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 Anna und die Liebe - AnTom-FF "Mistletoe and Wine" (Side-Story)

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BeitragThema: Anna und die Liebe - AnTom-FF "Mistletoe and Wine" (Side-Story)   Mi Jul 04 2012, 20:04

Mistletoe & Wine

„Weihnachten …“, stöhnte Anna und verdrehte gequält die Augen, während sie Virgin dabei beobachtete, wie er gerade das korrekte Schmücken des Weihnachtsbaumes überwachte als handelte es sich um ein lebenswichtiges Fitting zu einer noch viel lebenswichtigeren Präsentation. Die arme Praktikantin kann einem wirklich leidtun ... Schon nach einer Woche in diesem Laden die Demütigung seines Lebens zu erfahren, ist wirklich hart. Anna schüttelte mitleidig den Kopf und erinnerte sich an ihre eigenen Demütigungen, die sie hatte durchstehen müssen. Was das betraf, sprühte ihr Chef, Tom Lanford, geradezu vor Kreativität. Unweigerlich flog ihr Blick durch die Glaswand in das Büro des Juniorchefs. Der guckte mit einem Gesicht, als hätte er Tennissocken zum Frühstück gehabt – abgestandene Tennissocken. Sie grinste bei ihrem Vergleich. Als er ihr plötzlich den Kopf zuwandte und sie mürrisch ansah, wandte sie erschrocken den Blick ab und starrte angestrengt auf ihre unfertigen Entwürfe, während sie gedanklich die Tennissocken durch lange Männerunterhosen, die noch viel länger abgestanden waren, ersetzte. Sie seufzte leise. Heute Abend sollte die lanfordsche Weihnachtsfeier steigen, das Highlight des Jahres, welches in der Bedeutung mit den Fashion-Weeks in Mailand, Barcelona, Paris und New York quasi auf eine Stufe gestellt wurde. Bruno legte größten Wert auf das Weihnachtsfest und predigte immer wieder davon, wie wichtig Familie, Liebe und Harmonie sei. Anna schnaubte verächtlich … Warum bekommt er die Sache mit der Liebe und Harmonie eigentlich bei seiner eigenen Familie nicht auf die Reihe? Na ja, vermutlich zelebriert Bruno dieses Drama deshalb hier bei Lanford, weil Paule und Tom nicht mitspielen wollen … Gedanklich seufzte sie tief auf. … und deshalb müssen wir armen Lanford-Mitarbeiter herhalten … Was für ein Glück, dass wir uns nicht noch als Rentiere verkleiden müssen …, dachte sie bei sich.

Anna hasste Weihnachten. Mit Jonas’ Tod war auch ihre Freude an derartigen Festivitäten gestorben. Und besonders Weihnachten war zum sprichwörtlichen Grauen geworden. Als Bruno dann noch lautstark verkündet hatte, dass alle Mitarbeiter bei diesem Ereignis anwesend zu sein haben, wäre Anna am liebsten schreiend weggerannt. Aber diese Pflicht war nicht das Schlimmste. Viel ärgerlicher war, dass Anna wegen dieser blöden Weihnachtsfeier ihre Verabredung verpasste. Sie hatte vor zwei Wochen einen schnuckeligen Typen in der Egobar kennengelernt … dunkle Haare, grüne Augen und ein Lächeln zum Dahinschmelzen. Innerhalb weniger Minuten hatte der junge Mann Anna mit seinem Charme verzaubert, und sie brannte darauf, ihn näher kennen zu lernen. Gestern Abend hatte er angerufen und sie zum Essen eingeladen – ausgerechnet für heute Abend. Statt das Date jedoch direkt abzusagen, hatte sie die ganze Nacht darüber nachgedacht, wie sie diese leidige Weihnachtsfeier umgehen könnte, doch immer wieder war ihr Brunos strenge Ansage durch den Kopf gehuscht. Vielleicht sollte ich einfach Übelkeit vortäuschen …, schoss es ihr durch den Kopf. Verstohlen sah sie sich in dem Atelier um. …oder einfach jetzt die Biege machen? Die werden mich wohl kaum aus der Goldelse abführen. Wieder hob sie den Kopf und starrte in das Büro ihres Chefs – der nach wie vor die Männerunterhosen verdaute. Okay, er würde es fertigbringen … und es wäre eine weitere Demütigung auf einer langen Liste, die ihresgleichen sucht … Mit einem traurigen Seufzen wandte sie den Blick ab und machte sich wieder über ihre Zeichnungen her.

Tom, der schon den halben Morgen über diesem Zahlenchaos brütete, stöhnte genervt, als ihm wieder diese blödsinnige Weihnachtsfeier durch den Kopf geisterte. Was für ein Nonsens … Angespannt schüttete er den Kopf und wandte seinen Blick durch die Glaswand. Als dieser auf Annas Lächeln traf, verfinsterte sich seine Miene noch mehr. Augenblicklich wich sie seinem Blick aus, und Tom seufzte tief auf. Du solltest dringend an deinem Image arbeiten, wenn du bei ihr was erreichen willst … Seit Wochen schon ging das zwischen ihm und Anna so. Sie sahen sich an, tauschten intensive Blicke, lächelten sich an … und sobald sie sich gegenüberstanden und einer den Mund aufmachte, flogen die Fetzen. Die Blondine war das was man einen Wolf im Schafspelz nannte. Äußerlich gab sie sich lieb und nett, doch wenn es darauf ankam, hatte sie einfach auf alles eine Antwort. Und Tom hasste es, wenn man ihm widersprach … niemand hier bei Lanford erlaubte sich diesen Luxus … niemand, mit Ausnahme von Anna Broda, und das in regelmäßigen Abständen. Und irgendwie faszinierte ihn diese Tatsache.

Fünf Stunden später war das Atelier in eine weihnachtliche Atmosphäre getaucht. „Jingle Bells“, „Last Christmas“ und „Rudolph the red nosed reindeer“ gaben sich musikalisch die Klinke, und der Geruch von Weihnachtspunsch waberte durch die Luft als stünde man inmitten einer Schnapsbrennerei. Anna hatte sich hinter einem Stehtisch, der am weitesten außerhalb des Geschehens stand, verkrochen und hoffte, dass das ganze Spektakel möglichst schnell und weit an ihr vorbeizog. Umso erschrockener zuckte sie zusammen als sich plötzlich eine Tasse, auf die ein grinsender Weihnachtsmann gedruckt war, in ihr Sichtfeld schob. „Du siehst so aus, als könntest du einen Weihnachtspunsch vertragen. Hier, der beruhigt die Nerven.“, erklärte Enrique mit einem gewinnenden Lächeln. Annas Mundwinkel zuckten leicht, ehe sie wortlos nach der Tasse griff und einen kräftigen Schluck nahm. Mhmm … lecker, schmeckt nach mehr. Beherzt setzte sie die Tasse erneut an und trank. „Besser?“, fragte Enrique ein paar Sekunden später. Anna wandte ihm den Blick zu und nickte verhalten lächelnd. Erneut fuhr sie zusammen, als plötzlich Virgins schrille Stimme durch das Atelier hallte und die bevorstehende Bescherung ankündigte. Das war Annas Stichwort. Sie warf Enrique einen gequälten Blick zu, stieß ein knappes „Du entschuldigst mich kurz“ aus und flüchtete auf die Toilette. Dort angekommen, schloss sie sich in eine der beiden Kabinen ein und hockte sich auf den geschlossenen Klodeckel, in dem festen Vorhaben, solange hier sitzen zu bleiben, bis diese leidige Geschenkeverteilung vorbei war. Und danach würde sie zusehen, dass sie schleunigst von hier verschwand, um den Abend mit jenem netten Mann zu verbringen, der ihr seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf ging.

Als Anna sich eine gute Stunde später aus der Toilette wagte, begegnete ihr als erstes Tom Lanfords mürrisches Gesicht. Na prima, hat der die ganze Zeit hier gewartet, bis ich wieder rauskomme? „Wo waren Sie?“, entrüstete er sich. Anna verdrehte genervt die Augen. „Auf der Toilette … Das wissen Sie doch, oder stehen Sie der schönen Aussicht wegen hier?“, erwiderte sie schroff. An Toms überraschtem Blick erkannte sie, dass sie mit ihrer Vermutung richtig gelegen hatte. „Über eine Stunde?“, konterte er. Anna warf ihm einen verärgerten Blick zu. „Ich wusste nicht, dass es dafür vorgegebene Zeiten gibt.“, erwiderte sie schnippisch. „Das nicht … aber Sie haben das Wichteln verpasst … und Sie wissen sicher, dass diese Veranstaltung hier ein Pflichtprogramm für alle Mitarbeiter ist.“, erwiderte er und betonte das Wort alle übertrieben deutlich. Anna riss gespielt entsetzt die Augen auf, ehe sie sie genervt verdrehte. Was interessieren mich eure merkwürdigen Rituale. Ohne ein weiteres Wort schob sie sich an ihm vorbei und ließ ihn einfach stehen, bevor er noch etwas Geistreiches erwidern konnte, was Anna direkt auf die Palme gebracht hätte. Vorsichtig navigierte sie durch die Menschenmenge und steuerte ihren Schreibtisch an, auf dem ein säuerlich dreinblickender Virgin hockte und offensichtlich seit geraumer Zeit dort auf sie wartete. „Brödi, wo warst du nur?“, empörte er sich. „Alle haben sie ihre Geschenke ausgepackt, nur deines ist noch unberührt.“ Anna lächelte schief. Und du kannst es ganz offensichtlich kaum mehr erwarten, dass ich es jetzt und hier vor deinen Augen auspacke … Vergiss es!

Nachdem Tom Anna vor der Toilette abgefangen hatte und die ihn einfach hatte stehen lassen, hatte er sich zu Enrique, der an einem der vielen Stehtische stand, verkrümelt. Und während Tom eher halbherzig Enriques Geplapper folgte, war seine Aufmerksamkeit auf Anna gerichtet, die mit Virgin an ihrem Schreibtisch stand und offensichtlich über dieses Geschenk debattierte. Mensch, jetzt pack es doch einfach aus, Anna …, dachte er bei sich und schüttelte genervt den Kopf. Ich hasse Weihnachten auch, aber muss man deshalb so stur sein? Ein unsanfter Stoß in seine Rippen ließ ihn den Blick von Anna weg hin zu Enrique wenden. „Alles okay, Kumpel?“, fragte er besorgt. Tom nickte, hob schnell die Tasse an seine Lippen und nuschelte irgendwas Unverständliches in seinem Punsch hinein. „Scheint dich ja brennend zu interessieren, was Anna geschenkt bekommen hat.“, bemerkte Enrique spitzfindig. Weniger das Geschenk, eher ihre Reaktion darauf …, schoss es Tom durch den Kopf. „Tom?“ „Ähem … ja, ja … wie du meinst …“, murmelte er, schenkte Enrique ein knappes Lächeln und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Anna. Zunächst hatte er es als schlechtes Omen gedeutet, als er ausgerechnet ihren Namen beim Wichteln gezogen hatte. Aber nach zwei Tagen hatte er sich schließlich damit abgefunden und sich sogar ernsthafte Gedanken über ein originelles Geschenk gemacht, … irgendetwas, womit er ihr das sagen konnte, was er mit Worten einfach nicht zustande brachte. Und nun ließ sie ihn einfach zappeln, indem sie dieses blöde Geschenk nicht auspackte. Meine Güte, sonst seid ihr Frauen, wenn es um Geschenke geht, doch auch schneller als die Heilsarmee, …

„Los, mach schon auf.“, drängelte Virgin aufgeregt. Anna schüttelte verständnislos den Kopf und starrte auf das hübsch eingepackte Geschenk auf ihrem Schreibtisch. Für einen Sekundenbruchteil fragte sie sich, von wem es wohl war. Sie selbst hatte beim Wichteln Palomas Namen gezogen, wofür sie wirklich dankbar gewesen war. Virgin sah sie mit erwartungsvollem Blick an, und Anna spürte, dass ihn die Neugier langsam aufzufressen begann. Warum macht ihr alle so ein Aufheben darum? Sie seufzte leise und schenkte ihm ein bedauerndes Lächeln. „Nimm’s mir nicht übel, Virgin, aber ich hab gerade so gar keine Lust auf Geschenke.“, erwiderte sie knapp. „Wann ist dieses Spektakel hier eigentlich zu Ende, ich will endlich nach Hause.“, fügte sie lapidar hinzu. Virgin fiel überrascht die Kinnlade nach unten, ehe er abfällig die Schultern zuckte, sich mit einer eleganten Drehung umwandte und Sekunden später in der Menge verschwand. Kopfschüttelnd betrachtete Anna das Geschenk, ehe sie es schließlich ignorierte und Paloma ansteuerte, die am Empfang stand und sich gerade angeregt mit Minnie unterhielt. „Hey, Anna … da bist du ja … Ich hab dich vorhin vermisst.“, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln. Anna verzog affektiert das Gesicht … Offensichtlich warst du da nicht die Einzige … „Paloma …“ Anna fasste die Brünette beim Arm und zog sie ein Stück zur Seite. „Was ist denn?“, flüsterte die irritiert. Mit gequältem Blick sah Anna die Brünette an. „Ich muss dringend weg …“ Überrascht zog die Spanierin die Brauen hoch. „Warum?“ „Ich hab ne’ Verabredung …“, raunte Anna ihr leise zu. „… und die will ich nicht verpassen.“ Paloma räusperte sich und sah sich verstohlen um. „Okay …“, grinste sie. „Ich halte dir den Rücken frei, sollte Lanford Senior die Volkszählung vornehmen.“ Anna grinste verschämt, formte mit den Lippen ein stummes „Danke“, ehe sie sich umwandte und auf das Treppenhaus zustrebte, um unbemerkt zu verschwinden.

„Frau Broda … Sie wollen doch nicht etwa schon gehen?“, ertönte eine missbilligende Stimme hinter ihr. Anna stieß einen genervten Seufzer aus und ballte die Hände zu Fäusten. Vielleicht hätte ich Paloma sagen sollen, dass sie eher Lanford Junior im Auge behalten sollte …, dachte sie verärgert. Sie holte tief Luft und wandte sich mit einem aufgesetzten Lächeln zu ihrem Chef um. „Nein, … wie kommen Sie denn darauf, Herr Lanford …“, erwiderte sie übertrieben freundlich. „Ich wollte nur kurz frische Luft schnappen.“ Tom nickte langsam und neigte prüfend den Kopf. „Und warum machen Sie dann nicht einfach ein Fenster auf?“, meinte er unbeeindruckt. Anna rollte leicht die Augen. Auch ne Möglichkeit zu fliehen, aber ich wollte eigentlich lebend zu meinem Date kommen … Anna räusperte sich und sah ihn schließlich ergeben an. „Also gut, Herr Lanford, ich hab noch einen … wichtigen Termin, und wenn ich jetzt nicht losgehe, komme ich zu spät.“, erklärte sie. Tom hob die Brauen auf eine Weise, die Anna fast dazu veranlasst hätte, eine bissige Bemerkung abzugeben. „Was denn für einen Termin?“ Das geht dich nichts an … „Ähem … Zahnarzt, …“, log sie. „… ich hab da so einen fiesen Weisheitszahn, der unbedingt raus muss.“ Tom sah sie skeptisch an. „So spät abends?“ „Ist ein spezieller Termin.“, ergänzte Anna, ohne mit der Wimper zu zucken. Toms Augen bohrten sich in ihre. Stoisch hielt sie seinem Blick stand, … zehn Sekunden, zwanzig Sekunden, eine halbe Minute … dann gab sie es auf, unterbrach den Blickkontakt und schob sich mit einem leisen deftigen Fluch, den sie unter normalen Umständen nicht mal zu denken gewagt hätte, an ihm vorbei. „Das ist ja schlimmer wie im Kindergarten …“, zischte sie leise vor sich hin und stiefelte zielstrebig zu der provisorisch aufgebauten Bar. Alkohol … ich brauche dringend Alkohol, sonst drehe ich durch …

Mit einem triumphierenden Grinsen sah Tom Anna nach, die mit steifen Schritten davon stolzierte. Von wegen Zahnarzttermin … ich wusste doch, dass du nur abhauen willst … Nachdem er sich an der Bar einen Weihnachtspunsch geholt hatte, gesellte er sich wieder zu Enrique und versuchte, so gut es ging, seine Aufmerksamkeit seinem besten Freund zu widmen. Aber irgendwie schafften es seine Gedanken, ihn wieder auf ein völlig anderes Gleis zu lenken. Und während Enrique munter seinen Wortschatz zur Schau stellte, suchten Toms Augen verstohlen die Umgebung nach Anna ab. Ein Gefühl sagte ihm, dass die Blondine einen weiteren Versuch wagen würde, dieser Veranstaltung zu entfliehen. Und ja, er konnte sie sogar verstehen. Ihm war mindestens genauso wenig nach diesem Theater zumute, wie ihr … aber wenn er als Geschäftsführer schon gezwungen war, hier sein zu müssen, würde er dafür sorgen, dass sie ebenfalls hier blieb. Nach ein paar Sekunden fand er sie in einer Ecke stehend mit Jasmin und einem dieser neuen Praktikanten. Gebannt beobachtete er das Dreiergespann, welches sich offensichtlich gerade ausgiebig amüsierte. „Ach, und übrigens … ich hab vor einiger Zeit festgestellt, dass ich schwul bin und nun überlege ich, ob ich mein Outing groß über die Presse vollführen sollte.“, erklärte Enrique. Tom, der sein Augenmerk gebannt auf Anna gerichtet hatte, nickte nur. „Gute Idee, soll ich dir dabei helfen?“, bot er beiläufig an, ehe sein Blick sich unvermittelt verdüsterte, als dieser Praktikant Annas Hand ergriff und sie auf die Tanzfläche zog, auf der sie sich Sekunden später zu „Little Christmas Tree“ zu wiegen begannen. Ich verstehe das nicht … Zu jedem Kerl in diesem Laden ist sie die Freundlichkeit in Person, … doch sobald ich mich ihr bis auf zwei Meter nähere, ergreift sie die Flucht oder blafft mich an … Das ist doch nicht fair … Nun, er konnte nicht bestreiten, dass er ihr Temperament mochte und sogar zeitweise ihre Zwistigkeiten, die sie für ihn von Mal zu Mal anziehender machte, genoss. Dennoch wünschte er sich immer öfter einfach nur mal ein normales Gespräch mit der Blondine.

„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“, entrüstete sich Enrique plötzlich und riss Tom ziemlich unsanft aus seinen Gedankengängen. Erschrocken sah der seinen besten Freund an. „Ähem … was hast du gesagt?“, fragte er ein wenig beschämt und bemühte sich, seinen Blick wenigstens für zehn Sekunden von Anna abzuwenden. Enriques Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte Tom einiges von seinem Gespräch verpasst – wenn nicht sogar alles. „Ich wollte mich als homosexuell outen und du fandest es eine gute Idee.“, erklärte er ziemlich angefressen. Tom zog die Brauen hoch und lächelte amüsiert. „Du bist schwul? Seit wann denn das?“ Enrique rollte genervt die Augen. „Bin ich nicht, … aber ich hab’s langsam satt, mich mit der Säule neben dir zu unterhalten, während mein bester Freund wie ein liebeskranker Volltrottel die Gegend scannt … Kleiner Tipp, geh doch einfach zu Anna rüber und rede mit ihr … anstatt sie mit Blicken auszuziehen …“, erklärte er übertrieben ironisch. Tom riss entsetzt die Augen. „Tue ich doch gar nicht.“, widersprach er. Enrique schnaubte amüsiert. „Ach so, … dann heizt du mit deinen Blicken also nur die Luft um Anna auf … in der Hoffnung, dass es ihr irgendwann zu warm wird und sie sich dieses sexy Kleidchen selbst vom Leib reißt?“, mutmaßte er sarkastisch. Tom rollte genervt die Augen und ließ verstohlen den Blick schweifen, bis er Enrique schließlich ein affektiertes Lächeln schenkte und ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfte. „Mach dir mal keine Gedanken über meine entblößenden Blicke … sorg lieber dafür, dass du deine Klamotten anbehältst, … denn so wie Paloma dich gerade anschmachtet, stehst du voraussichtlich innerhalb der nächsten zwanzig Sekunden blank da …“, erwiderte er mit einem breiten Grinsen und wandte sich von seinem Freund ab, mit dem Ziel, einen anderen guten Platz zu finden, von dem aus er Anna ungestört beobachten konnte.

Frustriert kippte sich Anna einen Punsch nach dem anderen hinunter. Dass sie wegen dieser blöden Weihnachtsfeier ihr Date verpasste, machte sie richtig sauer. Und dass Tom die ganze Zeit in ihrer Nähe herumscharwenzelte wie ein Wachhund, machte die ganze Angelegenheit nicht erträglicher. Sie wusste, dass er das mit voller Absicht tat, nur das Warum war ihr schleierhaft. Verstohlen blickte sie auf ihre Uhr. Es war halb elf. Können die nicht langsam mal gehen, damit ich auch verschwinden kann …, dachte sie angesäuert. „Hey Süße, was ist denn mit dir los?“, fragte Paloma, die an den Tisch in der hintersten Ecke, an dem Anna sich die ganze Zeit festhielt, herantrat. „Ich dachte, du bist schon nach Hause gegangen.“ Zerknirscht sah Anna ihre Freundin an. Wachhund Lanford lässt mich nicht gehen, sonst wäre ich schon längst weg, glaub mir. „Ja, …“, stieß sie knapp hervor. „… vielleicht sollte ich das langsam mal tun.“, fügte sie nuschelnd hinzu und versuchte, sich auf Palomas Gesicht zu konzentrieren, was bedrohlich vor ihren Augen schwankte. Ups … da war wohl ein Punsch zuviel … Als sich schließlich Jasmin zu ihnen gesellte, witterte Anna ihre Chance. Sie wartete, bis Paloma und Jasmin in ein Gespräch vertieft waren, und stieß sich schließlich von dem Tisch ab. Oh je … halt mal einer die Welt an … Kurz huschte ihr Blick durch das Atelier. Tom ist nicht zu sehen, das ist meine Chance … Mit unsicheren Schritten schob sie sich durch die Menge und blieb schließlich vor der Treppe stehen. Haltsuchend klammerte sie sich an dem Geländer fest. Oh Gott, in diesem Zustand schaffst du es nie bis nach Hause … Ihr Blick glitt zurück zu Paloma, ein Gedanke schoss durch ihren Kopf. Doch sie verwarf ihn genauso schnell, wie er gekommen war, als sie ihre Augen auf das obere Ende der Treppe richtete. Und wenn ich einfach … Wieder sah sie sich um. Jetzt oder nie …, dachte sie und erklomm langsam Stufe für Stufe die obere Etage. Ihr war schwindelig, als sie den oberen Treppenabsatz erreichte. Sie atmete tief durch, hangelte sich zum nächstliegenden Büro und öffnete die Tür. Als selbige hinter ihr ins Schloss fiel und ihr Blick das lederne Sofa streifte, schloss sie erleichtert die Augen. Nur für ein paar Minuten … dann verschwindest du, Anna …

Tom war nicht entgangen, wie Anna die Treppe hinaufgegangen war. Was will sie denn da oben? …, dachte er, als wie aus dem Nichts Bruno neben ihm auftauchte und ihn aus seinen Grübeleien riss. „Ach, … es geht doch nichts über Weihnachten.“, schwärmte er plötzlich los. Tom zog fragend die Brauen hoch und musterte seinen Vater skeptisch, bis plötzlich Paule an dem Tisch auftauchte. Sofort wandte Bruno seine Aufmerksamkeit seiner Tochter zu. Unter anderen Umständen wäre Tom genervt gewesen, aber in diesem Moment war er für diese willkommene Ablenkung mehr als dankbar. Und bevor sein Vater seine Aufmerksamkeit wieder auf ihn richten und seine Predigt über das Fest der Liebe und Familie auffrischen konnte, hatte er sich aus dem Staub gemacht. Ohne zu zögern steuerte Tom die Treppe an und huschte in die obere Etage, auf der Suche nach Anna. Sein Blick fiel durch die Glaswand eines der Büros. Hier bist du also … Grinsend schüttelte er den Kopf, als er Anna auf dem Sofa liegen sah. Vorsichtig öffnete er die Bürotür und trat ein. Ja, ja … so eine Weihnachtsfeier kann schon recht ermüdend sein …, dachte er und kniete sich zu der schlafenden Blondine. Aber hier solltest du nicht bleiben … Für einen Moment erwog er den Gedanken, sie einfach zu wecken und wieder hinunter zur Party zu schleifen, als ihm plötzlich eine viel bessere Idee kam. Vorsichtig hob er die Blondine hoch und trug sie aus dem Büro. Mit seiner bezaubernden Fracht auf den Armen steuerte er auf die Tür am Ende des Ganges zu, drückte eine Kombination in das elektronische Zahlenschloss neben der Tür und öffnete sie. Der Raum dahinter diente Bruno für gewöhnlich als Rückzugsort, aber auch Tom nutzte ihn gelegentlich zur Übernachtung, wenn er über die Arbeit mal wieder die Zeit vergessen hatte und zu müde war, um nach Hause zu fahren. Behutsam legte er Anna auf das Bett, zog ihr die Schuhe aus und legte eine Decke über sie. Vorsichtig setzte er sich auf die Bettkante und betrachtete die schlafende Frau. Sanft strich er ihr ein paar Strähnen aus der Stirn, als Anna sich plötzlich regte und blinzelnd die Augen öffnete. Mühsam rappelte sie sich auf und sah ihn mit großen Augen an.

„Tom …“, nuschelte Anna und lächelte. Er runzelte irritiert die Stirn, und ehe er es sich versah, hatte sie sich zu ihm gelehnt und unerwartet ihre Arme um seinen Hals geschlungen. „Ich liebe dich …“, hauchte sie und sah ihm tief in die Augen. Ein verstohlenes Grinsen zuckte um seine Mundwinkel. Ich bin gespannt, ob du das morgen auch noch so siehst, wenn du wieder nüchtern bist …, dachte er amüsiert. „Küss mich!“, forderte sie mit undeutlicher Stimme und rückte näher. Tom schluckte hart, … für einen Moment war er schwer versucht, ihrer Aufforderung nachzukommen. Doch dann besann er sich und schob sie sanft von sich, ehe sie ihre gespitzten Lippen auf seine pressen konnte. Morgen würdest du mich dafür hassen … Unendliche Sekunden vergingen, ehe sie schließlich die Augen schloss und in das Kissen zurücksank. „Schlaf gut, … mein Engel.“, flüsterte er und strich ihr sanft über die Wange. Dann erhob er sich und verließ den Raum. Ungeduldig sehnte Tom das Ende dieser Party herbei, während seine Gedanken bei Anna oben im geheimen Schlafzimmer weilten und ihre Worte auf Endlosschleife durch seinen Kopf schwirrten. Zugegeben, das Ende dieses Abends hatte er anders geplant, aber wenn er ehrlich war, war die Aussicht, die Nacht neben seiner Lieblingsblondine zu verbringen, durchaus angenehmer, als sich – wie so oft – schlaflos durch seine heimischen Laken zu wälzen. Und der Umstand, dass er genug getrunken hatte – und er Anna darüber hinaus nicht alleine hier lassen würde – gab seinem Entschluss letztlich den entscheidenden Impuls. Prüfend ließ er den Blick durch das Atelier schweifen. Noch zwölf Leute, … verdammt, können die nicht einfach mal gehen …, ging es ihm frustriert durch den Kopf und wünschte sich einmal mehr, das Ende der Party zu seinen Gunsten beschleunigen zu können.

Es war kurz nach eins, als Tom Maik, Jasmin und Paule regelrecht in den Fahrstuhl stopfte und unter Androhung von Konsequenzen dazu zwang, nach Hause zu gehen. Erleichtert seufzte er auf, als sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte. Endlich allein … Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er an die schlafende Schönheit in dem geheimen Zimmer dachte. Mit klopfendem Herzen sprintete er die Treppe – immer zwei Stufen auf einmal nehmend – hinauf. Er holte tief Luft als er die Zahlenkombination in das Schloss eintippte und die Tür mit einem leisen Klacken aufsprang. Dunkelheit empfing ihn. Hastig entledigte er sich seiner Klamotten, während er zum Bett ging. Mondlicht fiel durch das Fenster auf das Bett und streichelte den Körper der jungen Frau, die er vor ein paar Stunden hierher gebracht hatte. Die Augen weit aufgerissen, stieß Tom keuchend die Luft aus, als sein Blick auf nackte Haut fiel. Sie hat sich ausgezogen …, schoss es überrascht durch seinen Kopf, während seine Augen fasziniert auf der schlafenden Frau ruhten, die ihm einen atemberaubend unverhüllten Anblick schenkte. Kurzerhand krabbelte er unter die Bettdecke, versuchte, seinen Puls zu beruhigen und seine Gedanken zu verdrängen, die ihn mit einer neben sich liegenden nackten Anna folterten.

Als Anna am nächsten Morgen die Augen aufschlug, sah sie sich verwirrt um. Wo bin ich? Als ihr Blick auf den nackten Mann – zumindest war der Oberkörper nackt – neben ihr fiel, keuchte sie erschrocken auf. Hastig blickte sie an sich herab und musste zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie ebenfalls nackt war. Was ist hier los? Und was macht Tom hier? Für einen Moment war sie wie erstarrt, ehe sie ihn genauer betrachtete. Sein Gesicht hatte er zur Seite gewandt, so dass sie es nicht sehen konnte. Zentimeter für Zentimeter glitten ihre Augen über seinen Körpers, als plötzlich ein Anflug von unerwarteter Neugier in ihr aufkeimte. Prüfend sah sie auf; sein Gesicht war immer noch zur Seite gedreht. Vorsichtig streckte sie die Hand nach der Bettdecke, die bis auf seine Hüften hinabgerutscht war, aus und hob sie langsam hoch. Erschrocken riss Anna Mund und Augen auf, als sie darunter schaute. Ach du lieber Himmel … Hastig ließ sie die Decke fallen und schlug sich die Hand vor den Mund … Wir haben doch nicht etwa …, dachte sie und streckte erneut ihre Hand nach der Bettdecke aus, um sich zu vergewissern, dass ihre Phantasie ihr keinen üblen Streich gespielt hatte, als Tom sich plötzlich regte. Wie von der Tarantel gestochen, sprang sie aus dem Bett, sah sich hastig nach ihren Klamotten um und fand sie am Fußende des Bettes. Oh Gott, ich muss hier raus, bevor er noch mitkriegt, dass ich unter seine Decke geguckt hab …, brüllten ihre Gedanken, während sie sich blitzschnell anzog. Du und deine verdammte Neugier, Broda …, schalt sie sich und flüchtete aus dem fremden Raum. Spontane Erleichterung erfasste sie, als sie vor der Tür auf eine bekannte Umgebung traf – Lanford. Für einen Moment hatte sie gedacht, Tom hätte sie letzte Nacht in ihrem Rausch verschleppt. Langsam lief sie die Treppe hinunter und sah sich in den Überresten der gestrigen Weihnachtsfeier um, ehe ihr Blick auf ihren Schreibtisch fiel, auf dem noch immer das ungeöffnete Geschenk stand.

Tom war nicht entgangen, wie Anna heimlich unter seine Bettdecke geschielt hat. Dennoch verwirrte es ihn, dass sie daraufhin direkt geflüchtet war. Vorsichtig hob er die Decke an und guckte darunter. Mhmm … ich wusste gar nicht, dass ich so furchteinflößend bin …, lächelte er und ein leises Kribbeln jagte durch seinen Körper als er sich an ihre hübschen Kurven erinnerte, die er letzte Nacht bewundern durfte und für einen unruhigen Schlaf gesorgt hatten. Aber nicht ihre verführerische Gegenwart allein hatte ihn kein Augen zutun lassen, vielmehr war es dieses „Ich liebe dich“, was ihn die ganze Nacht beschäftigt hatte. Immer wieder hatte er sich gefragt, wie viel Wahrheit tatsächlich in diesen Worten steckte. Und spätestens nach ihrem neugierigen Blick unter seine Decke war ihm etwas klar geworden. So ganz egal scheine ich ihr nicht zu sein. Ohne noch länger darüber nachzudenken, sprang er aus dem Bett und schlüpfte in seine Klamotten. Er würde Anna nicht so einfach gehen lassen – nicht mehr. „Guten Morgen“, stieß Tom gut gelaunt aus, als er die Treppe herunterkam und Anna an ihrem Schreibtisch erblickte. Die Blondine wandte sich um und sah ihn erschrocken an. Hastig stellte sie das Geschenk zurück auf den Tisch und eilte Richtung Fahrstuhl. Doch Tom fing sie unter einem der Bögen ab und hielt sie fest. Mit einem verstohlenen Grinsen sah er zu dem Mistelzweig auf, den Virgin gestern dort mit dem Ziel, ahnungslose männliche und weibliche Kandidaten darunter zu lotsen, aufgehängt hatte. Leider fanden die wenigsten Mitarbeiter diesen Brauch witzig. Allein Mike und Paule waren in diesem Spaß, wie sie ihn nannten, aufgegangen, und hatten Virgin in seinem aussichtslosen Vorhaben den Rücken gestärkt.

„Na so ein Zufall aber auch …“, grinste Tom und sah Anna tief in die Augen. Und bevor die reagieren konnte, zog er sie an sich und küsste sie einfach. Für einen Moment war sie wie paralysiert, doch dann schubste sie ihn entschieden von sich und holte mit der rechten Hand aus, die Tom gekonnt einfing. Sein aufkeimender Triumph wurde jedoch durch ein spontanes Brennen an seiner rechten Wange abgelöst. „Was fällt dir ein, mich einfach zu schlagen.“, schnauzte er, nachdem Anna ihm schließlich mit der Linken eine gepfeffert hatte. „Was fällt Ihnen ein, mich einfach zu küssen?“, blaffte sie zurück. „Tse … gestern hast du mich noch angebettelt, dich zu küssen.“, konterte er. „Ich war betrunken.“, war Annas lapidare Antwort. „Und du hast dich in meinem Bett ausgezogen … ganz freiwillig.“, fuhr er fort. „Mir war warm … und außerdem sagte ich schon, dass ich betrunken war …“, erwiderte Anna. „Also nach dem Weihnachtspunsch gestern warst du deutlich entspannter. Vielleicht solltest du noch ein Gläschen trinken.“, grinste er. Anna riss entsetzt die Augen auf und wollte ihm erneut eine pfeffern, als er schließlich unvermittelt ihr Handgelenk packte und sie hinter sich her in sein Büro schleifte. Sie stemmte widerwillig die Füße in den Boden, aber sie kam gegen ihn nicht an. Als die Tür ins Schloss fiel und Tom sie schließlich losließ, nutzte sie die Gelegenheit, um zu fliehen. Sie hatte kaum die Tür geöffnet, als Tom seine Hand gegen das Holz gedrückt und die Tür überaus geräuschvoll zuknallte. Erschrocken wandte Anna sich um und fand sich schließlich direkt ihm gegenüber wieder, gefangen zwischen seinen Händen, die er rechts und links von ihrem Kopf gegen die Tür gestemmt hatte. Einen unendlichen Augenblick lang starrten sie sich einfach nur an.

„Du hast unter meine Bettdecke geguckt.“, bemerkte Tom schließlich mit einem süffisanten Grinsen. „Hab ich nicht.“, widersprach sie heftig. Tom neigte den Kopf. „Hast du wohl, ich war dabei …“, grinste er. „Und … hat dir gefallen, was du gesehen hast?“, fragte er provokativ. Anna schnappte nach Luft. Sie spürte, wie ihre Wangen zu glühen begannen, als die kurze Szene durch ihren Kopf huschte. Gefallen? „Tse … das hätten Sie wohl gern.“, bemerkte sie abfällig und drehte ihm demonstrativ den Rücken zu, um ihre Verlegenheit zu verbergen. So viel war ja nun auch wieder nicht zu sehen …, versuchte sie, das Gesehene zu verharmlosen. Tom grinste, trat ganz nah hinter sie und hauchte ein verführerisches „Du glaubst gar nicht wie sehr …“ in ihren Nacken. Annas Atem geriet ins Stocken und ihr Herz begann zu rasen. Mit zitternden Händen griff sie nach der Klinke und wollte erneut fliehen, als Tom abermals die Tür zustemmte. „Was soll das?“ Fauchend drehte sie sich um und blitzte ihn wütend an. „Du bist einfach von der Weihnachtsfeier abgehauen. Mein Vater sieht so was gar nicht gerne.“, erinnerte Tom sie streng. Anna maß ihn unbeeindruckt. „Kündigen Sie mich jetzt?“, fragte sie vorlaut. Tom starrte sie ob dieser Frage völlig perplex an. „Nein“ „Schade“, entfuhr es ihr sarkastisch, ehe sie sich zurückhalten konnte. „Würde zumindest gut zu Ihrem Verhaltensmuster passen … Gefeuert wegen Fernbleibens von einer Weihnachtsfeier … tse … “, zog sie ihn auf und lächelte angriffslustig. „Das reicht.“, zischte Tom erbost. Eine Weile sahen sie sich verbissen in die Augen. Tu etwas, bevor sie wieder abhaut …, schoss es ihm durch den Kopf. Los, es ist Weihnachten … du weißt schon, Liebe und Harmonie und so … Oh Gott, du hörst dich schon an wie Bruno …, dachte Tom und senkte seufzend den Blick. Na mach schon, gib dir einen Ruck und finde raus, was sie für dich empfindet. „Anna …“, begann er nach einer Weile mit leiser Stimme, ehe er einen neuerlichen Blick in diese tiefblauen Augen riskierte. Ein Räuspern folgte. „Gehst du mit mir essen, … heute Abend?“, fragte er mit fester Stimme. Mhmm, dein Charme liegt wohl noch oben im Bett … aber na ja … immerhin ein Anfang …, fügte er in Gedanken hinzu.

Anna riss verdattert die Augen auf. Für ein paar Sekunden war sie wirklich überrascht. Doch das Misstrauen holte sie umgehend wieder ein. „Wenn das ein Scherz sein soll, dann kann ich nicht drüber lachen.“ Tom hob eine Braue und lächelte. „Nein, ich meine es ernst.“ Anna schnaubte leise, noch immer skeptisch. „Ist das so eine Art Strafe für gestern … weil ich von der Feier abhauen wollte?“ Tom biss sich auf die Zunge und schnaufte leise. Diese Frau war einfach unverbesserlich. Egal was er tat oder sagte, sie hatte stets und ständig das letzte Wort. „Sieh es als eine Art Entschuldigung dafür, dass ich dich einfach geküsst habe.“, meinte er versöhnlich. Sie blinzelte hektisch und starrte ihn verdattert an. „Bitte …“, fügte er mit diesem tiefen Blick in ihre Augen hinzu. Anna sog scharf die Luft ein und versuchte, mit der Tür zu verschmelzen. Oh Gott, das ist zu nah … viel zu nah … „O-okay …“, stammelte sie schließlich und riss sich von seinen Augen los. Tom neigte sich näher zu ihr. „Gut, dann treffen wir uns um Acht in der Goldelse.“, lächelte er, ehe er Anna freigab, sie sich umwandte und Hals über Kopf aus seinem Büro floh …

Punkt Acht Uhr betrat Tom die Goldelse und sah sich suchend um, als sein Blick auf die Treppe fiel, von der Anna gerade herunter kam. Sein Herz machte einen kleinen Freudensprung, hatte er doch fast erwartet, dass sie ihn abblitzen lassen würde. Dass sie aber gekommen war, deutete er als positives Zeichen. Sie ließen sich an einem der Tische nieder und Tom schob ihr mit einem gewinnenden Lächeln das Geschenk über den Tisch. „Das hast du heute Morgen im Atelier vergessen.“, bemerkte er mit einem verschmitzten Augenzwinkern. Anna zog skeptisch die Brauen zusammen. Was ist denn mit dem passiert? Sie räusperte sich leise, schnappte sich das Geschenk und verbannte es unter den Tisch. Tom verzog mürrisch das Gesicht. „Willst du es denn nicht auspacken?“ „Später.“, erwiderte sie knapp, als Susanne zu ihnen trat und ihre Bestellung aufnahm. Nachdem Annas Mutter wieder gegangen war, starrten sie in angespanntem Schweigen auf den Tisch, als plötzlich ein wohlklingendes „Hallo, schöne Frau“ die Stille unterbrach. Argwöhnisch kniff Tom die Augen zusammen als er das plötzliche Strahlen in Annas Augen bemerkte. Verstohlen warf er einen Blick zur Seite und bemerkte einen ihm völlig unbekannten Typen, der Anna auf eine Weise ansah, die Tom gar nicht gefiel. „Tut mir leid, dass ich dich gestern versetzt habe.“, erklärte der Fremde bedauernd. „Hast du nicht.“, widersprach Anna prompt und streifte flüchtig Toms Blick. Hellhörig geworden, runzelte Tom fragend die Stirn. „So so, der Zahnarzttermin also …“, murmelte er und versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Er hatte ja gewusst, dass Anna von der Feier verschwinden wollte; dass der Grund aber ein anderer Kerl war, schockierte ihn und führte ihm einmal mehr vor Augen, was für ein Trottel er eigentlich war. Anna warf Tom einen undeutbaren Blick zu und erhob sich. Kurzerhand führte sie den fremden Typen Richtung Treppe und ließ Tom einfach sitzen. Das war zuviel für ihn. Gut, er hatte sich nicht immer korrekt verhalten, aber er war schließlich über seinen Schatten gesprungen, hatte einen ersten echten Schritt gewagt und sie zum Essen eingeladen. Und nun ließ sie ihn einfach für den nächstbesten Kerl sitzen? Niemals! Er hatte sich geschworen, Anna nicht gehen zu lassen – und schon gar nicht mit einem Anderen … Er hatte zumindest eine faire Chance verdient.

Eilig griff er das Geschenk, was sie lieblos auf dem Fußboden abgestellt hatte, stand auf und folgte den beiden. „Anna …“, rief er ihr zu. Die Blondine wandte sich um und sah ihn fragend an. „Du hast etwas vergessen.“, sagte er und hielt ihr das Päckchen hin. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie auf ihn zutrat. Mit einem geflüsterten „Danke“ nahm sie ihm das Paket ab. In diesem Moment ergriff Tom ihre Hand und zog Anna, die überrascht aufquiekte, an sich. „Bitte tu mir das nicht an, Anna.“, flüsterte er hastig und warf dem Typen hinter ihr einen verstohlenen Blick zu. „Ich weiß, ich hab mich wie ein Idiot verhalten, aber …“ Er unterbrach sich kurz, während er diese eifersüchtige Stimme in seinem Kopf zu verdrängen versuchte. „… der Typ passt doch gar nicht zu dir.“, fügte er unvermittelt hinzu. Anna hob die Brauen. „Ach … und du meinst, du passt besser zu mir?“, fragte sie erstaunt. Tom schluckte schwer, wieder huschte Sein Blick zu dem fremden Kerl, der ihn jetzt argwöhnisch musterte. „Du hast mir letzte Nacht gesagt, das du mich liebst.“, antwortete er. „Tom …, ich war …“ „Nein, …“, unterbrach er sie. „Ich liebe dich auch, Anna … so lange schon, … ich hab mich nur nie getraut, es dir zu sagen.“ Überrascht riss sie die Augen auf. „Und … warum … jetzt?“ Betreten senkte er den Kopf. „Weil ich zum ersten Mal wirklich Angst habe, dass du für mich unerreichbar werden könntest.“ Wieder sah er auf und ihr direkt in die Augen. Auch auf die Gefahr hin, dass sie mir wieder eine knallt, … aber sie gehört zu mir … Mit beiden Händen umfasste er ihr Gesicht und drückte zärtlich seinen Mund auf ihren, bevor sie ihn davon abhalten konnte. Tom schlug das Herz bis zum Hals, während er all die Gefühle, die er für Anna empfand, in diesem Kuss legte. Nur am Rande nahm er ein mürrisches Knurren wahr, dem Sekunden später das Knallen der Restauranttür folgte. Offensichtlich war Annas Date gerade gegangen, … und eine kleine hämische Stimme in Toms Kopf freute sich diebisch darüber.

Anna hatte das Gefühl zu schweben als Tom sie küsste, und es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ihr aufging, dass sie ihm noch immer keine geknallt hatte … so wie heute Morgen – was ihr irgendwie sogar leid getan hatte. Vom ersten Moment an hatte sie sich in Tom verliebt. Und trotz der Tatsache, dass er sie in einer Tour provozierte und sie sich stets und ständig zofften, fühlte sie sich zu ihm hingezogen … Alles hatte sie versucht, und am Ende hatte sie sich schließlich damit abgefunden, dass er wohl einfach nicht dasselbe für sie empfand wie sie für ihn. Als sie heute Morgen nackt neben ihm aufgewacht war, war sie zunächst hin und her gerissen. Doch dann hatte sie die Angst gepackt und war geflohen, … weil sie einfach nicht wusste, wie diese Situation in ihre Gefühlswelt passte. Und nun stand er hier, küsste sie und sagte ihr, dass er sie liebte – endlich. „Na hoppla, …“, ertönte die Stimme von Susanne, die gerade aus der Küche kam. „Und dann noch unterm Mistelzweig, … na wenn das mal nichts zu bedeuten hat.“, fügte sie amüsiert hinzu. Überrascht lösten sich die beiden voneinander und sahen gleichzeitig auf. „Oh, stimmt ja, … der polauksche Mistelzweig … Den hab ich doch glatt vergessen.“, meinte Anna entschuldigend. Tom schüttelte lächelnd den Kopf und zog sie fest in seine Arme. „Ja, … was für ein Zufall.“, murmelte er mit einem verschämten Schmunzeln. „Ich liebe dich, Tom.“, flüsterte Anna und blinzelte hastig die Tränen weg, die sich in ihre Augen gestohlen hatten. Tom neigte den Kopf und sah sie mit mahnendem Blick an. „Und warum weigerst du dich dann, mein Geschenk auszupacken?“, fragte er mit traurigen Augen. Überrascht sah sie auf das Päckchen in ihrer Hand. „Das ist von dir?“ Er zuckte versucht lässig die Schultern, während er Anna gebannt dabei beobachtete, wie sie das Geschenk öffnete – sein Geschenk. Aus einem kleinen Karton förderte Anna eine Schneekugel zutage, die sie Sekunden später mit leuchtenden Augen betrachtete. Einen Wimpernschlag später fiel sie Tom um den Hals und hauchte ein leisen „Danke, die ist … wunderschön.“ an seinen Lippen. Und während sie langsam in einem leidenschaftlichen Kuss versanken, tanzte der Schnee in der Glaskugel glitzernd um ein sich unter einem Mistelzweig küssenden Pärchen.

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katha

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "Mistletoe and Wine" (Side-Story)   Do Jul 05 2012, 22:40

Hach Mini, ist das süß.
Ist ja gerade nicht wirklich weihnachtlich bei den saunamäßigen Wetterbedingungen, aber wenn Anna und Tom zusammen finden, ist mir das ehrlich gesagt auch völlig egal. I love you
Und es war wie immer eine Wonne, was Neues von dir zu lesen.
Danke Laughing
Liebe Grüßen
Katha
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "Mistletoe and Wine" (Side-Story)   Fr Jul 06 2012, 13:22

Ich finde deinen Schreibstil so atemberaubend gut! Man kann sich immer so super in die Personen hineinversetzen. Ganz dickes Kompliment.
freue mich mehr von dir zu lesen Smile

Ganz Liebe Grüsse
Lizzy
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Sonnenschein
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "Mistletoe and Wine" (Side-Story)   Sa Jul 07 2012, 15:43

Der guckte mit einem Gesicht, als hätte er Tennissocken zum Frühstück gehabt – abgestandene Tennissocken

...während sie gedanklich die Tennissocken durch lange Männerunterhosen, die noch viel länger abgestanden waren, ersetzte.

...der nach wie vor die Männerunterhosen verdaute.

Das wissen Sie doch, oder stehen Sie der schönen Aussicht wegen hier?

Auch ne Möglichkeit zu fliehen, aber ich wollte eigentlich lebend zu meinem Date kommen

Deine Formulierungen sind einfach der Hammer, genauso wie diese Geschichte.
Manchmal haben Wihnachtsfeiern ja doch etwas gutes Wink

LG Tastentante
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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "Mistletoe and Wine" (Side-Story)   Sa Jul 07 2012, 16:17

Tastentante schrieb:
Der guckte mit einem Gesicht, als hätte er Tennissocken zum Frühstück gehabt – abgestandene Tennissocken

...während sie gedanklich die Tennissocken durch lange Männerunterhosen, die noch viel länger abgestanden waren, ersetzte.

...der nach wie vor die Männerunterhosen verdaute.

Das wissen Sie doch, oder stehen Sie der schönen Aussicht wegen hier?

Auch ne Möglichkeit zu fliehen, aber ich wollte eigentlich lebend zu meinem Date kommen

Deine Formulierungen sind einfach der Hammer, genauso wie diese Geschichte.
Manchmal haben Wihnachtsfeiern ja doch etwas gutes Wink

LG Tastentante

Danke! Very Happy
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leseratte

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "Mistletoe and Wine" (Side-Story)   Do Aug 15 2013, 06:18

Ooooooh wie süß.
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Anna und die Liebe - AnTom-FF "Mistletoe and Wine" (Side-Story)
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