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 Luca oder Wie das Leben so spielt

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BeitragThema: Luca oder Wie das Leben so spielt   Di Dez 17 2013, 22:20

So, hier ist schon mal der erste Teil von Luca. das ist der erste meiner vielen Versuche, ein Buch zu schreiben :)Ich hoffe es gefällt euch. Viel Spaß beim Lesen Smile


Kleine Zusammenfassung:

Nicklas ist 18 Jahre , sieht super aus, ist sportlich und steht kurz vor dem Abitur. Und wahrscheinlich könnte er auch so gut wie jedes Mädchen auf der ganzen Schule haben, aber trotzdem ist Nicklas immer noch auf der Suche nach der großen Liebe.

Als ihn dann eines Tages sein bester Freund Timo darum bittet, sich um seinen kleinen Bruder Luca zu kümmern, da dessen Leben komplett aus den Fugen zu geraten scheint, ahnt Nicklas nicht, dass die Liebe seines Lebens bereits zum greifen nah ist...


Zuletzt von Lana1982 am Di Dez 17 2013, 22:29 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Kapitel 1   Di Dez 17 2013, 22:21

Als ich an diesem Tag von der Schule nach Hause kam, schmiss ich meine Schultasche in die Ecke und warf mich erst einmal auf mein Bett. Irgendwie, war es heute besonders anstrengend gewesen und ich weiß nicht einmal wieso. Ich kuschelte mich in meine Decke, meine Hände waren immer noch eisig kalt, bei -5 Grad draußen war das aber wohl auch kein Wunder. Nachdem ich mich dann endlich ein kleines bisschen aufgewärmt hatte, nahm ich mir die Fernbedienung in die Hand und zappte ein bisschen durch das Nachmittagsprogramm. Aber ich musste schnell feststellen, dass dort irgendwie doch nur Mist lief. Also raffte ich mich auf und setzte mich an meinen Schreibtisch, um Hausaufgaben zu machen. Das zählte nicht unbedingt zu meinen Lieblingsaufgaben, aber was sein musste, das musste eben sein.

Nachdem ich ca. eine Stunde hier so saß, mir den Kopf über den Lateinaufgaben zerbrach, schellte es an der Tür. Ich reagierte erst nicht, denn normalerweise war ja meine Mum da, die sicherlich die Tür aufmachen würde. Doch als es dann zum dritten Mal klingelte, stand ich doch auf und ging ins Treppenhaus. Ich erwartete ja Besuch, allerdings war dieser doch reichlich früh dran, wie ich feststellte, als ich auf meine Uhr sah.

„Muuuuuuuuuuum“, rief ich laut die Treppen runter. „Es hat geklingelt! Machst du bitte auf? Es ist bestimmt Timo, er wollte zum Lernen vorbei kommen.“, einige Sekunden später hörte ich auch schon die Tür ins Schloss fallen, sie war also doch da. Ich ging zurück in mein Zimmer, setzte mich wieder an meinen Schreibtisch, Timo wusste ja, wo er hin musste.

„Nick? Bist du da?“, rief er aus dem Flur.
„Ja ich bin hier, komm rein.“
Es war also tatsächlich Timo, was mich wirklich wunderte. Wir waren zwar zum lernen verabredet, aber eigentlich erst in zwei Stunden. Und das konnte bei Timo nichts Gutes bedeuten, denn er war sonst alles andere als pünktlich und schon mal gar nicht überpünktlich. Es musste also wieder irgendetwas vorgefallen sein und ich konnte nur hoffen, dass es dieses Mal nicht wieder allzu schlimm sein würde.

Doch bevor ich jetzt weiter erzählte, erst einmal ein paar Worte zu mir. Ich heiße Nicklas, meine Freunde nennen mich aber einfach nur Nick. Ich bin 18 Jahre alt, habe kurze blonde Haare, blau-grüne Augen, bin ca. 1,89 m groß und wiege so um die 80 Kilo. Eigentlich bin ich ziemlich sportlich, auch wenn ich vor einem Jahr mit dem Fußballspielen aufgehört habe. Ich habe eine Schwester, meine geliebte Zwillingsschwester. Die aber zur Zeit gar nicht in Deutschland, sondern in Italien ist. Schüleraustausch nennt man den Quatsch glaube ich. Also für mich wäre das nichts, 1 Jahr lang weit weg von der Familie, von den Freunden. Ich glaube, ich könnte das nicht. Aber ihr gefiel es da und das war die Hauptsache. Mehr gibt es im Moment auch eigentlich nicht zu sagen, mein Leben war gerade auch nicht unbedingt spannend.

Als Timo in mein Zimmer kam, konnte ich ihm sofort ansehen, dass irgendetwas nicht stimmte. Er sah total fertig und niedergeschlagen aus, schmiss sich sofort auf mein Bett, starrte an die Decke. Genau das hatte ich mir schon gedacht.

„Hey...“, mehr sagte er erst gar nicht.
„Hi... Was ist los Timo?“
„Manchmal machst du mir echt Angst.“, sagte er und ich musste ein bisschen lachen. „Du kennst mich echt zu gut.“
„Ja, so sollte es aber auch sein. Also erzähl, was ist passiert?“
„Ach das übliche. Du weißt ja...“
„Hmm, Luca?“, Timo nickte nur und ich, ich sagte nichts weiter dazu. Denn das musste ich auch gar nicht, denn ich kannte die Stories um Luca zu genüge. Luca war Timos jüngerer Bruder und die beiden hatten alles andere als ein gutes Verhältnis zueinander. Seit ich Timo kannte, und ich kannte ihn schon ewig, machte Luca nur Stress. Das fing im Grundschulalter schon an und wurde mit der Zeit auch immer schlimmer. Er schwänzte die Schule, tat seinen Mitschülern Gewalt an, er nahm Drogen, trank viel zu viel Alkohol. Luca war wirklich ein Fall für sich und ich fragte mich, ob er irgendwann auch mal zur Vernunft kommen würde. Konnte das alles überhaupt noch schlimmer werden?

„Was ist nun wieder passiert?“, fragte ich dann irgendwann doch, aber schon ziemlich genervt. So langsam ging mir der Kleine (klein ist durchaus berechtigt, er ist erst 15) auf den Keks.
„Er hat mal wieder geklaut. Dieses Mal eine Hose im Wert von über 150 Euro. Die Polizei hat ihn direkt von dem Laden aus nach Hause gebracht, sie meinten, die Besitzer verzichten auf eine Anzeige, weil er noch so jung ist. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätten ihn angezeigt. Anders lernt er es doch nicht mehr. Ich weiß einfach nicht mehr, wie das weiter gehen soll, wir haben doch schon alles versucht.“, er schlug die Hände über dem Kopf zusammen, ich konnte ihm ansehen, wie verzweifelt er war. Er tat mir so verdammt leid, doch was hätte ich tun können, um ihm zu helfen? Eigentlich war es doch zwecklos. „Meine Mum ist auch schön völlig am Ende, weiß nicht mehr, was sie tun soll. Und ich? Ich weiß auch nicht mehr weiter, kann sie nicht unterstützen. Es ist echt zum Verrückt werden.“
„Timo ich weiß, dass das alles nicht so einfach ist, aber ihr dürft euch von ihm nicht fertig machen und schon mal gar nicht auf der Nase herum tanzen lassen. Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben, den Jungen zu Verstand zu bringen.“, ich stand auf und ging zum Fenster, schaute nach draußen. Auch wenn ich nie wirklich viel mit Luca zu tun hatte, so ging mir diese Sache ganz schön nahe. Das lag aber wahrscheinlich mehr daran, dass es hier nicht nur um Luca, sondern auch um Timo ging. Und trotzdem wollte ich auch nicht, dass Luca so langsam mehr oder weniger vor die Hunde ging. Irgendetwas musste man doch tun können, um ihm zu helfen. Um ihm klar zu machen, dass es so nicht weiter gehen konnte. Aber egal wie oft und wie lange ich darüber nachdachte, mir fiel einfach nichts dazu ein.

„Sag mal Nick, kannst du nicht mal versuchen mit ihm zu reden?“, sagte Timo plötzlich. Das konnte doch nicht sein Ernst sein.
„Ich? Ich kenne ihn doch kaum. Warum sollte er ausgerechnet auf mich, eine für ihn fast fremde Person, hören? Wenn es ihm schon egal ist, was du und deine Mutter dazu sagen, wird ihm meine Meinung genauso scheiß egal sein.“
„Aber Nick, vielleicht ist gerade das die Lösung. Ich meine, wir sind seine Familie, wir nerven ihn nur, haben seiner Meinung nach eh keine Ahnung von ihm. Aber du, du bist ein Außenstehender, vielleicht nimmt er sich von dem was du sagst, etwas an.“
„Ich bin kein Außenstehender Timo, ich bin dein bester Freund und das weiß er auch. Ich glaube nicht, dass das etwas bringen würde.“
„Bitte Nicklas, du bist meine letzte Hoffnung. Ich weiß doch auch nicht mehr, was ich noch machen soll. Dann kann ich aber wenigstens sagen, ich habe alles versucht.“, er war so verzweifelt, ich konnte gar nicht anders, als ja zu sagen.
„Gut, ich versuche es. Aber ich kann dir nicht versprechen, dass es auch funktioniert.“
Er stand von meinem Bett auf, kam zu mir und nahm mich in den Arm. „Danke Nick, das bedeutet mir echt viel. Ich hoffe nur, dass du wenigstens ein bisschen bei ihm erreichen kannst.“
„Das hoffe ich auch... Das hoffe ich auch...“

Timo und ich redeten noch lange über Luca. Wir konnten beide nicht so wirklich verstehen, was mit ihm los war. Luca und Timo hatten eine tolle Kindheit gehabt, sie hatten eine tolle Mutter. Und Luca hatte dazu eben noch einen echt tollen Bruder. Timo hätte alles für ihn getan, das war schon immer so gewesen. Irgendwie musste es doch einfach möglich sein, ihn wieder auf den rechten Weg zu bringen. Am Besten so schnell wie möglich, bevor er noch komplett abrutschen und auf die schiefe Bahn geraten würde. Und ich war nun, wie Timo vorhin so schön sagte, seine letzte Hoffnung. Ich konnte wirklich nur hoffen, dass ich ihn nicht enttäuschen würde...

Später am Abend versuchten wir dann auch noch, ein bisschen zu lernen, was uns aber nicht so recht gelingen würde. Timo saß zwar über seinen Aufgaben, doch ich konnte ihm ansehen, dass er mit seinen Gedanken überall war, nur nicht da, wo er eigentlich sein sollte. Natürlich konnte ich das verstehen, aber ich hatte auch ein bisschen Angst, dass Timo in der Schule nachlassen würde. Immerhin würden wir im Sommer unser Abitur machen und wenn es so weiter gehen würde, dann bekäme er garantiert ein paar Probleme bei den Prüfungen. Allerdings konnte ich mir das jetzt auch nicht weiter mit ansehen, es war wahrscheinlich besser, wenn er sich jetzt auf den Weg nach Hause machte.

„Geh nach Hause Timo. Du bist eh nicht bei der Sache.“
„Hmm?“
„Ja genau“, jetzt ich musste lachen. „Geh nach Hause.
Du kannst dich ja eh kaum konzentrieren. Ich versteh
das, wirklich.“
„Es tut mir leid, aber der ganze Mist geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Aber die Englischaufgaben sind auch wichtig, also lass uns weiter machen.
„Quatsch, los verschwinde!“, ich grinste. Das hat doch so keinen Sinn. Ich lerne einfach noch ein bisschen alleine weiter.“
„Bist du dir sicher?“
„Ja, natürlich. Und jetzt komm.“, ich stand auf und zog ihn am Arm hinter mir her. Dann gingen wir zusammen nach unten und verabschiedeten uns von einander.
„Danke fürs Zuhören Nick, ich bin wirklich froh, dass ich dich habe.“, er umarmte mich kurz, ging dann nach draußen.
„Hey... Kein Problem, dafür sind Freunde doch da.“, wieder
grinste ich ihn an. „Und jetzt geh endlich. Wir sehen uns morgen.“
„Bis morgen Nicklas.“
„Bis morgen.“

Ich schloss die Tür, wollte eigentlich sofort wieder nach oben in mein Zimmer gehen, doch meine Mum rief mich zurück, bat mich, zu ihr in die Küche zu kommen.

„Was war denn mit Timo los? Er sah so traurig aus, als ich ihn herein gelassen habe.“, war ja klar, dass ihr das wieder aufgefallen war.
„Ach, das Übliche. Luca treibt die Familie mal wieder zum Wahnsinn. Timo ist echt am Ende, er und seine Mum wissen nicht mehr, was sie noch machen sollen, um ihn zur Vernunft zu bringen.“
„Was hat er nun wieder angestellt?“
„Er hat geklaut, wurde aber zum Glück nicht angezeigt.“
„Ich glaube, ich sollte Marie mal wieder anrufen. Ich habe sie echt schon lange nicht mehr gesprochen. Vielleicht kann ich ihr auch etwas helfen.“, Marie war Timos Mum.
„Ja das wäre eine gute Idee, denke ich. Vielleicht hilft es ihr schon, wenn sie einfach mal darüber reden kann.“
„Ich denke auch. Reden kann manchmal Wunder helfen.“
„Okay Mum, ich muss aber auch wieder hoch. Die Englischklausur...“, ich musste unbedingt weiter lernen, sonst würde das morgen nichts geben.
„Natürlich, tut mir leid.“, sie kam zu mir, gab mir einen Kuss auf die Wange. „Aber mach nicht mehr so lang.“
„Ja Muuum.“, ich musste ein wenig lachen, sie machte sich immer viel zu viele Gedanken. Aber ich war froh, dass sie sich ein bisschen um Timos Mum kümmern wollte, das würde ihr sicherlich etwas helfen.

Wieder in meinem Zimmer, setzte ich mich sofort an meinen Schreibtisch und nahm meine Englischbücher in die Hand. Ich lernte und lernte, merkte dabei gar nicht, wie schnell die Zeit doch verging. Als ich auf die Uhr schaute und feststellte, dass es bereits nach Mitternacht war, musste ich lächelnd an die Worte meiner Mutter denken. Sie kannte mich doch ziemlich gut. Ich legte die Sachen bei Seite und beschloss, jetzt auch mit dem Lernen aufzuhören. Was ich bis jetzt nicht konnte, das würde ich nun auch nicht mehr in meinen Kopf kriegen.

Also ging ich kurz ins Bad, wusch mich und putzte mir die Zähne, bevor ich mir eines meiner Bücher aus dem Real nahm und mich damit ins Bett legte. Weit kam ich damit allerdings nicht, denn ich war schon nach kurzer Zeit recht schnell eingeschlafen...
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BeitragThema: Kapitel 2   Di Dez 17 2013, 22:22


Der blöde Wecker weckte mich an diesem Morgen ziemlich unsanft. Klar, eigentlich tut das jeder Wecker, doch normalerweise, werde ich immer schon automatisch fünf bis zehn Minuten vor dem Klingeln wach. Ich war gestern Abend einfach viel zu lange wach gewesen. Und irgendwie hatte ich an diesem Morgen auch überhaupt keine Lust auf Schule. Aber was sollte ich machen, es war ja nicht zu ändern. Also schleppte ich mich aus dem Bett und ging erst einmal kalt duschen, danach fühlte ich mich dann auch schon viel besser und vor allem wacher. Ich zog mich schnell an, stylte noch irgendwie meine Haare, die ich aber, wie immer, nicht zu bändigen bekam. Dann nahm ich meinen Rucksack und ging runter zu meiner Mum in die Küche, die schon, wie jeden Morgen, das Frühstück für mich vorbereitet hatte.

„Guten Morgen mein Schatz, hast du gut geschlafen?“, fragte sie mich gut gelaunt.
„Ja hab ich, danke Mum.“, ich gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Und bist du gut vorbereitet für deine Klausur?“
„Ja bin ich. Du weißt doch, wenn ich etwas im Griff habe, dann ist es die Schule.“
Sie grinste mich an und ich merkte das sie mächtig stolz auf
mich war.
„Das ist gut, aber ich wünsche dir trotzdem viel Glück.“
Ich lächelte zurück und aß mein Brötchen mit Nutella – wie jeden Morgen.

Gegen halb acht saß ich dann in meinem Auto und machte mich auf den Weg zur Schule. Und wie jeden Morgen sammelte ich unterwegs auch Timo ein, der sogar schon vor dem Haus auf mich wartete, als ich ankam. Als er ins Auto stieg, sah ich noch einmal nach draußen und bemerkte, dass auch Luca das Haus verlassen hatte. Er war ganz schön blass, viel zu blass für meinen Geschmack. Doch er hatte seinen Rucksack auf dem Rücken, er machte sich also immerhin auf den Weg zur Schule. Wobei ich natürlich auch nicht mit Sicherheit sagen konnte, dass er da auch wirklich ankommen würde. Bei Luca wusste man nie so genau, was in seinem Kopf vorging. Doch ich beschloss, einfach mal positiv zu denken und ihm nicht sofort das Schlechteste zu unterstellen.

„Einen wunderschönen guten Morgen.“, sagte Timo fröhlich.
„Guten Morgen.“, ich musste ein wenig lachen. „Naaa? Geht es dir besser heute?“
„Ja mir geht es gut. Alles bestens.“, er lächelte mich an.
„Sicher? Ich meine gestern ging es dir nicht besonders...“
„Ja Nicklas. Ich kann und will mich nicht mehr von Luca runter ziehen lassen. Und ich habe beschlossen, jetzt erst einmal abzuwarten, was du erreichen kannst, wenn du mit ihm sprichst. Und bis dahin, habe ich einfach mal gute Laune.“
„Sehr gut. Ich werde auch versuchen, das Gespräch so schnell wie möglich hinter mich zu bringen, damit wir wissen, wo wir dran sind.“
„Danke nochmal.“
„Nichts zu danken.“

Ich versuchte, nicht weiter auf das Thema einzugehen. Es brachte ja auch nichts, wenn wir uns in jeder freien Minute darüber unterhielten. Damit tat ich weder Timo, noch mir einen gefallen. Also wechselte ich das Thema bis zur Schule auf den nächsten Spieltag der Fußball Bundesliga. Das war immer ein gutes Thema, um Timo von irgendetwas abzulenken. Doch ich musste feststellen, dass ich ihn wirklich gar nicht großartig ablenken musste. Seine gute Laune war nicht einfach nur gespielt, sie war da. Und darüber war ich verdammt froh, denn so konnten wir beide die Englischklausur ganz locker angehen.

Die ersten Schulstunden waren dann auch ganz gut zu ertragen, was aber vielleicht auch einfach daran lag, dass die Lehrer mich mittlerweile einfach in Ruhe ließen. Das klingt vielleicht ein bisschen komisch, aber die Lehrer nahmen mich schon gar nicht mehr zwischendurch dran, wenn ich mich nicht meldete. Sie wussten ganz genau, dass ich zu fast allem, was sie wissen wollten, die richtige Antwort auf Lager hatte. Und das war, ohne eingebildet zu klingen, in jedem Fach so. Es gab eigentlich kein einziges, das mir nicht lag. Und wenn es doch mal irgendwelche Probleme gab, dann sah ich mir den Stoff halt zwei Mal an und das Problem war gelöst. Timo war schon manchmal echt neidisch, denn bei ihm ging das alles nicht so von alleine. Er musste wirklich viel dafür tun, um seinen Notendurchschnitt zu halten. Deshalb war er auch oft bei mir, damit ich ihm Nachhilfe geben konnte. Die Englischklausur lief wider Erwarten für uns beide sehr gut, dabei hatte ich mir um Timo echt Sorgen gemacht, nachdem er gestern kaum in der Lage war, sich auf den Stoff zu konzentrieren. Aber er versicherte mir, dass er alles gemacht und auch alles gekonnt hatte.

Und so ging auch der Rest des Vormittags schnell vorbei und ich konnte mich gegen 13 Uhr endlich wieder auf den Heimweg machen. Timo nahm ich nicht mit zurück, er hatte in der letzten Stunde noch Physik, so dass ich mich also alleine in mein Auto setzte und nach Hause fuhr. Auf dem Weg dort hin kam ich natürlich wieder an Timo's und Luca's Zuhause vorbei und sofort ging mir das Gespräch von gestern Abend durch den Kopf. Ich wusste, dass ich es nicht ewig vor mir herschieben konnte und überlegte, ob ich nicht vielleicht jetzt gleich schon mit Luca reden sollte. Bei dem Gedanken daran wurde mir richtig komisch, ich wusste überhaupt nicht, wie ich dieses Gespräch angehen sollte. Oder was ich ihm überhaupt sagen sollte. Mit einem „Hey, kannst du mal bitte mit dem Scheiß aufhören“ war es ja wohl nicht getan. Und was, wenn er überhaupt nicht mit mir reden wollte, und auf stur stellen würde? Was, wenn er mich wieder rausschmeißen, oder mich anschreien würde? Fragen über Fragen, die mir aber absolut nichts brachten, ich konnte sie mir ja sowieso nicht beantworten. Also beschloss ich, wieder zurück zu fahren und mich dem Gespräch zu stellen. Ich hatte ja nichts zu verlieren, entweder er würde mir die Chance geben, mit ihm zu reden, oder eben nicht. Ich fuhr also zurück, parkte am Straßenrand und stieg, nachdem ich mir trotz allem noch fünf Minuten lang irgendwelche wirren Gedanken gemacht hatte, dann auch endlich aus. Ich blieb kurz auf dem Bürgersteig stehen, schaute auf das Haus. Ich war immer hier ein und ausgegangen, als wäre es mein eigenes Zuhause gewesen und trotzdem hatten Luca und ich nie wirklich etwas miteinander zu tun. Es war schon ein komisches Gefühl, dieses Haus jetzt aus einem ganz anderem Grund wie sonst zu betreten, aber da musste ich jetzt wohl durch. Immerhin hatte ich Timo versprochen, mich um Luca zu kümmern. Und das würde ich jetzt auch tun.
Ich ging zur Tür, wollte gerade klingeln, als ich feststellte, dass die Tür offen stand. Das war schon komisch, denn eigentlich achtete Timo's Mum sehr auf solche Sachen. Ich überlegte kurz, ob ich einfach hinein gehen sollte, entschied mich dann aber doch dagegen und klingelte erst einmal. Doch auch nach dem zweiten Klingeln, öffnete mir niemand die Tür. Unter normalen Umständen wäre ich jetzt wohl einfach wieder gegangen, doch dass die Tür nicht geschlossen war, machte mich echt stutzig und ich beschloss, kurz nach dem Rechten zu sehen. Nicht, dass noch irgendetwas passiert war. Ich ging also rein, lief durch das gesamte untere Geschoss, rief immer wieder, fragte, ob nicht doch jemand zuhause war. Doch ich bekam keine Antwort, es schien also wirklich niemand da zu sein. Also beschloss ich, einfach die Tür zu schließen und mich wieder auf den Heimweg zu machen. Doch als ich die Tür schon fast zu hatte, hörte ich plötzlich Musik aus dem ersten Obergeschoss, es musste also doch jemand zuhause sein. Also schloss ich die Tür, aber natürlich von innen und ging die Treppe hoch nach oben. Und je höher ich kam, um so mehr hörte ich, dass es sich bei der Musik, nicht um eine abgespielte CD handelte. Da spielte jemand Gitarre und sang dazu und dieser jemand, egal wer es war, sang so wahnsinnig gut und hatte eine echt traumhaft schöne Stimme. Oben angekommen bemerkte ich, dass die Musik aus Lucas Zimmer kam und war wirklich total überrascht. Ob das wirklich Luca war? Ich lief langsam und leise zu seiner Zimmertür, die einen Spalt offen stand und schaute unauffällig hinein. Mir war klar, dass man so etwas eigentlich nicht machte, aber ich konnte einfach nicht anders, als ihm zuzuhören. Und tatsächlich, Luca saß da auf seinem Bett, mit der Gitarre in der Hand und sang „Here without you“ von 3 doors down. Ich hätte im Leben nicht gedacht, dass er so singen konnte. Ich blieb in der Tür stehen, hörte ihm einfach nur zu, sah ihn an. Ich war total fasziniert von dem, was er da tat, dass ich nicht einmal merkte, wie ich an die Vase stieß, die neben mir auf dem Schränkchen stand. Die natürlich runter fiel und krachend in alle Einzelteile zerbrach. Ich war aber auch so ein Vollidiot und natürlich hörte Luca sofort auf zu spielen.

„Verdammt.“, sagte ich, während ich mich auf den Boden kniete, um die Scherben aufzuheben. Und einige Sekunden später ging dann auch schon die Tür auf und Luca stand vor mir.
„Was machst du denn hier?“, fragte er mich überrascht.
„Hey Luca, sorry ich wollte nicht... Also ich hab...“
„Warte, ich helfe dir.“, unterbrach er mich und verschwand für einen kurzen Moment in seinem Zimmer. Als er wieder kam, hatte er ein Kehrblech und einen Handfeger in der Hand, kniete sich neben mich und half mir, die Scherben vom Boden aufzuheben. „Lass mich das machen, bevor du dir noch in die Finger schneidest.“

Ich sah ihn verblüfft an, eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass er mir jetzt eine riesige Szene machen würde. Aber das tat er nicht und ich muss sagen, ich war echt froh darüber. Nachdem er die Scherben auf gefegt hatte, ging er kurz nach unten, kam aber nach nicht mal einer Minute wieder zurück. Ich stand mittlerweile in seiner Tür, irgendwie, wie bestellt und nicht abgeholt, wusste nicht so recht, was ich jetzt tun sollte. Doch diese Entscheidung nahm er mir dann auch ab, wenn auch nicht so, wie ich damit gerechnet hatte.

„Kommst du mit rein?“, ich war so überrascht, dass ich ihm nicht einmal antwortete. Damit hatte ich jetzt überhaupt nicht gerechnet.
„Nick?“, fragte er, als er schon wieder in seinem Zimmer stand. „Jetzt komm schon rein.“
„Ehm...“, ich war immer noch baff. „Ich soll reinkommen?“
„Ja, das sagte ich. Aber wenn du nicht willst...“, er drehte sich um, setzte sich wieder auf sein Bett und nahm seine Gitarre wieder in die Hand.
„Doch, doch. Natürlich möchte ich.“, zum Glück hatte ich mich wieder so einigermaßen gefangen. Ich ging also ins Zimmer, schloss die Tür hinter mir und ging auf Luca zu.
„Setz dich doch.“, er sah mich kurz an während er das sagte und ich muss zugeben, ich freute mich tierisch darüber. Also setzte ich mich zu ihm, wartete auf das, was als nächstes passieren würde. „Du hast mir zugehört? Nicht wahr?“
Ich nickte. „Ja, ich muss zugeben, ich habe dir gelauscht.“
„Und? Hat es dir wenigstens gefallen?“, mir fiel auf, wie emotionslos er war, während er redete.
„Es hat mir mehr als gefallen. Das war echt der Wahnsinn
Luca.“, und das meinte ich wirklich genau so, wie ich es gesagt hatte.
Luca sah mich wieder an und ich glaubte, ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht erkennen zu können. Ich hatte ihn, soweit ich denken, kann, noch nie lachen sehen. Und diese Erkenntnis ließ mich zusammen zucken. Ich hatte mir noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, warum dies wohl so war. Irgendwas musste doch vorgefallen sein, denn kein Mensch wird von alleine so, wie es Luca geworden war. Aber vielleicht konnte ich mit der Zeit irgendwie herausfinden, ich hoffte es jedenfalls.

„Hast du es auch schon mal versucht?“, fragte er mich plötzlich.
„Gitarre spielen? Nein, ich bin was Instrumente angeht echt sehr unbegabt.“, ich lachte ein wenig.
„Nein... Ich meine... Kannst du auch singen?“
„Naja... Ich glaube, die Leute würden nicht weg rennen, wenn ich es drauf anlegen würde.“, ich grinste ein wenig, versuchte ihn irgendwie zum Lachen zu bringen, aber es wollte mir nicht so recht gelingen.
„Also wenn du willst, dann... Wir können auch zusammen...“, er stammelte rum, war wirklich verdammt schüchtern. So hätte ich ihn absolut nicht eingeschätzt.
„Natürlich will ich. Los, fang schon an.“

Wieder lächelte ich ihn an, hoffte, dass er es vielleicht, wenn auch nur kurz, erwidern würde. Doch das tat er nicht. Stattdessen richtete er seinen Blick auf die Gitarre und fing an zu spielen. Auch er war es, der als erster anfing zu singen, forderte mich dann aber mit einem Blick auf, endlich auch mit zu machen. Und ich muss sagen, es war echt der Wahnsinn. Unsere Stimmen passten so perfekt zusammen, es klang einfach nur klasse. Während wir so da saßen und sangen, beobachtete ich Luca immer wieder, stellte fest, wie sehr seine Augen leuchteten. Ein Lächeln umspielte meine Lippen, es war einfach zu schön anzusehen. Es schien, als würde er beim Spielen und Singen alles um sich herum zu vergessen, als wäre er in seiner eigenen Welt. Und man konnte sich eigentlich kaum vorstellen, dass dieser doch irgendwie zerbrechlich wirkende Junge, sonst das absolute Gegenteil, von dem hier und jetzt war.

Als der Song zu Ende war, schwiegen wir. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie wusste ich auch nicht so recht, was ich sagen sollte. Der Besuch bei Luca war komplett anders gelaufen, wie ich es erwartet hatte und darüber war ich wirklich dankbar. Nach einigen Minuten legte Luca plötzlich die Gitarre zur Seite, drehte sich dann zu mir, ohne mich jedoch anzusehen. Er holte tief Luft, so, als würde er etwas sagen wollen, aber nicht wirklich wusste, wie er es machen sollte. Dann sah er mich an und ich fand, das seine Augen schon viel wärmer waren, als es vorhin noch der Fall gewesen war.

„Nicklas ich...“, er fing an zu sprechen, doch dann hörten wir unten die Haustür ins Schloss fallen. Ohne seinen Satz zu Ende zu sprechen stand er auf, zog mich am Arm hinter sich her zur Tür und schob mich grob nach draußen.
„Raus hier! Und zu keinem ein Wort, okay?“, er sah mich bittend, aber auch fordernd an und plötzlich war er wieder komplett anders zu mir.
„Okay, ich sag nichts. Versprochen.“, und schon war die Tür auch zu, ohne ein weiteres Wort. Ich kam mir total dumm vor, aber was hatte ich schon für eine Wahl.
„Ich bin zu Hause.“, hörte ich Timo von unten rufen. „Sonst noch jemand da?“
Na toll, was sollte ich ihm jetzt nur sagen?
„Timo? Ich bin es, Nicklas. Ich bin hier oben.“
Kurze Zeit später, stand er auch schon vor mir, sah mich verwirrt an.
„Was machst du denn hier?“
„Ich... Also... Naja...“
Er fing an zu lachen. „Was ist denn los mit dir?“
„Keine Ahnung... eigentlich wollte ich mit Luca reden, aber der hat mich nicht reingelassen. Also dachte ich, ich warte auf dich. Ich wusste ja, dass du auch bald von der Schule kommst.“, ganz toll, jetzt musste ich auch noch meinen besten Freund belügen.
„War ja irgendwie klar, dass er so reagiert. Das war von Anfang an eine scheiß Idee. Aber trotzdem danke, dass du es versucht hast.“
„Kein Ding...“
„Los komm, ist mir auch scheiß egal jetzt. Wollen wir mit den anderen noch eine Runde Billard spielen gehen? Ich muss unbedingt hier raus.“
Ich nickte nur. Fühlte mich irgendwie mies dabei, ihn anzulügen.
„Okay ich zieh mich nur eben um, dann können wir los.“, und da war er auch schon verschwunden, ließ mich einfach dumm im Flur stehen. Aber wahrscheinlich hatte ich es auch nicht besser verdient. Warum musste ich ihn auch anlügen? So wie Luca mich aus dem Zimmer geworfen hatte, hätte ich Timo durchaus auch die Wahrheit sagen können. Aber irgendetwas in mir hinderte mich daran und wollte auf Lucas Bitte, wenn man dies so nennen konnte, eingehen.

Und während ich gelangweilt im Flur stand und auf Timo wartete, ging plötzlich wieder die Tür von Luca's Zimmer auf. Er sagte erst nichts, sah mich nur an und ich hatte wie vorhin wieder das Gefühl, dass er mir wieder irgendetwas sagen wollte, doch nicht wirklich wusste wie. Doch irgendwie war ich immer noch sauer wegen vorhin, weil er mich einfach so vor die Tür gesetzte hatte.

„Was?“, sagte ich nur schroff, was ihn kurz zusammenzucken ließ. „Sorry... Ich wollte nicht... Also...“, es tat mir sofort wieder leid.
„Nick, Timo ist morgen Nachmittag nicht zu Hause, also wenn du Lust hast dann...“
„Ich soll wieder kommen?“, fragte ich überrascht und konnte es kaum glauben.
Er nickte. „Ich... Ich würde mich wirklich freuen.“, mehr sagte er nicht, schloss schnell wieder die Tür hinter sich zu.
Wow... Und wieder etwas, mit dem ich mal so gar nicht gerechnet hatte. Er hatte mich gefragt, ob ich morgen wieder kommen würde. Also hatte ihm die Zeit mit mir, auch wenn sie nur kurz war, wohl auch gefallen. Ich freute mich riesig darüber und das, obwohl ich vorhin noch Bedenken hatte, überhaupt zu ihm zu gehen. Ich war so sehr in meine Gedanken um Luca vertieft, dass ich nicht einmal mehr bemerkte, dass Timo schon längst wieder zurück im Flur war und aufgeregt mit den Händen vor meinem Gesicht herumfuchtelte.
„Erde an Nicklas. Hallo! Was ist denn los mit dir? Alles in Ordnung?“
„Was? Ja klar, alles okay. Ich war nur... In Gedanken.“
„Ja, das habe ich gemerkt.“, er lachte. „Dann komm wir gehen. Oder hast du keine Lust mehr?“
„Doch natürlich, lass uns gehen.“, er musste mich heute wirklich für einen riesigen Depp gehalten haben.

Eine gute halbe Stunde später saßen wir dann auch schon mit ein paar Freunden in unserer Stammkneipe. Ich trank ein paar Bier, spielte auch ein paar Runden Billard mit und eigentlich war dieser Abend wirklich toll und lustig, so wie es immer war, wenn wir zusammen rausgingen. Und trotzdem war ich heute irgendwie nicht so wirklich bei der Sache. Ich musste unheimlich viel an Luca denken und erwischte mich auch immer wieder dabei, wie ich mich wahnsinnig auf morgen freute. Den Gedanken daran, wieder mit ihm zusammen zu singen, fand ich einfach total schön. Timo fiel natürlich auch auf, dass irgendetwas an mir anders war wie sonst, denn er stieß mich immer wieder direkt mit der Nase drauf, fragte mich, was mit mir los sei. Doch ich hielt an meinem Versprechen gegenüber Luca, Timo nichts zu sagen, fest. Auch wenn es Timo nicht so wirklich passte, dass ich nichts erzählen wollte.

„Sag mal, wo bist du eigentlich ständig mit deinen Gedanken heute? Das fing vorhin bei mir zuhause schon an. Du bist doch sonst nicht so.“
„Keine Ahnung, vielleicht hab ich einfach nur einen schlechten Tag.“, log ich wieder.
„Du hast normalerweise nie schlechte Tage.“
„Ach man Timo, jetzt halte dich doch nicht dran. Es ist alles in Ordnung. Ich bin nur müde und ich denke, ich werde mich jetzt auch mal auf den Heimweg machen. Immerhin muss ich auch noch ein Stück laufen.“
„Na gut, Hauptsache, du bist morgen wieder besser drauf.“
„Versprochen. Hau rein und viel Spaß noch.“, ich umarmte ihn kurz und verabschiedete mich dann auch von den anderen.

Als ich an diesem Abend in meinem Bett lag, konnte ich trotz Müdigkeit und des Bieres, das ich intus hatte, lange Zeit nicht einschlafen. Und ich wusste nicht einmal wieso. Timo hatte schon recht, normalerweise war ich so gar nicht und normalerweise hatte ich auch keine großartigen Probleme damit, einzuschlafen. Doch heute war sowieso alles irgendwie anders gewesen und ich musste mir wohl eingestehen, dass mich die Gedanken um Luca fast in den Wahnsinn trieben, weil sie einfach nicht aufhören wollten. Doch irgendwann musste sich dann auch mein Kopf gegen die Müdigkeit geschlagen geben, auch wenn es eigentlich schon viel zu spät war, aber ich schlief dann zum Glück doch irgendwann ein...








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BeitragThema: Kapitel 3   Di Dez 17 2013, 22:23


Der blöde Wecker weckte mich an diesem Morgen ziemlich unsanft. Klar, eigentlich tut das jeder Wecker, doch normalerweise, werde ich immer schon automatisch fünf bis zehn Minuten vor dem Klingeln wach. Ich war gestern Abend einfach viel zu lange wach gewesen. Und irgendwie hatte ich an diesem Morgen auch überhaupt keine Lust auf Schule. Aber was sollte ich machen, es war ja nicht zu ändern. Also schleppte ich mich aus dem Bett und ging erst einmal kalt duschen, danach fühlte ich mich dann auch schon viel besser und vor allem wacher. Ich zog mich schnell an, stylte noch irgendwie meine Haare, die ich aber, wie immer, nicht zu bändigen bekam. Dann nahm ich meinen Rucksack und ging runter zu meiner Mum in die Küche, die schon, wie jeden Morgen, das Frühstück für mich vorbereitet hatte.

„Guten Morgen mein Schatz, hast du gut geschlafen?“, fragte sie mich gut gelaunt.
„Ja hab ich, danke Mum.“, ich gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Und bist du gut vorbereitet für deine Klausur?“
„Ja bin ich. Du weißt doch, wenn ich etwas im Griff habe, dann ist es die Schule.“
Sie grinste mich an und ich merkte das sie mächtig stolz auf
mich war.
„Das ist gut, aber ich wünsche dir trotzdem viel Glück.“
Ich lächelte zurück und aß mein Brötchen mit Nutella – wie jeden Morgen.

Gegen halb acht saß ich dann in meinem Auto und machte mich auf den Weg zur Schule. Und wie jeden Morgen sammelte ich unterwegs auch Timo ein, der sogar schon vor dem Haus auf mich wartete, als ich ankam. Als er ins Auto stieg, sah ich noch einmal nach draußen und bemerkte, dass auch Luca das Haus verlassen hatte. Er war ganz schön blass, viel zu blass für meinen Geschmack. Doch er hatte seinen Rucksack auf dem Rücken, er machte sich also immerhin auf den Weg zur Schule. Wobei ich natürlich auch nicht mit Sicherheit sagen konnte, dass er da auch wirklich ankommen würde. Bei Luca wusste man nie so genau, was in seinem Kopf vorging. Doch ich beschloss, einfach mal positiv zu denken und ihm nicht sofort das Schlechteste zu unterstellen.

„Einen wunderschönen guten Morgen.“, sagte Timo fröhlich.
„Guten Morgen.“, ich musste ein wenig lachen. „Naaa? Geht es dir besser heute?“
„Ja mir geht es gut. Alles bestens.“, er lächelte mich an.
„Sicher? Ich meine gestern ging es dir nicht besonders...“
„Ja Nicklas. Ich kann und will mich nicht mehr von Luca runter ziehen lassen. Und ich habe beschlossen, jetzt erst einmal abzuwarten, was du erreichen kannst, wenn du mit ihm sprichst. Und bis dahin, habe ich einfach mal gute Laune.“
„Sehr gut. Ich werde auch versuchen, das Gespräch so schnell wie möglich hinter mich zu bringen, damit wir wissen, wo wir dran sind.“
„Danke nochmal.“
„Nichts zu danken.“

Ich versuchte, nicht weiter auf das Thema einzugehen. Es brachte ja auch nichts, wenn wir uns in jeder freien Minute darüber unterhielten. Damit tat ich weder Timo, noch mir einen gefallen. Also wechselte ich das Thema bis zur Schule auf den nächsten Spieltag der Fußball Bundesliga. Das war immer ein gutes Thema, um Timo von irgendetwas abzulenken. Doch ich musste feststellen, dass ich ihn wirklich gar nicht großartig ablenken musste. Seine gute Laune war nicht einfach nur gespielt, sie war da. Und darüber war ich verdammt froh, denn so konnten wir beide die Englischklausur ganz locker angehen.

Die ersten Schulstunden waren dann auch ganz gut zu ertragen, was aber vielleicht auch einfach daran lag, dass die Lehrer mich mittlerweile einfach in Ruhe ließen. Das klingt vielleicht ein bisschen komisch, aber die Lehrer nahmen mich schon gar nicht mehr zwischendurch dran, wenn ich mich nicht meldete. Sie wussten ganz genau, dass ich zu fast allem, was sie wissen wollten, die richtige Antwort auf Lager hatte. Und das war, ohne eingebildet zu klingen, in jedem Fach so. Es gab eigentlich kein einziges, das mir nicht lag. Und wenn es doch mal irgendwelche Probleme gab, dann sah ich mir den Stoff halt zwei Mal an und das Problem war gelöst. Timo war schon manchmal echt neidisch, denn bei ihm ging das alles nicht so von alleine. Er musste wirklich viel dafür tun, um seinen Notendurchschnitt zu halten. Deshalb war er auch oft bei mir, damit ich ihm Nachhilfe geben konnte. Die Englischklausur lief wider Erwarten für uns beide sehr gut, dabei hatte ich mir um Timo echt Sorgen gemacht, nachdem er gestern kaum in der Lage war, sich auf den Stoff zu konzentrieren. Aber er versicherte mir, dass er alles gemacht und auch alles gekonnt hatte.

Und so ging auch der Rest des Vormittags schnell vorbei und ich konnte mich gegen 13 Uhr endlich wieder auf den Heimweg machen. Timo nahm ich nicht mit zurück, er hatte in der letzten Stunde noch Physik, so dass ich mich also alleine in mein Auto setzte und nach Hause fuhr. Auf dem Weg dort hin kam ich natürlich wieder an Timo's und Luca's Zuhause vorbei und sofort ging mir das Gespräch von gestern Abend durch den Kopf. Ich wusste, dass ich es nicht ewig vor mir herschieben konnte und überlegte, ob ich nicht vielleicht jetzt gleich schon mit Luca reden sollte. Bei dem Gedanken daran wurde mir richtig komisch, ich wusste überhaupt nicht, wie ich dieses Gespräch angehen sollte. Oder was ich ihm überhaupt sagen sollte. Mit einem „Hey, kannst du mal bitte mit dem Scheiß aufhören“ war es ja wohl nicht getan. Und was, wenn er überhaupt nicht mit mir reden wollte, und auf stur stellen würde? Was, wenn er mich wieder rausschmeißen, oder mich anschreien würde? Fragen über Fragen, die mir aber absolut nichts brachten, ich konnte sie mir ja sowieso nicht beantworten. Also beschloss ich, wieder zurück zu fahren und mich dem Gespräch zu stellen. Ich hatte ja nichts zu verlieren, entweder er würde mir die Chance geben, mit ihm zu reden, oder eben nicht. Ich fuhr also zurück, parkte am Straßenrand und stieg, nachdem ich mir trotz allem noch fünf Minuten lang irgendwelche wirren Gedanken gemacht hatte, dann auch endlich aus. Ich blieb kurz auf dem Bürgersteig stehen, schaute auf das Haus. Ich war immer hier ein und ausgegangen, als wäre es mein eigenes Zuhause gewesen und trotzdem hatten Luca und ich nie wirklich etwas miteinander zu tun. Es war schon ein komisches Gefühl, dieses Haus jetzt aus einem ganz anderem Grund wie sonst zu betreten, aber da musste ich jetzt wohl durch. Immerhin hatte ich Timo versprochen, mich um Luca zu kümmern. Und das würde ich jetzt auch tun.
Ich ging zur Tür, wollte gerade klingeln, als ich feststellte, dass die Tür offen stand. Das war schon komisch, denn eigentlich achtete Timo's Mum sehr auf solche Sachen. Ich überlegte kurz, ob ich einfach hinein gehen sollte, entschied mich dann aber doch dagegen und klingelte erst einmal. Doch auch nach dem zweiten Klingeln, öffnete mir niemand die Tür. Unter normalen Umständen wäre ich jetzt wohl einfach wieder gegangen, doch dass die Tür nicht geschlossen war, machte mich echt stutzig und ich beschloss, kurz nach dem Rechten zu sehen. Nicht, dass noch irgendetwas passiert war. Ich ging also rein, lief durch das gesamte untere Geschoss, rief immer wieder, fragte, ob nicht doch jemand zuhause war. Doch ich bekam keine Antwort, es schien also wirklich niemand da zu sein. Also beschloss ich, einfach die Tür zu schließen und mich wieder auf den Heimweg zu machen. Doch als ich die Tür schon fast zu hatte, hörte ich plötzlich Musik aus dem ersten Obergeschoss, es musste also doch jemand zuhause sein. Also schloss ich die Tür, aber natürlich von innen und ging die Treppe hoch nach oben. Und je höher ich kam, um so mehr hörte ich, dass es sich bei der Musik, nicht um eine abgespielte CD handelte. Da spielte jemand Gitarre und sang dazu und dieser jemand, egal wer es war, sang so wahnsinnig gut und hatte eine echt traumhaft schöne Stimme. Oben angekommen bemerkte ich, dass die Musik aus Lucas Zimmer kam und war wirklich total überrascht. Ob das wirklich Luca war? Ich lief langsam und leise zu seiner Zimmertür, die einen Spalt offen stand und schaute unauffällig hinein. Mir war klar, dass man so etwas eigentlich nicht machte, aber ich konnte einfach nicht anders, als ihm zuzuhören. Und tatsächlich, Luca saß da auf seinem Bett, mit der Gitarre in der Hand und sang „Here without you“ von 3 doors down. Ich hätte im Leben nicht gedacht, dass er so singen konnte. Ich blieb in der Tür stehen, hörte ihm einfach nur zu, sah ihn an. Ich war total fasziniert von dem, was er da tat, dass ich nicht einmal merkte, wie ich an die Vase stieß, die neben mir auf dem Schränkchen stand. Die natürlich runter fiel und krachend in alle Einzelteile zerbrach. Ich war aber auch so ein Vollidiot und natürlich hörte Luca sofort auf zu spielen.

„Verdammt.“, sagte ich, während ich mich auf den Boden kniete, um die Scherben aufzuheben. Und einige Sekunden später ging dann auch schon die Tür auf und Luca stand vor mir.
„Was machst du denn hier?“, fragte er mich überrascht.
„Hey Luca, sorry ich wollte nicht... Also ich hab...“
„Warte, ich helfe dir.“, unterbrach er mich und verschwand für einen kurzen Moment in seinem Zimmer. Als er wieder kam, hatte er ein Kehrblech und einen Handfeger in der Hand, kniete sich neben mich und half mir, die Scherben vom Boden aufzuheben. „Lass mich das machen, bevor du dir noch in die Finger schneidest.“

Ich sah ihn verblüfft an, eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass er mir jetzt eine riesige Szene machen würde. Aber das tat er nicht und ich muss sagen, ich war echt froh darüber. Nachdem er die Scherben auf gefegt hatte, ging er kurz nach unten, kam aber nach nicht mal einer Minute wieder zurück. Ich stand mittlerweile in seiner Tür, irgendwie, wie bestellt und nicht abgeholt, wusste nicht so recht, was ich jetzt tun sollte. Doch diese Entscheidung nahm er mir dann auch ab, wenn auch nicht so, wie ich damit gerechnet hatte.

„Kommst du mit rein?“, ich war so überrascht, dass ich ihm nicht einmal antwortete. Damit hatte ich jetzt überhaupt nicht gerechnet.
„Nick?“, fragte er, als er schon wieder in seinem Zimmer stand. „Jetzt komm schon rein.“
„Ehm...“, ich war immer noch baff. „Ich soll reinkommen?“
„Ja, das sagte ich. Aber wenn du nicht willst...“, er drehte sich um, setzte sich wieder auf sein Bett und nahm seine Gitarre wieder in die Hand.
„Doch, doch. Natürlich möchte ich.“, zum Glück hatte ich mich wieder so einigermaßen gefangen. Ich ging also ins Zimmer, schloss die Tür hinter mir und ging auf Luca zu.
„Setz dich doch.“, er sah mich kurz an während er das sagte und ich muss zugeben, ich freute mich tierisch darüber. Also setzte ich mich zu ihm, wartete auf das, was als nächstes passieren würde. „Du hast mir zugehört? Nicht wahr?“
Ich nickte. „Ja, ich muss zugeben, ich habe dir gelauscht.“
„Und? Hat es dir wenigstens gefallen?“, mir fiel auf, wie emotionslos er war, während er redete.
„Es hat mir mehr als gefallen. Das war echt der Wahnsinn
Luca.“, und das meinte ich wirklich genau so, wie ich es gesagt hatte.
Luca sah mich wieder an und ich glaubte, ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht erkennen zu können. Ich hatte ihn, soweit ich denken, kann, noch nie lachen sehen. Und diese Erkenntnis ließ mich zusammen zucken. Ich hatte mir noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, warum dies wohl so war. Irgendwas musste doch vorgefallen sein, denn kein Mensch wird von alleine so, wie es Luca geworden war. Aber vielleicht konnte ich mit der Zeit irgendwie herausfinden, ich hoffte es jedenfalls.

„Hast du es auch schon mal versucht?“, fragte er mich plötzlich.
„Gitarre spielen? Nein, ich bin was Instrumente angeht echt sehr unbegabt.“, ich lachte ein wenig.
„Nein... Ich meine... Kannst du auch singen?“
„Naja... Ich glaube, die Leute würden nicht weg rennen, wenn ich es drauf anlegen würde.“, ich grinste ein wenig, versuchte ihn irgendwie zum Lachen zu bringen, aber es wollte mir nicht so recht gelingen.
„Also wenn du willst, dann... Wir können auch zusammen...“, er stammelte rum, war wirklich verdammt schüchtern. So hätte ich ihn absolut nicht eingeschätzt.
„Natürlich will ich. Los, fang schon an.“

Wieder lächelte ich ihn an, hoffte, dass er es vielleicht, wenn auch nur kurz, erwidern würde. Doch das tat er nicht. Stattdessen richtete er seinen Blick auf die Gitarre und fing an zu spielen. Auch er war es, der als erster anfing zu singen, forderte mich dann aber mit einem Blick auf, endlich auch mit zu machen. Und ich muss sagen, es war echt der Wahnsinn. Unsere Stimmen passten so perfekt zusammen, es klang einfach nur klasse. Während wir so da saßen und sangen, beobachtete ich Luca immer wieder, stellte fest, wie sehr seine Augen leuchteten. Ein Lächeln umspielte meine Lippen, es war einfach zu schön anzusehen. Es schien, als würde er beim Spielen und Singen alles um sich herum zu vergessen, als wäre er in seiner eigenen Welt. Und man konnte sich eigentlich kaum vorstellen, dass dieser doch irgendwie zerbrechlich wirkende Junge, sonst das absolute Gegenteil, von dem hier und jetzt war.

Als der Song zu Ende war, schwiegen wir. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie wusste ich auch nicht so recht, was ich sagen sollte. Der Besuch bei Luca war komplett anders gelaufen, wie ich es erwartet hatte und darüber war ich wirklich dankbar. Nach einigen Minuten legte Luca plötzlich die Gitarre zur Seite, drehte sich dann zu mir, ohne mich jedoch anzusehen. Er holte tief Luft, so, als würde er etwas sagen wollen, aber nicht wirklich wusste, wie er es machen sollte. Dann sah er mich an und ich fand, das seine Augen schon viel wärmer waren, als es vorhin noch der Fall gewesen war.

„Nicklas ich...“, er fing an zu sprechen, doch dann hörten wir unten die Haustür ins Schloss fallen. Ohne seinen Satz zu Ende zu sprechen stand er auf, zog mich am Arm hinter sich her zur Tür und schob mich grob nach draußen.
„Raus hier! Und zu keinem ein Wort, okay?“, er sah mich bittend, aber auch fordernd an und plötzlich war er wieder komplett anders zu mir.
„Okay, ich sag nichts. Versprochen.“, und schon war die Tür auch zu, ohne ein weiteres Wort. Ich kam mir total dumm vor, aber was hatte ich schon für eine Wahl.
„Ich bin zu Hause.“, hörte ich Timo von unten rufen. „Sonst noch jemand da?“
Na toll, was sollte ich ihm jetzt nur sagen?
„Timo? Ich bin es, Nicklas. Ich bin hier oben.“
Kurze Zeit später, stand er auch schon vor mir, sah mich verwirrt an.
„Was machst du denn hier?“
„Ich... Also... Naja...“
Er fing an zu lachen. „Was ist denn los mit dir?“
„Keine Ahnung... eigentlich wollte ich mit Luca reden, aber der hat mich nicht reingelassen. Also dachte ich, ich warte auf dich. Ich wusste ja, dass du auch bald von der Schule kommst.“, ganz toll, jetzt musste ich auch noch meinen besten Freund belügen.
„War ja irgendwie klar, dass er so reagiert. Das war von Anfang an eine scheiß Idee. Aber trotzdem danke, dass du es versucht hast.“
„Kein Ding...“
„Los komm, ist mir auch scheiß egal jetzt. Wollen wir mit den anderen noch eine Runde Billard spielen gehen? Ich muss unbedingt hier raus.“
Ich nickte nur. Fühlte mich irgendwie mies dabei, ihn anzulügen.
„Okay ich zieh mich nur eben um, dann können wir los.“, und da war er auch schon verschwunden, ließ mich einfach dumm im Flur stehen. Aber wahrscheinlich hatte ich es auch nicht besser verdient. Warum musste ich ihn auch anlügen? So wie Luca mich aus dem Zimmer geworfen hatte, hätte ich Timo durchaus auch die Wahrheit sagen können. Aber irgendetwas in mir hinderte mich daran und wollte auf Lucas Bitte, wenn man dies so nennen konnte, eingehen.

Und während ich gelangweilt im Flur stand und auf Timo wartete, ging plötzlich wieder die Tür von Luca's Zimmer auf. Er sagte erst nichts, sah mich nur an und ich hatte wie vorhin wieder das Gefühl, dass er mir wieder irgendetwas sagen wollte, doch nicht wirklich wusste wie. Doch irgendwie war ich immer noch sauer wegen vorhin, weil er mich einfach so vor die Tür gesetzte hatte.

„Was?“, sagte ich nur schroff, was ihn kurz zusammenzucken ließ. „Sorry... Ich wollte nicht... Also...“, es tat mir sofort wieder leid.
„Nick, Timo ist morgen Nachmittag nicht zu Hause, also wenn du Lust hast dann...“
„Ich soll wieder kommen?“, fragte ich überrascht und konnte es kaum glauben.
Er nickte. „Ich... Ich würde mich wirklich freuen.“, mehr sagte er nicht, schloss schnell wieder die Tür hinter sich zu.
Wow... Und wieder etwas, mit dem ich mal so gar nicht gerechnet hatte. Er hatte mich gefragt, ob ich morgen wieder kommen würde. Also hatte ihm die Zeit mit mir, auch wenn sie nur kurz war, wohl auch gefallen. Ich freute mich riesig darüber und das, obwohl ich vorhin noch Bedenken hatte, überhaupt zu ihm zu gehen. Ich war so sehr in meine Gedanken um Luca vertieft, dass ich nicht einmal mehr bemerkte, dass Timo schon längst wieder zurück im Flur war und aufgeregt mit den Händen vor meinem Gesicht herumfuchtelte.
„Erde an Nicklas. Hallo! Was ist denn los mit dir? Alles in Ordnung?“
„Was? Ja klar, alles okay. Ich war nur... In Gedanken.“
„Ja, das habe ich gemerkt.“, er lachte. „Dann komm wir gehen. Oder hast du keine Lust mehr?“
„Doch natürlich, lass uns gehen.“, er musste mich heute wirklich für einen riesigen Depp gehalten haben.

Eine gute halbe Stunde später saßen wir dann auch schon mit ein paar Freunden in unserer Stammkneipe. Ich trank ein paar Bier, spielte auch ein paar Runden Billard mit und eigentlich war dieser Abend wirklich toll und lustig, so wie es immer war, wenn wir zusammen rausgingen. Und trotzdem war ich heute irgendwie nicht so wirklich bei der Sache. Ich musste unheimlich viel an Luca denken und erwischte mich auch immer wieder dabei, wie ich mich wahnsinnig auf morgen freute. Den Gedanken daran, wieder mit ihm zusammen zu singen, fand ich einfach total schön. Timo fiel natürlich auch auf, dass irgendetwas an mir anders war wie sonst, denn er stieß mich immer wieder direkt mit der Nase drauf, fragte mich, was mit mir los sei. Doch ich hielt an meinem Versprechen gegenüber Luca, Timo nichts zu sagen, fest. Auch wenn es Timo nicht so wirklich passte, dass ich nichts erzählen wollte.

„Sag mal, wo bist du eigentlich ständig mit deinen Gedanken heute? Das fing vorhin bei mir zuhause schon an. Du bist doch sonst nicht so.“
„Keine Ahnung, vielleicht hab ich einfach nur einen schlechten Tag.“, log ich wieder.
„Du hast normalerweise nie schlechte Tage.“
„Ach man Timo, jetzt halte dich doch nicht dran. Es ist alles in Ordnung. Ich bin nur müde und ich denke, ich werde mich jetzt auch mal auf den Heimweg machen. Immerhin muss ich auch noch ein Stück laufen.“
„Na gut, Hauptsache, du bist morgen wieder besser drauf.“
„Versprochen. Hau rein und viel Spaß noch.“, ich umarmte ihn kurz und verabschiedete mich dann auch von den anderen.

Als ich an diesem Abend in meinem Bett lag, konnte ich trotz Müdigkeit und des Bieres, das ich intus hatte, lange Zeit nicht einschlafen. Und ich wusste nicht einmal wieso. Timo hatte schon recht, normalerweise war ich so gar nicht und normalerweise hatte ich auch keine großartigen Probleme damit, einzuschlafen. Doch heute war sowieso alles irgendwie anders gewesen und ich musste mir wohl eingestehen, dass mich die Gedanken um Luca fast in den Wahnsinn trieben, weil sie einfach nicht aufhören wollten. Doch irgendwann musste sich dann auch mein Kopf gegen die Müdigkeit geschlagen geben, auch wenn es eigentlich schon viel zu spät war, aber ich schlief dann zum Glück doch irgendwann ein...








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BeitragThema: Kapitel 4   Di Dez 17 2013, 22:24

Und was soll ich sagen, ich traf mich mittlerweile jede Woche mit Luca und das seit gut einem halben Jahr. Und in der Zeit in der wir uns nicht sahen, schrieben wir uns unzählige SMS und man sollte es kaum glauben, aber wir verstanden uns wirklich von Tag zu Tag besser. Luca hatte sich auch unglaublich zum Positiven verändert, er ging mittlerweile wieder regelmäßig zur Schule und er hatte auch seit Monaten keinen Mist mehr gebaut. Ich war wirklich total stolz auf ihn, auch wenn wir über dieses Thema nie sprachen, wenn wir uns sahen. Auch Timo war sehr überrascht, konnte auch nicht so wirklich verstehen, woher der plötzliche Sinneswandel kam, auch wenn er es natürlich nicht hinterfragen wollte. Denn er war froh, dass Luca wohl endlich die Kurve gekriegt hatte. Und auch ich war wirklich glücklich über den Verlauf der letzten Monate.

Wir hatten mittlerweile Juli und das Schuljahr neigte sich endlich dem Ende zu. Nein, das war falsch, die ganze Schulzeit neigte sich dem Ende zu und ich muss zugeben, ich war nicht wirklich traurig darüber. Auch wenn ich noch nicht so wirklich wusste, was ich nach dieser Zeit machen sollte, bzw. was ich studieren sollte, so war ich doch froh, dass ich der Schule endgültig den Rücken zuwenden konnte.

Das Wetter war richtig schön heute, eigentlich war es perfekt. Also machte ich mich voller Vorfreude wieder einmal auf den Weg zu Luca, so wie ich es jeden Dienstag tat. Ich hatte ein paar CDs eingepackt, von denen ich ihm schon letzte Woche erzählt hatte, und machte mich auch direkt nach dem Mittagessen auf den Weg zu ihm. Und wie jedes Mal, freute ich mich wieder total auf ihn. Wir waren in den letzten Monaten wirklich gute Freunde geworden und ich wollte die Tage mit ihm auch einfach nicht mehr missen.

Als ich bei ihm ankam, stand ein Auto direkt vor dem Haus. Auch wenn ich im ersten Moment etwas verwirrt war, dachte ich mir dann aber doch, dass es ja eigentlich nichts ungewöhnliches war. Vielleicht hatten die Nachbarn auch Besuch und wussten nicht, wo sie sich hinstellen sollten. Also stieg ich aus, lief zur Tür und wollte klingeln, doch die Tür stand, zum ersten Mal seit Monaten, wieder einmal offen. Aber auch dabei dachte ich mir noch nichts, vielleicht hatte Luca mich auch einfach schon kommen sehen. Ich ging also einfach ins Haus, rief nach Luca, doch er meldete sich nicht.

„Hmm, komisch.“, sagte ich zu mir selbst und beschloss, nach oben zu gehen und zu schauen, ob er da vielleicht steckte.

Als ich oben ankam, hörte ich plötzlich laute Musik aus seinem Zimmer kommen. Doch es war nicht die Musik, die er sich sonst anhörte. Und ich für meinen Fall hätte sie mir auch im Leben nicht angehört. Eigentlich hätte ich auch gedacht, dass dies auch so gar nicht Lucas Geschmack war, aber vielleicht war ihm heute auch einfach mal nach etwas anderem. Doch dann hörte ich zusätzlich auch noch verschiedene Stimmen aus dem Raum kommen und ich war mir nicht mal mehr sicher, wie viele es denn waren. Ich überlegte kurz was ich tun sollte, war mir aber nicht so wirklich klar darüber. Ich ging noch ein paar Schritte weiter, blieb dann aber abrupt stehen, als sich die Tür seines Zimmers öffnete.

Die Hoffnung, dass es Luca sein würde, der heraus kam, zerschlug sich ziemlich schnell. Es war ein Mädchen, ich würde sagen so um die 20, sie war nur in Unterwäsche bekleidet, konnte kaum geradeaus laufen, so betrunken war sie. Ich blieb stehen, starrte sie nur ungläubig an, doch sie kam natürlich direkt auf mich zu, wollte mir durchs Gesicht streicheln, doch ich wies sie direkt zurück.

„Na Süßer wer bist du denn?“, fragte sie mich lallend.
„Lass das.“, ich nahm ihre Hand aus meinem Gesicht, sah sie angewidert an. „Ist Luca da?“, fragte ich sie dann nur noch schroff.
„Luca Baby, du hast Besuch.“, lallte sie weiter, während sie sich an der Tür zurück ins Zimmer lehnte.
„Wer ist es denn? Soll sich verpissen, ich erwarte niemanden!“
„Luca? Ich bin es Nick.“

Ich merkte, wie wütend ich plötzlich wurde und das nach nur zwei Sätzen, die er von sich gegeben hatte. Doch nachdem er noch nicht einmal Anstalten machte, auf mich zu reagieren, wagte ich einen Blick in sein Zimmer und traute meinen Augen kaum. Luca saß auf dem Boden, ebenfalls halb nackt, nur in Boxershorts bekleidet neben ihm saß noch so ein Mädel, dem er widerlich seine Zunge in den Hals steckte. Auf seiner Couch saßen zwei Typen, ich würde sagen, beide Mitte 20, alle waren total besoffen und zugedröhnt.

Ich wollte gar nicht wissen, was hier abgegangen war, bevor ich hergekommen war, geschweige denn, wie viel Alkohol und Drogen sie bereits zu sich genommen hatten. Ich verstand nicht, was plötzlich in ihn gefahren war und was die ganze Aktion hier sollte. Doch mir war auch klar, dass ich jetzt sowieso nichts bei ihm erreichen würde, also beschloss ich, einfach wieder zu gehen. Auch wenn es mir nicht leicht fiel. Doch dann sah Luca plötzlich zur Tür und entdeckte mich. Er stand auf, lief zu mir rüber und ich konnte ihm jetzt schon ansehen, wie wütend er auf mich war. Er stellte sich provokativ vor mich, sah mir direkt in die Augen. Seine Augen waren so voller Wut und Hass, so hatte ich ihn vorher noch nie gesehen.
„Was willst du hier verdammte scheiße?“, schrie er
mich an. „Verpiss dich Alter, du hast hier nix verloren!“, er schubste mich ein Stück nach hinten und ich war einfach zu geschockt, um zu reagieren.
„Sag mal, bist du noch ganz dicht?“, schrie ich zurück. „Bin ich nicht sonst auch immer hier? Und was sind das für Leute man?“, was war denn nur los mit ihm? Warum war er so verändert? Er stand immer noch dicht vor mir und der Hass in seinen Augen wurde immer größer. Ich war verzweifelt, wusste nicht, was ich tun sollte.
„Diese Leute, sind das, was du nie sein wirst. Das sind meine Freunde. Verstehst du? Das sind meine Freunde! NICKLAS...“, die Art und Weise wie er meinen Namen aussprach, war einfach nur widerlich, so, als wäre ich das allerletzte für ihn gewesen. Doch als wäre das nicht schon genug gewesen, fing er jetzt auch noch an, mich auszulachen. Ich konnte mich kaum noch beherrschen, hätte ihm am liebsten eine reingehauen, damit er endlich wieder zur Vernunft kam. Doch ich wollte auch nicht, dass die Situation eskalieren würde, deshalb versuchte ich, ruhig zu bleiben und ihn mit gutem Zureden wieder ein bisschen auf den Boden zu bringen.
„Luca pass auf... Du sagst deinen Leuten jetzt, dass sie nach Hause gehen sollen. Dann ziehst du dir etwas an und wir beide reden in Ruhe darüber. Okay?“, ich wollte versuchen, es mit ihm klären, solange seine Mum und Timo noch nicht zu Hause waren, aber es war leider nicht möglich. Denn er wurde immer aggressiver, kam mir immer näher und fing dann auch noch an mir zu drohen.
„Pass mal auf du kleiner Wichtigtuer, das hier ist weder
dein Haus, noch bin ich dein Bruder. Heißt... Du hast hier mal absolut gar nichts zu melden und der Einzige, der hier jetzt geht, bist du. Und wenn du nicht mächtigen Ärger mit mir willst, dann machst du jetzt ganz schnell, dass du hier raus kommst. Haben wir uns verstanden?“
„Was wird das jetzt hier? Drohst du mir? Ich habe keine Angst vor dir, falls du das denkst.“, und obwohl ich wusste, dass es eigentlich besser gewesen wäre, zu gehen, blieb ich vor ihm stehen. Ich sah ihm in die Augen, senkte noch einmal meine Stimme in der Hoffnung, irgendwie zu ihm durchzudringen. „Luca bitte... Schick sie nach Hause und lass uns in Ruhe darüber reden. Wir kriegen das wieder hin, das verspreche ich dir.“, er sah mich an, seine Augen funkelten vor Hass. Ich erkannte ihn einfach nicht wieder.
„Weißt du was Nicklas? Weißt du, was hier und jetzt das Einzige ist, was wir beide noch zu bereden haben?“
Noch bevor ich reagieren konnte, spürte ich seine Faust in meinem Gesicht und ging zu Boden. Doch damit nicht genug, kam er mir hinterher, trat mir mit aller Gewalt drei Mal hintereinander in den Oberkörper. Ich krümmte mich vor Schmerzen, flehte ihn an, damit aufzuhören. Doch es interessierte ihn nicht, es war ihm total egal, denn er tat es noch ein weiteres Mal...
„Und jetzt verschwinde lieber. Ich möchte mich ungern wiederholen.“

Bevor er ging, grinste er mich noch einmal fies an, er schien es in keinem einzigen Moment zu bereuen, was er mir da gerade angetan hatte. Als er die Tür zuschlug, hörte ich noch, wie er zu einem seiner komischen Kumpel sagte, dass ich bekommen hätte, was ich verdient hatte. Jetzt lag ich hier auf dem Boden, konnte mich kaum bewegen, alles tat mir weh. Meine Lippe und meine Nase bluteten, mein Magen fühlte sich an, als hätte man ihn gerade in tausend Teile zerrissen. Doch was noch viel schlimmer war, genauso wie mein Magen fühlte sich auch mein Herz an. Es war zerrissen, zerrissen vor Schmerz, der viel stärker war als der, den mir meine Verletzungen zufügten. Warum nur hatte er das getan? Warum nur reagierte er so abweisend und aggressiv auf mich? Ich hatte doch an nichts böses gedacht, wollte einfach nur den Tag mit ihm verbringen, so wie wir es seit Monaten taten. So, wie es ihm doch auch immer gefallen hatte. Doch heute musste ich zum ersten Mal Lucas andere, schlechte Seite miterleben und ich wünschte mir, ich hätte es niemals getan...

Ich versuchte aufzustehen, brach aber sofort vor Schmerzen wieder zusammen, konnte mich kaum auf den Beinen halten. Doch ich musste mich irgendwie nach Hause schleppen und mir war egal wie. Timo durfte mich hier so nicht finden, das würde alles nur noch schlimmer machen. Also raffte ich mich dann doch irgendwie auf und schleppte mich mit höllischen Schmerzen zu meinem Auto und fuhr nach Hause. Auf dem Weg dorthin konnte ich mich kaum auf die Straße konzentrieren, zum Glück war es nicht weit bis zu mir. Das lag zum einen an den Schmerzen, die ich hatte, die kaum auszuhalten waren und zum anderen lag es natürlich an den Gedanken um Luca. Mir wollten diese Augen nicht aus dem Kopf. Die Augen, die mich sonst immer so warm und herzlich angesehen hatten und vorhin so voller Hass waren. Immer wieder waren sie vor meinem Inneren Auge, ich konnte sie einfach nicht verdrängen, so sehr ich es auch wollte.

Zuhause angekommen, wollte ich mich natürlich sofort unbemerkt in mein Zimmer verziehen, aber wie immer gelang mir dies natürlich nicht. Doch zumindest konnte ich verhindern, dass meine Mum mich sieht, denn ich hätte nicht gewusst, wie ich das alles hätte erklären sollen. Und so rief sie mir zum Glück nur hinterher, fragte mich, ob ich nicht was essen wolle. Ich sagte ihr, dass ich keinen Hunger habe und ich mich erst einmal ein bisschen aufs Ohr legen würde. Sie gab sich dann auch zum Glück damit zufrieden, was eigentlich gar nicht ihre Art war, aber mir sollte es recht sein. Ich ging in mein Zimmer, schloss die Tür hinter mir ab, nicht dass meine Mum doch noch auf die Idee kam, nach mir zu sehen. Ich ging ins Bad, schaute in den Spiegel, der mir nur noch bestätigte, was ich mir eh schon gedacht hatte. Ich sah genau so scheiße aus, wie ich mich fühlte. Meine Lippe war blau und geschwollen und meine Nase hatte auch eine Menge abbekommen. Na super, der kleine Penner hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Ich ging nun erst einmal zurück in mein Zimmer, setzte mich auf mein Bett und bereute es im nächsten Moment auch schon wieder. Mein kompletter Oberkörper schmerzte so sehr, ich konnte nicht einmal mehr gerade sitzen. Also stand ich wieder auf und ging zu dem Spiegel an meinem Schrank, den ich immer benutze, wenn ich sehen wollte, wie meine Klamotten an mir aussahen. Ich versuchte, mein Shirt auszuziehen, aber auch das ließ ich dann besser sein, stattdessen zog ich es nur ein Stück nach oben und betrachtete geschockt, was Luca mit mir angestellt hatte. Die komplette rechte Seite war blau und grün, morgen würden mit Sicherheit auch noch andere Farben dazu kommen. Verdammte Scheiße, wie sollte ich das nur den Anderen erklären? Und vor allem, meiner Mum? Meinen Oberkörper konnte ich ja zum Glück gut verstecken, aber was sollte ich ihr erzählen, was mit meiner Lippe und meiner Nase passiert war? Aber darüber wollte und konnte ich mir jetzt keine Gedanken machen, denn ich fühlte mich einfach nur hundeelend. Ich schleppte mich zu meinem Bett, schaffte es dann auch irgendwie, mich darauf zu legen. Doch es dauerte ewig, bis ich eine halbwegs gute Position gefunden hatte, bei der ich nicht gleich dachte, ich würde vor Schmerzen kaputt gehen. Doch irgendwann hatte ich es dann wohl doch geschafft, denn ich war eingeschlafen. Allerdings nicht für wirklich lange, denn plötzlich klingelte mein Telefon und mir war sofort klar, dass es Timo sein musste. Er und seine Mum hatten wahrscheinlich schon den völlig abgedrehten Luca vorgefunden und ich fragte mich, ob wenigstens er es geschafft hatte, die Situation irgendwie zu lösen. Am liebsten wäre ich auch gar nicht ans Telefon gegangen, ich wusste doch gar nicht, wie ich reagieren sollte. Immerhin musste ich so tun, als wüsste ich von nichts. Aber Timo war mein bester Freund und ich konnte ihn nicht einfach so ignorieren, das konnte ich echt nicht bringen. Also nahm ich das Telefon in die Hand und stellte mich dem garantiert unangenehm werdenden Telefonat.

„Hey Timo.“, ich versuchte meine Unsicherheit zu verbergen, war mir aber nicht wirklich sicher, ob mir dies auch gelang.
„Sag mal, kannst du hellsehen?“
„Nein, aber deine Nummer ist eingespeichert.“
„Ja... Sorry, ich bin etwas neben der Spur.“
„Warum? Was ist los? Ist etwas passiert?“, fragte ich und tat so, als würde ich von nichts wissen.“
„Ach Nick, du kannst dir nicht vorstellen was hier heute
passiert ist.“

Wenn er nur wüsste, wie gut ich es mir vorstellen konnte, zu gut. Doch ich konnte ihm das nicht sagen und ich ich wusste eigentlich nicht einmal warum. Aber ich wollte die Angelegenheit mit Luca alleine klären, falls es die Möglichkeit dazu überhaupt noch einmal geben würde. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich Timo die Wahrheit gesagt hätte, aber wie immer war da irgendetwas in mir, was mich davon abhielt und ich konnte es mir immer noch nicht erklären. Timo erzählte mir eigentlich nichts, was ich nicht schon wusste, nur konnte er die ganzen Spinner aus dem Haus schmeißen, im Gegensatz zu mir. Und als er dann Luca zur Rede stellen wollte, machte der natürlich dicht und verschwand auch. Aber das war ja nicht anders zu erwarten.

„Nick, ich weiß nicht mehr weiter. Meine Mutter ist am Ende, sie überlegt schon, das Jugendamt einzuschalten. Wir kommen nicht mehr an ihn heran, es ist alles so zwecklos.“
„Timo ich weiß und ich kann euch auch verstehen, aber ich weiß nicht, ob das mit dem Jugendamt eine so gute Idee ist. Ich denke, dann wird er komplett dicht machen und damit werdet ihr es nicht unbedingt besser machen.“
„Aber was sollen wir dann tun Nick? Kann es denn überhaupt noch schlimmer werden? Ich meine, es ist doch jetzt schon kaum noch auszuhalten.“, ich merkte, dass er anfing zu weinen und er tat mir so verdammt leid. Aber was sollte ich denn machen? Ich konnte ihm doch auch nicht helfen.
„Ich weiß es nicht Timo. Ich weiß es wirklich nicht. Aber wir werden eine Lösung finden. Das verspreche ich dir.“, während ich mit ihm sprach, versuchte ich mich auf die andere Seite zu drehen, ein fataler Fehler. „Ahhh Sch...“, ich konnte nicht anders, es tat so weh.
„Nick? Was ist los? Alles in Ordnung?“, na ganz toll.
„Ja... Ich hab nur nur... Kopfschmerzen...“, was besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein.
„Und ich laber dich hier die ganze Zeit schon voll. Warum sagst du denn nichts? Tut mir leid.“
„Dir muss gar nichts leid tun, dafür sind Freunde doch da.“
„Aber nicht, wenn es ihnen selber schlecht geht.“
„So schlimm ist es nicht, mach dir keinen Kopf.“, log ich, um ihn wenigstens ein bisschen zu beruhigen. „Aber ich würde mich ganz gerne wieder hinlegen und ein bisschen schlafen. Ich kann echt nicht mehr. Sei nicht sauer, ja?“, ich war total fertig, konnte mich ja kaum noch bewegen.
„Ja klar. Und warum sollte ich sauer sein? Danke dass du mir zugehört hast Nick. Bin echt froh, dass ich dich habe.“
„Nichts zu danken. Bis morgen.“
„Bis morgen.“

Nachdem ich aufgelegt hatte, machte sich plötzlich mein schlechtes Gewissen breit. Es war nicht fair von mir, Timo zu belügen und ich fragte mich, warum ich dies immer noch tat. Nachdem was heute alles passiert war, hatte Luca es keine Sekunde mehr verdient, dass ich ihn in Schutz nahm und alles was er getan hatte deckte. Doch ich konnte einfach nicht anders, ich konnte nicht anders...

In dieser Nacht schlief ich überhaupt nicht gut, zwar war ich irgendwann dann doch wieder eingeschlafen, aber ich wurde immer wieder wach, hatte höllische Schmerzen. Da halfen auch nicht die Tabletten, die ich mir irgendwann um 2 Uhr morgens eingeworfen hatte. Doch dass ich nicht schlafen konnte, lag nicht allein an den Schmerzen, denn in dieser Nacht hatte ich auch zum ersten Mal diese schrecklichen Alpträume...

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich immer noch die Hoffnung, dass wenigstens meine geschwollene Lippe ein wenig zurück gegangen war. Doch leider war dies nicht der Fall, im Gegenteil, ich sah noch schlimmer aus als gestern Abend. Ich fing an, Luca für das was er getan hatte, zu verfluchen und ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich das hier meiner Mum erklären sollte, ohne, dass sie misstrauisch werden würde. Doch es half ja alles nichts, ich musste mich dieser Situation stellen, egal ob ich wollte oder nicht. Immerhin war heute der Tag unseres Abschlusses, der Tag, an dem wir unsere Zeugnisse bekommen sollten.

Also ging ich, nachdem ich mich komplett fertig gemacht hatte, nach unten in die Küche. Meine Mum stand am Kühlschrank, holte irgendwelche Sachen heraus, ich ging nur an ihr vorbei, wollte irgendwie den Blickkontakt vermeiden, auch wenn ich wusste, dass ich dies natürlich nicht den ganzen Tag tun würde.
„Morgen Mum...“, nuschelte ich vor mich hin.
„Guten Morgen. Gut geschlafen?“, sie wühlte immer noch im Kühlschrank rum, hatte mich deshalb auch immer noch nicht gesehen.
„Ja, geht schon.“
„Na wer wird denn da so schlechte Laune haben? Und das am Tag deiner...“, sie stoppte, sah mich erschrocken an. So, jetzt erst einmal eine Erklärung zurecht legen. „Oh Gott Nicklas, was ist denn passiert?“, sie kam zu mir, sah sich natürlich mein Gesicht aus der Nähe an.
„Ich... Ich bin heute Nacht im Halbschlaf gegen die Badezimmertür gelaufen.“, nicht gerade sehr einfallsreich.
Eigentlich hatte ich jetzt mit einer großen Diskussion gerechnet, denn normalerweise hätte meine Mum mir so eine dumme Ausrede nie abgenommen. Aber sie sagte nichts weiter dazu, strich mir nur kurz über meine Haare. Ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass sie mir die Geschichte nicht abnahm, wunderte mich darüber, dass sie so gar nicht darauf einging. Aber mir sollte es recht sein, die Wahrheit hätte ich ihr nämlich definitiv nicht sagen können.

„Wann müssen wir denn los zur Schule Schatz?“, fragte sie mich, nachdem wir uns eine ganze Weile angeschwiegen hatten.
„Ich würde sagen so in einer halben Stunde. Wir treffen
uns mit Timo und seiner Mum vor der Aula.“
„Okay, dann iss jetzt bitte noch was.“

Ihr zuliebe zwang ich mir dann ein halbes Brötchen mit Nutella rein, denn ich dachte, bevor sie vielleicht doch anfing, irgendwelche Fragen zu stellen, würde ich wenigstens so tun, als ginge es mir gut. Auch wenn mir das alles andere als leicht fiel. Die Schmerzen machten mich wahnsinnig und ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich diesen Tag überhaupt durchstehen sollte.

Doch ich versuchte, stark zu bleiben, meine Schmerzen zu verstecken und alles dafür zu tun, damit meine Mum stolz auf mich sein konnte. Und so standen wir dann auch schon ca. 45 Minuten später vor der Aula und warteten auf Timo und seine Mum. Doch wie immer waren sie natürlich viel zu spät dran.

„Wo bleiben die denn nur schon wieder?“, fragte ich eher mich selbst, statt meine Mum.
„Ich glaub da drüben sind sie Nick.“, sie zeigte auf die beiden und ich drehte mich zu ihnen um, doch leider viel zu schnell und ich musste mich ziemlich zusammenreißen, nicht sofort laut los zu schreien. Doch die Gedanken an die Schmerzen waren plötzlich ganz schnell wieder verflogen, als ich sah, dass Timo und seine Mum nicht alleine hier waren. Sie hatten Luca dabei und ich fragte mich ernsthaft, ob das jetzt ein schlechter Scherz sein sollte. Mein Herz begann plötzlich wie wild zu schlagen, zig Gedanken rasten durch meinen Kopf. Was wollte er nur hier? Und wie sollte ich jetzt bitte auf ihn reagieren? Ich konnte doch nicht einfach so tun, als wäre nichts passiert. Je näher die drei kamen, um so schlechter wurde mir. Was sollte ich denn jetzt nur tun?

Auch meine Mum hatte bemerkt, dass ich total in Gedanken war, denn sie fuchtelte mittlerweile wild vor meinem Gesicht herum, da ich sie anscheinend total ignoriert hatte.
„Nick? Niiiick? Nicklas? Hallo?“
„Was?“, ich sah sie kurz an, blickte dann wieder zurück zu Luca.
„Sag mal, von wem oder was träumst du denn?“, ich sah im Augenwinkel, wie sich mich angrinste, ignorierte ihre Frage aber komplett.
„Lass uns ihnen entgegen gehen.“, sagte ich nur.

Unsere Mütter begrüßten sich, als hätten sie sich seit Jahren nicht gesehen, quatschten sofort drauf los. Aber ich glaube, das lag nicht an unseren Müttern, sondern einfach nur daran, dass sie Frauen waren. Als Timo mich ansah, erkannte ich sofort an seinem Blick, dass er total geschockt war.

„Alter, wer hat dir denn eine reingehauen? Das sieht echt übel aus.“, mein Blick ging sofort zu Luca, der gar nicht erst bis zu uns mitgekommen war. Er lehnte ein paar Meter von uns weg an einer Wand, blickte zwischendurch immer wieder zu mir.
„Ich hatte heute Nacht eine unschöne Begegnung mit meiner Badezimmertür.“
„Ja natürlich, das glaubst du doch wohl selbst nicht. Schau dich mal an, das kannst du deiner Oma erzählen, aber nicht mir.“, ich wusste gleich, dass er es mir nicht abnehmen würde, er war ja nicht bescheuert.
„Glaub es oder lass es. Ist mir eigentlich so ziemlich egal.“, ich war ziemlich schroff zu ihm, bereute es auch sofort, nachdem ich den Satz ausgesprochen hatte.
„Ey sag mal geht’s noch? Ich hab dir nichts getan, also bleib mal locker.“
„Sorry...“, es tat mir wirklich leid, er konnte ja nun mal auch nichts dafür. „Lasst uns reingehen, bevor die noch ohne uns anfangen.
Während Timo und ich schon mal nach vorne zur Bühne gingen, suchten sich unsere Mütter und Luca schnell einen Platz in den ersten Reihen.
„Willst du immer noch nicht darüber reden?“, fragte Timo plötzlich.
„Selbst wenn ich wollte, ich kann nicht.“
„Ich kapier das nicht. Wir sind doch Freunde, wir können doch über alles reden Nick.“
„Darüber nicht, bitte sei nicht sauer. Aber es geht wirklich nicht.“
„Na gut, wenn du nicht willst. Aber du weißt ja, ich habe immer ein offenes Ohr für dich.“
„Danke, ich weiß das echt zu schätzen.“, ich lächelte ihn an, ohne ihn wäre ich echt manchmal aufgeschmissen gewesen.

Mein Blick wanderte mittlerweile wieder in die Zuschauerreihen, war auf der Suche nach Luca. Ich wusste selbst nicht warum, aber irgendetwas in mir drängte mich förmlich dazu, nachzusehen, ob er auch wirklich noch hier war. Entgegen meiner Erwartungen, war der Hass und die Wut auf ihn nicht mehr so stark, wie sie es heute morgen noch gewesen war. Mehr plagten mich die Gedanken darum, wie es ihm wohl ging und wie er sich fühlte. Ich verstand mich und meine Gedanken selbst nicht mehr, aber das war ja in letzter Zeit öfter der Fall gewesen. Als ich ihn dann endlich in dem ganzen Getümmel entdeckte, trafen sich unsere Blicke und er schaute sofort weg. Er musste mich schon länger beobachtet haben, da war ich mir ziemlich sicher. Doch viel Zeit, darüber nachzudenken hatte ich dann auch nicht mehr, denn die Veranstaltung ging wenige Minuten später auch schon los.

Und natürlich war das eine ziemlich langweilige und langwierige Sache. Der Direks redete und redete und ich hatte schon nach zehn Minuten keine Lust mehr, ihm zuzuhören. Und als wäre das nicht schon genug, kamen nach ihm noch unzählige Lehrer, die natürlich auch noch alle irgendwelche Geschichten zu erzählen hatten. Doch dann, nach gefühlten zehn Stunden dummen Gelaber und unzähligen Geschichten über unsere Schulzeit, bekamen wir dann auch endlich alle unsere Zeugnisse. Natürlich dauerte auch dies wieder eine halbe Ewigkeit, weil jedem von uns auch noch Glückwünsche ausgesprochen wurden, aber damit konnte ich dann doch ganz gut leben. Zum guten Schluss, wurde dann, wie jedes Jahr, der Jahrgangsbeste ausgezeichnet. Und jetzt dürft ihr alleine mal raten, wer das wohl war. Ja genau, ich war es. Eigentlich war ich nicht besonders stolz darauf, aber mit einem Notendurchschnitt von 1,2 sollte ich es wohl sein. Doch irgendwie war es mir auch nicht wichtig, lag vielleicht auch daran, dass ich eh nicht so wirklich wusste, was ich mit meinem Abitur anfangen sollte. Ich ließ sämtliche Glückwünsche über mich ergehen, war dann aber schließlich doch froh, als wir endlich für unsere Familien freigegeben wurden.

Meine Mum weinte, als sie mir gratulierte, sie war so verdammt stolz auf mich, das musste sie mir nicht einmal sagen. Auch Timo kam zu mir, nahm mich in den Arm und gratulierte mir.
„Glückwunsch du alter Streber, haste dir verdient“, er boxte mir in die Seite und ich verzog das Gesicht, konnte er das nicht wenigstens heute lassen?
„Au, pass doch auf man.“, scheiße tat das weh.
„Meine Fresse was ist denn los mit dir? Hast da auch was abbekommen?“
„Nein und jetzt lass mich in Ruhe mit dem Scheiß.“
„Oh man, mit dir ist heute echt nicht gut Kirschen essen.“, er war sauer und ich konnte ihn verstehen. „Ich bin mal bei den anderen, vielleicht hast du dich gleich ja wieder beruhigt.“
Ich sagte nichts mehr, wollte es nicht noch schlimmer machen, gerade an so einem Tag wie heute wollte ich mich nicht mit ihm streiten. Plötzlich stand dann auch noch Marie, Timos Mum vor mir, natürlich wollte auch sie mir gratulieren.
„Herzlichen Glückwunsch Nicklas, deine Eltern können echt stolz auf dich sein.“
„Danke, ich glaube, das sind sie auch.“, ich lächelte meine Mum an und sie erwiderte es nickend.
„Luca? Luca kommst du mal bitte?“, Marie rief Luca zu uns, was hatte sie jetzt nur vor? „Was hältst du davon, wenn auch du Nicklas mal gratulierst. Dabei brichst selbst du dir keinen ab. Ist ja nicht so, als würdest du ihn nicht kennen. Also los, benimm dich mal so, wie man es dir beigebracht hat.“
„Ist schon okay, er muss das nicht...“, nicht nur, dass er es nicht musste, ich wollte es auch einfach nicht. Doch sie bestand darauf und so stand er auch schon vor mir, hatte den Blick gesenkt, und sah mich auch nicht an, während er mit mir sprach.
„Glückwunsch Nick.“, ich verstand ihn kaum, so leise sprach er.
„Jaja, passt schon.“, antwortete ich und mir war relativ egal, dass mich seine Mum in diesem Moment ziemlich verwirrt und auch böse ansah. Dann drehte ich mich um zu meiner Mum, ich musste einfach hier weg. „Mum? Gehen wir was essen? Ich habe schon ziemlichen Hunger.“
„Ja natürlich, wir können auch sofort los. Was ist mit euch? Wollt ihr uns begleiten? So zur Feier des Tages?“, sie wandte sich an Luca's Mum. Ich hätte wissen müssen, dass sie auf solch glorreiche Ideen kommt. Vielleicht hätte ich sie doch besser im Auto fragen sollen. Und natürlich war Marie sofort total begeistert und die drei schlossen sich uns an. Ich bekam noch kurz mit, wie Luca versuchte, sich mit Händen und Füßen dagegen zu wehren, aber seine Mum ließ ihm keine Chance. Sehr zu meinem Missfallen, denn ich hatte ehrlich gesagt keine große Lust, mich mit ihm an einen Tisch zu setzen und so zu tun, als wäre nichts passiert. Aber was blieb mir jetzt schon anderes übrig?

Wir fuhren natürlich in das Lieblingsrestaurant meiner Eltern, da, wo wir wirklich schon jede Familienfeier verbracht hatten. Egal ob Geburtstag, Kommunion, Hochzeit, Taufe. Es gab keine einzige Feier, an der wir nicht hier waren. Und genauso wie sonst, war mein Dad auch heute mal wieder nicht dabei. Er war geschäftlich im Ausland unterwegs und es war auch nicht absehbar, wann er wieder zurück kommen würde. Seit ich denken kann, war er nie oft zuhause. Und genau so wie meine Mum, litten meine Schwester und ich sehr darunter. Wie sagte man so schön, Geld ist eben nicht alles.

Im Restaurant angekommen, suchten wir uns einen großen Tisch, durchstöberten die Speisekarte und bestellten dann auch ziemlich schnell unsere Essen. Welches dann auch zum Glück fast genau so schnell auf unserem Tisch stand, denn ich wäre fast gestorben vor Hunger. Unsere Mütter unterhielten sich prima, man hatte fast das Gefühl, sie hätten sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Und auch Timo war heute kaum zu bremsen, war total aufgedreht. Er redete und redete wie ein Wasserfall und ich kam kaum dazu, auch mal etwas zu sagen. Aber das machte mir eigentlich nicht sonderlich viel aus, ich hatte eh keine Lust, mich großartig zu unterhalten und war auch mehr damit beschäftigt, Luca zu beobachten. Er saß nur stumm da, stocherte in seinem Essen herum. Irgendwie tat er mir sogar leid, man sah ihm förmlich an, dass er sich total unwohl fühlte. Aber eigentlich geschah es ihm ja auch recht, für dass was er mir angetan hatte, hatte er ganz andere Sachen verdient.

„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“, fragte mich Timo plötzlich etwas lauter.
„Entschuldige, was hast du gesagt?“
„Sag mal was ist denn mit dir los heute? Du bist ganz schön schräg drauf, so kenne ich dich überhaupt nicht.“, er war total genervt und ich konnte ihn auch verstehen.
Mein Blick ging direkt wieder zu Luca, der wohl mitbekommen hatte, was wir gesagt hatten, denn auch er sah mich plötzlich an, auch wenn ich seinen Blick nicht so wirklich deuten konnte.
„Ich glaub, ich geh mal aufs Klo.“, ich brauchte unbedingt eine kurze Auszeit von dem ganzen hier. Also stand ich auf, wieder einmal viel zu schnell, meine Rippen schmerzten wieder einmal und ich verzog das Gesicht. Dann lief ich zu den Toiletten, stellte mich erst einmal vor den Spiegel und betrachtete mal wieder mein verunstaltetes Gesicht. Plötzlich kam die Wut wieder in mir hoch, ich war sauer und traurig zugleich. Ich ballte meine Hände zu Fäusten, hätte am liebsten irgendwo gegen geschlagen. Am liebsten hätte ich ihm eine reingehauen, das hätte er verdient gehabt. Der Kerl, der mir dies angetan hatte, saß da draußen am Tisch und ich musste einfach so tun, als wäre nichts passiert. Das war einfach nicht fair und doch war ich es ja auch irgendwie selbst schuld. Warum musste ich ihn auch die ganze Zeit noch in Schutz nehmen?

Ich versuchte irgendwie, mich wieder zu beruhigen, wusch mein Gesicht immer wieder mit kaltem Wasser, um wieder runterzukommen. Doch so recht wollte es mir einfach nicht gelingen. Deshalb beschloss ich, einfach wieder zurück zu gehen, ich würde mich schon irgendwie zusammenreißen können. Ich trocknete meine Hände ab, drehte mich um und rannte fast in Lucas Arme. Mein Herz fing plötzlich wie wild an, zu schlagen und ich hatte das Gefühl, dass es gleich heraus springen würde. Ich stand da, konnte mich nicht mehr bewegen, geschweige denn, etwas sagen. Die ganze Wut, die ich vor ein paar Sekunden noch in mir hatte, hatte sich plötzlich in Luft aufgelöst. Auch er stand einfach nur vor mir, sah mich mit großen Augen an, sagte nichts. Die Situation machte mich total nervös und wahnsinnig. Warum nur musste er jetzt hier sein? Was wollte er denn von mir?

„Luca was willst du?“, fragte ich bestimmt, nachdem ich mich wieder einigermaßen gefasst hatte.
„Ich wollte... Also...“, er fing an zu stottern, seine Augen füllten sich mit Tränen. Und auch wenn er mir leid tat, versuchte ich, dies so gut wie es ging zu verbergen
„Luca, du wolltest was?“
„Ich... Nicklas ich...“
„Verdammt noch mal Luca, rede endlich oder lass mich mit dem Scheiß in Ruhe. Ich habe auf so einen Mist hier keinen Nerv.“, ich merkte wie die Wut wieder in mir hoch kam, warum musste er mich auch so quälen.
„Nicklas...“, er holte tief Luft, versuchte sich wieder zu fangen, was ihm dann auch mehr oder weniger gelang. „Es tut mir leid, okay? Ich habe das nicht gewollt. Es tut mir einfach so sehr leid.“, was sollte ich denn darauf jetzt sagen? Dachte er allen ernstes, er sagt Entschuldigung und alles ist vergessen?
„Vergiss es einfach.“, gab ich nur schroff zurück und wollte an ihm vorbei zur Tür gehen, doch er hielt mich am Arm fest.
„Nicklas bitte...“
„Was denn noch?“
„Ist es sehr schlimm?“, ich konnte nicht glauben, dass er mich das jetzt wirklich fragte.
„Du willst wissen, ob es schlimm ist? Du willst wissen, ob es schlimm ist???“, meine Stimme wurde immer lauter und ich musste mich wirklich zusammenreiße, um ihn nicht anzuschreien. „Das kann doch nicht dein Ernst sein. Hier, schau es dir an.“, ich zog mein Shirt hoch, wollte dass er sah, was er mir angetan hatte.
„Nicklas bitte, ich wollte das nicht. Wirklich nicht, ich wusste nicht mehr, was ich da tue.“
„Ach und damit ist jetzt alles wieder gut oder wie? Hast du überhaupt den Hauch einer Ahnung, wie verdammt weh du mir getan hast?“
„Ja... Das weiß ich... Aber mehr, als mich zu entschuldigen, kann ich nicht tun.“
„Seit wann nimmst du Drogen Luca?“, jetzt wollte ich die Wahrheit wissen, war ja sowieso schon alles scheiß egal.
„Das geht dich nichts an.“, ich traute meinen Ohren nicht mehr, jetzt ging er echt zu weit.
„Es geht mich nichts an? Das kann doch nicht dein Ernst sein. Nach allem, was du mir angetan hast, stellst du dich hier hin und sagst mir, dass es mich nichts angeht? Weißt du was? Stecke dir deine dämliche Entschuldigung sonst wohin.“
„Was soll ich dir denn erzählen Nicklas? Du würdest es doch sowieso nicht verstehen. Mein ganzes Leben ist eine einzige Katastrophe, einfach nicht mehr lebenswert. Und die Drogen sind für mich der einzige Weg, alles zu vergessen und abzuschalten. Sie lassen mich den ganzen Scheiß einfach mal beiseite schieben. Wenn ich auf Drogen bin, dann ist das die einzige Zeit, in der es mir mal so richtig gut geht.“
„Die einzige Zeit, in der es dir gut geht? Ich hatte eigentlich das Gefühl, dass du dich bei unseren Treffen auch gut gefühlt hast, dass sie dir auch gut getan haben. Aber da habe ich mich wohl geirrt. Ich bin so wahnsinnig enttäuscht von dir Luca, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr. Ich wollte dir helfen, ich wollte für dich da sein. Und was machst du? Du trittst mir so sehr in den Arsch, wie es vor dir noch niemand getan hat.“, ich wusste genau, dass meine Worte hart waren, aber das war genau das, was ich in diesem Moment dachte. Und es war einfach die verdammte Wahrheit.
Luca hörte sich genau an, was ich ihm zu sagen hatte, versuchte in keinem Moment sich zu verteidigen. Doch ich konnte gut erkennen, wie weh ihm diese Worte taten und wie stark die Wut in ihm wuchs, denn er hatte mittlerweile seine linke Hand zu einer Faust geballt. Er sah mich nun nicht mehr an, hatte seinen Blick schräg neben mir auf den Boden gerichtet. Irgendwie bekam ich es plötzlich wieder mit der Angst zu tun, musste an den Vortag denken. Was, wenn er nun wieder ausrasten würde. Auf Grund meiner Verletzungen und meiner Schmerzen, hätte ich mich auch dieses Mal nicht wehren können. Doch das, was er dann tat, war vollkommen entgegen meinen Erwartungen. Er holte aus, schlug mit voller Wucht mit der Faust gegen die Wand, Tränen liefen ihm über das Gesicht und ich bemerkte geschockt, wie sehr er am Boden war.
„Weißt du was Nick? Kümmere dich doch demnächst einfach um deinen eigenen Scheiß, ja?!?!?!, er drehte sich um, knallte die Tür hinter sich zu und ließ mich einfach stehen. Ich fühlte mich plötzlich so mies, fragte mich, ob ich nicht doch zu hart zu ihm gewesen war. Auch wenn ich eigentlich wusste, dass ich mehr als Recht dazu gehabt hatte. Und trotzdem, irgendwie tat er mir leid, ich konnte nicht einmal wirklich sagen, warum.
Ich atmete noch einmal tief durch und ging dann zurück zu den anderen, die sich wahrscheinlich eh schon wunderten, wo ich so lange geblieben war. Doch als ich zurück kam, musste ich dann auch feststellen, dass Luca nicht mehr da war. Das hätte ich mir auch denken können.

„Wo ist er hin?“, fragte ich in die Runde.
Timo zuckte mit den Schultern. „Er ist einfach raus gelaufen, hat sich nicht verabschiedet. Aber es war ihm ja schon immer egal, wie es anderen bei seinen Aktionen geht.“
Mehr sagte er nicht und auch unsere Mütter verloren kein Wort mehr darüber. Er hatte es also mal wieder geschafft, die Stimmung in Null Komma Nix auf den Tiefpunkt zu treiben. Ich setzte mich wieder an den Tisch, hatte ein schlechtes Gewissen, da ich ja auch nicht unschuldig an der ganzen Situation war. Kurze Zeit später rief meine Mum dann auch schon die Kellnerin, damit wir bezahlen und uns auf den Heimweg machen konnten.

Auf dem weg nach Hause schwiegen meine Mum und ich uns an, was eigentlich so gar nicht typisch für uns war. Einer von uns hatte immer irgendetwas zu erzählen und das heute war absolute Premiere. Ich überlegte die ganze Zeit, was ich sagen konnte, um diese Stille zu beenden, denn sie war mir mittlerweile mehr als unangenehm. Aber mir wollte einfach nichts einfallen und dann war es meine Mum, die diesem ein Ende bereitete, allerdings mit einer Frage, die ich nicht unbedingt beantworten wollte.

„Sag mal Nick, ist zwischen dir und Luca irgendetwas vorgefallen?“
„Nein... Wie kommst du darauf? Wir haben doch überhaupt nichts miteinander zu tun.“, ich hasste es, sie anzulügen, aber ich konnte nicht anders.
„Ich weiß auch nicht, war nur so ein Gedanke.“, ich beschloss, einfach nicht weiter darauf einzugehen und ich war mir sicher, dass es wohl das Beste war...


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Luca oder Wie das Leben so spielt
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