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 Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)

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Mini_2010

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BeitragThema: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   So Jul 08 2012, 13:33

Teil 1

Dumpfe Bässe dröhnten aus den Lautsprechern. Diffuses Licht zuckte über die stickige Luft in dem urigen Raum, der die recht zwielichtige Hinterhofkneipe am Ende einer schmuddeligen Sackgasse dominierte. Holzstühle, an denen der Zahn der Zeit seit Jahren unerbittlich nagte, waren um Tische gruppiert, in deren Holz die Lebensgeschichten der Kneipengäste geritzt und mit dem Moder der Jahre vereint einen recht anschaulichen Eindruck ihres Alters vermittelten. Der Linoleumboden hatte ebenfalls seine besten Jahre hinter sich – die Originalfarbe war nur noch durch den Hersteller selbst zu rekonstruieren – und die beiden Deckenventilatoren, die die Menschen vor einer mittelschweren Rauchvergiftung bewahren sollten, hatten schon vor Monaten ihren Dienst quittiert und reihten sich nunmehr in das Sammelsurium überflüssiger Deko. Die Befürchtung, das Gesundheitsamt könnte den Laden aufgrund des vorherrschenden Mangels an Sauerstoff dicht machen, war durchaus begründet. In der rechten hinteren Ecke saßen alte Männer in ein Skatspiel vertieft, gehüllt in ebenjenen beängstigenden Rauch, der die gesunde Lunge aufschreien ließ und vermutlich noch zwei Straßenzüge weiter sämtliche Feuermelder auslösen würde, würde man das Wagnis eingehen und die Tür öffnen. Durch die Qualmwand waberte in unregelmäßigen Schüben ein recht aufdringliches Eau de Schnaps, durchzogen von einer penetranten Note abgestandenen Männerschweiß. Gekleidet in abgewetzte Jeans und besudelte Hemden und T-Shirts, die nur spärlich Bierbäuche und Hintern bedeckten, schmückte sich die archaische Skatgang mit leichten Mädchen und vermittelte erschreckend anschaulich den Inbegriff der aussterbenden Kneipengeneration. In der linken Ecke war der Rauch nicht ganz so undurchdringlich. Und die Klientel, die sich mehr oder weniger sportlich an zwei Billardtischen betätigte, wirkte auf groteske Weise wie die zukünftige Generation Biertrinker, die in dieser Spelunke erfolgreich herangezüchtet wurde. In zehn oder fünfzehn Jahren würde sie die aktuelle Skatgang ablösen, während selbige die Radieschen von unten begutachtete.

Zum gefühlt hundertsten Mal zuckte sein Blick über die Mischung aus leichten Mädchen, die das Verfallsdatum längst überschritten hatten und nun mit dickem Make-up und viel Farbe das zu retten versuchten, was unwiderruflich verloren war, und den sprechenden Bierbäuchen, die sich sichtbar daran erfreuten, etwas Weibliches auf ihren Schößen sitzen zu haben und offenbar blind – oder besoffen – genug waren, um das Grauen vor ihnen wirklich erkennen zu können. Ein nervtötendes Geräusch lenkte seinen Blick zur Bar. Die uralte Kuckucksuhr über dem Tresen, drapiert zwischen Jim Johnny und Jack sowie anderen hochprozentigen Substanzen, von denen er überzeugt war, dass sie einer ernsthaften Kontrolle niemals standhalten würden, kreischte elfmal. Eine Idiotie, denn das filigrane Gerät wirkte hier, inmitten all dieses anderen überflüssigen Tandes, ebenso fehl am Platz, wie ein Kinderdreirad auf einem Bikertreffen. Erneut huschte sein Blick durch die Gegend, und wieder blieb er an der jungen Frau hängen, wie schon hunderte Mal an diesem Abend … und die Tage und Wochen zuvor, … seit er zufällig einen Fuß in diesen Vorraum zur Hölle gesetzt hatte, auf der Suche nach einem geeigneten Versteck, in welches ihm die weibliche Highsociety von Berlin nicht freiwillig folgen würde. Und abermals begegneten sich ihre Blicke, nur damit sie erneut ihr Haupt senken und angestrengter denn je die Gläser polieren konnte, die schon sauberer waren als eine dreifach sterilisierte Toilette. Die süße Unschuld, die sie verkörperte, wirkte auf bizarre Weise wie eine blühende Rose inmitten eines stinkenden Müllhaufens. Und wieder einmal drängte sich ihm die Frage auf, wie ein Geschöpf wie sie an diesem Ort gelandet war, zu dem sie genauso wenig passte wie die Kuckucksuhr über der Theke.

Creep von Radiohead brüllte aus den Boxen und waberte wie ein beängstigendes Selbsteingeständnis zu ihm herüber. Unweigerlich ging ihm auf – genau wie dem Typen, der sich in seiner Selbstgeißelung gerade die Kehle aus dem Leib schrie – wie viel Wahrheit doch in den Zeilen steckte, die er zwangsläufig mit sich selbst assoziierte. Er hielt sich zwar nicht für den dramatisch besungenen Widerling, aber er fühlte sich ähnlich fehl am Platz in der Welt wie sein singender Leidensgenosse. What the hell am I doing here … I don’t belong here …, kreischte der Typ aus den Boxen. Ja, was wollte er hier? Das Jackett, was lässig wirken sollte, war mehr wert, als die gesamte Einrichtung dieser Spelunke, … genauso wie die perfekt sitzende Designerjeans. Rein vom Äußeren würde man ihn wohl eher in einem hochkarätigen Studentenclub vermuten, in dem delikate Häppchen und Champagner serviert wurden. Stattdessen saß er hier in dieser heruntergekommenen Bude – wie fast jeden Abend – trank seinen Whiskey, den er vor einigen Wochen in das Sortiment aufnehmen lassen hatte, und investierte seitdem mit dessen regelmäßigen Genuss mehr in den Laden, als es die übrige ausgeschenkte Plörre und die verschlissenen Billardtische zusammen jemals tun würden. In seinem Wesen hatte er viel mit einem äußerst seltenen und wertvollen Edelstein gemein. Ungemein attraktiv und undurchsichtig, fühlten sich die Frauen auf unwiderstehliche Weise zu ihm hingezogen. Und jede wollte ihn unbedingt haben. Blöd nur, dass er in den entsprechenden Schaufenstern mehr als nur rar war. Sein Name war zwar in aller Munde. Aber das war auch schon alles, was man über ihn wusste. Die Informationen, die sonst über ihn kursierten, waren jener Art, mit denen die Börsianer dieser Welt akribisch die Weltwirtschaftskrise ankurbelten – hundert Prozent Spekulation. Geist, Phantom, Hirngespinst … ein unbeschriebenes Blatt … er hatte viele Namen und es war ihm egal, wie sie ihn nannten, solange sie es auf diese Weise taten.

Dass er sich ausgerechnet in dieser heruntergekommen Spelunke aufhielt, war an zwei Tatsachen festzumachen. Erstens, die Bevölkerung innerhalb dieser maroden Wände beschränkte sich zu 99,9 Prozent auf Männer, die sich nicht im Mindesten für ihn interessierten. Der zweite Grund waren die 0,1 Prozent weiblicher Anteil in dieser Kaschemme. Die kurz vor dem körperlichen Verfall stehenden leichten Mädchen nicht mit eingerechnet. Sie gehörten nicht zum Etablissement, waren eher Bestandteil einer Art Selbstbedienungspuff auf der Straße außerhalb dieser stickigen Luft, die für ein paar Scheine einen warmen Platz auf dem Schoß eines bierbauchigen Losers fanden. Ganz anders so die seltene Minderheit hinter der Theke, die in stoischer Ruhe mit gleichzeitig faszinierender Freundlichkeit jene Bier saufende Männerwelt mit dem Ausschank von Alkohol zufrieden stellte. Blond, Mitte Zwanzig, etwa eins sechzig und mit einem Paar blauer Augen ausgestattet, die ihn förmlich von seinem Stuhl saugten, wenn sie auf ihn trafen. Einfach Wahnsinn. Und was das betraf, hatte er reichlich Erfahrung … und innerhalb dieser war sie das mit Abstand Interessanteste, was ihm seit Jahren untergekommen war. Er galt als der begehrteste Junggeselle der Stadt. Das wusste er. Und wenn es die Frauen nicht bis in sein Bett schafften, dann lagen sie ihm zu Füßen und säumten seinen Weg. Auch das wusste er, … und es war schlichtweg ermüdend. Und trotz dass bisher die Wenigsten den Weg in sein Bett gefunden hatten – viel weniger als er anmuten ließ – war die Eine ihm noch nicht begegnet … zumindest bis er vor ein paar Wochen zufällig hier reingestolpert war.

Sein Vater hielt ihn für einen Schwerenöter, der mit den Frauen spielte. Doch das war nicht der Fall. Was konnte er denn dafür, dass sich ihm die Damen reihenweise an den Hals warfen, wo immer er zufällig auf der Bildfläche erschien? Der alte Herr glaubte, ihn zu kennen, doch das tat er nicht. Ganz und gar nicht. Und im Grunde war dieser Sturkopf nur froh, dass er sein Imperium führte, von dem er überzeugt war, dass nur er allein der Kopf desselbigen war. Doch auch das war ein Trugschluss. Wie so vieles, denn wenn man es genau nahm, war er noch nicht mal sein Vater, auch wenn der Alte felsenfest davon überzeugt war, seine Gene erfolgreich weitervererbt zu haben. Er war sichtbar für jene, für die er sichtbar sein wollte, während er sich unter den Übrigen bewegte wie ein namenloser Schatten. Und wer glaubte, ihn fangen zu können, war einfach nur ein armer irrer Narr. Sein Leben war gleichsam erfüllt wie trostlos. Und tief in seinem Inneren war er der Jahre müde, die an ihm vorbeizogen, während er sein Dasein fristete … Er zwang sich in die Gegenwart zurück und richtete seine zeitweilig abschweifenden Gedanken nun wieder auf die zierliche Blondine, die akribisch ihrer Arbeit nachging und dabei einen Elan zeigte, als hätte sie wirklich Freude an dieser Tätigkeit. Unbegreiflich. Ein flüchtiges Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, als er sich zurück entsann. Vor ein paar Wochen hatte er einen ersten Versuch gestartet, mit der schönen Blondine ins Gespräch zu kommen, doch sie hatte ihm auf überraschend freundliche Weise einen eindeutigen Korb verpasst. Gekränkt in seinem männlichen Stolz, hatte er sich zunächst zurückgezogen, nur um drei Tage später einen weiteren Versuch zu starten. Doch mehr als ein freundliches Hallo, gewürzt mit einer kalten Schulter hatte es auch beim zweiten Mal nicht gegeben. Offenbar war sie nicht der klassische Edelsteintyp, was ihn wirklich verwirrte … und gleichzeitig faszinierte. Danach hatte er diese Spelunke quasi zu seinem zweiten Wohnzimmer erklärt und systematisch ihre Gewohnheiten erkundet. Doch weiter als bis zur nächstgelegenen U-Bahn-Station war er nie gekommen, wenn sie ging. Sie war zu einer Art Obsession geworden, die ihn beinahe täglich hierher kommen ließ, in der Hoffnung, er würde sie sehen und sie ihn. Für einen Moment in ihren Augen zu versinken, wirkte wie eine Befreiung seines geplagten Selbst. Wie eine Heilung, eine Absolution, die sie ihm verlieh, in einer Welt, die alles für ihn bereithielt … und gleichzeitig alles verwehrte.

Mit einer Geduld, die ihm bis dato ziemlich fremd war, hatte er ihr über die Tage und Wochen eindrucksvoll seine Beharrlichkeit unter Beweis gestellt, grummelnd ein paar weitere freundliche Körbe einkassiert, und sich ihr langsam angenähert – zu langsam für seinen Geschmack. Die Fülle an Worten, die er ihr entlocken konnte, war nicht mal annähernd ausreichend, um einen Werbeslogan zu kreieren, und die meiste Zeit redete er, während sie auf charmante Weise schwieg. Aber die Steigerung von durchschnittlich drei Worten auf mittlerweile zehn pro Abend innerhalb von sechs Wochen, sah er inzwischen als einen bahnbrechenden Erfolg in ihrer recht belanglosen Konversation an – wenn man mal die zahllosen Körbe berücksichtigte, mit denen er sich diesen Erfolg hart erarbeitet hatte. Sie war eindeutig nicht normal – im positiven Sinne natürlich. Denn normal wäre es gewesen, wenn sie bereits am ersten Abend nach der Begrüßung mit leuchtenden verlangenden Augen auf seinem Schoß gesessen hätte. Aber normal kannte er. Und normal war langweilig und fad … normal wollte er nicht. Lange hatte er vermutet, dass ihre Wortkargheit nur eine geschickte Masche war, ihn auf subtile Weise zu vertreiben, aber ein Tom Lanford ließ sich nicht vertreiben. Vor allem dann nicht, wenn etwas sein Interesse geweckt hatte, was wirklich äußerst selten vorkam. Er hatte schon vor Jahren aufgehört, sich Ziele zu setzten, weil es keine wirklichen Herausforderungen mehr gab. Ganz anders so die Blondine mit den faszinierenden Augen hinter der Theke in dieser billigen Klitsche. Sie war ein wirklicher Affront, und das gefiel ihm. Er hatte versucht, sie mit seinem Charme zu umgarnen, was nur mäßig funktioniert hatte. Dann hatte er seinem Charme ein wenig mehr Hartnäckigkeit beigemischt. Schnell musste er jedoch erkennen, dass seine nichts gegen die ihre war. Denn nach über einem Monat war er noch nicht wirklich einen Schritt weiter gekommen. Nicht mal ihren Namen hatte sie ihm bis dato verraten, und er fragte sich unaufhörlich nach dem Warum, was wiederum seine Neugier nur noch mehr anstachelte. Wer war sie? Ganz sicher steckte mehr hinter dieser engelsgleichen Fassade, von der er überzeugt war, dass sie ihr wahres Wesen vor ihm und jedem anderen verbergen sollte. Und konnte er es ihr verübeln? Nein. Verbarg er hinter seiner attraktiven Maske doch selbst ein dunkles Geheimnis, was er seit einer gefühlten Ewigkeit hütete. Und das war auch besser so. Für ihn, für sie und alle anderen. Die Geschichte, die Tom Lanford begleitete, war lang und das vollkommene Gegenteil von dem, was man ihm nachsagte. Doch das war ihm egal. Solange ihm die Leute diese Seite seines Selbst abkauften, war die andere, die er akribisch verbarg,in Sicherheit vor der Welt und ihren neugierigen Augen und ihrer barbarischen Verachtung, die den Menschen gleichsam innewohnte.

Sein Blick schärfte sich, als die Tür aufging und drei Kerle um die dreißig den Raum betraten. Normalerweise hätte ihn das nicht beunruhigt, aber diese Typen passten nicht in das hier vorherrschende Biertrinker- und Kettenraucherklischee, in dem Mann sich mit Skat und derben Witzen, die mehr als deutlich unterhalb der Gürtellinie lagen, die Abende und Nächte um die Ohren schlug, um nicht nach Hause gehen zu müssen – vorausgesetzt, man hatte eines, was nicht immer klar erkennbar war. Als die drei an ihm vorbei auf den Tresen zugingen und diesen auf unerhörte Weise zu belagern begannen, schnappte er ein paar primitive Anmachfloskeln auf, bei dem ihm beinahe der teure Whiskey wieder hochgekommen wäre, mit dem er seit Wochen die Verzweiflung zu ersäufen versuchte, weil es ihm einfach nicht gelang, die schöne Blonde hinter der Theke für sich zu interessieren. Proleten, dachte er grimmig und rutschte mitsamt dem Stuhl unmerklich nach links, nur um einen flüchtigen Blick auf blondes Haar erhaschen zu können, was zwischen Zapfhahn und Waschbecken hin und her huschte. Ein untrügliches Knurren vibrierte in seiner Kehle, was nicht vorrangig dem Umstand geschuldet war, dass die drei ihm seine blendende Aussicht versperrten. Vielmehr missfiel ihm die schon fast vulgäre Wortwahl, derer sich die drei bedienten und damit die schöne blonde Frau hinter der Bar, wie er fand, auf ziemlich unschickliche Weise belästigten. „Macht, dass ihr Land gewinnt.“, schnauzte ein bärbeißiger Kerl, der urplötzlich hinter der Theke auftauchte. Er war einen guten Kopf größer als die junge Frau und hatte eine Statur wie ein Profiringer. Der mehrfach gebrochenen Nase und den beiden Narben in seinem Gesicht nach zu urteilen, verfügte er augenscheinlich über eine Reihe einschlagender Argumente, um ungebetene Gäste nachhaltig vom Fernbleiben seiner Kneipe überzeugen zu können. Tom, bereits auf dem Sprung in Richtung Theke, ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken, als er sah, wie der Typ den größten der drei am Kragen packte und ihn mit seinen Augen durchbohrte, sodass dem Heini die Knie schlackerten. Mit wachsender Genugtuung beobachtete er, wie die drei sich trollten … offenbar stand ihnen nicht der Sinn nach einer ordentlichen Tracht Prügel, die der Kerl ihnen mit einem einzigen tiefen Blick versprochen hatte. Die Erleichterung, die Tom spontan durchströmte, erfuhr jedoch einen brachialen Abbruch, als er beobachtete, wie der Schrank auf zwei Beinen seine Hände auf die Schultern der jungen Blondine legte und ihr mit einem warmen Lächeln etwas zuflüsterte. Beharrlich schluckte er das aufkeimende Gefühl, was eindeutig den säuerlichen Geschmack von Eifersucht in sich trug, hinunter, als die zierliche Frau dem Ringer ein leichtes Lächeln schenkte und knapp nickte. Dann wischte sie die Theke ab und verschwand hinter der Tür auf der ‚nur für Personal’ stand. Die Kuckucksuhr bekrähte die erste Stunde des neuen Tages. Tom leerte sein Whiskeyglas und wartete mit einer Geduld, die nun mehr denn je an einem seidenen Faden hing, dass sie wieder erschien, während er überlegte, welche Strategie er heute verfolgen sollte, um ihren hübschen Lippen mehr als nur die bereits bekannten zehn Worte zu entlocken.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   So Jul 08 2012, 13:52

Teil 2

Die Nacht war kühl, als Anna die Kneipe durch den Hintereingang verließ. Manny, ihr Chef, hatte ihr angeboten, ihre restliche Schicht zu übernehmen. Und sie war ihm dankbar dafür. Seit Wochen nun arbeitete sie montags, mittwochs und freitags von zehn bis zwei in dieser Kneipe, um dem bedrückenden Alltag zu entfliehen, der ihr kaum noch Luft zum Atmen ließ. Das Ganze hatte wenig offiziellen Charakter, und sie fühlte sich jedes Mal wie ein Dieb, wenn sie sich aus dem Haus ihrer Eltern schlich, während sie vorgab, eine Freundin zu besuchen, die es nicht gab, oder früh zu Bett zu gehen, weil sie spontane Kopfschmerzen plagten. Im Grunde war es ein Witz, was sie tat, schließlich war sie sechsundzwanzig, damit laut Gesetz volljährig, und konnte somit tun und lassen, was sie wollte. Das Problem war ihr Vater – oder besser, ihr Stiefvater. Armin gehörte zu jener Art Mensch, der aus einer belanglosen Mücke den berühmten Elefanten machen konnte. Und was das betraf, gab es genau zwei Möglichkeiten, sich vor einem seiner cholerischen Anfälle zu schützen. Entweder man ergriff die Flucht, ehe er jene Stufe erreichte, die in Zerstörung mündete … oder, man entschwand dem Choleriker, bevor er in Aktion treten konnte. Zweiteres war Annas Wahl, obschon sie wusste, wie gefährlich diese Gratwanderung war. Dass Armin ihren nächtlichen Aktivitäten bisher noch nicht auf die Schliche gekommen war, grenzte an ein Wunder. Ganz sicher würde er ihr nicht nur die sauer verdiente Kohle abknöpfen, die sie ein Stück ihrer ersehnten Freiheit näher brachte, er würde auch sofort Jonas ihr nächtliches Treiben brühwarm unter die Nase reiben. Jonas. Sie schüttelte seufzend den Kopf. Jonas und sie waren seit über einem Jahr verlobt. Dass die Hochzeitsglocken bisher noch nicht geläutet hatten – sehr zum Verdruss von Armin, der in Jonas eine großartige Partie für Anna sah, zumindest wurde er es nicht müde, sie daran zu erinnern – hatte viele Gründe. Einer davon war, dass Anna sich von dem einst charmanten Typen, der ihr vom ersten Moment an gehörig den Kopf verdreht hatte, allmählich entliebt hatte. Denn was als eine Reise über plüschige Wolken mit einer überdimensional großen rosaroten Brille begonnen hatte, hatte sich über die Monate in einen beginnenden Albtraum verwandelt. Nicht nur, dass Anna zunehmend den Eindruck gewann, dass Jonas mehr und mehr zu einem zweiten Armin mutierte, der seinen Jähzorn immer weniger im Griff hatte, nein auch seine einstige Sensibilität hatte die Grobschlächtigkeit einer Axt, die im Wald wütete, angenommen. Die Folge war, dass sie ihre Zeit mehr ihrer Familie widmete, statt Jonas zu Willen zu sein. Sie hatte behauptet, dass Susanne sie brauchte, was auch irgendwie stimmte. Natürlich hatte Jonas ihr nicht geglaubt und sie nur widerwillig ziehen lassen. Der wahre Grund war, dass sie es einfach anwiderte, wenn er ihr nahe war. Aber Jonas schien sich dessen nicht wirklich bewusst. Sie hatte sich oft gefragt, warum er immer noch an der Verlobung festhielt, wo sie doch mehr trennte als vereinte. Am Ende hatte sie es einfach akzeptiert, war zu ihrer Familie zurückgekehrt und versuchte seitdem unter dem Deckmantel ihrer Familienverbundenheit eine Basis für ein unabhängiges Leben aufzubauen.

Doch was als einfache Flucht begonnen hatte, war in einem komplizierten Doppelleben gemündet. Das Geld, was sie nachts verdiente, war nicht die Welt, aber es gehörte ihr allein. Wenn sie tagsüber ihrem sauberen Leben als kreative Werbetexterin in der Firma ihres Verlobten nachging, stand sie beinahe pausenlos unter der Kontrolle ihres Zukünftigen, gleichsam wie das Geld, was sie mit dieser Arbeit verdiente. Und sie war felsenfest davon überzeugt, dass Jonas der Grund dafür war, dass Armin ihr seit ihrer Flucht zu ihren Eltern zum Ersten eines jeden Monats gut die Hälfte ihres Gehalts mit der Begründung abknöpfte, dass er ihr jenseits der Fittiche ihres Verlobten ein Dach über dem Kopf bot und einen vollen Kühlschrank … und schließlich nichts im Leben umsonst wäre. Dabei gehörte das Restaurant, was er mit ihrer Mutter betrieb gleichsam wie das Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht und nun auch einen Unterschlupf gefunden hatte, ihrer Mutter. Ein Fakt, der die Ansprüche an ihr Geld in einem ganz anderen Licht dastehen ließ. Nicht selten hatte sie sich gefragt, was er wohl damit tat, denn dem Haushalt kam es offenbar nicht zugute. Andernfalls würde Susanne nicht regelmäßig wie ein Trauerkloß am Küchentisch sitzen und sich Sorgen darüber machen, wie sie ihren Verbindlichkeiten beikommen sollte. Mehr als einmal war Anna der Gedanke gekommen, dass Susanne gar nichts von den sogenannten Haushaltsabgaben an ihren Stiefvater wusste. Sie hatte allerdings davon abgesehen, sie darüber in Kenntnis zu setzen, wollte sie doch nicht mit den daraus hervorgehenden verheerenden Folgen konfrontiert werden. Also tat sie, was sie konnte und schlug sich die Nächte um die Ohren inmitten besoffener Widerlinge, deren alkoholische Ausdünstungen selbst das kleinste Insekt in einem Umkreis von hundert Metern vernichteten, und penetranter Lüstlinge, die sie auf ziemlich abstoßende Weise bedrängten, während sie einfach nur in Ruhe ihren Job machen wollte. Das ist der Preis der Freiheit, … dachte sie niedergeschlagen und sog die kühle Nachtluft ein. Samtschwarz erstreckte sich über ihr der Himmel, an dem unzählige Sterne funkelten. Für einen Moment schloss sie die Augen und versuchte, sich zu entspannen und zu verdrängen, dass sie ziemlich offensichtlich in einer Sackgasse steckte, aus der sie nicht einmal herauskommen würde, wenn sie die Kraft fand, umzukehren.

Aber die Arbeit in dieser Spelunke war nicht nur schlecht. Da war Manny, der wirklich gut auf sie aufpasste und ihr die Widerlinge vom Hals hielt, die glaubten, dass sie mit dem Bier, was sie kauften, gleichsam Ansprüche auf Dienstleistungen anderer Art hätten. Und dann war da noch dieser Fremde mit den wunderschönen tiefgründigen Augen, der jeden Abend in diesem Schuppen auf demselben Platz saß, als wäre er allein für ihn reserviert. Mit seinem attraktiven Äußeren und dem überwältigenden Charme passte er überhaupt nicht in dieses Klischee, und Anna fragte sich jedes Mal aufs Neue, warum er dort war, schweineteuren Whiskey trank und ihr den ganzen Abend bei der Arbeit zusah, als hätte er seine ganz persönliche Passion darin gefunden. Na ja, zumindest hatte er sie nie auf diese widerwärtige Weise bedrängt, was deutlich für ihn sprach und jenen Funken weiblicher Neugier in ihr schürte, der zu gefährlich für ihr gut gehütetes Doppelleben war. Als er sie vor ein paar Wochen das erste Mal angesprochen hatte, war ihr beinahe das Herz stehen geblieben. Der Klang seiner tiefen volltönenden Stimme hatte in ihr vibriert wie eine Stimmgabel, und ein Kribbeln in ihr heraufbeschworen, wie es Jonas vor langer Zeit getan hatte. Anna hatte ihn nur verstohlen angesehen und zunächst kein Wort über die Lippen gebracht, während sie damit beschäftigt war, gleichmäßig zu atmen. Als er schließlich lächelnd … oh Himmel, dieses Lächeln … nach ihrem Namen gefragt hatte, hatte sie sich eine innerliche Ohrfeige verpasst, die sie aus dem rosaroten Wattebausch zurück in die Realität katapultiert hatte … und ihn schließlich freundlich und direkt abgewiesen. Was ihr unheimlich schwer gefallen war. Aber was hätte sie denn anderes tun sollen? Sie hatte einen emotional verkrüppelten Verlobten am Hals, der nicht genau wusste, ob sie ihm gleichgültig war oder nicht, und einen cholerischen Vater … ähem, Stiefvater. Das Aufeinandertreffen wäre einer Katastrophe gleichgekommen. Und er, der nicht so aussah, als hege er eine Leidenschaft für prekäre Beziehungskisten, hätte sicher direkt die Flucht ergriffen. Also begnügte sie sich mit den Abenden, in denen er ihr bei der Arbeit zusah und ihr ein paar Worte von den Lippen stahl. Immer noch besser, als dass sie ihn nie wieder gesehen hätte, weil er rein zufällig mit ihrem
verkorksten Leben konfrontiert worden wäre. Wie Erbärmlich.

Seufzend strich sie sich das Haar über die Schulter zurück und stellte den Kragen ihres dünnen Mantels auf. Ein kühler Windzug ließ sie frösteln. Ihr Blick huschte zurück zu der Hintertür, und sie schüttelte den Kopf. Nüchtern betrachtet, hatte ihr Leben ein Kellerniveau erreicht, was ihr wirklich Angst machte. Darunter gab es nur noch die Kanalisation, und die war bekanntlich voll mit Scheiße. Gegen ihren Willen musste sie lächeln. Der Typ hatte sich mit seinem verlockenden Charme als überaus hartnäckig erwiesen – was ihr irgendwie schmeichelte. Doch Anna war stets standhaft geblieben, hatte sich beharrlich wortkarg gegeben und ihr Wesen vor ihm verschlossen. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedachte, wie sehr sie sich doch zu ihm hingezogen fühlte. Und sie war sich sicher, dass er ihr mehr als nur einmal gefolgt war, nachdem sie die Kneipe zum Ende ihrer Schicht verlassen hatte. Vermutlich hätte sie das beunruhigen sollen, doch das tat es nicht. Die Nacht war ihr Element, ihr steter Schutz … und sie liebte sie gleichsam, wie sie den Tag hasste, … wenn sie der Willkür ihres familiären Martyriums ausgesetzt war. Sie holte tief Luft, verbannte diese trostlosen Gedanken aus ihrem Kopf und schulterte ihre Handtasche. Dann wandte sie sich um, verließ den Hinterhof der Kneipe und trat in die Gasse. Die U-Bahn-Station war nur eine Straße weiter. Ein Geräusch ließ sie aufhorchen. Erschrocken wandte sie sich um und suchte mit angehaltenem Atem die Schatten hinter den Mülltonnen ab. Ein Kratzen, dann ein leises Jaulen und ein kleiner Schatten, der durch den schwachen Schein der Straßenlaterne huschte. Anna stieß leise die Luft aus und schüttelte den Kopf. Eine Katze, … du Angsthase …, dachte sie, wandte sich um, zog die Jacke enger um sich und beschleunigte ihre Schritte. Noch zwanzig Meter, dann nach links … nochmals hundert Meter und sie wäre … „Wo willst du denn hin, Süße?“, mischte sich eine männliche Stimme in ihre Gedanken. Sie blieb erneut stehen und wandte sich um. Etwa zwanzig Meter von ihr entfernt konnte sie eine Gestalt erkennen … halt nein, es waren … drei. S.cheiße …, schoss es ihr durch den Kopf, als ihr aufging, wer sie da aufgehalten hatte. Ohne zu zögern drehte sie sich um und lief los. Schritte näherten sich eilig, schlossen zu ihr auf. Angst wandte sich in pure Panik. Jemand packte sie grob am Arm und riss sie zurück.

Ein Schrei entwich Annas Kehle. Sekunden später fand sie sich gegen eine alte Steinmauer gepresst wieder. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie in das breit grinsende Gesicht des Typen blickte, der sie vorhin schon in der Bar angebaggert hatte. Offenbar hatte Mannys Einschüchterung nicht die gewünschte Wirkung erzielt und die drei Kerle weit genug vertrieben. Ganz gewiss hatten sie so lange gewartet, bis sie rausgekommen war. Und nun stand sie hier. Oh Gott, Manny … hättest du mich doch nur nicht nach Hause geschickt …, ging es ihr panisch durch den Kopf. Schrei um Hilfe …, befahl sie sich. Gerade als sie den Mund öffnen und um Hilfe schreien wollte, zückte der Typ wie aus dem Nichts ein Messer und presste es ihr gegen die Kehle. „Halt die Schnauze … sonst bring ich dich um.“, grollte er mit unüberhörbar zorniger Stimme. Anna schluckte heftig. „Gib mir die Kohle.“, verlangte er. In der Zwischenzeit waren seine beiden Kumpel bei ihnen angekommen. Der kleinere der beiden zerrte ihr grob die Handtasche von der Schulter, während ihr Peiniger mit seiner freien Hand über ihre Wange streichelte. Die Angst ließ ihren Atem schneller kommen, … sie begann zu hyperventilieren … spürte, wie die Panik sie übermannte. „Niedlich, die Kleine.“, meinte der Dritte und trat nun auch näher. Das Geräusch eines Reißverschlusses war zu hören, begleitete von einem Grinsen jener schmierigen Art, was man nur zu gerne mit einem ordentlichen Fausthieb verschönerte … und dann ging alles ziemlich schnell. Von einer Sekunde zur nächsten war der Typ, der ihr das Messer an die Kehle gedrückt hatte, verschwunden. Und während der Typ mit der offenen Hose reichlich dümmlich auf die leere Stelle zu seiner Linken glotzte, sank Anna kraftlos zu Boden. Sie schlang die Arme um sich, keuchte heftig und zitterte am ganzen Körper. Dumpfe Laute waren zu hören, sich eilig entfernende Schritte, … dann war es still. Die plötzliche Abwesendheit von Lärm, drang nur langsam zu ihr durch, während ihr Blick starr auf den Boden gerichtet blieb. Sie dachte daran zu schreien, doch der Schock hatte sie fest im Griff, schnürte ihr die Kehle zu. Erst als sich ein Paar Schuhe in ihr Sichtfeld schoben, erwachte sie aus ihrer Trance. Abwehrend legte sie die Hände über den Kopf. „Nicht …“, hauchte sie verängstigt, kniff fest die Augen zusammen, gefasst auf einen weiteren Angriff. Sanfte Hände umfassten ihre Handgelenke. Verwirrt von der überraschenden Behutsamkeit, blickte sie auf. Das Letzte, was sie sah, war ein leuchtendes Paar graublauer Augen, die sich unauslöschlich in ihr Hirn brannten
… dann verlor sie das Bewusstsein.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   So Jul 08 2012, 14:57

Mini, du bist sowas von grandios Very Happy Very Happy Very Happy Very Happy Very Happy Very Happy Du hast dich mit dieser FF wirklich noch selbst übertroffen. Ich bin geplättet, wie genau und mit welch wunderbaren Worten du eine so grauenhafte Umgebung schilderst !!
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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   So Jul 08 2012, 16:31

Tastentante schrieb:
Mini, du bist sowas von grandios Very Happy Very Happy Very Happy Very Happy Very Happy Very Happy Du hast dich mit dieser FF wirklich noch selbst übertroffen. Ich bin geplättet, wie genau und mit welch wunderbaren Worten du eine so grauenhafte Umgebung schilderst !!

Danke dir. Die nächsten Teile stelle ich in den kommenden Tagen ein. Ist ja nur einr Kurz-FF Very Happy
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Mo Jul 09 2012, 08:23

Mini, du bist wirklich der Hammer Very Happy Very Happy Very Happy ich bin echt geflasht von deinem Schreibstill du hast dich mit dieser FF selbst übertroffen...ich weiss garnicht was ich noch schreiben soll mir fehlen echt die Worte Rolling Eyes
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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Mo Jul 09 2012, 08:42

Lizzy schrieb:
Mini, du bist wirklich der Hammer Very Happy Very Happy Very Happy ich bin echt geflasht von deinem Schreibstill du hast dich mit dieser FF selbst übertroffen...ich weiss garnicht was ich noch schreiben soll mir fehlen echt die Worte Rolling Eyes

Danke dir, das freut mich riesig. Ich beeile mich mit dem Einstellen der nächsten Teile Smile
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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Mo Jul 09 2012, 15:27

Teil 3

Blinzelnd öffnete Anna die Augen. Grelles Sonnenlicht kollidierte mit ihren Augäpfeln und veranlasste sie, die Lider abrupt wieder zusammenzukneifen. Erneut hob sie sie … langsam, bis sie sich an das grelle Licht gewöhnt hatten. Ein sanfter Wind bauschte gelborange Vorhänge auf und verströmte einen Hauch von nahendem Sommer, in den sich ganz allmählich Geräusche mischten. Sie blinzelte gegen das Licht, erkannte schemenhaft einen Raum. Unbekannt. Fremd. Viel zu schnell löste sich der Schleier des Schlafes in ihrem Kopf und katapultierte sie übergangslos in die Realität. Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Ihre Augen zuckten umher, suchten nach etwas, an was sie die Realität festmachen konnten. Doch sie blieb nirgends haften. Sie blinzelte ein paar Mal, sah sich um. Sie lag allein in einem großen Bett, welches von vier Pfosten umrahmt wurde … und eindeutig nicht ihres war. Die schneeweiße Bettdecke rutschte von ihrem Körper. Verwirrt sah sie an sich herab. Sie trug ihr T-Shirt, welches sie gestern in der Bar getragen hatte, und an ihren Beinen konnte sie den groben Stoff von Jeans spüren. Erneut flog ihr Blick durch den ihr unbekannten Raum. Zwei Sessel, gruppiert um einen Tisch tauchten in ihrem Sichtfeld auf. Darauf lagen ihre Handtasche und ihre Jacke. Ihre Augen wanderten weiter, trafen auf eine edel anmutende Kommode aus dunklem Holz, die neben einem Schrank stand, der offensichtlich aus demselben Holz gefertigt war. Weicher Flokati bedeckte den Boden und ließ Anna für einen Moment erahnen, wie er sich wohl unter ihren nackten Füßen anfühlen würde. Wo bin ich? …, ging es ihr durch den Kopf. Wie bin ich hierher gekommen? Sie warf einen Blick auf ihre Uhr … und geriet in Panik. Es war kurz vor Neun. Sie hätte vor einer halben Stunde in der Agentur sein müssen. Eilig sprang sie aus dem Bett und hastete ins Bad. Dort angekommen, hielt sie abrupt inne. Eine widerlichere Mischung aus Alkohol, Männerschweiß und Zigarettenqualm drang in ihre Nase. Was angesichts ihrer nächtlichen Aktivitäten nicht weiter verwunderlich war. Dennoch packte sie jetzt das pure Entsetzen. Sie hatte nichts zum Anziehen. Und so konnte sie unmöglich in der Agentur erscheinen. Jonas würde sofort misstrauisch werden angesichts der Duftwolke die ihre Klamotten verströmte. Wieder ein Blick auf ihre Uhr. Verdammt, sie würde mindestens eine Stunde brauchen, wenn sie vorher noch mal nach Hause fuhr. Sie stieß einen deftigen Fluch aus und bedachte ihr desolates Spiegelbild mit einem resignierten Blick, dann stieg sie unter die Dusche.

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In Gedanken versunken stieg Anna knapp zwei Stunden später – in frische saubere Klamotten gehüllt – aus dem Fahrstuhl. Sogleich erfasste sie die gewohnte Hektik der Agentur Broda & Broda. Am Empfang nahm sie ihre Post entgegen, ohne auf die morgendliche Begrüßung der brünetten Empfangsdame zu reagieren. Verwirrt blickte die ihr hinterher, was Anna ebenso ignorierte, während ihr unaufhörlich diese eine Frage durch den Kopf spukte. Wie war sie in dieses Hotelzimmer gekommen? Sie erinnerte sich, dass sie nach ihrer Schicht in der Kneipe durch diese dunkle Gasse gelaufen war. Und dann hatten plötzlich diese drei Typen hinter ihr gestanden und ihre Geldbörse verlangt, und … Oh Gott … Ein eiskalter Schauer lief über ihren Rücken. Eilig verdrängte sie diese widerliche Erinnerung und versuchte sich auf das zu konzentrieren, was danach gekommen war. Aber da war … nichts. Ihre Erinnerung setzte genau an dem Punkt wieder ein, als sie in diesem Hotelzimmer aufgewacht war … dazwischen war ein großes schwarzes Loch … „Anna“, tönte eine schroffe Stimme durch das riesige Büro, und die Blondine sank unmerklich in sich zusammen. Guten Morgen, Realität … Ja, das war ER … Jonas … griesgrämig, selbstsüchtig und mit einem Hang zur Kontrollsucht ausgestattet, der selbst den hartnäckigsten Zollbeamten blass hätte aussehen lassen. Annas Herz zog sich schmerzvoll zusammen und erinnerte sie einmal mehr daran, dass sie mit diesem emotionalen Krüppel verlobt war. Gut, zu der Zeit, als die Verlobung geschlossen wurde, war die Welt auch noch in Ordnung gewesen. Nichtsdestotrotz hatte sie damals schon das seltsame Gefühl begleitet – warum, wusste sie nicht – dass das keine wirklich gute Idee war. Sie kannten sich damals gerade mal zwei Monate, eine viel zu kurze Zeit, um bereits Zukunftspläne zu schmieden, wie sie fand. Aber Armin hatte es für eine gute Idee gehalten, und sie immer wieder daran erinnert, dass sie in durchaus wohlhabende Verhältnisse einheiraten würde, wenn sie sich mit dem Broda-Sprössling verband. Als ob das von Belang wäre. Und wie gut diese Idee wirklich gewesen war, hatte sie wenige Monate später erkennen müssen, als Jonas’ merkwürdige Wandlung zum rücksichtslosen Egoisten begonnen hatte.

Rückblickend hätte Anna alarmiert sein müssen. Wenn ihr Stiefvater sie für etwas zu begeistern versuchte, konnte im Grunde nur etwas daran faul sein. Gut, er hatte immer darauf gebrannt, sie endlich loszuwerden, und auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie ihm überaus lästig war. Trotzdem ließ Anna das Gefühl nicht los, dass etwas ganz anderes dahinter steckte als ihr Stiefvater ihr Glauben machen wollte. Okay, Jonas war durchaus nicht unattraktiv, und er war aufmerksam gewesen … und sie bis über beide Ohren in ihn verliebt. Genau das war es wohl auch, was sie von all den anderen Macken, die sie anfangs kaum gestört hatten, hatte ablenken lassen. Sie hatte ein wenig gezögert, als er ihr diesen überaus romantischen Antrag gemacht hatte, ihn darauf hingewiesen, dass so ein Schritt gut überlegt sein will. Und er hatte sich überraschend geduldig gezeigt, doch dann hatte Armin ihr eines Abends unvermittelt die Pistole auf die Brust gesetzt und sie vor die Wahl gestellt. Entweder sie willigte bis Ende des Jahres in eine Eheschließung ein oder sie würde ihre gepackten Koffer unterm Weihnachtsbaum finden. Aus einer Angst heraus, für die sie sich heute noch ohrfeigen könnte, hatte sie sich schließlich erfolgreich eingeredet, dass diese Verlobung doch nur ein Beweis seiner Liebe war und zugestimmt. Nur eine Woche später war sie aus der elterlichen Wohnung ausgezogen … Was für eine Ironie des Schicksals, dass sie kaum ein halbes Jahr später wieder eingezogen war. Im Nachhinein betrachtet, musste sie Jonas dafür dankbar sein, dass er das Ekelpaket nicht erst nach der Hochzeit hatte raushängen lassen. Eine Scheidung wäre wahrlich teuer gekommen. So ging es nur um die Aufhebung einer Verlobung. Womit sie wieder bei ihrer größten Hürde war. Seit Wochen schlug sie sich mit dem Wie herum, während sie sich wieder einmal fragte, warum Jonas diesen Schritt nicht ging. Liebte er sie am Ende vielleicht doch? Anna gluckste wenig amüsiert. Wenn dem so war, dann hatte er wirklich eine recht makabere Weise, das zu zeigen. Und selbst wenn Jonas es egal wäre, … Armin wäre es das nicht. Ihr Stiefvater würde wahrlich ausflippen. Und so wie sie ihn kannte, könnte sie gleich die nächste Brücke für sich reservieren, denn keine Verlobung – keine Bleibe. Und vermutlich könnte sie auch nicht mehr auf ihren Arbeitsplatz bei Broda & Broda zählen. Und von ihrem nächtlichen Zweitjob würde sie kaum die Miete für eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung bezahlen, geschweige denn, sich einen vollen Kühlschrank leisten können. Davon mal abgesehen waren Jobs, wie dieser bei Broda & Broda rar, vor allem wenn man keine abgeschlossene Ausbildung hatte, stattdessen aber die meiste Zeit als autodidaktische Putzfrau im familieneigenen Restaurant gearbeitet hatte. Die Wahl lag also zwischen Erfrieren und Verhungern oder seelischer und körperlicher Knechtschaft, sollte sie an Jonas festhalten. Was für eine trostlose Aussicht.

Ihr Blick fiel auf ihren Verlobten, der mit großen Schritten auf sie zukam und dabei den Raum dominierte als trüge er den Titel „König der Welt“. Ein Anblick, der sofort die Sehnsucht nach einem anderen Mann in ihr aufkeimen ließ. Keinem bestimmten, nur einem, der es sich zur Bestimmung gemacht hatte, sie auf Händen zu tragen. Der viel erträumte Ritter in schillernder Rüstung, der sie auf seinem weißen Ross in eine glückliche Zukunft führen würde. Die naiven Träume jenes kleinen Mädchens, das sie einst gewesen war. Tja, und in der Zwischenzeit hatte sich die Welt weitergedreht, sie war erwachsen geworden und hatte einen harten Aufprall in der Realität gefunden. Sie sollte verdammt sein, aber mittlerweile würde sie jeden anderen diesem emotionalen Krüppel vorziehen. Große Liebe … Pah, so was gibt’s einfach nicht, Anna … wach endlich auf …, suggerierte sie sich selbst. Dann holte sie tief Luft, setzte ein Lächeln auf, was sie alle Mühe kostete, die sie aufbringen konnte, straffte die Schultern und wappnete sich für das was auch immer jetzt kommen mochte. Der Blick aus seinen blauen Augen, in denen sie einst versunken war, war weniger als das, was sie als beherrscht an ihm kannte. Und die Spur Zorn, die unterschwellig in seinem Gesicht glühte, schnürte ihr unweigerlich die Kehle zu. „Ja“, krächzte sie und zwang sich, ihre Contenance zu wahren. Sie mochte sich ihm gegenüber klein fühlen, aber sie war nicht so dumm, ihm ihre Unterlegenheit zu zeigen. Was das betraf, hatte sie genügend Stolz, um sich ihm hoch erhobenen Hauptes zu stellen. Noch ehe sie ihm eine halbherzige Begrüßung entgegenbringen konnte, war er dicht vor sie getreten und hatte ihr etwas auf den Tisch geworfen. „Erklär mir das!“, befahl er mit schneidender Stimme. Anna runzelte die Stirn und griff nichtsahnend nach dem weißen Umschlag. Sie öffnete ihn und förderte ein paar Fotos zutage. Ihre Augen weiteten sich, und augenblicklich flogen ihre Gedanken zurück zu der dunklen Gasse und ihre drei unheimlichen Besucher. Doch das Gesicht, was ihr auf den Bildern entgegensah, gehörte keinem von ihnen. Wie? Wie kann das sein …, schoss es ihr durch den Kopf, während leises Unbehagen in ihr aufzuflammen begann. Immer und immer wieder hatte sie die Szenen in dieser Gasse in ihrem Kopf abgespult, … bis zu dem Moment heute Morgen, als sie in diesem fremden Hotelzimmer aufgewacht war. Doch da war einfach nichts. Sie hatte den Rezeptionisten gefragt, wo ihr Begleiter war, da sie davon ausgegangen war, nicht allein in dieses Hotel gelangt zu sein. Doch der hatte nur die Schultern gezuckt und gemeint, dass er die Rechnung bezahlt hatte und recht früh gegangen sei. Auf die Frage hin, ob er ihn beschreiben könnte, hatte er nur bedauernd mit dem Kopf geschüttelt, … was sie äußerst merkwürdig fand. Und nun sah sie auf das Bild jenes Mannes, der ihr so vertraut war, wie kaum ein anderer. Was ist passiert? …, dachte sie und betrachtete den Mann, der offenbar den Riss kitten konnte, der den Film unterbrochen hatte.

„Wo hast du die her?“, hörte Anna sich fragen. Eigentlich hätte sie wütend sein sollen, da ihr Verlobter ihr offensichtlich nachspionierte, aber irgendwie war sie zu verwirrt von diesen ganzen Verwicklungen. „Das spielt keine Rolle. Als dein Zukünftiger ist es mein Recht zu wissen, was du des Nachts treibst, wenn du nicht bei mir bist.“, erwiderte er fast schon besitzergreifend. Anna hob den Blick und starrte ihn voller Verachtung an. „Ich bin vielleicht deine Verlobte, aber nicht dein Eigentum.“, warf sie ihm ärgerlich entgegen. Er schnaubte abfällig und bedachte sie mit einem Blick, der sie binnen Sekunden auf weniger als eine Kakerlake reduzierte. „Mir spielst du die unnahbare Jungfrau vor, während du hinter meinem Rücken rumhurst.“, höhnte er mit übertriebenem Spott. Annas Körper versteifte sich, ihr Blick wurde ausdruckslos, während die lange zurückgedrängte Wut in ihr aufwallte und nun unerbittlich nach einem Ventil suchte. „Ich hure rum?“, wiederholte sie leise und blickte ihm fest in die Augen. Ihre Lippen bebten. „Du bist es doch, der sich jede dritte Nacht mit einer anderen vergnügt.“, spie sie ihm heftig entgegen. Flüchtig flammte so etwas wie Verblüffung in seinen Augen auf. Offenbar überraschte es ihn, dass sie über sein Treiben Bescheid wusste. Anna lachte hart und humorlos, ob der stummen Bestätigung. „Glaubst du etwa, ich hab das nicht bemerkt?“, spottete sie. Natürlich hatte sie das. Sie hatte ihn doch selbst vor ein paar Wochen mit dieser brünetten Dummtröte vom Empfang in der Damentoilette erwischt. Sie hatte ihn zwar nicht gesehen, aber durch das synchrone Gestöhne in der Kabine deutlich sein geseufztes „Ich wünschte, meine prüde Verlobte würde mir mal so ausgiebig einen blasen, wie du es tust, Janine“ vernommen und seine Stimme erkannt. Die beiden hatten sie nicht bemerkt, und Anna hatte fluchtartig den Waschraum verlassen, bevor sie ihren Kopf in das nächsten Waschbecken stecken und sich übergeben hätte können. Dass Janine offenbar ein schlechtes Gewissen hatte – etwas was Jonas vermutlich nicht mal buchstabieren konnte – sagte ihr die Tatsache, dass die junge hübsche Frau ihr seitdem gegenüber auf superfreundlich machte. Und Anna hegte keinerlei Zweifel, dass es nicht nur bei diesem einen Mal geblieben war …

Jonas’ Nasenflügel blähten sich, und ehe Anna es sich versah, hatte er seine Hand gehoben und ihr ins Gesicht geschlagen. Ein kollektives Einatmen erfüllte den Raum, und erst jetzt wurde Anna sich bewusst, dass sie reichlich Publikum um sich geschart hatten. Sie ignorierte den aufflammenden Schmerz in ihrer Wange und schenkte Jonas einen hasserfüllten Blick, bevor sie gleichsam ihre Hand nach hinten schwang, und vor versammelter Mannschaft nun ihm eine schallende Ohrfeige verpasste. „Du bist ein Schwein, Jonas Broda … und ich hasse dich.“, schrie sie ihm entgegen. Dann griff sie nach ihrer Tasche, wandte sich um und trat zielstrebig auf den Fahrstuhl zu. Es war ihr egal, dass dieser Zwischenfall Konsequenzen für sie haben würde. Es war ihr egal, wenn er nun die Verlobung löste und sie damit auf direktem Weg in die Gosse beförderte. Diese Demütigung war der Gipfel einer ganzen Reihe an Demütigungen, die sie in den letzten Wochen und Monaten hatte ertragen müssen. Sie hatte viel Geduld gezeigt, aber das Maß war schlichtweg voll. Klar, sie hätte wissen müssen, dass Jonas sich dafür rächen würde, wenn sie sich aus seiner unmittelbaren Reichweite begab. Dass er sich anderweitig vergnügen würde. Aber im Grunde kümmerte sie das auch nicht. Die Ohrfeige hatte sie ihm nicht wegen seiner Seitensprünge verpasst, sondern weil er sie als Hure bezeichnet und sie damit auf sein Niveau herabgesetzt hatte. Sie rieb sich ihre brennende Wange, während der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte. Der Schmerz war nur oberflächlich, kaum der Rede wert. Was wirklich weh tat, war der Stich in ihrem Herzen, schließlich hatte sie diesen Kerl wirklich einmal geliebt. Sie dachte darüber nach, was sie jetzt tun sollte, als sie das Gebäude verließ und sich einen tiefen, beinahe befreiten Atemzug gönnte. Vielleicht könnte sie Manny davon überzeugen, ihre Schicht in der Kneipe zu verlängern, und sie jeden Tag arbeiten zu lassen. Schließlich hatte sie ja jetzt Zeit im Überfluss. Vielleicht wäre auch eine kleine Gehaltserhöhung drin. Mit viel Glück könnte sie dann wenigstens einigermaßen über die Runden kommen.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Mo Jul 09 2012, 15:37

Ach, ich liebe diese Geschichte...die schönste Geschichte, die ich je von dir gelesen habe...*schwelg, seufz, schwärm* alien


Gaaaaaaaaaaaaanz wunderbar. bounce

LG Staffi
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Mo Jul 09 2012, 15:38

Staffi_94 schrieb:
Ach, ich liebe diese Geschichte...die schönste Geschichte, die ich je von dir gelesen habe...*schwelg, seufz, schwärm* alien


Gaaaaaaaaaaaaanz wunderbar. bounce

LG Staffi

Danke dir Very Happy
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Mo Jul 09 2012, 20:18

Ich werf mich vor dir auf die Knie, Mini! Very Happy Diese Geschichte ist einfach der Hit...Suchtpotenzial, obwohl ich eher ein Antisüchtler bin Wink
Bitte, bitte ganz schnell mehr davon!
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Mo Jul 09 2012, 21:37

Tastentante schrieb:
Ich werf mich vor dir auf die Knie, Mini! Very Happy Diese Geschichte ist einfach der Hit...Suchtpotenzial, obwohl ich eher ein Antisüchtler bin Wink
Bitte, bitte ganz schnell mehr davon!

Danke, dein Lob ehrt mich. Wirklich Very Happy
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Di Jul 10 2012, 14:18

Wow, absolute Spitzenklasse!!! Very Happy

Dein Schreibstil ist total fesselnd und man kann gar nicht genug davon bekommen! Lass' uns bitte nicht zu lange auf den nächsten Teil warten! Bin schon ganz hibbelig und gespannt wie es nun weitergeht!
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Di Jul 10 2012, 14:39

Teil 4

Unruhig warf er sich auf seinem Bett hin und her. Die dicken Vorhänge, die die Fenster verhüllten, tauchten sein Schlafzimmer in ein beruhigendes Halbdunkel. Der Tag hatte den Zenit beinahe überschritten, das spürte er in seinen Knochen. Er war müde – so wie immer um diese Zeit – fand aber keinen Schlaf. Und je näher der Abend und die Nacht rückten, umso ruheloser wurde sein Körper. Als die Qual schließlich zu groß wurde, rollte er sich auf den Rücken und riss die schwarzen Laken von sich. Nackt, wie er war, streckte er sich auf seinem Bett aus und schloss die Augen. Seine Gedanken folterten ihn … sie folterte ihn. Er hätte es besser wissen müssen, als sie nicht zurückgekehrt war. Und als er die Schreie in der Nacht gehört hatte, hatte er keine Sekunde gezögert, war aufgesprungen und aus der Kneipe gestürmt. In dieser schmuddeligen Gasse, kaum hundert Meter von der zwielichtigen Kneipe entfernt, hatte er sie gefunden … gepresst gegen eine Wand, die ihren Halt lediglich der Hartnäckigkeit des Putzes verdankte – die Gnadenlosigkeit einer Abrissbirne wäre wirklich eine Erlösung gewesen. Er hatte nur einen Sekundenbruchteil gebraucht, um die Lage zu erkennen. Die drei Typen, die genauso schlecht rochen, wie sie aussahen, hatten sich um sie gruppiert, wie hungrige Haie, die ihre Beute umkreisten. Schon als sie in der Kneipe erschienen waren, hatte er geahnt, dass sie nichts Gutes im Schilde führten. Der bittere Geruch von Gewalt hatte sie umgeben wie ein abgestandenes Odeur. Drei große kräftige Kerle gegen eine zierliche Frau, die gerade mal halb so groß war, wie sie. Wie armselig. Was sie zu tun gedachten, war nicht schwer zu erraten gewesen, begegnete er doch Nacht für Nacht derart menschlichem Abschaum. Der größte der drei hatte sich zu ihr gebeugt und ihr unter Todesdrohung ein Messer gegen die Kehle gedrückt. Das leise zornige Brodeln in ihm, was bereits in der Kneipe in ihm aufgewallt war, war augenblicklich in feurige Wut umgeschlagen. Dann hatte der Kerl ihre Brieftasche verlangt, und der zweite der Typen hatte ihr die Handtasche von der Schulter gerissen. Die junge Frau hatte in kurzen heftigen Atemzügen gekeucht, und ihr Körper hatte gezittert. Sie hatte Todesängste ausgestanden. Warum bist du hier? Das ist doch keine Gegend für dich …, hatte er gedacht. Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug gewesen, war der Dritte plötzlich auf die Idee gekommen, die Hilflosigkeit der jungen Frau auf perfide Weise auszunutzen. Lässig hatte er sich vor sie gestellt und seine Hose geöffnet. In dem Moment hatte Tom einfach rot gesehen.

Das schmierige Lachen des Widerlings war selbigem Sekunden später in seinem verfluchten Hals stecken geblieben. Und noch ehe der Lüstling begriffen hatte, wie ihm geschah, hatte er sich auf dem Boden liegend wiedergefunden, während der erste bereits einschneidende Bekanntschaft mit seinem eigenen Messer gemacht hatte … ein wirklich hässlicher Anblick. Als der Perversling begriffen hatte, was vor sich ging, hatte er sich aufgerappelt und die Flucht ergriffen. Was besser für ihn war, zumindest vorerst. Tom würde nicht zögern, ihm seine heißgeliebten Kronjuwelen abzureißen, sollte er einen weiteren Versuch starten, die Öffentlichkeit damit zu behelligen. Männer, die auf derart schäbige Weise Frauen bedrängten, hatten es nicht anders verdient. Der Dritte hatte sich beim Anblick der Situation spontan in die Hose gemacht, die Handtasche fallen gelassen und war eine Sekunde später dem Beispiel seines Kumpels gefolgt. Eine durchaus weise Entscheidung, denn damit hatten beide ihr Leben entscheidend verlängert. Ganz anders so der widerliche Kerl zu seinen Füßen, der den schmutzigen Boden vollgeblutet und langsam sein Leben ausgehaucht hatte. Er würde nirgendwo mehr hingehen. Die Faszination, die die blutende Wunde des Scheißkerls auf ihn ausgeübt hatte, hatte nicht lange gewährt, war alsbald in beißenden Ekel umgeschlagen. Ja, er war vielleicht nicht der, für den man ihn hielt, aber Selbstachtung war auch ihm kein Fremdwort. Er hatte darüber nachgedacht, ob er ihn fortschaffen sollte, doch dann hatte er sich dagegen entschieden. Der Typ lag genau da, wo er hingehörte … und man würde ihn finden, früher oder später. Ein leises Wimmern hatte ihn schließlich von dem schauerlichen Anblick abgelenkt. Die junge Frau hatte auf dem Boden gehockt. Ihr Körper war zusammengekauert gegen die Wand gesunken. Als er sich ihr genähert hatte, hatte sie die Arme über den Kopf gezogen und ein abwehrendes „Nicht …“ geflüstert. Ein Anblick, der in ihm den spontanen Wunsch aufkeimen lassen hatte, den Typen noch mal in sein Messer rennen zu lassen. Der Tod war manchmal einfach nicht Strafe genug. Ganz langsam hatte er sich zu ihr gekniet und ihre Handgelenke umfasst. Und dann hatte sie aufgesehen. Ihr Gesicht war tränenüberströmt und ihre Augen vor Angst geweitet gewesen. Sie so zu sehen, hatte ihm fast das Herz zerrissen. Er hatte ihr flüchtig in die Augen gesehen … dann hatte sie eine willkommene Bewusstlosigkeit übermannt. Ohne noch mehr Zeit zu verlieren, hatte er ihre Tasche gegriffen und sie dann kurzerhand auf seine Arme gehoben … Oh Gott, sie hatte sich so gut an seinen Körper angefühlt. Seufzend schloss er die Augen und kehrte zurück zu diesem Moment, der ihn seit Stunden wach hielt …

Besorgt betrachtete er ihre reglose Gestalt. Ihr Gesicht war zwar blass, aber ihre Züge entspannt … sie schlief den Schlaf, in den er sie hatte sinken lassen. Doch hier konnte sie nicht bleiben. Für einen flüchtigen Moment erwog er den Gedanken, sie einfach in seine Wohnung zu bringen. Aber wie würde sie reagieren, wenn sie plötzlich neben ihm aufwachte? Schön, sie kannten sich seit ein paar Wochen, aber leider noch nicht gut genug, als dass dieser Schritt wirklich sicher gewesen wäre. Und Sie würde mit Sicherheit Fragen stellen, Fragen, die er ihr nicht beantworten könnte. Am Ende siegte sein Verstand, indem er beschloss, sie in das nächste, einigermaßen komfortable Hotel zu bringen. Die einzig vernünftige Entscheidung, auch wenn es ihm völlig gegen den Strich ging. Ein grelles Licht flammte auf, riss ihn aus seinen Überlegungen. Blitzschnell wandte er sich um, schärfte seinen Blick und durchsuchte die Dunkelheit der Gasse. Dort war jemand. Er konnte den schnellen Herzschlag hören und den bitteren Gestank von Angst, der hinter den Mülltonnen zu ihm herüberwaberte, riechen. Doch ihm blieb keine Zeit, sich um diesen ungebetenen Gast zu kümmern. Die junge Frau in seinen Armen musste hier weg, bevor sie das Bewusstsein zurückerlangte. Also wandte er sich um und lief los … Kurze Zeit später betrat er mit seiner bezaubernden Fracht ein komfortables Hotel. Der Rezeptionist, der hinter dem Tresen einem seligen Nickerchen frönte, schreckte hoch, als Tom erbarmungslos auf die keine Klingel hieb. Gerade wollte der dunkelhaarige Typ sich in einer Litanei an Entschuldigungen für sein ungebührliches Verhalten verlieren, als Tom ihm nur tief in die Augen sah. „Sie ist zusammengebrochen. Ich brauche dringend ein Zimmer.“ Dem Trottel hinter dem Tresen war anzusehen, dass ihm der Vorschlag auf der Zunge lag, sie in diesem Fall doch besser in das nächste Krankenhaus zu bringen. Aber das wollte Tom nicht. „Es geht ihr gleich wieder besser. Sie braucht nur ein bisschen Ruhe.“, kam er seiner Antwort zuvor. Der Typ grinste dämlich, als wäre er Opfer einer spontanen Erleuchtung geworden, und nickte schließlich mit einem verschwörerischen Augenzwinkern. Er hatte Glück, dass er intelligent genug war, die blöde Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag, nicht laut auszusprechen. Eine Leiche in dieser noblen Lobby wäre eine denkbar schlechte Deko. Wortlos reichte er Tom schließlich einen Schlüssel und bot ihm seine Hilfe an. Tom lehnte dankend ab und wandte sich zum Fahrstuhl.

Kaum fünf Minuten später bettete er seine wertvolle Fracht in die weichen Kissen und streifte ihr die Schuhe ab. Einen Moment lang dachte er darüber nach, sie auch von der Jeans und dem Shirt zu befreien, besann sich dann aber angesichts der Verwirrung, der er damit heraufbeschwören würde, eines besseren. Sie hatte schon genug durchgemacht, und einen Kerl, dessen Hormone durcheinander tobten, wie kleine Kinder auf einem Spielplatz, konnte sie jetzt eindeutig nicht gebrauchen. Sich selbst zur Raison zwingend, setzte er sich auf die Bettkante. Schweigend betrachtete er ihr schönes Gesicht. Sie sah so unschuldig aus inmitten dieser blütenweißen Kissen. Hinreißend, mit einer Ausstrahlung, die ihn förmlich in ihren Bann zog. Behutsam streichelte er über ihre Hand, fühlte ihre weiche warme Haut, während sein Blick unverwandt auf ihr Gesicht gerichtet war, auf die dunklen Wimpern, die wie Halbmonde auf ihren Wangen ruhten. Sein Blick strich über ihre Nase, glitt über die sinnlich geschwungene Linie ihrer leicht geöffneten Lippen, … und er fragte sich, wie sie sich wohl auf seinen anfühlen würden. Er schluckte schwer, als er den Gedanken zu Ende dachte. Nein, dass durfte er nicht. Das wäre nicht richtig. Aber die Hormone, die unvermittelt zu einem heißen Tango ansetzten, schienen da anderer Meinung zu sein. Und ehe er sich zurückhalten konnte, hatte er sich über sie gebeugt und seine Lippen sanft auf ihre gelegt. Er hielt die Luft an und unterdrückte krampfhaft ein sehnsüchtiges Stöhnen. Warm, weich … köstlich … wie süßer Honig, der langsam seine Kehle hinunter rann. Oh Grundgütiger … Er zwang sich, von ihr abzulassen, … sprang auf, als hätte er sich spontan verbrannt, und trat zwei Schritte zurück.

Sein Atem kam schnell und abgehackt. Unweigerlich leckte er sich über die Lippen, und erneut schoss ihr Geschmack seine Kehle hinunter. Mit einem leisen Stöhnen schoss er die Augen, zwang sich zur Vernunft. Er musste gehen, das wusste er, … Er wollte gehen … und doch wollte er sie nicht allein lassen. Eine Weile noch rang er zwischen Gehen und Bleiben, geißelte sich mit ihrer Nähe, die er sich so oft erträumt, aber von Tag zu Tag weniger für möglich gehalten hatte. Mehr als alles andere wünschte er sich, sie wäre mehr für ihn als nur eine flüchtige wortkarge Bekanntschaft. Was für ein Hohn. Da liefen ihm die Frauen dieser Welt hinter her wie treudoofe Hunde, und ausgerechnet die Eine, die ihn zum ersten Mal in seinem Leben wirklich interessierte, schien eine Immunität gegen ihn entwickelt zu haben. Und was tat er? Er nutzte ihre Bewusstlosigkeit aus, um ihr einen Kuss zu rauben. Was war er doch für ein jämmerlicher Idiot. Als die Scham ihn wie eine Lawine überrollte, wandte er sich um und floh aus dem Zimmer. Er hatte ihr schon zuviel genommen. Wenn er weiterginge, könnte er sich auch gleich eine Klinge in die Brust rammen und sich zu dem Widerling in die schmutzige Gasse legen. Aber so war er nicht. Nein. Sein Ehrgefühl trieb ihn weg von dem Zimmer, hinunter in die Lobby. Wortlos schob er der traurigen Figur hinter der Rezeption, die irgendwie dümmlich glotzte, ein paar Scheine über das glatte Resopal und schenkte ihm einen tiefen Blick. „Die junge Frau schläft. Sagen Sie ihr, dass ihr Begleiter früh weg musste und das Zimmer bezahlt hat.“ Der Rezeptionist nickte wie ein Wackeldackel, dem man unabsichtlichen einen Schubs verpasst hatte, und nahm das Geld entgegen. Tom schüttelte resigniert den Kopf, dann wandte er sich um und ließ den Typen mit einem entrückten Ausdruck im Gesicht zurück …

Mit einem tiefen Seufzen öffnete Tom die Augen und zwang sich selbst in die Gegenwart zurück … Er starrte an die Decke, während er in diesem sanften, recht einseitigen Kuss schwelgte. Glühende Hitze flammte in ihm auf, als seine Fantasie die Szene weiterspann. Ein Knurren grollte tief in seiner Kehle, als die aufwallende Begierde wie glühende Lava durch seine Adern schoss und seine Erregung schürte. Entschlossen rollte er sich auf den Bauch und presste sein Gesicht in das Kissen. Er musste aufhören, an sie zu denken … an diese Augen … an ihre Lippen … an … Er schloss die Augen, stöhnte in das Kissen und presste seine Hüften, die ein spontanes Eigenleben entwickelt hatten, in die Matratze. Verlangen, heiß und verzehrend, wallte in ihm auf. Scheiße, das war gar nicht gut. Allein der Gedanke an sie, ließ seinen Körper vibrieren und seinen Verstand die Kontrolle verlieren. Verdammt, ich hätte sie nicht küssen dürfen …, fluchte er. Und doch hatte er es getan. Und er wusste, er würde es wieder tun, wenn er sie das nächste Mal traf.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Di Jul 10 2012, 14:40

Lizzy schrieb:
Wow, absolute Spitzenklasse!!! Very Happy

Dein Schreibstil ist total fesselnd und man kann gar nicht genug davon bekommen! Lass' uns bitte nicht zu lange auf den nächsten Teil warten! Bin schon ganz hibbelig und gespannt wie es nun weitergeht!

Danke dir. Nachschub soeben erfolgt. Kommt gleich noch ein Teil Smile
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Di Jul 10 2012, 14:42

Hach meine Liebe,
ich musste dir jetzt wenigstens mal meine positive Bewertung mit geben. Auch wenn ich leider gerade keine Zeit habe deine wunderbare Geschichte nochmal zu lesen.
Aber ich weiß ja wie grandios sie ist. Laughing
Liebe Grüße
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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Di Jul 10 2012, 15:02

Teil 5

Anna hatte sich auf direktem Wege nach Hause begeben, sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und die Bettdecke über sich gezogen. Das tat sie immer, wenn sie das Bedürfnis hatte, die übrige Welt aussperren zu müssen. Und so ein Moment war jetzt. Nachdem sie Jonas und ihr beschissenes Leben ausreichend verflucht hatte, schlug sie die Bettdecke zurück und starrte an die Decke. Ach Anna, das hat doch auch keinen Sinn …, dachte sie bei sich und erhob sich. Auf dem Weg ins Bad vernahm sie ein leises Schluchzen. Sie folgte dem Geräusch, und als sie die Küche betrat, fand sie ihre Mutter am Tisch sitzend vor. Den Kopf über einem Haufen Papier gebeugt, saß sie da … und weinte. „Mama“, flüsterte Anna leise. Susanne fuhr hoch und sah ihre Tochter erschrocken an. Offenbar hatte sie sich allein gewähnt. „Anna … du bist schon da?“, fragte sie verblüfft. Dann räusperte sie sich, wandte sich ab und wischte sich verstohlen die Tränen aus den Augen. „Was ist denn los?“, fragte Anna besorgt, rückte einen Stuhl zurück und setzte sich zu ihr. „Ach nichts.“, erwiderte Susanne und winkte hastig ab. „Nur ein sentimentaler Moment.“ Das Lächeln, was diese Aussage bekräftigen sollte, wirkte alles andere als aufrichtig. „Und dieser ganze Papierkram hier?“, fragte Anna weiter und erhaschte einen kurzen Blick auf Kontoauszüge, diverse Rechnungen und Mahnungen. „Nichts, worüber du dir Gedanken machen müsstest, mein Spatz.“, wiegelte sie ab, raffte eilig die Unterlagen zusammen und erhob sich. Aha. Doch das was Anna flüchtig zu Gesicht bekommen hatte, war das ganze Gegenteil von Nichts, worüber du dir Gedanken machen müsstest. So wie es aussah, steckte sie ziemlich in der Klemme. Die roten Zahlen im fünfstelligen Bereich waren der beste Beweis, genauso wie der trostlose Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Mutter, der neben vager Panik, in diesem unsäglichen Moment überrascht worden zu sein, auch eine tiefe Enttäuschung barg. Und als Susanne klar wurde, dass Anna mehr gesehen hatte, als sie für gut hielt, setzte sie sich wieder zu ihr und starrte auf ihre zitternden Hände. Lange Zeit schwiegen sie, und Anna ließ ihr den Raum, den sie brauchte, um sich zu sammeln. „Wie schlimm ist es?“, fragte sie leise, sich bewusst, dass sie nicht wirklich helfen konnte, außer ihrer Mutter die Möglichkeit zu geben, sich ihren Kummer von der Seele zu reden. „Ziemlich schlimm.“, gab sie mit brüchiger Stimme zu. „Wir können die Rechnungen nicht mehr bezahlen.“, wisperte sie leise. Ihr Blick glitt ins Leere als sie die folgenden Worte aussprach, die Anna einen tiefen Stich ins Herz versetzten. „Wenn das so weiter geht, muss ich das Restaurant verkaufen.“ Ihre Stimme war immer leiser geworden, bis sie schließlich ganz brach.

Sanft streichelte Anna die zitternden Hände ihrer Mutter und zog sie schließlich in eine liebevolle Umarmung. Das hier war ein weiterer Grund, warum sie nach Hause zurückgekehrt war. Armin war niemals ein liebevoller Vater gewesen, und auch ihre Mutter hatte nicht selten unter ihm zu leiden gehabt. Indem sie zurückgekehrt war, hatte sie ihrer Mutter den Rücken gestärkt. „Aber das Restaurant läuft doch großartig.“, sagte Anna leise. Susanne nickte leicht. „Ja, aber es wirft nicht genug ab, um neben den laufenden Kosten auch noch die ganzen Schulden …“ Sie stockte unvermittelt. „Was für …“ Anna ließ den Satz unvollendet, als sie den gequälten Blick ihrer Mutter sah. Sie seufzte tief, dann wisperte sie leise „Armin …“. Anna runzelte die Stirn, wollte gerade zu einer weiteren Frage ansetzen, als Susanne ihr die schonungslose Wahrheit offenbarte. „Er ist spielsüchtig.“ „Wie bitte?“, erwiderte Anna geschockt. Ein mattes Schulterzucken. „Vor zwei Tagen wollte ich Geld von der Bank holen, und da … da sagte man mir, dass … dass der Dispo überzogen sei. Und die Ersparnisse sind auch aufgebraucht … alle …“, schniefte sie. Anna schluckte schwer. „Ich hab Armin darauf angesprochen … er hat versucht, es runterzuspielen … du kennst ihn ja.“ Sie holte stockend Luft. „Dann haben wir uns gestritten … und … und …“ Ein neuerliches Schluchzen schüttelte sie und ihr Kopf sank zurück in ihre Hände. „Er hat im Casino gespielt … und verloren … immer und immer wieder.“, schluchzte sie unter Tränen. Anna schlug sich die Hand vor den Mund. Das erklärte einiges. Und jetzt wusste sie auch, was mit dem Geld passierte, was er ihr jeden Monat angeblich für Kost und Logis abknöpfte. War das auch der Grund, warum er ihr die Ehe mit Jonas so unerbittlich schmackhaft machte? Damit er in Ruhe seiner Sucht frönen konnte, während das Geld dann von anderer Stelle floss? Augenblicklich wallte Wut in ihr auf. Dass er sie abzockte, war eine Sache. Dass er aber die Existenz ihrer Mutter ruinierte, eine ganz andere. Und es war an der Zeit, Klartext zu reden. „Ich werde das jetzt klären.“, entschied Anna und stand auf. Susanne ergriff ihre Hand und schüttelte den Kopf. „Was glaubst du, was ich schon versucht habe?“, sagte sie leise. „Nein, Mama …“ Anna holte tief Luft. Die Wut in ihr hatte ihren Höhepunkt erreicht. „Ich wollte es dir nicht sagen …“ Sie hielt inne und schluckte, versuchte, ruhig zu bleiben. Was angesichts des Zorns, der in ihr kochte, einer echten Herausforderung gleichkam. „Seit Monaten verlangt er die Hälfte meines sauer verdienten Geldes von mir … angeblich als Haushaltsunkostenbeitrag. Und ich lasse nicht zu, dass dieser Widerling, der sich mein Vater nennen will, selbiges ins nächste Casino schleppt und mit vollen Händen zum Fenster rauswirft, während du und das Restaurant den Bach runter geht.“, zischte sie. Susanne sah sie mit schreckgeweiteten Augen an. Und Anna erkannte, was sie schon immer vermutet hatte. Ihre Mutter hatte keine Ahnung von den Machenschaften ihres Mannes. Kraftlos ließ die ihre Hand sinken und starrte wirr vor sich hin. Eine stumme Kapitulation. Offenkundig schockierte sie Annas Offenbarung mehr als ihr eigenes Elend. Einen Augenblick lang ruhte Annas Blick auf der traurigen Gestalt ihrer Mutter. Er hatte sie ruiniert, … er hatte ihrer beider Leben zerstört.

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„Himmel, ich stecke wirklich in der Scheiße, Jonas.“, sagte Armin und raufte sich in einem Anflug echter Verzweiflung die Haare. „Ich hab vor ein paar Monaten eine Hypothek auf das Restaurant aufgenommen, weil mir langsam die Schulden über den Kopf wachsen … Susanne weiß nichts davon …“ Er schnaufte tief auf. „Gott, ich dachte, ich schaff das … Und Susanne, die hat natürlich die leeren Konten entdeckt … oh Mann, die ist völlig ausgeflippt, als ich ihr gestanden hab, dass ich spielsüchtig bin. Und heute Morgen ist der Vollstreckungsbescheid für das Restaurant gekommen … Wenn sie den sieht …“ Armin unterbrach sich und sah Jonas mit flehendem Blick an. „Verdammt, Jonas, du musst mir helfen. Wenn ich die Raten nicht innerhalb der nächsten zwei Wochen zahle … ist das Restaurant weg … und ich bin tot.“ Sein gehetzter Blick zuckte durch die Küche. Die Panik, dass jemand Zeuge dieser Offenbarung werden könnte, stand ihm quer ins Gesicht geschrieben. „Sie hat sich mit einem anderen Kerl rumgetrieben.“, erinnerte Jonas ihn und deutete auf das verräterische Foto in seiner Hand. Sein zorniger Blick bohrte sich in Armins Augen. „Gib mir einen Grund, warum ich die Verlobung nicht lösen sollte.“, erwiderte er sichtlich angefressen. Okay, er war nicht immer fair zu Anna gewesen. Na gut, wenn er ehrlich war, hatte er sich ihr gegenüber zeitweise wie ein Schwein verhalten. Aber was erwartete sie denn von ihm, wenn sie sich ihm dauernd widersetzte? Und was die Verlobung betraf, eigentlich brauchte er keinen Grund, denn er würde sie ohnehin nicht lösen. Gut, er mochte Anna nicht so lieben, wie sie es sich vielleicht wünschte, aber sie gehörte ihm … nur ihm. Und er würde dafür sorgen, dass sie wieder zu ihm zurückkam. Und daran würde auch dieser reiche Schnösel, der permanent seine Spielchen mit der Presse trieb, nichts ändern. Für wen hielt sich dieser Idiot eigentlich? Macht sich einfach an seine Frau ran. Aber dem würde er schon noch zeigen, wo der Hammer hing. Missmutig betrachtete Jonas das Bild, als ihm plötzlich eine willkommene Idee kam. Einen Moment lang beäugte er Armin, der noch immer händeringend auf eine erlösende Antwort von ihm wartete. Der Kerl war einfach nur armselig. Aber genau dieser Umstand würde ihm in die Karten spielen – so wie damals.

Es war nicht das erste Mal, dass Armin Jonas um Hilfe bat, weil er Opfer seiner eigenen Sucht geworden war. Seit Jahren war der Typ spielsüchtig, obschon die Situation erst im letzten Jahr wirklich besorgniserregende Ausmaße angenommen hatte. Armin hatte es stets auf den Stress im Restaurant geschoben. Angeblich hatte er einen Ausgleich gesucht. Tja, vielleicht hätte er ein Fitnessstudio besuchen sollen oder einen Jogakurs, dann bräuchte er sich jetzt keine Gedanken machen, wie er aus dieser Hölle wieder rauskam. Armer irrer Narr. Vor über einem Jahr hatte er ihn das erste Mal um Geld gebeten. Damals hatte Jonas sich nichts weiter dabei gedacht, hatte er doch nur Augen für Anna gehabt. Seit ihrer ersten Begegnung fühlte er sich zu dieser Frau hingezogen. Er wusste nicht genau warum, hatte an Liebe gedacht, aber letztlich hatte wohl der Wunsch überwogen, sie ins Bett zu bekommen. Er erinnerte sich, wie zögerlich sie auf seine Avancen eingegangen war. Mehr als ein paar scheue Küsse waren kaum drin gewesen. Und als er einen Vorstoß gewagt hatte, als er den Zeitpunkt für günstig hielt, hatte sie ihn mit der Begründung abgewiesen, dass sie nur mit dem Mann schlafen wollte, der sie auch wirklich liebte. Und Jonas hatte sich wahrlich ins Zeug gelegt, sie mit Rosen und Geschenken überhäuft, sie in teure Restaurants ausgeführt und mit ihr die Karibik erkundet. Er hatte ihr seine Treue und Liebe auf jede erdenkliche Weise geschworen, … solange, bis er selbst daran geglaubt hatte. Doch Anna schienen weder teure Geschenke und Luxus noch das Gesäusel flüchtiger Worte zu interessieren. Also hatte er einen neuen Plan gefasst. Und da war ihm Armin und sein selbstverschuldetes Elend gerade recht gekommen. Er hatte ihm angeboten, ihm aus seinem Schlamassel zu helfen, wenn er im Gegenzug dafür sorgte, dass Anna seinen Heiratsantrag annahm. Doch die Gute hatte sich Zeit gelassen, sehr zum Verdruss von Armin, dem das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals stand. Zwei Monate später hatte die Zitterpartie schließlich ein Ende gefunden, Armin seine Kohle bekommen und Jonas die blonde Schnecke einen Schritt näher an seinem Bett. Doch zu seinem Leidwesen stand Armin von da an regelmäßig auf seiner Matte und bat um Geld, stets in dem Versprechen, es ihm natürlich so bald wie möglich zurück zu zahlen. Jonas wusste, dass er es nie wieder sehen würde, und es war ihm egal, solange Anna bei ihm war. Er hatte die Zeit mit ihr genossen, doch irgendwann war ihm der schlichte Blümchensex zu langweilig geworden. Und als Anna von seinen Wünschen nichts hören wollte, hatte er die Zügel ein wenig angezogen. Mit dem Ergebnis, dass sie eines Tages spontan bei ihm ausgezogen war. Daraufhin hatte er Armin heranzitiert und verlangt, dafür zu sorgen, dass Anna zu ihm zurückkommt, schließlich hatten sie einen Deal.

Nun ja, Armin hatte sich wohl bemüht … zumindest behauptete er das unaufhörlich, aber Anna blieb stur und von ihm fern. Die Folge war, dass er sich zunehmend anderweitig vergnügt hatte. Himmel, er war nun mal ein Mann und für das Klosterdasein nun wirklich nicht geschaffen. Und nun musste er erfahren, dass seine Verlobte sich mit einem anderen Kerl herumtrieb, wo doch ihr Stiefvater die Aufgabe hatte, dafür zu sorgen, dass sie keinem anderen in die Arme lief. Und ausgerechnet diese jämmerliche Kreatur stand nun vor ihm und verlangte von ihm, erneut den Goldesel zu spielen. War der Typ eigentlich noch ganz knusper in der Waffel? „Bist du dir denn ganz sicher, dass sie wirklich fremdgegangen ist?“, warf Armin ein, zweifellos ein verzweifelter Griff nach einem letzten dürren Strohhalm. Ihm war deutlich anzusehen, dass er mit Jonas’ Vorhaben, die Verlobung zu lösen, überhaupt nicht einverstanden war, was Jonas ja auch nicht wirklich zu tun gedachte. Aber das wusste Armin nicht, und er würde es ihm auch nicht auf die Nase binden. Natürlich war er sich nicht sicher, ob Anna mit dem Typen auf dem Foto wirklich was gehabt hatte, aber so lange Armin daran glaubte, war er der perfekte Köder. Der erbärmliche Trottel rang nervös die Hände, während er in der Restaurantküche auf und ab lief wie eine Ratte, die nach einem Ausgang aus ihrem Käfig suchte. „Was sollte sie wohl sonst um diese Zeit getan haben, als sich durch ein fremdes Bett zu wälzen?“, entgegnete Jonas gedehnt und legte das Foto beiseite. „Weil du ja auch die Treue in Person bist.“, mischte sich unvermittelt eine zynische Stimme in die geheime Unterhaltung. Die beiden Männer drehten sich gleichzeitig um. In der Tür stand Anna, die Arme vor der Brust verschränkt und die beiden Männer argwöhnisch musternd. Wie auf Kommando zimmerte Armin sich ein überdrehtes Lächeln auf seine Fassade, was Jonas mit einem genervten Augenrollen quittierte. Soviel Falschheit, aber gut, wenn es seinem Vorhaben dienlich war, bitte. „Anna, meine Liebe … du bist schon zu Hause.“, säuselte er mit derart zuckersüßer Stimme, dass Jonas schon beim Zuhören Zahnschmerzen bekam.

Anna ignorierte geflissentlich Armins Geschmalze, während sich ihr wütender Blick auf Jonas richtete. „Was willst du hier? Willst du mir noch eine runterhauen?“, bemerkte sie bissig. „Du hast sie geschlagen?“, mischte sich Armin ein, während sein Blick prüfend ihr Gesicht musterte und die gerötete, leicht geschwollene linke Wange bemerkte. Jonas verschränkte die Arme vor der Brust und bedachte Armin mit einem Blick, der ihm eindringlich suggerierte, besser die Klappe zu halten. Währenddessen hatte Anna ihre Aufmerksamkeit auf das Bild auf der Küchenablage gelenkt, welches sie und den Mann zeigte, den sie mehr oder weniger flüchtig aus der Kneipe kannte. „Ich weiß nicht mal, wer das ist.“, murmelte sie und sah auf. „Warum also sollte ich …“ „Du machst mit einem Kerl rum und kennst ihn noch nicht mal?“, brüskierte sich Jonas unvermittelt. Na ja, … nicht kennen ist jetzt auch nicht so ganz richtig … Und plötzlich wurde Anna etwas schlagartig bewusst. Sie hatte den Mann, der sie seit Wochen hartnäckig zu einem Gespräch zu verführen versuchte, noch nicht einmal nach seinem Namen gefragt. Wie unhöflich … Und sie nahm sich vor, das bei ihrem nächsten Zusammentreffen unbedingt nachzuholen. „Das ist Tom Lanford.“ Zu spät. Jonas’ gepresste Stimme ließ Anna aufsehen. Tom Lanford? Anna erinnerte sich, von diesem Mann gehört zu haben, der in der Regenbogenpresse immer wieder als Phantom betitelt wurde. Tatsächlich hatte sie aber noch nie ein Bild von ihm gesehen, zumindest nicht so ein klares. Überraschung machte sich in ihr breit. Aber nicht die Tatsache, dass sie rein zufällig seit Wochen mit dem heißbegehrtesten Mann der Berliner Highsociety verkehrte, verwirrte sie. Es war vielmehr der äußerst argwöhnische Unterton, mit dem Jonas von diesem Fremden sprach. War er etwa eifersüchtig? Flüchtig musterte sie ihn. Eifersüchtig auf einen Unbekannten? Anna verdrehte die Augen. Das war geradezu lächerlich. Obwohl, wenn man den Erzählungen Glauben schenken konnte, war er wohl nicht nur der Frauenschwarm schlechthin, er schien auch zu den reichsten Männern ganz Berlins zu gehören. Na gut, das konnte in einem Mann dann schon gewisse Verlustängste auslösen und den Besitzanspruch an die eigene Frau oder Freundin verstärken. Wobei bei Jonas eine besondere Betonung auf Besitzanspruch lag. Denn allen anderen Empfindungen stand er eher zwiespältig gegenüber. Dem ungeachtet drängte sich nun allerdings eine ganz andere Frage in Anna auf. Was zum Geier suchte jemand wie Tom Lanford in dieser schäbigen Kneipe? Es sei denn … Ach Quatsch Anna, das ist vollkommen absurd.

„Ich hab deinem Vater gerade gesagt, dass ich die Verlobung lösen werde.“, mischte sich Jonas’ herrische Stimme in ihre Gedanken. Gut, warum hast du es noch nicht getan … „Er ist nicht mein Vater.“, murmelte sie gleichgültig, während sie erneut das Bild betrachtete. Tom Lanford … Endlich hatte sie einen Namen zu dieser verführerisch schönen Ausgabe eines Mannes. Als es still wurde, sah sie auf und blickte in das gehetzte Gesicht ihres Stiefvaters. Seine gesamte Haltung drückte Protest aus. „Es sei denn …“, unterbrach Jonas unvermittelt die angespannte Stille und lenkte damit geschickt die Aufmerksamkeit wieder auf sich. Annas Augen wanderten zu ihrem Noch-Verlobten. Jonas’ Blick zuckte flüchtig zu Armin, der seltsam verkrampft wirkte, ehe er sich wieder auf Annas Gesicht heftete und von dort auf eine Weise über ihren Körper nach unten glitt, als dachte er darüber nach, sie meistbietend zu versteigern. Einfach widerlich. Aber das war es nicht, was Annas Unbehagen heraufbeschwor. Irgendwas stimmte hier nicht, das spürte sie. „Ich hab eine Idee.“, fuhr Jonas fort. Augenblicklich entspannte sich Armin, was Annas Argwohn auf ein neues Niveau katapultierte. „Dieser Kerl ist ein Schatten mit Name.“, begann Jonas. „Alles was man über ihn weiß, ist pure Spekulation.“, fuhr er mit einem vielsagenden Blick auf das Foto in Annas Hand fort. Er hielt einen Moment inne, um die Dramatik anzuheizen, die seine Worte heraufbeschworen hatten, und Anna verdrehte gelangweilt die Augen. „Was glaubt ihr würde die Presse für ein paar echte Insiderinfos über ihn bezahlen?“, meinte er gedehnt. Augenblicklich leuchtenden Dollarzeichen in Armins Augen auf, woraufhin Anna das Gesicht verzog. Dass ihn diese Frage gleichermaßen interessierte, war so was von offensichtlich. „Was hast du vor?“, verlangte sie zu wissen. Jonas neigte vielsagend den Kopf. „Ganz einfach. Wir spüren ihn auf, holen uns die Infos und verkaufen sie an die Presse.“, erklärte er wie selbstverständlich. „Und an wen genau hattest du bei ‚Wir’ gedacht?“, fragte sie, obwohl sie sich bereits vorstellen konnte, wie die Antwort lautete. Jonas lächelte und bedachte sie mit einem Blick als begutachtete er eine Laborratte mit ausgezeichneten Überlebenschancen. „An Dich natürlich.“, erwiderte er lapidar. Anna brach spontan in schallendes Gelächter aus. Als sie jedoch nur verständnislose Blicke erntete, ging ihr auf, dass Jonas’ Vorschlag keiner seiner makaberen Scherze war.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Di Jul 10 2012, 15:03

katha schrieb:
Hach meine Liebe,
ich musste dir jetzt wenigstens mal meine positive Bewertung mit geben. Auch wenn ich leider gerade keine Zeit habe deine wunderbare Geschichte nochmal zu lesen.
Aber ich weiß ja wie grandios sie ist. Laughing
Liebe Grüße

Danke dir, meine Liebe. Schön, dass wir uns nochmal gesprochen haben. Very Happy
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Di Jul 10 2012, 20:23

wow Mini, du schreibst echt klasse lese deine FF sehr gerne und hoffe, der nächste Teil kommt bald Smile
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Di Jul 10 2012, 21:04

Lizzy schrieb:
wow Mini, du schreibst echt klasse lese deine FF sehr gerne und hoffe, der nächste Teil kommt bald Smile

Danke dir. Very Happy Ich bemühe mich um eine baldige Fortsetzung. Kommt aber erst morgen. Wink
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Mi Jul 11 2012, 10:25

Teil 6

„Du spinnst doch.“, platzte es aus ihr heraus, ehe sie sich zurückhalten konnte. Doch der arrogante Ausdruck in seinem Gesicht sagte ihr, dass er sich seiner Sache sehr sicher war. „Soweit ich weiß, steckt deine Mutter in ziemlichen Schwierigkeiten.“, erinnerte er sie mit ruhiger Stimme. Treffer – versenkt. Anna versteifte sich. Ihr wütender Blick bohrte sich unvermittelt in Armins Dollar-Augen, die mittlerweile wie Reklametafeln leuchteten. Zweifellos war er von Jonas Idee begeistert. „Ja, und das ist allein seine Schuld.“, fauchte Anna, während sie Armin gedanklich steinigte, erhängte und vierteilte – und das alles zur gleichen Zeit. Für einen Augenblick schien Armin aus seinem Geldsegen-Paradies zurückzukehren. Doch statt der erwarteten Reue, glomm nur finstere Missbilligung in seinen Augen, treu dem Motto ‚Du könntest ja auch mal was zum allgemeinen Familienglück beitragen’. „Vergiss es!“, zischte Anna mit bebender Stimme. „Sieh es doch mal so, Anna. Wenn wir die Infos an die Presse verkaufen, wird das deiner Mutter am Ende zugute kommen.“, meldete sich nun Armin zu Wort. Natürlich. Um aus der Scheiße, die er selbst fabriziert hatte, wieder rauszukommen, würde der sogar seine Großmutter verkaufen, respektive seine Stieftochter. Anna schnaubte wenig amüsiert und murmelt etwas vor sich hin, was sich nach „Als ob dich jemals das Wohlergehen anderer Leute interessiert hätte“ anhörte. Jonas stieß einen genervten Seufzer aus und verschränkte die Arme vor der Brust, während sein Blick kurz bei Armin weilte, nur um sich anschließend in Annas Augen zu bohren. Ein kleines zynisches Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. „Wusstest du, dass Armin vor Monaten eine Hypothek für das Restaurant aufgenommen hat und das Geld für die Raten seitdem am Roulettetisch verschleudert, anstatt sie seinen Gläubigern zu überweisen?“, ließ er vollkommen indolent die Bombe platzen. Armin schnappte entrüstet nach Luft, während Anna die Kinnlade nach unten fiel und sie nach ein paar Sekunden wahrer Verblüffung Jonas mit ihren Augen zu erdolchen begann. Er wusste ganz genau, dass ihre Mutter ihre größte Schwäche war und sie Susanne niemals im Stich lassen würde. Und dass er diese Situation derart perfide ausnutzte, um sie in die Ecke zu drängen, machte sie auf einmal stinksauer.

„Du hast was?“, mischte sich unvermittelt eine weitere Stimme in die Unterhaltung. Susanne stand in der Tür, und ihr Gesicht strahlte blankes Entsetzen, gepaart mit abgrundtiefer Enttäuschung aus. „Du hast das Restaurant verpfändet? Bist du jetzt völlig durchgedreht …“, schrie sie, ehe ihr Gesicht einen Ausdruck völliger Fassungslosigkeit annahm. „Wie konnte ich mich nur so in dir täuschen, Armin.“, hauchte sie. Anna schluckte schwer, als sie die Tränen in den Augen ihrer Mutter glitzern sah. Armin schnappte wie ein Karpfen auf dem Trockenen, wilde Empörung glomm in seinen Augen, Widerspruch … alles, … aber keine Reue. Der Typ war wirklich total abgebrüht. Susanne brach in Tränen aus. Dann stürmte sie auf Armin los, wie eine wildgewordene Furie. Und für einen befriedigenden Moment lang genoss Anna den Anblick, wie Susanne Armin links und rechts eine ballerte, sodass dem die Ohren schlackerten. Es war das erste Mal, dass sie ihre Mutter so ausrasten sah, aber er hatte es wirklich verdient. „Raus aus meinem Haus. Sofort! Pack deine Sachen und verschwinde!“, schrie sie und begann nun mit Fäusten auf ihn loszugehen. Armin duckte sich ab und flüchtete aus der Restaurantküche. Susanne folgte ihm, gleichsam wie Annas halb entsetzter, halb amüsierter Blick. Die innere Befriedigung, die diese Szene in ihr auslöste, wirkte wie eine seelische Wiederbelebung. Doch so sehr sie Armin diese Abreibung auch gönnte, das Problem war damit leider nicht aus der Welt geschafft. Im Gegenteil, es blieb … und Jonas sorgte dafür, dass dieses sie schneller in die Realität zurückholte, als ihr lieb war. „Tja, damit wäre wohl zumindest das Loch gestopft, durch das das Geld immer verschwindet.“, meinte er gedehnt. „Bleibt nur die Frage, wie jetzt der ganze Schuldenberg beseitigt werden soll. Deine Mutter wird das allein nicht schaffen. Und Armin …“ Anna schnaufte angestrengt und blitzte Jonas wütend an. Aus seinem Blick sprach pure Überlegenheit. Warum zum Teufel war immer sie die Blöde, die die Suppe für die anderen auslöffelte? Aber gut, ihre Mutter konnte genauso wenig dafür, und Anna bot man zumindest eine Möglichkeit, auch wenn ihr diese vollkommen gegen den Strich ging. „Also, mal angenommen, ich mache es.“, kam sie auf Jonas’ Plan zurück. „Wie soll ich das anstellen? Ich meine, der Mann ist ein Geist. Und er wird wohl kaum mit einem Schild auf dem ‚Hier bin ich’ durch die Gegend laufen.“, bemerkte Anna ironisch. Sie hielt rein gar nichts von dieser Idee, aber offenbar blieb ihr keine andere Wahl. Jonas zuckte gelassen die Schultern. „Das nicht … aber zufälligerweise bist du dem Geist schon ziemlich nahe gekommen.“, erinnerte er sie. Anna verdrehte genervt die Augen. „Ja und? Ich weiß trotzdem nicht, wo oder wie ich ihn finden soll.“ Gut, das war gelogen … aber die Wahrheit hätte Jonas direkt explodieren lassen. „Angeblich leitet er dieses Modellabel Lanford. Frag doch dort nach.“ Anna kniff die Augen zusammen und musterte ihn argwöhnisch. „Und du meinst, ich spaziere da so einfach rein, stelle meine Fragen und gehe wieder?“, konterte sie ironisch.

Wieder ein lässiges Schulterzucken, begleitet von einem süffisanten Grinsen. „Du bist doch ein kreatives Mädchen. Lass dir was einfallen.“, säuselte er auf eine Weise, die Anna einen eisigen Schauer über den Rücken laufen ließ. „Vielleicht versuchst du es mal mit deinen hübschen Augen.“ Unglauben machte sich in ihr breit. Ihr sogenannter Verlobter schickte sie wissentlich zu einem anderen Mann … Und dann machte er einen auf eifersüchtig? Wie abartig war das denn? Und warum tat er das? Doch nicht, um das Elend von ihrer Mutter abzuwenden, denn dafür gab es weitaus bessere Alternativen. „Wir können das ganze aber auch abkürzen.“, erklärte Jonas unvermittelt. Anna taxierte ihn abwartend aus zusammengekniffenen Augen. „Wie?“ Mit einem leisen Räuspern wandte er den Blick ab, ehe er fortfuhr. „Ich übernehme die Schulden deiner Mutter, das Restaurant bleibt im Familienbesitz … und im Gegenzug kommst du zu mir zurück.“ Anna starrte Jonas mit großen Augen an. Wie bitte? Für einen Moment war ihr tatsächlich die Sprache abhanden gekommen. „Andernfalls … na ja, du kennst die Alternative.“, erinnerte er sie. Angewidert wich Anna einen Schritt zurück. Und dieses Arschloch wollte ich mal heiraten? …, dachte sie und schüttelte fassungslos den Kopf. „Du bist wirklich das Jämmerlichste, was mir je in meinem Leben begegnet ist.“, hauchte sie entsetzt, als ihr bewusst wurde, welche Skrupellosigkeit dem einst so charmanten Kerl tatsächlich innewohnte. Er nutzte ihre Zwickmühle aus, um sie zu erpressen? Was sie aber nicht verstand, Was hatte er davon? „Worum geht’s dir wirklich, Jonas?“, fragte Anna barsch. „Um dein kümmerliches Ego? Um deine Ehre? Oder geht’s dir darum, dich an mir zu rächen, weil ich nicht nach deiner Pfeife tanze und dein williges Betthäschen spiele?“, spie sie ihm grollend entgegen. Endlich war es raus. Endlich hatte sie das gesagt, was ihr schon so lange auf der Zunge brannte. „Ich liebe dich.“, platzte es unvermittelt aus ihm heraus. Die Art wie er das sagte, ließ Anna eine leichte Gänsehaut über den Rücken kriechen. Liebe? Du weißt doch nicht mal, was das ist. „Und es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe.“, fügte er fast schon beschämt hinzu. Okay, diese Reuenummer kam wirklich gut. Argwöhnisch musterte sie ihn. Meinte er das wirklich ernst? Für einen Moment war sie gewillt, ihm zu glauben, doch sie blieb skeptisch. „Ich möchte deiner Mutter wirklich helfen.“, erklärte er unvermittelt. Anna lachte laut auf. Okay, richtig lügen musst du noch lernen. „Natürlich, und warum veranstalten wir dann hier dieses Schmierentheater? Wenn du ihr wirklich helfen wolltest, würdest du das auf eine legale Weise tun, ohne dabei einen Unschuldigen mit reinzuziehen oder mich zu erpressen.“, zischte sie angesäuert.

Jonas’ hohles Lachen dröhnte schmerzhaft in ihren Ohren. „Auf eine legale Weise? Mhmm … du meinst, so wie ich euch seit über einem Jahr regelmäßig auf eine legale Weise helfe? Das Restaurant wäre schon längst Geschichte, genauso wie du und deine Mutter. Und das nur, weil dein Vater seine Sucht nicht im Griff hat.“, fauchte Jonas jetzt und trat dicht vor sie. Anna zog irritiert die Brauen zusammen und wich instinktiv zurück. Was hatte er da gesagt? „Du hast …“ Jonas lachte freudlos auf. „Ja, ich hab Armin regelmäßig Geld gegeben. Der Penner stand fast jeden Monat vor meiner Tür, ich konnte schon die Uhr nach ihm stellen.“, erklärte er angefressen. „Und was ist der Dank? Meine Verlobte meidet mich wie einen faden Nachtisch und macht hinter meinem Rücken mit einem anderen Kerl rum.“ Seine Augen funkelten vor Wut und unterdrückter Eifersucht. Vollkommen irritiert von seinem Ausbruch musterte Anna ihn. Das hatte sie nicht gewusst. Und sie fragte sich unwillkürlich, warum er ihr das ausgerechnet jetzt offenbarte. „Was willst du, Jonas?“, fragte sie leise. „Dich. Ich will, dass du zu mir zurückkommst.“, erwiderte er, streckte seine Hand aus und schob sie in ihren Nacken. Anna versteifte sich, als er den Abstand zwischen ihnen überwand und ihren Kopf näher zu sich zog. Bevor er jedoch seine Lippen auf ihre legen konnte, wandte sie den Kopf ab, legte ihre Hände auf seine Brust und schob ihn sanft aber bestimmt von sich. „Nein, das kann ich nicht.“ Jonas ließ von ihr ab und trat mit einem gleichgültigen Schulterzucken zurück. „Gut, dann wird dir wohl nichts anderes übrig bleiben, als Tom Lanford zu enträtseln.“ Annas Hände ballten sich zu Fäusten. Wütend schlug sie die Zähne aufeinander. „Das ist Erpressung.“, zischte sie. Jonas lachte. „Nein, es ist eine ganz einfache Entscheidung. Ich oder Er.“, erklärte er schroff. Anna blinzelte irritiert. Du oder Er? Sie schnaubte abfällig. Wenn du meinst. Die Antwort ist nicht schwer. Entschlossen blickte sie ihm in die Augen. „Ich komme nicht zu dir zurück, Jonas.“, erklärte sie mit fester Stimme. „Du hast mich vor eine Wahl gestellt. Okay … ich habe mich entschieden. Ich werde morgen zu Lanford gehen und diese Informationen beschaffen … Und du wirst mich ab sofort in Ruhe lassen.“ Ihre Augen durchbohrten ihn mit einem letzten hasserfüllten Blick, dann verließ sie ohne ein weiteres Wort die Küche … Paloma, Annas beste Freundin, hatte einmal gesagt, dass wenn man seinen Prinzen finden wollte, man nicht umhin kam, erst einmal eine ganze Reihe von falschen Fröschen küssen zu müssen, bis der wahre Prinz sich offenbarte. Anna hatte damals laut über diesen abstrusen Vergleich gelacht. Welch Ironie, dass ihr schon kurz darauf Jonas begegnet war. Blind, wie sie war, wähnte sie sich im Glück. Doch schon bald hatte sie feststellen müssen, dass er nicht mehr war als ein kleiner grüner schleimiger Frosch.

Das werde ich ganz sicher nicht. Du gehörst mir …, dachte Jonas, während er ihr nachsah. Ein leises Knurren drang aus seiner Kehle. Er hätte wohl damit rechnen müssen, dass Anna nicht so ohne weiteres nachgeben und zu ihm zurückkommen würde, schließlich wusste er nur zu gut, wie stur und unnachgiebig sie sein konnte. Aber gut. Hier war noch nicht das letzte Wort gesprochen. Und wenn sie glaubte, dass sie ihm auf diese Weise entkommen könnte, hatte sie sich gewaltig geschnitten. Sie gehörte ihm … nur ihm, und er würde dafür sorgen, dass dieser andere Kerl – was auch immer zwischen den beiden gelaufen sein mochte – bald keine Rolle mehr spielte.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Mi Jul 11 2012, 10:48

Teil 7

Fünf Tage später bereute Anna bereits, auf diese mehr als dämliche Idee eingegangen zu sein, denn dieser Tom Lanford war – als hätte er es irgendwie gespürt, dass man ihm auf die Pelle rückte – plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Phantom eben. Doch lieber jagte sie ein Phantom, als in Jonas’ Fänge zurückzukriechen. Was das betraf, hätte sie sogar Frankensteins intimste Geheimnisse entlockt. Ein eisiger Schauer kroch ihr allein bei dem Gedanken über den Rücken. Aber gut, sie hatte sich entschieden. Tja, nur schien die Theorie einfacher als die Praxis. Was war passiert? Gleich am Tag, nachdem Jonas diese Idee ausgegraben hatte, war Anna zu besagtem Modeunternehmen gefahren und hatte dort um einen Termin mit Tom Lanford gebeten. Anders als erwartet, hatte man sie dort äußerst schroff abgewiesen. Herr Lanford wäre nicht zugegen und hätte auch sonst keine Zeit. Eingebildete Modefuzzis. Und darauf hatte Anna ja wirklich tierisch Bock. Warum nur musste ein Mann wie Tom Lanford in diesem überdrehten Schuppen arbeiten? Augenblicklich hatte sie entschieden, dass er ihr als stiller Zuschauer in ihrer Kneipe um Längen besser gefiel. Als die Dame am Empfang sich dann doch dazu herabgelassen hatte, Anna nach ihrem Anliegen zu fragen, hätte diese das Wort Interview wohl nicht so leichtfertig aussprechen sollen. Die vollbusige Blondine, die in einer ins Nuttige abgleitenden Version eines Minirocks steckte, hatte ihr auf recht arrogante Weise zu verstehen gegeben, dass Herr Lanford niemals Interviews gebe. Offenbar war die Dame davon überzeugt – oder sie war es schlichtweg gewohnt – dass diese Aussage genügte, um Eindringlinge wie sie in die Flucht zu schlagen. Doch da hatte sie ihre Rechnung ohne Anna gemacht. Mit einem übertrieben freundlichen Lächeln hatte sie ihre Karte über den Tresen geschoben und auf einen Termin und einen entsprechenden Rückruf bestanden. Wenn Herr Lanford keine Interviews gab, sollte er ihr das doch bitteschön selbst sagen und nicht das Busenwunder hinter ihrem geschniegelten Mahagonitresen vorschicken. Als Anna sich von ihr verabschiedet hatte und zum Fahrstuhl gegangen war, hatte sie unweigerlich an die alten Schachteln in der Kneipe denken müssen. Tja, wenn sich die wandelnde Farbpalette mit den falschen Titten und aufgespritzten Lippen ordentlich ranhielt, hätte sie – sollten einst Falten und Krähenfüße ihr jugendliches Gesicht attackieren – gute Erfolgschancen auf den privaten Straßenpuff, der um die Ecke dieser Kneipe lag. Vorausgesetzt, die Hütte stand dann noch und der Verfall von Madame Busenwunder würde nicht zu spät einsetzen. Aber der chemischen Keule nach zu urteilen, die sie ihrem Äußeren offenbar tagtäglich zumutete, würde das wohl nicht der Fall sein.

Die Frustration war über den Tag gleichsam mit dem Sekundenzeiger vorangeschritten. Am Ende war der erwartete Rückruf natürlich nicht erfolgt. Zähneknirschend hatte Anna die Möglichkeit ins Auge gefasst, dass ihre Nachricht wohl nicht weitergegeben wurde. Was ihre Frustration auf ein neues Hoch befördert hatte. Unweigerlich hatte sie die vage Vermutung befallen, dass man dem lanfordschen Busenwunder, äußerlich zweifellos eine chirurgische Meisterleistung, bei einer ihrer vielen Silikontransplantationen versehentlich das Gehirn entfernt haben musste. Dass die Dame das vermutlich noch nicht mal bemerkt hatte, sprach für sich. Aber angesichts des Überhangs an anmontierten äußerlichen Vorzügen, war der Verlust des Gehirns wohl verschmerzbar. Und da Anna nicht darauf warten konnte, bis man den Verlust von Miss Busenwunders Hirn bemerkt und ein geeignetes Spenderorgan gefunden hatte, würde sie die Sache eben selbst in die Hand nehmen müssen. Und glücklicherweise wusste sie ja bestens über Tom Lanfords abendliche Vorlieben Bescheid. Voller Elan hatte sie sich zu ihrer Nachtschicht in die Kneipe aufgemacht … und den ganzen Abend gewartet, immer wieder zu seinem Platz geschielt und jedes Mal die Luft angehalten, wenn sich die Kneipentür geöffnet hatte … nur um zu erkennen, dass es nicht ihr Gast war. Sie hatte sogar extra getrödelt und ihre Schicht damit um eine halbe Stunde überzogen, doch er war nicht erschienen … das erste Mal seit über sechs Wochen. Eine unglaubliche Enttäuschung hatte sie unvermittelt befallen. Sie hatte Mühe gehabt, die Traurigkeit zu verdrängen, die seine Abwesendheit in ihr ausgelöst hatte … und die hatte seltsamerweise rein gar nichts mit ihrer fragwürdigen Mission zu tun. Die plötzliche Abwesendheit seiner Gegenwart hatte mehr geschmerzt als Jonas fehlende Emotionen oder sein körperlicher Übergriff. Es fühlte sich fast so an, als hätte man ihr etwas Wertvolles weggenommen … nein, nicht wertvoll … überlebenswichtig. Niedergeschlagen hatte sie sich nach Hause geschleppt und sich in ihrem Bett verkrochen. Stille Tränen, die sie nicht aufzuhalten vermocht hatte, hatten sie schließlich in einen unruhigen Schlaf begleitete. Die nächsten Tage war sie dementsprechend schlecht gelaunt ihrer Arbeit nachgegangen und hatte tunlichst jeglichen Kontakt mit ihrem Noch-Verlobten vermieden. Ihr stand weder der Sinn nach zynischen Bemerkungen, was ihren fehlenden Erfolg betraf, noch nach halbherzig geheuchelten Liebensschwüren. Ja, er mochte ihr versichern, dass er sie liebte, doch Anna glaubte ihm nicht. Liebe war für sie etwas was man gab – bedingungslos. Jonas jedoch war jemand, der Liebe verlangte. Ungeduldig hatte sie das Ende des Wochenendes herbeigesehnt und sich am Montagabend erneut in die Kneipe aufgemacht, nur um wiederholt vergeblich auf ihn zu warten. Als sie am Ende ihrer Schicht die Kneipe verlassen hatte, hatte sie kurz davor gestanden, den ganzen Scheiß einfach hinzuschmeißen. Doch der Gedanke an das Los ihrer Mutter hatte sie innehalten lassen, gleichsam wie die von Jonas angebotene Alternative, die für sie keine Option darstellte.

Und genauso geräuschlos wie Tom Lanford verschwunden war, tauchte er unvermittelt wieder auf. Ziemlich genau eine Woche nach dem Vorfall in der dunklen Gasse stand er plötzlich vor ihrem Tresen … quicklebendig und … hinreißend wie immer. Um ein Haar hätte sie das Glas fallen gelassen, was sie gerade akribisch polierte, währenddessen ihre Gedanken unaufhörlich mit ihm beschäftigt gewesen waren … Vollkommen geschockt starrte sie ihn an, blinzelte ein paar Mal und starrte wieder, während er den Kopf geneigt hielt und sie unverwandt aus diesen tiefgründigen Augen ansah. „Ähem …“, begann sie einen ersten mageren Kommunikationsversuch. Verdammt, was sollte sie sagen? Hi, schön, dass Sie endlich wieder da sind. Ich hab Sie wahnsinnig vermisst. Dürfte ich vielleicht ein Interview mit Ihnen haben … Ja, klar … was für eine geniale Idee. Miss Busenwunder hatte ihr ja schon gesagt, dass ein Tom Lanford keine Fragen beantwortete. Na ja, offenbar schien sie ihm zumindest ihre Nachricht weitergeleitet zu haben. Aber warum tauchte er dann erst heute auf? Und warum hatte er nicht einfach angerufen? Zufall? Nein, ganz bestimmt nicht. Mit Sicherheit hatte er die letzten sieben Tage einfach nur viel zu tun gehabt. Na klar, zum Beispiel … neue Geschäfte abschließen, seine Millionen nachzählen, … oder vielleicht ein paar neue Frauen aufreißen? Anna schluckte schwer. Warum ihr plötzlich der Gedanke, er könnte sich mit anderen Frauen vergnügen, missfiel, wusste sie auch nicht so genau. Sie kannten sich gerade mal ein paar Wochen und hatten über Dinge geredete, die belangloser waren als der tägliche Wetterbericht. Sie wusste nichts über ihn und er nichts über sie. Also Anna, hör auf, hier einen auf eifersüchtig zu machen …, schalt sie sich innerlich. Sie räusperte sich und begegnete erneut seinem Blick. Dem Ausdruck in seinen Augen nach zu urteilen, schien er auf etwas Bestimmtes zu warten. Und dann fiel es ihr wieder ein. Sie hatte ihn etwas fragen wollen. „Schönes Wetter heute.“, sprudelte es plötzlich aus ihr hervor, ehe sie sich zurückhalten konnte. Seine Augenbrauen wanderten seine Stirn hinauf und ein amüsiertes Lächeln kräuselte seine Lippen. Doch noch immer sagte er nichts. „Tja … ich hab Sie vermisst.“, plapperte sie munter weiter, als hätte irgendeine fremde Macht ihrer Zunge plötzlich Auslauf gegeben. Gott, Anna … du hörst dich an wie eine Friseurin, die zwanghaft auf Konversation zu machen versucht …, ging es ihr durch den Kopf. Aber taten sie das nicht schon seit Wochen … Abend für Abend? Mit dem feinen Unterschied, dass er bisher die Monologe geführt und sie sich in Schweigen gehüllt hatte. Was war passiert? Ach ja, richtig, sie war dazu verdonnert worden, ihm seine tiefsten Geheimnisse zu entlocken. Na das funktionierte ja wirklich prima.

Sie seufzte tief und begegnete erneut seinem Blick. Zu ihrer Verwunderung war sein Lächeln wärmer geworden, fast so als hätte sich ihm unvermittelt etwas offenbart, auf das er schon viel zu lange gewartet hatte. Augenblicklich begann sie sich in ihrer Haut unwohl zu fühlen, während sie eilig ihre letzten Worte analysierte. Nein, da war nichts Unverfängliches gewesen, … außer, dass sie ihm gestanden hatte, dass sie ihn vermisst hatte – was ja nicht mal gelogen war, denn das hatte sie tatsächlich. „Was ist so lustig?“, fragte sie mit einer Spur Unsicherheit in der Stimme, als er noch immer nichts sagte und nur still vor sich hingrinste. Er schüttelte leicht den Kopf. „Elf Worte innerhalb von zehn Minuten … ohne dass ich eine einzige Frage stellen musste.“ Wieder dieses hinreißende Lächeln, was sie unweigerlich mitlächeln ließ. „Ich schätzte, das ist neuer Rekord.“ Augenblicklich lief Anna knallrot an. Verlegen räusperte sie sich und wandte ihm den Rücken zu, während sie vorgab, die Gläser im Regal richtig positionieren zu müssen. Gott, wie blöd … Dennoch konnte sie nicht umhin, sich zu freuen, dass er wieder da war. Und irgendwie war ihr das unheimlich. Um sich von diesem Umstand abzulenken, griff sie nach der Whiskeyflasche und schenkte ihm ein Glas von dieser edlen braunen Brühe ein. Als sie es zu ihm hinüberschob, griff er danach und berührte dabei ihre Finger. Ein Prickeln erfasste ihre Hand und durchflutete augenblicklich ihren Körper. Als hätte sie versehentlich in eine Steckdose gegriffen, zuckte sie zurück und schluckte. Unter halb geschlossenen Lidern sah er ihr tief in die Augen. Die unvermittelt sinnliche Spannung zwischen ihnen brachte die Luft zum Knistern, als hätte ihre flüchtige Berührung sie spontan aufgeladen. „Wie geht es Ihnen?“, fragte sie, vorrangig, um ihn von sich abzulenken. Andernfalls würde sein Blick sie noch über den Tresen auf seinen Schoß zerren. „Warum hast du mich vermisst?“, überging er ihre Frage und spielte den Ball geschickt zu ihr zurück. Falsche Antwort …, dachte Anna und zuckte schließlich die Schultern. Sie wusste keine Antwort auf seine Frage. Oder vielleicht doch und sie wollte sich einfach nur nicht die Blöße geben, sie ihm zu offenbaren.

Ohne den Blick von ihr abzuwenden, hob er das Glas und setzte es an seine Lippen. Zu spät ertappte Anna sich dabei, wie sie gebannt diesen simplen Akt des Trinkens verfolgte. Erst sein leises Lachen sagte ihr, dass er sie gerade beim Glotzen erwischt hatte. Sie hüstelte und wandte verlegen den Blick ab. „Man hat mir mitgeteilt, dass du – sagen wir – ein paar Fragen an mich hast.“, gab er ihr schließlich zu verstehen und Anna erinnerte sich wieder daran, warum sie ihn die letzten Tage gesucht hatte. Bingo … Busenwunders Hirn wurde also doch nicht versehentlich entfernt. „Und Chantal hat dir sicher gesagt, dass ich keine … Fragen beantworte.“, fügte er ruhig hinzu. Chantal. Oh, die Silikonbrüste auf zwei Beinen hatten also einen Namen. Und wie passend. Sie könnte in diesem Straßenpuff wirklich Karriere machen, wenn der Lack erst mal anfängt abzublättern. Anna spürte, wie ein ihr unbekannter Groll in ihr zu brodeln begann. „Ich gehe davon aus, dass Chantal dich …“ Der Rest des Satzes verhallte in den Weiten eines unbekannten nebulösen Nirgendwo, während Annas Augen wie hypnotisiert an seinen Lippen klebten. Chantal. Die Art, wie er diesen verhassten Namen aussprach, ließ ein Gefühl von Eifersucht in ihr aufflammen, während Chantal sich sexy posierend vor Annas inneres Auge schob. Stand er etwa auf plastische Chirurgie? Hatte er etwas mit ihr? Augenblicklich stieg Übelkeit in ihr auf. „Ja … ähem … nein.“, stotterte sie, griff nach dem Tuch und einem Bierglas und fing an zu polieren, als hinge ihr Leben davon ab. Auf keinen Fall würde sie sich anmerken lassen, dass ihr der Gedanke an Silikon-Chantal, die sich mit Tom Lanford durch ein Bett wälzte, missfiel. Gott, wenn sie sich vorstellte, wie sie mit ihren Gummiboot-Lippen … Gegen ihren Willen mischte sich das Gestöhne aus der Toilettenkabine, in der Jonas mit Janine zugange gewesen war, in die Szenerie in ihrem Kopf … Oh Gott, Oh Gott, Oh Gott … „Anna“ Beim Klang ihres Namens zuckte sie unvermittelt zusammen.

Ihr Blick traf auf Toms und ihre Brauen zogen sich argwöhnisch zusammen. Auch wenn ihr Name absolut göttlich aus seinem Mund klang, woher wusste er wie sie … Oh natürlich, Chantal hatte ihm wohl ihre Karte gegeben. Mhmm … aber woher wusste er dann, dass sie die Anna Polauke auf der Karte war? Überrascht sah sie auf, wollte genau das ihn fragen, doch der Blick aus seinen unheimlich schönen Augen, wischte ihr direkt die Worte von der Zunge und jagte stattdessen erneut dieses wunderbare Prickeln durch ihren Körper. Konzentration Anna, Konzentration … und atmen … Nur am Rande bemerkte sie, wie er ihr etwas über den Tresen schob. Eine Karte … genauer gesagt, eine Visitenkarte. Sie stellte das Bierglas beiseite, an dem sie seit zehn Minuten halbherzig herumpolierte und griff vorsichtig nach der Karte, achtete sorgsam darauf, dass sie ihn nicht berührte. Nicht, dass sie es gestört hätte, aber ein Stromschlag pro Abend, der ihr Innerstes auf Links krempelte, war völlig ausreichend in ihrer derzeitigen desolaten Verfassung. Behutsam strich sie über das Papier. Es fühlte sich teuer an, und die edel geprägten Lettern bestärkten ihre Annahme. „Wie wäre es mit einem Abendessen?“, vernahm sie seine Stimme, die wie Samt über ihre Haut strich und sogleich die frivolsten Wünsche in ihr zum Leben erweckte. Mit einem verklärten Lächeln sah Anna auf. Abendessen? Mhmm … wenn du das Dessert bist … Sie räusperte sich leise und rief sich augenblicklich zur Contenance, als sie sich ihrer abdriftenden Gedanken gewahr wurde. Vorsichtig taxierte sie sein Gesicht, versuchte seine Absichten zu ergründen. Doch in seinen Zügen war nichts als Aufrichtigkeit zu erkennen. „Komm morgen Abend um neun Uhr zu dieser Adresse …“ Er deutete auf die Karte und lächelte. „Und dann stellst du mir deine Fragen.“ Sie mochte sich nicht vorstellen, wie selten bescheuert sie dreigeschaut haben musste, als diese Worte seine Lippen verlassen hatten. Behutsam strich sie über die in das Papier geprägten Buchstaben und nickte. Dann blickte sie ihm direkt in die Augen …

Oh Gott, diese Augen … er könnte stundenlang in ihnen versinken … und es würde niemals langweilig werden. Seit er ihren Lippen diesen unschuldigen Kuss geraubt hatte, träumte er von ihr. Sie hatte ihn verzaubert, ihm plötzlich wieder einen Sinn in seinem trostlosen Leben gegeben. Und doch schämte er sich zutiefst, war der gestohlene Kuss doch nicht das einzig Schäbige, war er getan hatte. Aber er hatte es tun müssen, um seiner Selbst willen … um dieses brennende Sehnen zu lindern. Sie hatte ihm den Schlaf geraubt, Tag für Tag, und immer wieder war da diese eine Frage gewesen. Wer war sie? Er hatte schon vermutet, dass er fantasierte. Dass er sich nur einbildete, sie jeden Abend in dieser Kneipe zu sehen. Und dann war da jener Moment in diesem Hotelzimmer gewesen, als die Neugier plötzlich übermächtig geworden war. Und schließlich hatte er es getan, … er hatte ihre Handtasche durchwühlt, wie ein erbärmlicher Schurke … Aber seitdem fühlte er sich besser, denn die Unbekannte hatte endlich einen Namen. Anna Polauke. Zwei Tage hatte er sich vor Scham verkrochen, und dann hatte Chantal ihm vom Auftauchen einer jungen Frau in der Firma erzählt. Zunächst war er genervt von deren Anliegen gewesen. Interviews waren ihm schlichtweg zuwider. Fragen waren gefährlich … und insgeheim fürchtete er sich davor. Und als Chantal ihm dann die Visitenkarte jener jungen Frau gegeben hatte, hatte ihm das förmlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Er hatte sofort gewusst, wer sie war, hatte ihr Name sich doch in sein Hirn gebrannt wie jedes andere Detail von ihr auch. Aber warum sie? Sein Gehirn hatte rotiert, wie ein Kettenkarussell auf einem Jahrmarkt. Hatte er sich an einem der vielen Abende verraten? Hatte sie ihn verfolgt? Was wusste sie über ihn? Doch statt Antworten auf diese Fragen zu finden, hatte er getan, was er in solchen Situationen immer tat. Er war abgehauen und hatte sich nicht mehr blicken lassen. Doch das war schlimmer gewesen als die Hölle der Fragen. Sie nicht mehr sehen zu können, hatte sich angefühlt als hätte man ihm das Herz aus der Brust gerissen. Er wollte sie nicht verlieren, gleichsam wie er sich selbst nicht verlieren wollte. Die Angst, ihrem Wunsch nachzugeben, war groß, doch seine Sehnsucht nach ihr war größer. Und dann war ihm eine Idee gekommen …

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Mi Jul 11 2012, 11:51

Wow, Deine Geschichte ist einfach wunderschön! Bin schon jedes Mal ganz gespannt wie es im nächsten Teil weiter gehen wird! Du schreibst einfach wunderbar! Meinen Respekt hast Du auf jeden Fall! Smile
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Mi Jul 11 2012, 12:19

Lizzy schrieb:
Wow, Deine Geschichte ist einfach wunderschön! Bin schon jedes Mal ganz gespannt wie es im nächsten Teil weiter gehen wird! Du schreibst einfach wunderbar! Meinen Respekt hast Du auf jeden Fall! Smile

Danke für dieses Kompliment. Ich werd ganz rot. Weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll ... Danke, Danke, Danke Very Happy Embarassed
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Fr Jul 13 2012, 17:46

So, weiter gehts ...


Teil 8

„Anna“, unterbrach eine forsche Männerstimme Toms Gedanken. Er hob den Blick und richtete ihn auf die junge Frau vor ihm, … deren Augen die Größe von Untertassen angenommen hatten, während dem Rest ihres hübschen Gesichts schlagartig sämtliche Farbe abhanden gekommen war. Ihre Augen waren starr über seine Schulter gerichtet. Tom folgte ihrem Blick und wandte sich um. Durch den Raum kam ein hochgewachsener dunkelhaariger Kerl mit eiligen Schritten auf sie zugeschossen. Dem Blick des Typen nach zu urteilen, schien ihm irgendwas schwer im Magen zu liegen. Toms Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Anna. Ihre Hände zitterten, und das Glas, dem sie seit einer halben Stunde ihre Beachtung schenkte, rutschte aus ihren Händen und fiel klirrend zu Boden. „Wusste ich es doch, dass du mit diesem Typen was am Laufen hast, … du kleine Schlampe.“ Mit diesem Typen? Moment mal, redet der Kerl etwa von mir? Und wie bitte hat er diese Frau gerade betitelt? Verwirrt von der plötzlichen Wendung der Situation, bemerkte Tom zu spät, wie Anna hinter der Bar hervoreilte und sich vor ihn stellte. Für einen winzigen Moment fühlte er sich geschmeichelt, dass sie ihn zu verteidigen versuchte. Gerade wollte Tom aufstehen und Anna zur Seite schieben, als dieser irre Kerl ihr unvermittelt ins Gesicht schlug. Die Wucht beförderte sie direkt auf den Boden. Dann richtete er seinen Blick auf ihn. Offenbar war er wegen irgendwas sauer. Gut. Das war er jetzt auch. Ohne darüber nachzudenken, sprang Tom auf, packte den Kerl beim Kragen und schob ihn rückwärts durch den Raum Richtung Ausgang. Eine Frau als Schlampe zu betiteln, ging schon mal vollkommen konträr zu seiner Vorstellung von Anstand und Ehre … eine Frau zu schlagen … Ein gefährliches Knurren grollte in seiner Kehle. Dem Kerl würde er zeigen, was es hieß, geschlagen zu werden.

Völlig verstört blieb Anna auf dem Boden sitzen. Heiße Tränen mischten sich in den Schmerz, der in ihrem Gesicht flammte. Dann kam die Wut … Wut auf Jonas, weil er sie schon wieder so demütigte … und Wut auf sich selbst, weil sie sich ihm gegenüber noch immer so schwach fühlte. Sie hatte nur am Rande mitbekommen, wie Tom Jonas aus der Kneipe geschleift hatte, und sie mochte sich nicht vorstellen, was da draußen wohl soeben abging. Sie nahm eine Bewegung hinter sich wahr, dann ein paar Hände, die sie Sekunden später wieder auf die Füße stellten. „Lass mal sehen, Kleines.“, vernahm sie Mannys rauchige Stimme. Er schob ihr einen Stuhl unter den Hintern und legte etwas Kühles auf ihre linke Wange. Durch ihren tränenverschleierten Blick nahm sie ihn nur verschwommen wahr. „Ich hab dir immer gesagt, dass dieser Job nichts für dich ist, Kleines.“, erinnerte er sie behutsam. Ja, das hatte er. Immer wieder hatte er ihr angeboten, sie anderweitig zu unterstützen. Aber Anna hatte ihren Stolz. Sie wollte keine fremde Hilfe. Tja, das war wohl nun der Preis für ihre Sturheit. „Vielleicht hast du Recht.“, gab sie ihm mit zittriger Stimme zu verstehen. „Ich weiß, dass ich Recht habe.“, bekräftigte er mit einem aufmunternden Lächeln. „Danke, Manny“, flüsterte sie. „Kein Problem.“ Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. „Ich bring dich nach Hause.“ Anna wollte schon zu einem Widerspruch ansetzen, aber Mannys unnachgiebiger Blick machte ihr deutlich, dass jeglicher Protest zwecklos wäre. Er würde sie einfach in sein Auto stopfen und losfahren. Und im Grunde war sie ihm dafür auch dankbar. „Was ist mit …“ Ihr Kopf nickte Richtung Tür. „Du meinst die beiden Streithähne …“ Er lächelte. „Rob ist den Zweien gleich hinterher und dazwischen gegangen, bevor es wieder Tote gibt.“ „Tote? Wieder?“, rief Anna erschrocken. „Ja, vor einer Woche …“ Er unterbrach sich, schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Erinnerst du dich noch an die drei Typen, die ich rausgeschmissen habe?“ Anna nickte langsam. Oh ja, wie könnte sie die drei auch vergessen. „Einer der drei wurde mit einem Messer in der Brust neben einer Mülltonne gefunden.“ Anna stieß einen erstickten Laut des Entsetzens aus. Ja, sie erinnerte sich. Einer der Kerle hatte ihr ein Messer an die Kehle gedrückt. Oh Gott, … was war da nur passiert? Sie hatte das Bewusstsein verloren und war am nächsten Tag in diesem fremden Hotelzimmer aufgewacht. Hatte sie etwa? Nein. „Man hat keine Spuren an dem Messer gefunden, außer seinen eigenen. Alles deutet darauf hin, dass er sich das verfluchte Ding selbst in sein Herz gerammt hatte.“, hörte sie Manny wie durch Watte sagen. Tom? Er war da … Panik kroch durch ihre Glieder. Hat er etwa? Oh Gott … und … Jonas … Sie zwang sich, den Gedanken nicht zu Ende zu denken. „Und die beiden sind wirklich weg?“, erkundigte sie sich leise. „Ja … und dich bring ich jetzt nach Hause.“

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Sichtlich unruhig stiefelte Tom durch seine Wohnung, blieb vor den riesigen Panoramafenstern stehen, die ihm jenen unbeschreiblichen Ausblick über die Stadt gestatteten, für den der Preis der Wohnung geradezu unverschämt günstig gewesen war. Er schloss die Augen und holte einmal tief Luft. Es war kurz nach halb Neun. In weniger als einer halben Stunde würde sie hier sein. So hoffte er zumindest. Nach dem gestrigen Vorfall in der Kneipe war er sich da allerdings nicht mehr so sicher. Den ganzen Tag lang hatte er sich darüber den Kopf zerbrochen. Verdammt, was war da nur los? Augenscheinlich barg das Geheimnis seiner Angebeteten doch tiefere Abgründe, als er zunächst vermutet hatte. Er legte den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. Dann schloss er die Augen, rief sich ihr entsetztes Gesicht in Erinnerung, als dieser fremde Kerl plötzlich aufgetaucht war. Wer war der Typ? Ihr Freund? Ihr Mann? Bei diesem Gedanken lief es ihm eiskalt über den Rücken. Er erinnerte sich, wie er den Kerl aus der Kneipe geschleift und ihm dann, ohne nachzufragen, eine reingehauen hatte, sodass seine Zähne aufeinander gekracht waren – vermutlich würde er die nächsten Tage nicht nur Kopfschmerzen haben. Aber das war ihm einerlei. Der Kerl hatte ihn zunächst nur grimmig angesehen und ihm entgegengebrüllt, dass er gefälligst seine Frau in Ruhe lassen soll. Dann war er auf ihn losgegangen. Doch noch ehe der Kampf richtig Fahrt aufgenommen hatte, war ein Bulldozer von Kerl zwischen sie gegangen und hatte mit einem gelassenen Grinsen gemeint, dass auf seinem Privatfriedhof noch ein paar Plätze frei seien und sie sich gern dafür bewerben dürften. Der Choleriker hatte daraufhin nur widerwillig geknurrt und schließlich die Beine in die Hand genommen. Tom hatte nur kopfschüttelnd gelacht, dem Bulldozer lässig auf die Schulter gehauen, sodass der in die Knie gegangen war, und hatte ebenfalls den Abgang gemacht. Tse, seine Frau … wovon träumte der Kerl eigentlich nachts …, dachte Tom angewidert. Gott, sie hatte etwas Besseres verdient, als so ein cholerisches Schwein. Mich zum Beispiel … Eilig verdrängte er den Gedanken, und fragte sich erneut, wie jemand wie sie an solch einen Schläger geraten war. War er der Grund, warum sie in dieser zwielichtigen Kneipe arbeitete? Zwang er sie vielleicht dazu? Wieder brodelte Zorn in ihm auf. Kurzerhand nahm er seine Wanderung durch das geräumige Wohnzimmer wieder auf, in der Hoffnung, sich damit selbst beruhigen zu können. Sein Blick huschte über das Arrangement, an welchem er den halben Nachmittag gearbeitet hatte. Er rückte eine der edlen Stoffservietten gerade und zündete die Kerzen an. Dann sah er erneut auf die Uhr. Zehn vor Neun. Und wenn sie doch nicht kommt? Sie muss. So durfte es nicht enden. Er wollte ihr doch noch soviel sagen, … ihr alles sagen … Oh Himmel, sie muss einfach kommen …, flehte er innerlich.

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Mit klopfendem Herzen stand Anna vor dem riesigen Gebäude. Glas und Stahl dominierte die ihr bekannte Konstruktion. Sie hatte es immer für ein Bürogebäude gehalten, aber offenbar gab es dort auch ein paar recht kostspielige Eigentumswohnungen. Nachdem Manny sie letzte Nacht nach Hause gebracht hatte, hatte sie kein Auge zugetan. Immer wieder hatte sich der Moment, in dem Jonas aufgetaucht war, in ihrem Kopf abgespult. Was hatte er dort gewollt? Hatte er sie etwa verfolgt? Aber warum? „Ich liebe dich … ich will, dass du zu mir zurückkommst“…, tönte es unheilvoll in ihrem Kopf, und ein unangenehmer Schauder kroch Anna durch die Glieder. Konnte es wirklich sein? War Jonas eifersüchtig auf Tom? Aber warum hatte er dann zugelassen, dass sie dieses blödsinnige Interview führte? Weil du sein alternatives Angebot abgelehnt hast …, erinnerte sie die Stimme in ihrem Kopf. Aha, … soviel also zu seinem Versprechen, ihre Entscheidung zu respektieren und sie in Ruhe zu lassen. Und dieses bescheuerte Alphamännchengehabe … Wollte er damit Tom seine Macht demonstrieren … oder ihr? Nun ja, Jonas’ Gesicht nach zu urteilen, hatte Tom während ihrer Auseinandersetzung wohl nicht einfach nur stillgehalten. Was den eigentlich so charmanten Kerl plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen ließ. Und dann noch dieser Tote in der Gasse. Nun, nicht dass sie traurig über dessen tragisches Ableben war, dennoch hatte es sie schockiert … vor allem, weil offensichtlich Tom etwas damit zu tun hatte. Hatte sie sich vielleicht doch in ihm getäuscht, sich von seiner charmanten Fassade ablenken lassen … genauso wie damals bei Jonas? Der Moment, in dem Tom Jonas aus der Kneipe geschleift hatte, erschien erneut vor ihren Augen … und dann Jonas’ blaues Auge, seine geschwollene Lippe und sein hasserfüllter Blick, als er ihr heute im Büro begegnet war. Ein Zittern durchlief sie. War es wirklich richtig, hier zu sein? Doch dann erinnerte sie sich an die vielen Abende, an denen Tom sie mit seiner bloßen Anwesendheit in seinen Bann gezogen hatte, … und wie er sie beschützt und verteidigt hatte, etwas was Jonas nie getan hatte. Und genau deshalb war Tom nicht wie Jonas. Da war etwas an ihm. Etwas, was so vollkommen anders war, etwas, was sie unweigerlich anzog … was sie nicht erklären konnte. Sie seufzte tief. Und wenn du dich wieder irrst? Noch immer hin und hergerissen von der Frage, Toms Einladung nachzukommen oder einfach wieder zu gehen, schloss sie die Augen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Ihr Herz sagte ihr deutlich, dass sie zu ihm gehen sollte. Ihr Verstand wollte sie entschieden davon abhalten. Das hier war Irrsinn, das wusste sie. Doch ihr Herz ließ sich von der sturen Rationalität nicht beirren. Unaufhörlich flüsterte es, drängte sie. Und versuchte sie sich auch vehement, die Notwendigkeit dieses Plans um ihrer Mutter willen einzureden, es war ihr Herz, was die Antworten von Tom wollte. Seit Wochen keimte unaufhörlich der Wunsch in ihr, dem Mann nahe zu sein, der beharrlich ihre Gedanken und Träume beherrschte. Nur für einen einzigen Abend …, dachte sie.

Nein, das ganze hier hatte nichts mit Vernunft zu tun. Ganz und gar nicht. Diese innere Sehnsucht, die seine kurze Abwesendheit nur noch mehr geschürt hatte, hatte sie hierher gelockt. Und wenn dein Herz dich täuscht? …, flüsterte die Vernunft. Verurteile ihn nicht, bevor du ihn kennst …, mahnte sie der Teil in ihr, der sich zu Tom wünschte, … und der sich noch immer beharrlich davor sträubte, diesen Plan durchzuziehen. Aber hatte sie denn eine Wahl? Hatte sie jemals eine Wahl gehabt? „Es ist eine einfache Entscheidung. ICH oder ER.“ hallten Jonas’ Worte in ihrem Kopf. „Jonas oder Tom“, murmelte sie leise und dann verstand sie. Ihr Herz hatte sie zu Tom geführt … weil es hier sein wollte, weil sie sich nach ihm sehnte. Aber sie kannte ihn doch gar nicht. Zumindest wusste sie nichts über ihn … außer, dass er charmant war und rücksichtsvoll, unaufdringlich … Und dann war da dieses glückliche Gefühl, was sie immer empfand, wenn er in ihrer Nähe war, … die Sehnsucht, wenn er sie aus diesen Augen ansah und seine Finger die ihren berührten … Der Schmerz, der sie wie eine Lawine überrollt hatte, als er plötzlich verschwunden war. So intensiv und so anders als sie es bisher kannte. Und augenscheinlich ging es ihm genauso. Die Frage war, genügte das wenige Flüchtige, um das Wagnis einzugehen? Ein gebranntes Kind, scheut das Feuer, heißt es … und eigentlich hatte sie sich geschworen, nicht noch einmal den Fehler zu machen, sich zu schnell auf jemanden einzulassen, egal wie gutaussehend und charmant dieser Jemand auch sein mochte. Aber Tom war anders, das spürte sie … Ach verdammt, Anna … so kommst du nicht weiter. Denk an deine Mutter, sie braucht dich. Und am besten schaltest du deine Emotionen aus und konzentrierst dich rein auf das Geschäftliche. Denn das war es schlussendlich, … nur ein Geschäft. Nur ein ganz, ganz banales Geschäft … in einem schicken, sexy Abendkleid mit aufgepeppter Lockenmähne … Ach Quatsch, es geht immerhin um ein Abendessen, und Jeans und T-Shirt wären schlichtweg unhöflich. Und die Locken, tse … na und? Mensch Anna, wem willst du eigentlich was vormachen? …, ermahnte sie sich und zuppelte nun nervöser denn je an ihrem schwarzen Kleid herum. Du bist wegen ihm hier, und jetzt reiß dich mal zusammen …, schalt sie sich. Sie war so vollkommen durcheinander, dass sie mittlerweile überhaupt nicht mehr wusste, was sie tun sollte. Und sie würde noch irre werden, wenn sie noch länger hier draußen stand und grübelte. Und wenn’s dir nicht gefällt, gehst du eben wieder …, nahm sie sich vor. Und als hätte das endlich den Ausschlag gegeben, drückte sie mit zitternden Fingern auf den Knopf neben dem Namen Lanford und hielt die Luft an. Sekundenlang geschah gar nichts, und sie dachte schon darüber nach, wieder zu gehen, als sich eine vertraute Stimme über die Gegensprechanlage meldete. „Anna?“ „Ja“, piepste sie und schalt sich ein doofes Schaf. „Sechzehnter Stock. Nimm den Fahrstuhl auf der linken Seite.“ Eine kurze Pause. „Bis gleich.“ Seine sanfte Stimme vertrieb schließlich den Dämon, der sie zu verwirren suchte. Langsam stieß sie die Luft aus und drückte die Tür auf, als der Summer ertönte. Dann steuerte sie auf wackeligen Beinen den Fahrstuhl an, den Tom ihr genannt hatte.

Toms Nervosität erreichte ihren Höhepunkt, als er den Türöffner betätigte. Sie war tatsächlich gekommen. Ein Anflug von Freude macht sich in ihm breit, erfuhr jedoch sofort einen derben Dämpfer als er an die vergangene Nacht zurückdachte. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwarten würde, wenn er die Tür öffnete. Aber sie war gekommen, das war im Moment alles was zählte. Als wenige Minuten später die Türglocke schellte, zuckte er unmerklich zusammen. Beharrlich vertrieb er die Nervosität, die ihn seit Stunden fest im Griff hatte und straffte die Schultern. Entschlossen trat er auf die Tür zu und öffnete. Die blonde junge Frau, die davor stand, kam ihm für einen Moment vollkommen fremd vor. Ihr sonst so glattes langes Haar war in sanfte Wellen geformt und ihr Körper steckte in einem schwarzen kurzen Kleid, statt den üblichen Jeans und T-Shirt. Ein zögerliches Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel. Doch das war es nicht, was seine Aufmerksamkeit erregte. Vielmehr war es die leichte Schwellung an ihrer linken Wange, ein deutlicher Beweis für die Brutalität dieses fremden Typen. Wortlos trat er zur Seite und deutete ihr mit einer knappen Handbewegung, reinzukommen. Die Anspannung, die sie mitbrachte, war greifbar. Eine Tatsache, die ihn nicht wirklich verwunderte nach allem was gestern geschehen war. Er half ihr aus dem dünnen Mantel und hängte ihn an die Gardarobe. „Ich hoffe, du magst Sushi.“, bemerkte er, in der Hoffnung, die Anspannung damit ein wenig zu lockern. Anna nickte knapp und schenkte ihm ein unsicheres Lächeln, während ihr Blick mit verhaltener Neugier durch seine Wohnung glitt. „Darf ich dir was zu Trinken anbieten?“, fragte er weiter. „Wein? Bier? Whiskey?“ Anna hob die Brauen und schüttelte den Kopf. „Danke nein, ich trinke keinen Alkohol.“, gab sie ihm
lächelnd zu verstehen. Tom blinzelte irritiert. „Nur damit ich das richtig verstehe. Du arbeitest in einer Kneipe und trinkst keinen Alkohol?“ Das wäre dasselbe als würde er sagen „Ich besitze ein Modellabel, hab aber mit Mode nicht wirklich was am Hut.“. Was ja auch irgendwie stimmte. Okay, schlechter Vergleich. Ja, wie dem auch sei, diese Tatsache verwunderte ihn, hatte er doch etwas anderes erwartet. „Dann vielleicht einen Kaffee? Tee? Wasser?“, versuchte er es erneut. „Nein Danke, im Moment möchte ich nichts.“, wiegelte sie ab. Tom schluckte leise, während er sich fragte, was das zu bedeuten hatte. Wollte sie etwa gleich wieder gehen? Aber warum hat sie sich dann so schick gemacht? „Bist du sicher?“, hakte er vorsichtig nach. Sie nickte. Na gut, dann eben nicht. Schulterzuckend wandte er sich um und ging in die Küche. Währenddessen trat Anna an die riesige Glasfront, und genoss den atemberaubenden Blick über das nächtliche Berlin.

Einen Augenblick später wandte Anna sich dem Raum zu. Neugierig musterte sie das großzügige Wohnzimmer. Die Mischung aus archaischen Elementen und klassischer Moderne überraschte sie und offenbarte ihr gleichzeitig ein interessantes Detail. Dieser Mann hatte Geschmack, und nach den Bildern an den Wänden zu urteilen, schien er auch etwas von Kunst zu verstehen oder sich zumindest dafür zu interessieren. Das gefiel ihr, auch wenn es überhaupt nicht zu dem Schlägertypen passte, für den sie ihn seit letzter Nacht hielt. Apropos Schlägertyp … sein Äußeres schien keinerlei Spuren von dem gestrigen Kampf davon getragen zu haben, was man von Jonas’ demolierten Gesicht ja nun nicht behaupten konnte. Zufall? Oder steckte doch etwas anderes dahinter? Wundern würde sie es nicht. „Gefällt es dir?“, unterbrach Toms tiefe warme Stimme ihre Gedanken. Sie neigte den Kopf und musterte ihn eingehend, während er zwei Teller auf dem hübsch arrangierten Esstisch abstellte. „Die Auseinandersetzung gestern Nacht mit …“ Sie unterbrach sich. „Sie sind überhaupt nicht verletzt.“ Tom zuckte nonchalant die Schultern. Der Idiot war einfach zu langsam … „Meine Deckung ist ganz gut.“, gab er ihr lächelnd zu verstehen. Annas Herz vollführte bei diesem Anblick einen unerwarteten Hüpfer. „Darf ich Sie etwas fragen?“ Tom lachte leise und trat dann einen Schritt auf sie zu, neigte den Kopf und lächelte wieder dieses Dahin-Schmelz-Lächeln, was ihre Knie jedes Mal weich werden ließ. „Bist du nicht deswegen hier?“ Sie räusperte sich und senkte beschämt den Blick. Wo er Recht hatte, hatte er Recht. Gerade als sie ansetzen wollte, hob er eine Hand. „Und bevor du anfängst, mich mit deinen Fragen zu löchern … ich habe zwei Bedingungen.“, unterbrach er sie. Bedingungen? Na das wurde ja immer besser. „Was für Bedingungen?“, fragte sie zögerlich, nicht sicher, ob sie anschließend noch bereit sein würde, Jonas’ blödsinnigen Plan zu Ende zu führen, der ihre Mutter vor dem Ruin und sie vor der Ehehölle mit Jonas in der Rolle als teuflischen Ehemann retten würde. Er trat langsam auf sie zu. „Erstens, …“ Er ergriff ihre Hand und führte sie in Richtung Tisch. „Ich möchte dieses Abendessen mit dir genießen. Ich hab mich richtig ins Zeug geschmissen und den halben Nachmittag daran herumgebastelt.“, erklärte er sanft. Okay, diese Bedingung konnte sie akzeptieren, vorausgesetzt, das Essen war nicht mit irgendwelchen Substanzen versetzt, um sie … na ja, wie auch immer. Bereitwillig ließ sie sich auf den Stuhl sinken, den er ihr zurückgeschoben hatte. Eines musste man ihm lassen, er war durch und durch Gentleman, ein weiterer Pluspunkt für ihn. Wenn er jetzt noch eine schillernde Rüstung und ein weißes Ross besäße, würde sie ihn direkt behalten. Sein Blick war unverwandt in ihre Augen gerichtet, als er sich ihr gegenüber setzte. „Und zweitens …“ Unbewusst hatte Anna den Atem angehalten, während sie seinen Worten lauschte. „Für jede Frage, die ich dir beantworte, möchte ich dass du mir eine beantwortest.“

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   Fr Jul 13 2012, 18:34

Mini, diese Geschichte ist der absolute Hammer...bitte, ganz ganz schnell mehr...Süchtig Laughing
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)   

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Anna und die Liebe - AnTom-FF "In den Armen der Nacht (Kurz-FF)
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