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 Der lange Schatten einer Lichtgestalt

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Sonnenschein
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Anzahl der Beiträge : 306
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BeitragThema: Der lange Schatten einer Lichtgestalt   Mo Nov 05 2012, 11:51

Hallo, mal wieder etwas neues von mir.

Mit diesem Text habe ich übrignes den dritten Platz bei einem Literaturwettbewerb gewonnen.

Liebe Grüße
Tastentante

Der lange Schatten einer Lichtgestalt

Gedankenverloren starren Carolines Augen auf die einzelnen Sonnenstrahlen die, die Wand gegenüber ihres Bettes zieren, sie haben sich durch die engen Luftschlitze im Rolladen hereingezwungen. Nur für mich, denkt sie und für einen Moment huscht ein Lächeln über ihre blutroten, wohlgeformten Lippen. Der Morgen ist eindeutig die schönste Zeit des Tages, er zeigt einem die Schatten in der Landschaft ausschließlich unter dem süßlichen Einfluss der kraftstotzenden und doch eher etwas schüchternen Sonnenstrahlen, die sich neugierig ihren Weg durch den Tag bahnen und die Lichtblicke erscheinen noch jung und unverbraucht, denn im Verlauf des Tages verkommen sie leider zu Semmeln, die am Frühstücksbuffet durch sämtliche Hände einer Busreisegruppe gewandert sind. Einen Augenblick lang lauscht Caroline der Stille, irgendwelche unbedeutenden Gedanken treiben ziellos durch das Meer aus nichts in ihrem Kopf, ehe die entspannende Ruhe vom Gesang eines Vogels durchschnitten wird. Wie ich das Landleben doch liebe, geht es ihr durch den Kopf, ehe sie sich langsam und behäbig aus den Laken erhebt. Die morgendlichen Arien sind hier im Hochheitsgebiet des allseitsgeliebten Königspaares Asphaltdschungel und Betonwüste leider die einzigen Boten der grenzenlosen Freiheit und der grünen Wiesen auf denen Kühe weiden und mit schüttelnden Häuptern versuchen, sich der lästigen Fliegen zu erwähren, ihnen klarerweise chancenlos erliegen und trotzdem nie müde werden es erneut zu versuchen. Der Tag, er wird kommen, nur wann? in einer Woche, einem Monat, einem Jahr, zehn Jahren - nie? Ich weiß es nicht, aber was ich weiß ist, dass solange der Traum davon in mir atmet ich genug Luft in meine Lunge pumpen kann um nicht an der Leere vollends zu zerbrechen. Mit einem ausgiebigen Gähnen auf ihrem Gesicht, wischt sie sich die restliche Nacht aus den Augen und genehmigt ihren Füßen schließlich Kontakt mit dem hölzernen Fußboden aufzunehmen, der sich kalt und glatt vor ihr erstreckt. Während der Vogel vor ihrem Fenster bereits das fünfte Lied anstimmt, schlüpft sie freudlos in ihre am Vorabend achtlos weggeworfenen Kleidungstücke und taumelt aus dem Schutz der Finsternis, dem Licht entgegen, dass sich frech durch ein offenstehendes Fenster im Nebenzimmer einen Weg in den Hausflur bahnt. Freiheit, ein beklemmender Seufzer entflieht ihrer Kehle. Dieses Wort ist so selbstverständlich und doch so unerreichbar, zumindest für mich. Annika würde mich auslachen, wenn ich ihr meine Gedanken offenbaren würde. Nun ja, auslachen vielleicht nicht, aber zum Verständnis würde es auf keinem Fall reichen, dazu ist sie viel zu, verdammt da ist es schon wieder, dieses dämliche Wort, frei, auch wenn sie eigentlich auch etwas unfrei ist. Der Morgen ist noch so jung und doch droht Caroline schon wieder in ihrer inneren Beugehaft zu versinken. Betreten von der Situation tritt sie langsam und vor allem leise den Weg ins Erdgeschoss an, verfolgt von einem Schleier aus Melancholie. Mit eben diesen Gefühlen im Schlepptau taucht sie in die vorherrschende Dunkelheit ein, während sie sich nach dem hereinfallenden Licht im Wohnzimmer orientiert. Eine leicht geduckte Körperhaltung innehabend, schleicht sie auf dem Scheitel ihrer Schuhsohlen durch die Küche und steuert den neben der Türe im Wohnzimmer platzierten Radio an. Flink fliegen ihre Finger über seine Tasten und schon erhellt Nenas Stimme den Raum. Die Textzeilen des Songs "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" schweben durch den Raum und verwandeln ihn in eine Oase des Lichts, während in Caroline die Verzweiflung hochkroch. Irgendwie, irgendwo, irgendwann werde ich wieder glücklich sein, ganz bestimmt. Der Enthusiasmus in ihrer Stimme klingt, als halte er auf seiner eigenen Beerdigung eine Grabrede. Habe ich wirklich diese Chance?, eine wirkliche Chance, nicht nur so eine Bilderbuchschmonzettenchance aus diesem Gefängnis zu entfliehen? Gibt es einen Weg aus dem sumpfigen Weier, wo in jeder Schilfinsel eine Schlange wohnt? Gibt es soetwas wirklich, oder ist es nur eine bloße Füllung für die Märchen? Caroline lässt ihre Schultern nun endgültig hängen, denn die Spannkraft der Nacht ist aus ihr entschwunden. Wieder einmal. Welchen Sinn macht die eigentlich, wenn ihre Kraft durch die Sonne ihrer Wirkung beraubt wird? Schwermütig lehnt sie sich gegen das winzige Mauerstück, das ihr Halt bietet, zwischen dem Türstock und einem Bücherregal. Ihre freudlosen Augen wandern über die vor den Fenstern müde herabhängenden Vorhänge, die aussehen, als hätten sie die letzte Nacht durchgemacht. Euch geht es also auch nicht besser als mir, dachte sie resigniert, während sie sich von der Kälte ausströmenden Wand abstößt und mit einem Blick auf ihr ausgeleiertes, verwaschenes T-Shirt auf die schwarze Ledersofalandschaft zu schlendert, die durch einen Überzug aus fleischfarbenen Decken eine Schonung erfährt. Einige Pölster in hellbraune Überzüge gehüllt liegen achtlos verstreut über der Couchlandschaft, an einem etwas größeren kann man bei genauerer Betrachtung noch die Konturen eines Kopfes erkennen. Plump lässt sie ihren Kopf in eben diese Falten fallen, während die Füße schwer über den Boden geschleift, teils in der Luft hängen. Es bedarf keiner großen psychologischen Kenntnisse um die Klarheit zu erlangen, dass das sich hier befindliche Wesen schon lange reiß aus genommen hat, aus der Selbstliebe und der Selbstachtung, falls es jemals eine hatte. Stumm blickt Caroline an die Decke von der sich gerade ein einsamer Weberknecht in Richtung der Hängelampe abseilt, die in ihrer Größe und Pompösität die puristische Einrichtung des Zimmers nahezu erschlägt. Doch seltsamerweise ist eben diese Lampe der einzige Einrichtungsgegenstand der ihr innerstes Wesen charakterisiert. Während sich der Weberknecht gerade dem orangefarbenen Herzstück der Lampe nähert und einen kurzen Augenblick lang auf einem purpurvioletten Schmetterling verschwindet, setzt sich vor ihrem geistigen Auge eine Art ferngesteuertes Photoalbum in Gang. Es sind die Bilder der letzten Firmenfeier, einem Verlag einer Frauenzeitschrift, zu dessen Team sie sich seit einigen Jahren zählen darf. Vor drei Monaten wurde sie sogar zur Redaktionsleiterin befördert. Komisch eigentlich, jede andere Frau wäre in ein Freudenkoma verfallen, doch ganz anders Caroline. Man kann sagen sie feierte ihre Beförderung mit einer Flasche Gleichgütigkeit, bezwiehungsweise geht es ihr seit damals emotional noch um einige Stufen schlechter, obwohl, dass gemessen an ihrem seelischen Zustand der letzten Jahre kaum noch möglich sein kann. Immer öfter überkommen sie Weinkrämpfe, die Angstzustände sind sowieso schon seit einigen Jahren ihre heimlichen Untermieter und vor drei Tagen ist Caroline sogar im Büro zusammengebrochen. Das ist auch der Grund wieso sie mitten in der Woche zu Hause am Sofa hockt und ihrer unverdaulichen Vergangenheit nachhängtt. Wer jetzt denkt, dass es an ihrem Job liegt, liegt falsch. Ihre Arbeit ist für Caroline nämlich eines der letzten Paradise ihres Lebens, einer der wenigen Orte, an dem sie leben kann ohne den langen Schatten hinter sich sehen zu müssen. Normalerweise würde sie schon mit sich überschlagendem Puls und hektischen Handgriffen in ihrem Büro hoch über Wien mit Ausblick auf den Stephansdom über den Artikeln für die nächste Ausgabe brüten, wie eine Henne über ihren frischgelegten Eiern. Eine extrem schüchterne Andeutung eines Lächelns geisterte für einen winzigen Moment über ihre Lippen. Es herrscht ein rauer Ton in der Branche und das Wort stressfrei ist Caroline so gut vertraut wie einem Eskimo die Badehose, aber sie hat keinen Antrieb einen Gedanken daran zu verschwenden, wie es anders wäre. Ja, man kann sagen, der Stress schmiegt sich über ihr Inneres wie ein schützender Film aus Sonnencreme über die Haut im Sommer. Er lässt sie vergessen, die Qualen mit ihrer Mutter und ihrem inexistenten Mut etwas zu ändern, schenkt ihr hin und wieder knappe Stunden der Freude. Hier in ihrem Büro mit den großen Glasflächen, die ihr den ganzen Tag Licht spenden, hat sie sich ihr eigenes Universum gebaut, dass im märchenhaften Sinne weder ein Revoluzer noch ein Belagerer betreten darf, die Realität sieht natürlich weniger verklärt aus, aber darüber sieht Caroline großzügig hinweg, solange dieser jemand nicht einen ähnlichen genetischen Code besitzt wie sie selbst. Dieser Ort ist für Caroline sozusagen ein winziges Scheibchen der großen Glückstorte, die ein jeder im Ganzen besitzen möchte, jedoch nur die wenigsten können wirklich eine Scheibe erhaschen. Da braucht man eben Glück und sie fand es in ihrem 40 m² großen sonnigen Büro über den Dächern von Wien, wenn auch nicht ganz freiwillig, denn der Traum vom Leben war einmal ein anderer gewesen, nur leider ist er zerronnen wie ein Schneemann in der Sonne und zu einer Pflanze verkommen, die Caroline bis heute noch gerne mit dem Saft ihrer Augen vor dem Schicksal ihres Traumes bewahrt.
Mit den Jahren hat sie ihre Arbeit zu ihrer Familie auserkoren, da sie eine Familie , wie das Wörterbuch den Begriff definiert wohl nie haben wird, einen Umstand, den sie bis heute nicht in den Zustand der Akzeptanz eingeführt hat. Immer wieder ist die Hoffnung aufgeflammt, doch dann kam ein Sturm und brachte das Feuer zum erlischen, das schlimmste für Caroline war jedoch, dass er Sturm einen amtlich bzw. menschlich benehmigten Kosenamen trägt, einen von der Sorte, der einem versichert, dass man seinem Träger nur schwer bis gar nicht entkommt. Ihre Gedanken seilen sich schließlich zu den Blicken ihrer Kollegen ab, nachdem sie eine Weile einfach nur die Erinnerung an diesen Abend angestarrt hat. In manch einem Stand Neid auf ihren Job und das eigene Verbleiben auf der immerselben Stufe, in anderen Gleichgültigkeit und in einzelnen aber auch ehrliche Bewunderung. All das zieht an Caroline vorbei wie ein Gewitter über einen Landstrich, zu Freude fehlt ihr in der letzten Zeit mehr und mehr die Energie. Sie fühlt sich hingegen immer öfter wie ein leerer Stausee, aus dem trotz seiner Wasserarmut Leute noch flüssiges Nass pumpen wollen.
Ein Geräusch eines sich im Schloss bewegenden Schlüssels schreckt sie aus ihren Erinnerungsträumen hoch und ihr Herzschlag beschleunigt wie Sebastian Vettel auf dem Hockenheimring. Steif richtet Caroline sich auf und stützt ihre Hände auf die faltenmachende Decke. Wieso, entflieht es stumm ihrer Kehle. Hat man in diesem Haus eigentlich überhaupt kein Recht auf Ruhe? Ein Kribbeln läuft ihre Beine herauf und ihre Finger beginnen zu beben. Die atmende Naturgewalt war wieder einmal im anrollen. Gut, es ist ihr Haus, aber sind mir nicht einmal einige Stunden Ruhe vergönnt.
"Hallo, ich bin wieder da", ertönt ihre raumfüllende, grelle Stimme. Caroline ist zu müde, um zu antworten und ihre Gedanken kämpfen sich langsam an die Oberfläche ihres Antlitzes. Eineinhalb Atemzüge später steht sie auch schon im Wohnzimmer.
Wieso muss diese Frau eigentlich immer einfallen wie einst die Hunnen?, geht es Caroline durch den Kopf.
"Auf die Rolläden, hier ist es ja finster wie in einer Gruft", ertönt erneut ihre von Wortgewalt getränkte Stimme, während die Dezibel nur so durch den Raum schiessen und der Weberknecht sich eilig wieder zurück an die Decke hantelt.
Vielleicht fühle ich mich genauso, aber auf diese Idee kommst du ja nicht. Für dich zählen doch nur Ansehen, Geld und Erfolg. So banales Zeug, wie die Gefühle deiner Mitmenschen kümmern dich so sehr wie einen Arzt im OP des Herz-Jesu Spitals ein bäuerlicher Misthaufen in Gotschuchn.. Um ihrer Mutter all, dass zu sagen, was ihre Zunge seit Jahren bleiern werden lässt ist sie allerdings zu schwach und so wählt Caroline erneut das Schweigen als Antwort. Hart finden die sich ihr nähernden, schweren Schritte ihrer Mutter Elisabeth einen Widerhall im hölzernen Fußboden, ehe ihr Angesicht sich in Carolines Blickfeld schiebt. Ein hartes Schlucken mit einem bitteren Nachgeschmack rollt ihre Kehle hinab und so wendet sie schließlich den Blick ab, denn in ihren Augen sammeln sich langsam einige Tränen. Ihre stumm klagenden Sehobjekte fixieren den gebeizten Wandschrank, den sie in den letzten 27 Jahren nicht berühren durfte. Wieso lasse ich mich von ihr eigentlich bis heute dirigieren? Eine einzelne Träne sickert unsicher und hastig aus ihrem Augenwinkel und flüchtet sich in das schützende Gewebe des fleischfarbenen Sofaüberwurfs. Weil du zu feige bist, schießt ein Gedankenblitz durch ihr Gehirn. Alles findet Unterschlupf nur ich nicht, denkt Caroline mit beklommenem Herzen weiter und ein Stechen jagt durch ihre rechte Brust. Pansich fasst sie sich an diese Stelle und presst die Haut unter ihren Fingern zu einer Wulst zusammen, während sie mit der anderen Hand den alten BH unter ihrem Shirt zurechtzieht.
"Was schaust du denn schon wieder so?", ihre Stirn war in Falten gelegt und ihre Stimme mit Bestimmtheit unterlegt.
"Wie schau ich denn?", entgegnete Caroline, obwohl ihr klar ist, was ihre Mutter meint. Sie ist irgendwie gerade in der Stimmung, Elisabeth ans äußerste zu treiben, wo sie doch um ihr lockersitzendes Temperament weiß, denn um ihr einfach einmal ohne Anlass die Meinung zu geigen, reicht ihr Mut bei weitem nicht.
Demonstrativ verschränkt Caroline die Arme vor der Brust und versucht ihren Blick im Gesicht ihrer Mutter haften zu lassen. Erfolgsgarantie äußerst ungewiss. Sie bewegt sich gerade auf unbekanntem Terrain. Wie wird das Spiel sein Ende finden? Viele Gedanken schiessen durch des Häufchen Elends Synapsen, die meisten waren traurige, sie handeln nicht zuletzt von ihrem erneuten Versagen gegen die Königin. Im zurückschießen von Elisabeths Giftpfeilen oder ihren Vorkostern ist Caroline nämlich nicht geübt. Daher hat sie es sich einfach mal zum Ziel gesetzt die Vorkoster abzuwehren, die zumeist prüfen ob der Einsatz der schweren Geschütze überhaupt dienlich ist. Bisher hat Caroline es immer vorgezogen mit Demut und Bescheidenheit die verbalen Giftgaseinsätze ihrer Mutter ohne Widerstand direkt in ihr blutverkrustetes Herz zu leiten und sich danach mit den klaffenden Wunden und aufgebrochenen Narben auf ihrer Seele wimmernd in ein dunkles Eck zurückzuziehen und sich gemeinsam mit der Einsamkeit der Stauseebefüllung zu widmen.
"Was passt den schon wieder nicht? Du schaust so giftig? Was ist denn jetzt wieder nicht recht, ha?"
Ein Stöhnen verlässt die Sicherheit ihrer warmen Mundhöhle in Richtung des Haifischbeckens der Ungewissheit, nachdem es sich mühsam den Weg über Carolines Rachenwand herauf gebahnt hat, einige schmerzhafte Abstürze inklusive.
Der Gedanke an Flucht zieht sie in ihren Bann, vergleichbar mit der Magie eines Weges, dessen beschreiten einem in frühester Kindheit von den Eltern untersagt wurde.
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