frau über Sportwagen zu streiten. „Hast du schon mal einen gesehen?“, fragte Thomas neugierig, und Helena sah ihn verwundert an. Mike blickte verwirrt auf und schüttelte den Kopf. „Das wäre wohl ein ziemlicher Zufall. Von den Dingern gibt es weniger als hundert Stück auf der Welt. „Weniger als hundert?“, warf Helena erschrocken ein. Mike grinste breit. „Jep … die sind selten … und schweineteuer. Da kannste mit ner’ halben Mille rechnen.“ Helenas Mund klappte nach unten, während sie das Auto ungläubig anstarrte. „Sieht man der Karre gar nicht an.“, murmelte sie etwas zu laut, so dass Thomas und Mike ein geschlossenes Knurren in ihre Richtung ausstießen. Helena schüttelte resigniert den Kopf. Sie bewegte sich eindeutig auf sehr dünnem Eis. Insgeheim fragte sie sich, was das wohl für ein Typ sein mochte, der soviel Geld für ein Auto ausgab. Spontan schoss ihr der Gedanke an den Zuhälter und Drogenbaron wieder durch den Kopf. Sie kniff die Augen zusammen und schüttelte schließlich den Kopf. Nein, was sollte ein Zuhälter hier an der Uni wollen? Falschparken? Verstohlen sah sie auf ihre Uhr. Sie zeigte viertel nach zwei. Abwechselnd huschte ihr Blick zwischen dem Auto und den beiden Männern, die nun angeregt über PS, Zylinder, Motorleistung und Reifengrößen philosophierten, hin und her. Typisch Männer … Eine Weile noch folgte sie – der Höflichkeit wegen – dem Gespräch mit abwartendem Interesse, in der Hoffnung, dass Thomas sich alsbald von dem Objekt seiner Begierde losreißen und sich von Mike wieder verabschieden würde, damit sie endlich ihr Date mit ihm genießen konnte. Doch wenn sie sich die Situation so besah, gedachten die beiden wohl eher nicht, davon abzulassen – zumindest nicht in naher Zukunft.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 30 2012, 20:10

Teil 20


„Thomas?“, fragte Helena vorsichtig und erinnerte ihn mit seinem sanften Fingerzeig auf ihre Uhr, dass sie eigentlich verabredet waren. „Oh … Sorry, Helena …“, begann er und sah wieder zu Mike, der noch immer um das Auto herumschlich, als wäre es eine Heiligkeit. Thomas verzog verlegen das Gesicht und schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln. „Können wir unsere Verabredung eventuell verschieben? Ich muss mit Mike noch was Dringendes besprechen und wenn er schon mal hier ist …“ Natürlich musst du mit ihm noch was besprechen …, ging es Helena zynisch durch den Kopf. Der Spritverbrauch dieser Karre ist sicherlich auch astronomisch … „Ja klar, kein Problem.“, warf sie knapp ein und hob ergeben die Hände. Sie warf Mike einen zornigen Blick zu, den der aufgrund seiner Faszination für das schwarze Ungetüm überhaupt nicht registrierte. Verdammter Idiot. Warum musst du ausgerechnet jetzt auftauchen? Hab ich irgendwo einen versteckten Peilsender an mir? Helena verkniff sich die sarkastische Bemerkung, die ihr auf der Zunge kribbelte, während sie gleichzeitig diesen beschissenen protzigen Wagen verfluchte. Thomas strich ihr sanft mit dem Finger über ihre Wange und lächelte versöhnlich. „Es ist nicht aufgehoben.“, erklärte er und bemerkte nicht, wie Mike plötzlich neben ihm auftauchte und sich sichtlich versteifte. Offenbar behagte ihm die Vertrautheit zwischen Thomas und Helena ganz und gar nicht. Doch das war Helena ziemlich egal. Und die Tatsache, dass sie den Grund seiner Anspannung kannte, erfüllte sie mit tiefer Genugtuung. Sie bedachte ihn mit einem abschätzigen Blick, ehe sie Thomas demonstrativ einen Kuss auf die Wange hauchte. Das widerwillige Zähneknirschen war kaum zu überhören. Mit einem lieblichen Lächeln verabschiedete sie sich schließlich von den Beiden und wandte sich, um zu gehen. Auch wenn sie es nach außen hin verbarg, innerlich kochte sie vor Wut. Sie stieß einen deftigen Fluch nach dem anderen aus, als sie außer Hörweite war. Jedes Mal, wenn sie Mike über den Weg lief, hasste sie ihn ein bisschen mehr. Der Typ tat wirklich alles dafür, dass sie nur noch Abneigung für ihn empfinden konnte. Sichtlich frustriert über Thomas’ Abfuhr und der nagenden Tatsache, dass sie für so ein beklopptes Auto versetzt wurde, stapfte sie davon.

Anstatt jedoch die nächste U-Bahn nach Hause zu nehmen, entschied sie sich für einen kleinen Spaziergang. Sie musste erstmal wieder runterkommen. Im Moment war sie zu aufgebracht, um die Ruhe einer Bahnfahrt genießen zu können. Man hatte sie für ein Auto sitzengelassen. Ein gottverdammtes Auto. Das musste sie erst einmal verdauen. Ihre Enttäuschung über diese tiefgreifende Demütigung konnte sie nur schwerlich vertreiben. Doch dann fiel ihr wieder dieser seltsame Zettel aus ihrem Spind ein, auf dem Zeit und Ort für ein Treffen mit einem Unbekannten notiert waren. Sollte sie hingehen, jetzt wo sie nun doch Zeit hatte? Unentschlossen lief sie in Richtung des vorgeschlagenen Treffpunktes. Sie war sich nicht sicher, ob sie das Treffen nutzen sollte – und wenn auch nur, um Thomas eins auszuwischen. Sie sah auf ihre Uhr. Es war kurz nach halb drei. Noch hatte sie Zeit. Noch konnte sie sich umentscheiden. Zehn Minuten Fußmarsch bis zum Treffpunkt. Zehn Minuten Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Sie dachte an Beth und fragte sich, was sie wohl an ihrer Stelle tun würde. Kurzerhand zog sie ihr Handy aus der Jackentasche und wählte ihre Nummer. Beth ging gleich nach dem ersten Klingeln ran. „Hi Süße, was gibt’s? Ist dein Date etwa schon vorbei?“, fragte sie mit leichtem Amüsement in der Stimme. „Wir haben unser Date verschoben.“, antwortete Helena frostig. Schweigen. „Was ist passiert?“ Ein tiefes Seufzen rollte über ihre Lippen. „Erst ist unerwartet Mike aufgetaucht und dann blieben die beiden sabbernd vor einem schwarzen Sportwagen stehen, als hätten sie einen vielversprechenden Schlussverkauf vor sich. Boah Mann, bin ich sauer …“, erwiderte Helena unüberhörbar angefressen. Beth stieß ein bedauerndes Seufzen hervor, unter welches sich ein kleines Lachen mischte. „Tja, Männer eben. Wir Frauen werden wohl immer nur die zweite Geige spielen, wenn es um Autos geht.“ Beth machte eine kleine Pause. „Und was machst du jetzt?“ „Weiß nicht.“, antwortete Helena frustriert. Wieder Schweigen. Vielleicht ist es ja gar keine so schlechte Idee, den Nachmittag mit einem Fremden zu verbringen …, dachte sie, noch immer sauer wegen Thomas’ demütigender Abfuhr. Wenn Thomas sich diese Chance entgehen lassen würde, nur weil er ein Auto anbeten musste … Tse, … dann konnte Helena sich auch mit einem Fremden treffen. Die Tatsache, dass sie damit gleichzeitig auch Mike eins auswischen würde, kam ihr dabei gerade recht. Sie war sauer und irgendetwas drängte sie regelrecht dazu, sich für diese doppelte Demütigung zu rächen.

„Sag mal Beth, was würdest du tun, wenn du eine Einladung zu einem Date bekommen würdest und du kennst denjenigen nicht, der dich eingeladen hat?“, fragte sie geradeheraus und staunte selbst über ihre plötzliche Offenheit. „Mhmm … ein Blind Date quasi.“ Was folgte, war eine lange Minute des Schweigens. „Warum fragst du?“, wollte Beth wissen. „Keine Ahnung … nur so, schätze ich.“, log Helena. Von dem unbekannten Briefeschreiber musste sie ja nun wirklich nichts wissen. Total schädlich für Beths krankhafte Neugier. „Na ja … ich denke, ich würde es wagen. Ich meine, solange es an einem öffentlichen Ort passiert, muss man ja keine Bedenken haben. Ich würde es aber peinlichst vermeiden, mit ihm oder ihr irgendwo alleine hinzugehen.“, meinte Beth schließlich nach einem kurzen Schweigen. Helena dachte eine Weile über Beths Worte nach. Im Grunde hatte ihre Freundin Recht. Solange es öffentlich war, brauchte sie keine Bedenken zu haben. Und mit einem Fremden würde sie ohnehin nicht alleine abziehen. Tse, … das wäre ja noch schöner … „Hey, Hel … nichts für ungut …“, unterbrach Beth ihre Gedankengänge. „… aber ich warte noch auf einen Anruf.“ „Ja, klar … kein Problem.“, erwiderte Helena leicht resigniert, nicht sicher, ob sie über die Tatsache, dass sie an diesem Tag schon zum zweiten Mal abgewimmelt wurde, sauer sein sollte. „Sorry, ich meld mich später bei dir … versprochen.“, erwiderte Beth entschuldigend. „Okay.“, war Helenas lahme Antwort. „Ach, Hel …“ „Ja?“ „Mach keinen Mist, wenn du dich mit dem fremden Typen triffst.“ Dann legte sie auf. Irritiert starrte Helena auf ihr Handy. Wie kommt sie nur darauf, dass es ein Kerl ist? Die Frage war schließlich hypothetisch …, versuchte Helena sich von dem Umstand abzulenken, dass sie sich längst dazu entschlossen hatte. Was soll’s, jetzt erst recht. Mit neuer Entschlossenheit steuerte Helena den Treffpunkt ihres Blind Dates an. Sie erinnerte sich an den wunderschönen Blick auf die Seine, die das Café bot. Das Wetter war perfekt für einen Besuch. Zielstrebig stieg sie die beiden Stufen hoch und betrat das hübsche Café.

Sie war ein wenig früh dran. Und da ihr unbekannter Briefeschreiber offensichtlich noch nicht da war, wählte sie einen Platz an der großen Fensterfront, um den atemberaubenden Ausblick genießen zu können. Kaum hatte sie sich gesetzt, kam auch schon die Kellnerin an und fragte nach ihrem Wunsch. Helena bestellte einen Cappuccino und ein Glas Wasser. Nachdem die Kellnerin gegangen war, widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Treiben auf dem Fluss. Sie überlegte, ob es klug gewesen war, so früh zu erscheinen. Ein verspätetes Eintreffen hätte ihr dahingehend einen Vorteil verschafft, dass sie ihre Verabredung bereits gesehen hätte, bevor sie sich zu ihm oder ihr setzen konnte. Dieses Wissen hätte ihr noch rechtzeitig eine Umkehr ermöglichen können. Augenblicklich fühlte sie sich unwohl, bei dem Gedanken, nicht mehr rechtzeitig die Flucht antreten zu können. Was soll’s, schlimmer als zwei sabbernde Testosteronhaufen konnte es ja wohl kaum mehr werden. Wer wohl ihr Date war? Sie musste zugeben, dass sie kurzfristig Beth im Verdacht hatte, obwohl das nahezu unmöglich war, schließlich würde sie wohl kaum so ein Geheimnis darum machen. Selbst an Stephen hatte sie für einen Moment gedacht, diese Möglichkeit aber sogleich wieder verworfen. Er hatte sie abserviert, warum sollte er ihr einen Zettel in ihren Spind werfen, auf dem er sie um ein Date bat. Davon mal abgesehen fehlte es ihm dafür an Einfallsreichtum. Und Thomas und Mike konnte sie ja direkt ausschließen, schließlich sabberten die ja gerade einem Sportwagen hinterher. Davon mal abgesehen hielt sie weder den einen noch den anderen für den Typ ambitionierter Poet. Unbewusst rollte sie die Augen. In diesem Moment brachte ihr die Kellnerin die gewünschten Getränke. Sie bedankte sich kurz und versank wieder in ihrem eigenen Gedankenchaos. Da bleiben nicht mehr viele übrig …, dachte sie und nippte an ihrem Cappuccino. Mhmm … wenn sie ehrlich war, gab es da gar niemanden mehr, … außer … Sie stockte kurz, rief sich erneut die Worte in den Sinn, die auf dem Zettel standen, als ihr unvermittelt ein unguter Gedanke kam. Oh Nein …, bitte nicht Mister Neunmalklug …, ging es ihr panisch durch den Kopf. Eilig sah sie auf ihre Uhr und schluckte. Es war fünfzehn Uhr. Ihr Blick flog zur Tür, dann auf ihren Capuccino, um den sich ihre Finger krallten. Verdammter Mist, für eine Flucht war es definitiv zu spät. Es sei denn, ihre Verabredung verspätete sich. Eilig kramte sie in ihrer Tasche nach ihrer Geldbörse. „Wie ich sehe, bist du meiner Einladung gefolgt.“, erklang unvermittelt ein tiefer dunkler Bariton hinter ihr, dessen Timbre sie, ohne seinen Besitzer zu sehen, sofort einem Gesicht zuordnen konnte.

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BeitragThema: Re: Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"   Do Aug 30 2012, 22:28

Hallo meine liebe Mini,
eigentlich wollte ich deine neuen Teile ja als Gute-Nacht-Geschichte lesen und mich morgen erst dazu äußern. Aber da du mich wieder so verwöhnst, sollst du deinen Kommentar gleich haben Wink .
Wie so oft, sitze ich hier mit einem dicken Grinsen auf dem Gesicht. Es ist herrlich, wie du die beiden sabbernden Männer beschreibst. Smile
Aber fangen wir mal am Anfang an. Da gibt es also diesen Typen, der scheinbar Helenas Gedanken lesen kann und sich in ihre Gedanken schleicht? Oder ist das alles nur nur Einbildung? Nein, ich glaube nicht, aber auf jedenfall ist das ganz schön myseriös.

Und dann taucht Thomas auf, mit dem hatte ich ja nun gar nicht gerechnet, aber ich habe mir schnell gedacht, dass sie ihr Blind Date dann wohl doch nicht wahr nimmt. Und, ich hatte recht. Anderer Mann, anderes Date... Hm, habe ich gedacht, doof, ich bin doch so neugierig.
Und dann bleibt Thomas, den man Helena ja eigentlich gönnt, weil er sehr sympathisch wirkt, an diesem "Sport-Auto" hängen, und zu allem Überfluss kommt dann noch Mike dazu und sabbert ne Runde mit, und spontan denkt man sich, dass der "Gasthörer" sie doch zumindest auf einer anderen Ebene trifft, als diese beiden Schwachmaten. Na ja, vielleicht sind sie ja ganz nett, aber ganz ehrlich, so abgehen muss man wegen einem Auto ja dann doch nicht. Und dann noch diese Abfuhr mit dem Vermerk, dass das Date damit ja nicht aufgehoben ist. Spätestens da hätte ich vermutlich jegliche Lust auf ein anderes Mal verloren. Mad
Aber damit war Mike als Variante für das Blind-Date raus und es regte sich die Hoffnung in mir, dass sie doch noch ins Café geht. Und juchuu, sie ist hin gegangen und wie ich vermutet habe ist es der Gasthörer. Oder nicht? Die Bestätigung habe ich ja noch gar nicht... . Aber es ist meine Vermutung, und ich muss gestehen, der ist zwar wohl sehr überzeugt von sich, aber irgendwie mit seinem Wissen und seiner provozierenden Art doch sehr spannend.
Aber wer ist das denn nu. Ist doch kein Zufall, dass er um sie rum schlawenzelt, und so mysteriös ist. Ich dachte ja, der hat irgendwie was mit Goldlöckchen zu tun, aber der wollte ja, dass Mike sie außer Haus trifft um ihr näher zu kommen?

Fragen, Fragen, Fragen, und ich werde weiter nach den Antworten suchen Wink

Lieben Dank für deine Zeilen, ich habe sie mal wieder verschlungen.

LG Katha

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Fluch der Unsterblichkeit (Part I) "Racheengel"
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