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 Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"

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Mini_2010

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BeitragThema: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Mi Jul 04 2012, 10:11

Anna und Tom, beide in ihrer Vergangenheit gefangen, haben nach vielen Auf's und Ab's in einem eher unberechenbaren Verhältnis zueinander eine leidenschaftliche Nacht im Hotel verbracht. Das Erwachen am Morgen danach verläuft leider alles andere als romantisch. Und sowohl Anna als auch Tom müssen sich nach diesem Erlebnis die Frage stellen, ob sie bereit sind, die schmerzhafte Vergangenheit mit all ihren Dämonen hinter sich zu lassen, und einen Neuanfang zu wagen ... Aber, wie auch immer sie sich entscheiden mögen - Liebe findet ihren Weg ...


Teil 1

Das Türblatt wackelte bedrohlich, noch lange nachdem Tom es hinter sich zugeworfen hatte. Anna fixierte das Holz und versuchte zu begreifen, was soeben passiert war. Als die Erkenntnis, dass er sie soeben abserviert hatte, in ihrem Hirn angekommen war, brach sie unvermittelt in Tränen aus. Was sollte das jetzt? Hatte sie irgendetwas falsch gemacht? Der Stich in ihrem Herzen ließ sie sich zusammenkrümmen. Sie keuchte auf, versuchte, den Schmerz zu verdrängen und kämpfte einen neuen Schwall Tränen beiseite. Doch die Wucht der Emotionen war stärker. Laut schluchzend sank sie auf dem Bett zusammen und wünschte sich einmal mehr, sie wäre damals wirklich vom Dach gesprungen. Ihr Leben war schon kompliziert genug. Warum nur konnte es nicht einfach mal jenen berühmten Lichtstreif am Horizont geben? Warum nur war Tom manchmal der liebste Mensch der Welt, nur um dann zehn Minuten später wieder zu dem unausstehlichen Kotzbrocken zu mutieren? Er wechselte seine Stimmung schneller als ein Victoria Secrets Model die vorzuführende Unterwäsche auf einem Catwalk. Gott, wenn man sich sein Verhalten so verinnerlichte, bekam die Bezeichnung „Multiple Persönlichkeit“ eine ganz neue Bedeutung. Was soll’s, hier liegen zu bleiben und sich selbst zu bedauern, brachte sie auch nicht weiter … und spätestens wenn der Zimmerservice sie in ein paar Stunden fand, würde sie sich der Tatsache stellen müssen, dass hier nicht der geeignetste Ort war, sich vor der Welt zu verstecken. Also warum nicht gleich verschwinden. Und außerdem hatte sie noch etwas mit Tom zu besprechen. Sie verdiente zumindest eine Erklärung.

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Gedankenverloren starrte Tom durch die Windschutzscheibe seines Wagens und versuchte, der Flut seiner Erinnerungen an die vergangene Nacht Herr zu werden. Verdammt, da hatte er aber wahrlich Mist gebaut. Warum nur hatte er heute Morgen zu ihr gesagt, dass die Nacht zwar schön war, aber keine Bedeutung hatte, wenn er es doch eigentlich gar nicht so gemeint hatte? Warum war er nicht in der Lage, genau das auszusprechen, was in ihm vorging? Gestern in diesem Schwimmbad hatte es doch auch funktioniert. Klar, war es am Anfang unangenehm gewesen. Er hatte selten in seinem Leben geweint … und schon gar nicht vor einer Frau. Diese Art von Schwäche offen zu zeigen, hätte ihn normalerweise zutiefst verwirrt, aber bei Anna hatte er das Gefühl, dass er davor keine Scheu haben musste … dass sie ihn verstand. Sie hatte ihn aufgefangen, ihn festgehalten und dann … Er seufze, während er den Kopf gegen die Nackenstütze lehnte und an die Decke starrte. Er hatte es verbockt … wieder mal. Doch damit hätte er leben können. Womit er nicht leben konnte, war die Tatsache, dass er Anna offensichtlich ziemlich heftig vor den Kopf gestoßen hatte. Das wollte er nicht, aber als er heute Morgen neben ihr aufgewacht war – auch wenn er im Grunde kaum geschlafen hatte, weil ihn die Ereignisse derart aufgewühlt hatten, dass er keine Ruhe fand –, wusste er plötzlich nicht mehr, was richtig war und was nicht. Es hatte sich gut angefühlt, sie im Arm zu halten … irgendwie richtig. Doch dann war ihm Carla durch den Kopf gegeistert und sein Gewissen hatte sich gemeldet. Carla, die Frau, die an seiner Seite stand und das seit fast zwei Jahren. Die immer da war, wenn er jemanden brauchte. Sie ergänzten sich gut, mochten sich auf eine Weise, die weit über eine gewöhnliche Freundschaft hinausging … aber reichte es für … Liebe? Und dann war da Anna, die ihn verstand, wie es noch nie jemand getan hatte. Und sein Herz sehnte sich nach diesem Gefühl, mit diesem Schmerz nicht allein sein zu müssen. Ihre Worte berührten ihn, schenkten ihm Trost, so dass er anfing zu glauben, irgendwann in seinem Leben einen Punkt erreichen zu können, an dem er mit dem Verlust von Fanni abschließen konnte. Anna vermochte es … und sie war die Einzige. Was sie miteinander verband, war zu groß, um es als Freundschaft zu bezeichnen. Liebe? Er wusste es nicht. Sicher, da waren Gefühle … die er kannte, doch sie waren ihm in den Jahren fremd geworden.

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Zuletzt von Mini_2010 am Mi Jul 04 2012, 10:30 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Mi Jul 04 2012, 10:29

Teil 2

Auf der Fahrt zurück nach Berlin war Anna in dumpfes Brüten verfallen. Pausenlos geisterten ihr Toms Worte durch den Kopf, als er vom Tod seiner Frau gesprochen hatte. Er hatte so verloren und einsam in diesem Moment gewirkt. Und sie hatte gewusst, wie er sich fühlte. Dann sein Lächeln, als er plötzlich vor ihrer Tür stand. Seine Berührungen, mit denen er ihr gezeigt hatte, wie tief er sich ihr verbunden fühlte … Ihr Blick verschwamm, als sich ihre Augen mit neuen Tränen füllten. Himmel, wenn sie das nicht bald in den Griff bekam, würde jeder in der Firma ihr sofort ansehen, dass etwas nicht stimmte. Und das Letzte, was sie jetzt noch ertragen konnte, waren mitleidige Gesichter … oder vielleicht hämische Blicke. Carla. Warum drängte sich ausgerechnet jetzt diese intrigante kleine Schlange in ihren Kopf? Wollte sie ihr noch den Schubs in den Abgrund geben, nachdem Tom sie heute Morgen mit seiner Abfuhr dort schon erfolgreich positioniert hatte? Nein, warum sollte sie. Sie hatte ja keine Ahnung von dem was passiert war. Würde Tom ihr davon erzählen? Klar, sie war seine Freundin, und vermutlich war auch sie der Grund für seine spontane Flucht heute Morgen. Aber warum Carla? Tag für Tag stellte Anna sich diese Frage. Was hatte diese Frau an sich, was Tom anzog? Sie schnaubte herablassend. Was diese Frau betraf, hatte jeder Roboter mehr Herz, Gefühl und vor allem Verstand. Anna seufzte gequält. Tja, in diesem Punkt passten Tom und Carla wirklich perfekt zusammen – kalt, herzlos und unberechenbar … Das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihren Grübeleien, und sie war dankbar dafür. Nicht auszudenken, wohin ihre Gedanken sie sonst noch getrieben und ein Auftreten in der Firma schlussendlich unmöglich gemacht hätten. „Ja, Anna hier.“, meldete sie sich und verfluchte sich eine Sekunde später, dass ihre Stimme so niedergeschlagen klang. Sie wollte keine Schwäche zeigen. Doch das war leichter gesagt, als getan. „Anna? Enrique hier … Wir haben in zwei Stunden ein Meeting. Bist du dabei?“ Anna schluckte schwer und holte tief Luft. „Ja, klar, bin gleich da …“, antwortete sie mit monotoner Stimme und kämpfte den emotionalen Overflow zurück, der sich unaufhaltsam in ihr zusammenbraute. Vielleicht sollte sie erst einmal nach Hause fahren und sich richtig ausheulen. So wie sie im Moment drauf war, würde sie bereits die Frage eines Fremden nach dem richtigen Weg zum Ausbruch bringen. Tief durchatmen … tief durchatmen … Immer weiter atmen, das ist der Trick … „Alles in Ordnung mit dir?“, wollte Enrique am anderen Ende wissen. Oh Mann, konnte er nicht einfach auflegen und sie in Ruhe lassen? „Ja, alles bestens.“, log sie. „Okay, dann also bis gleich.“ Anna nickte und bemerkte erst als Enrique aufgelegt hatte, dass er es gar nicht sehen konnte. Sie starrte auf ihr Handy und dachte wieder an Tom. Warum nur hatte er sie einfach sitzen gelassen? Was hatte sie falsch gemacht? Ohne es wirklich bewusst zu steuern, öffnete sie das Adressbuch ihres Handys und scrollte zu Toms Telefonnummer. Sollte sie ihn einfach anrufen und fragen? Quatsch … wie wirkte das denn? Nein, sie wollte, dass er ihr in die Augen sah, wenn er ihr seine Gründe vorbrachte. Aber auf der anderen Seite … wenn sie dann vor ihm zu heulen anfing … Nein, das wäre noch schlimmer. Also tat sie es. Sie schloss die Augen, holte noch mal tief Luft und wählte seine Nummer.

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Als Tom in seinem Büro ankam, hatte er seine alte Fassade aus Kälte und Ausdruckslosigkeit wieder aufgesetzt und machte jedem, der ihm begegnete, damit klar, dass man ihn lieber nicht ansprechen sollte. Er war für seine Launen bekannt, und so fragte niemand nach seinem Befinden. Und das war gut so. Er war der Chef, und er konnte über seine Launen frei bestimmen, und jeder hatte sie zu akzeptieren. Doch heute war es anders. Heute brauchte er diese Fassade nicht, um seine Autorität heraushängen zu lassen oder Leute ohne echten Grund von sich fernzuhalten, sondern um etwas zu verdrängen, was tiefer ging und an den Grundfesten seines Selbst rüttelte. Mit einem gequälten Stöhnen ließ er sich in seinen Sessel fallen und starrte auf den Berg Arbeit, der sich auf seinem Schreibtisch türmte. Rechnungen und Bestellungen stapelten sich beinahe übertrieben akkurat und reihten sich in grotesker Harmonie zwischen ein paar Angebote von Stofflieferanten und einem überfüllten Terminkalender ein. Arbeit war jetzt genau das Richtige … und je mehr, desto besser. Sein Blick glitt nach links und suchte die Umgebung jenseits der gläsernen Wand ab, die sein Büro vom Rest der Firma trennte. Er starrte auf Annas Schreibtisch. Er war leer. Und zum ersten Mal fragte er sich, warum ihr Schreibtisch ausgerechnet dort stand – in seinem Blickfeld. Schicksal oder Zufall? Er glaubte nicht an Zufälle, denn sie waren nicht greifbar, zu unvorhersehbar. Das Schicksal war etwas, was die Menschen begleitete und zu ihrer Bestimmung trieb … etwas was vorherbestimmt war. Fanni hatte immer daran geglaubt, dass das Schicksal sie zusammengeführt hatte. Dass es Schicksal war, dass sie sich lieben und ihr Leben teilen sollten. War es ebenso Schicksal, dass sie sterben musste? Viel zu früh? Wut schwoll in ihm an, und mit einer einzigen Handbewegung wischte er den Stapel Bestellungen von seinem Schreibtisch, die daraufhin in einem bunten Durcheinander auf den Boden segelten. Gott, was war nur mit ihm los? Sein Handy klingelt inmitten diesem Chaos wie eine unheilvolle Bedrohung. Auch das noch. Widerstrebend griff er nach seinem Telefon und starrte auf den Namen, der den Anrufenden kenntlich machte. Anna? Sein Herz machte einen seltsamen Hüpfer – irgendwas zwischen Freude und Beklemmung. Sekundenlang starrte er auf das Display, rang mit einer Entscheidung, den Daumen schwebend über der Annahmtaste. Verdammt! Carla lief an seinem Büro vorbei und störte seine Gedanken. Dann verließ ihn der Mut. Eilig drückte er den Anruf weg und warf das Handy beiseite, als würde es eine ansteckende Krankheit verbreiten, wenn man es nur lange genug berührte. Erschöpft stützte er den Kopf auf seine Hände und starrte auf das Durcheinander in seinem Büro. Und nachdem er sich minutenlang mit dem Anblick des Aktenchaos auf dem Fußboden beruhigt hatte, erhob er sich seufzend und sammelte das Ergebnis seines emotionalen Aussetzers wieder zusammen.

Ein Klopfen an der Tür, ließ ihn hochfahren. Carla streckte den Kopf durch den Türspalt und sah ihn mit einer Mischung aus Überraschung und leisem Groll an. Irgendetwas behagte ihr nicht. Und Tom hatte keine Lust, sich jetzt auch noch Gedanken über den Seelenzustand seiner Freundin machen zu müssen, wo er doch mit seinem eigenen restlos überfordert war. „Was gibt’s?“, fragte er kühl und warf seiner Freundin einen flüchtigen Blick zu. „Wo warst du die ganze Nacht?“, fragte sie missbilligend. Tom widmete seine Aufmerksamkeit konzentriert dem Aktenchaos auf dem Fußboden, während er antwortete: „Ich musste allein sein und meine Gedanken sortieren. Ich hab Enrique getroffen und mit ihm über das Shooting im Schwimmbad gesprochen. Ist wohl ziemlich gut verlaufen. Dann bin ich dort geblieben, weil es zu spät geworden war, um zurück zu fahren ...“, ratterte er seine Begründung herunter. Dann hielt er kurz inne und atmete tief durch, ehe er weiter seine Akten zusammensortierte. „Ist das ein Problem?“ Als Carla nicht antwortete, sah er schließlich auf. Ihr Blick war skeptisch, beinahe misstrauisch. Aber das war Carla immer, wenn sie sich sein Verhalten nicht erklären konnte. Also ignorierte er ihre Miene. „Nein, aber ein Anruf wäre toll gewesen.“, bemerkte sie dann ziemlich schnippisch. Ihre Augen blitzten. Sie war sauer. Tom konnte es ihr nicht verübeln, aber damit musste sie leben. Das war die Bedingung. „Was gibt’s sonst noch?“, fragte er, in der Hoffnung, damit das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. „Bruno hat ein Meeting anberaumt. Er will dich dabei haben.“ Tom sah auf und nickte, ehe er sich ein Lächeln abrang, was vermutlich sogar einen gereizten Löwen in die Flucht geschlagen hätte. „Ist alles in Ordnung?“ Die Art wie sie fragte, ließ ihn erneut aufblicken. Er forschte in ihren Augen. Doch darin lag nur Unwissendheit und leiser Ärger. „Ja, alles bestens.“, erwiderte er so lässig wie möglich, als sein Blick wieder den Raum jenseits der Glaswand musterte. Sein Blick fiel auf Anna, die nun an ihrem Schreibtisch saß, und Carlas nächste Frage ging in den Wirren seines überforderten Hirns unter. Anna wirkte angespannt … und traurig. Kein Wunder nach der Aktion, die er heute Morgen gebracht hatte. Er sollte sich bei ihr entschuldigen … „Tom?“ Sein Blick flog zurück zu Carla, die nun sichtlich wütend wirkte. „Was?“ Dass sie immer noch hier war, begann, ihn zu nerven. „Ich hab dich gefragt, ob wir heute Abend zusammen essen gehen.” „Nein!“, erwiderte er, ohne darüber nachzudenken. Carla schnappte zornig nach Luft. „Was ist los mit dir?“, giftete sie. Dann wurde er sich bewusst, was er soeben geantwortet hatte. „Ich meine, … ja … ähem … meinetwegen.“, stammelte er. „Gibt’s sonst noch was? Du siehst, auf mich wartet eine Menge Arbeit.“, erinnerte er sie und deutete mit einer ausladenden Handbewegung auf das Chaos auf seinem Schreibtisch. Was für eine willkommene Begründung. „Gut, dann heute Abend. Ich bestelle uns einen Tisch.“ Wenige Sekunden später fiel die Tür ins Schloss. Tom rollte genervt die Augen, ließ sich auf seinen Stuhl sinken und lehnte sich zurück. Konnte man ihn nicht einfach mal in Ruhe lassen?

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Mi Jul 04 2012, 10:37

Teil 3

„Hey, Süße … wie war das Shooting gestern?“ Anna sah von ihrem Skizzenblock auf, direkt in Palomas strahlende blaue Augen. Es dauerte einen Moment, bis Anna sich soweit im Griff hatte, dass sie in der Lage war zu antworten, ohne in Tränen auszubrechen. „Gut.“ Dieses einzelne Wort kostete sie unglaublich viel Kraft. Und um neue sammeln zu können, sah sie wieder schweigend auf ihre Zeichnung, die irgendwie gar nichts darstellte, außer wildem Gekritzel. Sie hatte Tom angerufen, aber er hatte sie einfach weggedrückt. Brauchte sie noch eine eindeutigere Bestätigung, dass er das, was er heute Morgen zu ihr gesagt hatte, ernst gemeint hatte? Gott, wie blöd sie doch war, dass sie überhaupt den Versuch gestartet hatte. Und noch viel blöder war, dass sie etwas in ihm zu sehen geglaubt hatte, was wohl schlussendlich nur einem ihrer Hirngespinste entstammte. „Alles in Ordnung?“ Anna nickte, sah jedoch nicht auf. Paloma trat um den Schreibtisch herum und setzte sich auf die Tischkante. „Bist du sicher? Du wirkst angespannt und überhaupt nicht wie du selbst.“, sagte sie leise und Anna bemerkte den besorgten Ton in ihrer Stimme. „Es war ein anstrengendes Shooting und ich bin noch ein wenig … müde.“, antwortete sie mit zittriger Stimme, holte tief Luft und würgte verzweifelt den Kloß in ihrem Hals hinunter, der mittlerweile zur Größe eines Tennisballs mutiert war. Sie hätte nie geglaubt, dass diese wenigen Worte beinahe ihre gesamte Beherrschung kosten würde. „Hey ... da bist du ja endlich.“, drang Enriques Stimme zu ihnen. Anna holte noch mal tief Luft. Verdammt, das war alles noch viel schlimmer, als sie angenommen hatte.

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Enrique wollte zu einer Frage ansetzen, doch Paloma unterbrach ihn mit einer forschen Handbewegung. Er zog die Brauen hoch und musterte Anna, die sichtlich bekümmert auf ihrem Stuhl hockte und eine Skizze anstarrte, von dem man bisher noch nicht sagen konnte, an welchem Körperteil man das Kleidungsstück später einmal tragen würde … falls es überhaupt ein Kleidungsstück darstellen sollte. „Wird das die neue Winterkollektion von Lanford?“, fragte er in einem kläglichen Anflug, die gedrückte Stimmung aufzuheitern. Sein Blick ruhte auf Anna, und die Verfassung, in der sie sich befand, gefiel ihm gar nicht. Sie hatten das Shooting gestern gemeinsam absolviert und es war alles nach Plan verlaufen. Ziemlich gut sogar, wie er meinte. Also hatte ihre angespannte Stimmung offensichtlich nichts mit der Arbeit zu tun. Nicht direkt zumindest. Er sah Paloma an, doch die zuckte nur stumm mit den Schultern. Unweigerlich wanderte sein Blick zu Toms Büro. Sein Freund saß an seinem Schreibtisch und starrte ähnlich ausdruckslos vor sich hin wie Anna. Mit dem Unterschied, dass er von Tom diesen Blick gewohnt war. Tom wandte sich ihm zu, als hätte er seine Gedanken gehört und sah ihn einen Moment lang mit der gewohnt reservierten Miene an. Doch Enrique entging nicht, wie seine Augen kurz zu Anna huschten und dann für einen Sekundenbruchteil einen Ausdruck annahmen, den er an Tom nicht kannte … aber sehr gut einzuordnen wusste. Flüchtig streifte Toms Blick erneut seinen, ehe er sich wieder in seinen Akten vergrub. Enrique betrachtete Anna, die allem Anschein nach mit größter Mühe, ihre Beherrschung aufrecht zu erhalten versuchte. Ganz Gentleman kramte er ein Tempotaschentuch aus seiner Hosentasche hervor und reichte es ihr schweigend. Anna sah kurz auf und Enrique konnte nicht umhin, erschrocken zusammenzuzucken. Wieder flog sein Blick zu Tom, doch der war in seine Unterlagen vertieft. Was zum Teufel war mit den beiden los? Palomas vernehmliches Räuspern riss ihn aus seinen Gedanken. Ihr Blick war seltsam angespannt und mit einem leisen Flehen in den Augen, suggerierte sie ihm stumm, dass er sie mit Anna einen Moment allein lassen sollte. Mürrisch verzog er das Gesicht. „Will jemand einen Tee? … Oder Kaffee?“ „Wenn Sie so fragen, dann nehme ich einen Kaffee, Vegaz.“ Enriques Blick schoss nach rechts und traf auf Carla, die sich mit einem selbstgefälligen Grinsen der kleinen Gruppe genähert hatte. Paloma rollte genervt die Augen und sah auf Enrique. Der verzog seinen Mund zu einem süßlichen Lächeln, das fünf Sekunden später einer gleichgültigen Miene wich. „Der Bringservice gilt für die Kreativen dieser Firma. Und da Sie allem Anschein nach im Moment nichts zu tun haben, können Sie sich ihren Kaffee selbst holen.“ Ohne einen Kommentar von Carla abzuwarten, der sicherlich ihre gewohnte Boshaftigkeit noch übertroffen hätte, wandte er sich ab und ging.

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Staffi_94

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Mi Jul 04 2012, 18:49

Fein, deine wundervolle Geschichte wieder von Anfang an zu lesen... Laughing
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Mini_2010

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Do Jul 05 2012, 10:46

Teil 4

Mit einem gespielten Schmollen sah Carla Enrique nach, ehe sie ein affektiertes Bilderbuchlächeln aufsetzte und sich Anna zuwandte. Mit einem Ausdruck unübersehbarer Häme im Gesicht schielte sie auf Annas Zeichnung. “Das trägt man also im kommenden Herbst?“ Anna sah sie nicht an. Carla zog die Brauen hoch. Offensichtlich hatte die kleine Broda heute nicht den besten Tag. Ihre Augen richteten sich auf Toms Büro und ihr fiel auf, dass ihr Freund heute ähnlich mies drauf war. Nicht, dass das bei Tom etwas Neues gewesen wäre, aber die Kombination aus zwei gleichsam trostlosen Gesichtern, ließ Carla misstrauisch werden. Nahm man jetzt noch die Vorgeschichte der beiden hinzu, begannen bei ihr sämtliche Alarmglocken zu schrillen. Toms Zerstreutheit und übertriebene Gereiztheit, das verheulte Gesicht der kleinen Broda und das undefinierbare Gekritzel auf ihrem Block … Verdammt! Was war zwischen den beiden vorgefallen? Mit neuer Wachsamkeit musterte sie abwechselnd Tom und Anna. Sie würde die beiden heute besser nicht mehr aus den Augen lassen. Und sie würde mit Tom reden müssen … unbedingt, denn das hier … lief in eine Richtung, die ihr gar nicht gefiel. Doch vorerst war sie gewillt, ihre Vermutungen für sich zu behalten und stattdessen ihrer liebsten Beschäftigung nachzugehen. Dass das lästige Blondchen im Moment offensichtlich recht labil wirkte, bot sich geradezu an für eine kompromittierende Attacke alá Carla Rhonstedt – nur um sicher zugehen, dass die Fronten in dieser Firma noch immer geklärt waren.

Nonchalant lehnte sie sich gegen Annas Schreibtisch. „Sie sehen ziemlich fertig aus? War sicher anstrengend … das Shooting.“, bemerkte sie zynisch. Anna schwieg und starrte angestrengt auf ihren Skizzenblock, während sie den Stift wie eine Waffe umklammerte und die Linien allmählich kräftiger wurden, bis sie sich schließlich durch das Papier drückten. „Ich bin gespannt auf die Ergebnisse.“ säuselte Carla mit gespielter Aufrichtigkeit. „Laut Tom sollen die Bilder ja richtig gut geworden sein.“ Bei Toms Erwähnung schnellte Annas Blick nach oben. Ihre Augen trafen auf die von Carla, Zorn schoss wie glühende Kohlenfunken aus ihnen hervor. Carlas Misstrauen wuchs. Das darf doch nicht wahr sein. Die kleine Broda hat sich offensichtlich auf mein Terrain gewagt. Eifersucht regte sich. Carla fixierte ihren Blick … Annas Zorn schlug um in Hass. Sie stand auf … so hastig, dass ihr Stuhl nach hinten kippte und mit einem lauten Knall auf den Boden schlug. „Tom war gar nicht dabei, Sie hirnrissige Kuh.“, fauchte sie und Carla wich unweigerlich zurück, zu perplex, um gewohnt angemessen reagieren zu können. „Und seine Einschätzung interessiert mich einen Dreck.“ Mit wirrem Blick starrte Carla Anna an. Tendierte ihre Annahme vielleicht doch in die falsche Richtung, und die Beiden hatten lediglich eine heftige Auseinandersetzung? Ihr Blick huschte zu Tom und musterte ihn erneut. Dann lächelte sie tadelnd in sich hinein. Nein, warum sollte er mit der Broda … das war geradezu lächerlich. Nicht mal Tom, konnte derart unter Geschmacksverirrungen leiden … oder betrunken genug sein, dass er sich freiwillig auf die Broda einließ. Oh Carla, du wirst wirklich langsam paranoid. Sie schenkte Anna ein diabolisches Lächeln, woraufhin die schließlich kopflos von dem Tisch wegstolperte und verschwand. Carla sah ihr verwundert nach, ehe sich ein zufriedenes Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Der Umstand, dass die Differenzen zwischen Tom und dieser kleinen Nervensäge größer zu sein schienen, als zunächst angenommen, rückte ihr Weltbild augenblicklich wieder gerade „Was hat sie denn nur, die Arme?“, heuchelte sie mit gespieltem Bedauern und schaute Anna nach, die irgendwo in den hinteren Teil des Büros geflüchtet war.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Do Jul 05 2012, 10:53

Teil 5

Paloma, der die Szene und Annas Reaktion auf Carlas Bemerkung nicht entgangen war, erhob sich, trat vor die Brünette und beäugte sie forsch. Dass Carla Annas Zustand auf derart perfide Weise ausnutzte, um ihre Spielchen zu treiben, hätte Paloma selbst dieser hohlen Nuss nicht zugetraut. Sie glaubte an das Positive im Menschen, ... dass jeder irgendwo eine gute Seite in sich birgt. Aber als der Herrgott die guten Eigenschaften unter dem Menschen verteilt hatte, war Carla wohl entweder gerade in einem Paralleluniversum unterwegs, oder selbst der Gute da oben hatte erkannt, dass bei der Frau Hopfen und Malz verloren waren. Carla Rhonstedt war wirklich das Allerletzte. „Haben Sie nichts zu tun …“, blaffte Paloma sie von der Seite an, um ihrem Ärger Luft zu machen. „…wie zum Beispiel … Nägel lackieren, Make-up auflegen oder irgendwelche neuen Intrigen spinnen?“ Carla baute sich vor ihr auf und betrachtete Paloma mit unverhohlener Missbilligung. „Wie können Sie es wagen, so mit mir zu sprechen? Steht Ihnen der Sinn danach, sich das Gebäude künftig von außen anzusehen?“, gab sie scharf zurück. „Ich bin hier die Chefdesignerin, Sie nur eine drittklassige Tippse … also überlegen Sie sich, was Sie sagen.“, zischte sie. Paloma gähnte theatralisch und prüfte übertrieben intensiv ihre Fingernägel. „Ja richtig … Sie, der aufstrebende Stern am Modehimmel … bla, bla, bla …“, ergänzte Paloma gedehnt und rollte genervt die Augen. „Gott, bin ich froh, dass Sie nicht die einzige Designerin auf diesem Planeten sind, sonst müssten wir im kommenden Winter vermutlich alle nackt rumlaufen.“ „Sollte für Sie doch kein Problem darstellen.“, konterte Carla zynisch.

Paloma verschränkte die Arme und musterte ihre Kontrahentin angriffslustig, während Carla selbstbewusst einen Schritt auf sie zumachte. „Na ja, wenigstens habe ich meine Position nicht erlangt, weil ich dem Chef schöne Augen gemacht habe.“, bemerkte sie herablassend. Paloma lächelte affektiert. „Bei mir hat zumindest ein Lächeln ausgereicht.“ Ihr Blick glitt über Carlas Outfit. „Sie jedoch haben immer noch kurze Röcke und tiefe Dekolletees nötig, um in ihrer Position bleiben und gleichzeitig von Ihrem mangelnden Einfallsreichtum ablenken zu können … Und die Tatsache, dass Sie Ihren hübschen Hintern immer noch durchs Büro spazieren tragen, bestätigt meine Vermutung, dass Ihre Qualitäten auf einem anderen Gebiet liegen müssen.“ Carla stieß einen undefinierten Laut aus, ballte die Fäuste und ging mit wütendem Blick auf Paloma zu. Doch die musterte sie nur geringschätzig. „Sich den Chef zu angeln …Tse … Frau Rhonstedt, das ist so was von klischeehaft. Ich hätte Ihnen mehr … Scharfsinn zugetraut. Tja, … aber leider kann man Intelligenz nicht kaufen ...“ Paloma seufzte mit gespieltem Bedauern. „Bleibt zu hoffen, dass für die neue Winterkollektion der Stoff nicht zu sparsam verwendet wird. Oje … ich seh schon die Schlagzeile vor mir „… Lanford-Kunden in neuer Winterkollektion erfroren…“ Puh, vielleicht sollten Sie doch sicherheitshalber Anna um Rat fragen.“. Carla fiel die Kinnlade nach unten. Für einen Moment war die Frau tatsächlich sprachlos.

Einen Augenblick lang duellierten sich die beiden Frauen mit bösen Blicken. „Aber was ich nicht verstehe … warum brezeln Sie sich immer noch so auf? … Ich meine, Sie sind doch schon da, wo sie hinwollen.“ Paloma runzelte nachdenklich die Stirn. „Was quält Sie? Verlustängste? Lässt er Sie etwa nicht mehr ran?“ Mitleidig schüttelte Paloma den Kopf und sah Carla mit aufgesetzter Besorgnis an. „Sie Arme, es muss echt erniedrigend sein, zu solchen Mitteln greifen zu müssen, um Beachtung zu finden.“ Ohne ein weiteres Wort zu sagen, machte Paloma auf dem Absatz kehrt und ging erhobenen Hauptes davon. Carla, die erst nach einigen Sekunden ihre Fassung wiederfand, rief ihr eine wüste Beleidigung hinterher. Paloma hielt einen Moment inne und wandte sich um. Etwas Gewichtiges lag ihr noch auf der Zunge. „Frau Rhonstedt, Sie sind wahrlich ein Glückspilz, dass ihr Chef ein Mann ist.“, bemerkte sie so laut, dass es jeder im Büro hören konnte. Ihr Gesicht verzog sich mitfühlend. „Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn eine Frau hier das Ruder in der Hand hätte. Lanford würde wirklich einen herben Verlust erleiden, wenn man auf Ihre Gegenwart verzichten müsste.“ Aus jedem Wort spie purer Sarkasmus. Paloma grinste in sich hinein, als sie sich erneut umwandte. Es tat ihr fast leid, dass sie diese Unterhaltung unterbrechen musste. Dieses kleine Biest so fassungslos zu sehen, war der Höhepunkt des Tages. Sie hätte noch stundenlang so weitermachen können, aber sie musste Anna finden. Ihre Freundin war jetzt wichtiger als alles andere. Carla rief ihr noch etwas hinterher, was sich nach impertinentem Flittchen anhörte, doch Paloma ignorierte sie. Das musste einfach mal gesagt werden. Und dass ein paar Schneiderinnen und Models rein zufällig Zeugen dieser Ansage geworden waren … nun ja dafür konnte sie nun wirklich nichts.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Fr Jul 06 2012, 17:57

Teil 6

Paloma fand Anna im Stofflager – nachdem sie auf der Toilette, im Treppenhaus und noch an ein paar anderen Orten, an denen man sich gut verstecken konnte, nachgesehen hatte. Fast schon hatte sie befürchtet, Anna wäre einfach gegangen. Sie saß in sich zusammengesunken hinter einem der Regale, auf dem sich Stoffballen aus Seide, Satin und Taft türmten, so dass man sie auf den ersten Blick nicht entdecken konnte. Sie schluchzte leise. Paloma setzte sich schweigend neben sie auf den Boden und reichte ihr ein neues Taschentuch. Dann legte sie einen Arm um Annas Schulter und zog sie an sich. Eine Weile ließ sie sie weinen. Als die Tränen zu versiegen begannen und das Schluchzen einem angestrengten Atmen wich, sah sie ihr in die Augen. Anna sah furchtbar aus. „Magst du darüber reden, Süße?“ Anna zuckte die Schultern und neue Tränen quollen aus ihren Augen. Tröstend nahm Paloma sie in ihre Arme und strich ihr beruhigend über den Rücken. Anna zitterte, und ihr Körper krampfte sich in neuen heftigen Schluchzern. „Tom?“, fragte Paloma leise. Sie spürte ein zaghaftes Nicken an ihrer Schulter. „Hat er irgendwas Gemeines zu dir gesagt?“ Wäre ja nicht das erste Mal, dass Tom sich danebenbenahm. Anna erstarrte in ihren Armen und schwieg. Paloma stutzte. „Ihr wart allein in dem Schwimmbad?“, mutmaßte sie sanft. Anna nickte wieder, während sie ihre Finger fester in Palomas Pullover krallte und leise schniefte. Paloma holte tief Luft. „Hey, nimm’s nicht so schwer … alles wird wieder …“ „Wir haben miteinander geschlafen.“, brach es plötzlich aus Anna hervor, ehe eine weitere Welle von Schluchzern ihren Körper schüttelte. Paloma verstummte augenblicklich. Oh Gott, sie hatte ja vermutet, dass zwischen den beiden etwas Ernstes vorgefallen war, aber sie hatte dabei eher an eine Auseinandersetzung, einen heftigen Streit gedacht … oder etwas in der Art … aber doch nicht daran. Tom Lanford … der emotionale Eisblock … und Anna? Ihre Anna? Das kann doch alles nicht wahr sein. In beruhigender Monotonie strich sie über ihren Rücken und wartete darauf, dass Anna weitersprach. Aber allem Anschein nach hegte ihre Freundin nicht die Absicht, selbiges zu tun.

Eine gefühlte Ewigkeit später regte Anna sich, und Paloma ließ ihre Arme sinken. Sie blickte auf und ihr verweintes Gesicht riss an Palomas Herzen. Sie konnte ihren Schmerz fühlen. „Er ist heute Morgen einfach aus dem Hotelzimmer abgehauen, nachdem er gesagt hat, dass es ein Fehler war.“, schluchzte Anna leise. Wie bitte? Paloma war fassungslos und wollte Anna erneut in die Arme ziehen, doch sie wehrte ihre Geste ab. „Was für ein Trottel.“, murmelte sie. Tom und Anna? Na ja, Paloma waren die Blicke nicht entgangen … Und so wie Anna erzählte, schien es da auch eine Seite an Tom zu geben, die vollkommen konträr zu der ging, die der Rest der Menschheit zu sehen bekam. Aber die Vorstellung, dass die beiden … Nein, das war einfach so abwegig. Neue Tränen rannen aus Annas Augen, und Paloma wurde das Herz schwer. Ihre Freundin so am Boden zerstört zu sehen, beschwor leisen Groll in ihr auf. Nach der Ansage an Carla, kribbelte es noch immer in ihren Fingern, so dass sie irre Lust verspürte, in Toms Büro zu marschieren und ihm einfach eine zu kleben – so ganz ohne Begründung. Der Schmerz wäre zwar nicht vergleichbar, aber die Befriedigung, ihm ebenfalls wehgetan zu haben, würde zumindest ein wenig den Schmerz lindern. Doch die Rache gehörte Anna. „Ich hab versucht, mit ihm zu reden, aber er hat den Anruf einfach weggedrückt.“ Annas Stimme brach, und Paloma korrigierte im Stillen den Trottel in einen Volltrottel. „Was willst du jetzt machen, Anna?“, flüsterte sie kurze Zeit später. Anna zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht.“

„Na ja, wenigstens hat Carla ihr Fett weg bekommen.“, erklärte Paloma, in der Hoffnung, Anna damit auf andere Gedanken bringen zu können. Und beinahe wünschte sie sich, sie hätte mit ihrer Vorstellung vorhin noch ein wenig gewartet. Anna sah auf und schaute Paloma fragend an. Die lächelte schief und zuckte entschuldigend die Schultern. „Was sie vorhin mit dir abgezogen hat, … das konnte ich einfach nicht so im Raum stehen lassen ... Tut mir leid.“ Annas Augen wurden größer. „Was hast du gemacht?“ Leise Panik schwang in ihrer Stimme. „Keine Panik, ich hab ihr lediglich gesagt, dass sie eine schlecht gekleidete Dummtröte ist, die nur hier in der Firma sitzt, weil sie weiß, wie man richtig mit dem Hintern wackelt ... Na ja, so was in der Art jedenfalls.“, winkte Paloma lässig ab. Anna guckte ungläubig, dann zuckte ein kleines Lächeln um ihre Mundwinkel. „Wie hat sie es aufgenommen?“ Palomas Grinsen wurde breiter. „Mhmm … lass mal über legen … Sie hat ziemlich dümmlich drein geguckt, und das Publikum stand kurz davor, nach Zugabe zu brüllen. Demnächst wird sie sich solche Aktionen dreimal überlegen.“ Jetzt lachte Anna, und Paloma fiel ein kleiner Stein vom Herzen. Doch der Moment währte nicht lange, bis Anna wieder ernst wurde. „Glaubst du?“ Paloma legte den Kopf schief. „Hola … Süße, und wenn nicht, dann hat sie demnächst meine Hand im Gesicht.“ Anna riss entsetzt die Augen auf. „Paloma …“ „Was? Das ist mein spanisches Temperament. Wenn ich Unrecht sehe, kann ich nicht einfach still zugucken und die Hände in den Schoß legen. Du kennst mich doch.“ Anna seufzte leise, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und lächelte leicht. „Ich finde, jeder sollte eine beste Freundin mit spanischem Temperament haben … Danke.“ „Na zumindest konnte ich dir ein Lächeln entlocken … Da hat sich mein Einsatz ja doppelt gelohnt.“, scherzte Paloma und zog Anna spontan an sich. Die holte tief Luft und stieß sie zittrig wieder aus. Paloma wischte ihr die Tränen von der Wange. „Ich bin für dich da, Anna …“ Dann drückte sie sie fest an sich.

Paloma reichte ihr ein weiteres Taschentuch. „Geht’s wieder, Süße?“ Anna nickte und lächelte angespannt, ehe sie wieder starr auf ihre Hände schaute. „Weißt du was, Süße?“, begann Paloma. Erwartungsvoll blickte Anna auf. „Du nimmst dir einfach den Rest des Tages frei und gehst nach Hause.“ Entschlossen stand Paloma auf und zog Anna auf die Füße. Anna schüttelte traurig den Kopf. „Das würde Tom nie erlauben.“ Paloma schnaubte verächtlich. „Madre mía, chica … Den fragen wir gar nicht erst. Ich sage ihm einfach, dass du krank bist, okay?“ Annas sah sie unsicher an. Dann quollen plötzlich neue Tränen aus ihren Augen. Sie atmete tief durch und wischte die Tränen entschieden beiseite. Paloma lächelte aufmunternd „Geh nach Hause und schlaf dich mal richtig aus. Morgen sieht die Welt vielleicht schon wieder ganz anders aus.“ Die Skepsis in Annas Blick blieb und Paloma verstand. „Ich sage Enrique Bescheid. Dann muss der Termin eben ohne dich stattfinden.“ „Das geht nicht.“, widersprach Anna matt. „Ich muss noch die Fotos …“ „Ich denke, Enrique kann die auch allein aussuchen. Er war schließlich dabei und kennt deine Meinung.“, unterbrach sie Anna mit strengem Blick. Anna schüttelte heftig den Kopf. „Nein, das ist meine Aufgabe und ich werde mir nicht nachsagen lassen, ich würde Arbeit abschieben. Am Ende biete ich Tom so noch einen Grund, mich zu feuern.“ Paloma seufzte tief. „Wäre ja nicht das erste Mal.“, meinte sie abfällig. Anna bedachte sie mit einem strafenden Blick. Ergeben hob Paloma die Hände. „Also gut, wir gucken die Fotos an, … aber danach gehst du nach Hause.“ Anna nickte gehorsam und holte tief Luft, ehe sie sich von Paloma aus dem Versteck ziehen ließ.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Fr Jul 06 2012, 23:05

Ich kann Staffi nur zustimmen.
Und was soll ich sagen. Es ist auch beim zweiten Mal einfach nur wunderbar. Wink
Liebste Grüße
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Sa Jul 07 2012, 11:27

katha schrieb:
Ich kann Staffi nur zustimmen.
Und was soll ich sagen. Es ist auch beim zweiten Mal einfach nur wunderbar. Wink
Liebste Grüße

Dankeschön Kathalein, ... aber du glaubst nicht, was man noch für Verbesserungsmöglichkeiten findet (rein sprachlich gesehen), wenn man sich nochmal mit der Story beschäftigt. Also, sei versichert, dass diese "Neueinstellung" keine 1:1 Übertragung ist. Es lohnt sich von daher wirklich, sie nochmal komplett zu lesen. Laughing
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Sa Jul 07 2012, 13:49

Ich habe mir jetzt alle Teile auf einmal durchgelesen, ich muss sagen das ist echt der Hammer
du schreibst so verdammt gut, es macht richtig Spass es zu lesen Laughing
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Sa Jul 07 2012, 15:05

Lizzy schrieb:
Ich habe mir jetzt alle Teile auf einmal durchgelesen, ich muss sagen das ist echt der Hammer
du schreibst so verdammt gut, es macht richtig Spass es zu lesen Laughing

Freut mich, wenn dir die Geschichte gefällt. Und ich würde mich freuen, wenn du weiter liest. Wenn ich es schaffe, stell ich heute noch ein oder zwei Teile ein. Die Story an sich ist ja bereits fertig Smile
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Sa Jul 07 2012, 18:07

Teil 7

Enrique sah überrascht auf, als Anna und Paloma sein Büro betraten. Und er brauchte nur wenige Sekunden, um zu erkennen, dass sein Gefühl von vorhin ihn nicht getäuscht hatte. Etwas stimmte ganz und gar nicht. „Anna, ist alles …“ Anna winkte ab, ehe er seinen Satz vollenden konnte. „Ja ja, schon gut … Lass uns schnell die Fotos aussuchen, damit ich nach Hause gehen kann. Ich fühl mich echt … mies.“ Sie holte zittrig Luft und vermied es, Enrique in die Augen zu sehen. Dem lag eine scherzhafte Bemerkung auf der Zunge, die er jedoch eilig herunterschluckte. Es war unschwer zu erkennen, dass Anna nicht nach Scherzen zumute war. „Klar …“, erwiderte er knapp und beeilte sich, die Fotos hervorzuholen. Schnell breitete er sie auf dem Tisch aus und trat einen Schritt zurück. Anna ließ schweigend ihren Blick über die Fotos wandern und traf mit einem gezielten Fingerzeig eine schnelle Entscheidung. „Sicher?“, fragte Enrique. Anna sah zu Paloma, dann wieder zu ihm. Sie nickte. „Ja, die beiden.“ Sie rang sich ein unsicheres Lächeln ab, ehe sie sehnsüchtig nach der Tür schielte. „Gute Wahl.“, lobte Enrique anerkennend. „Genau die beiden hatte ich auch ins Auge gefasst.“ Er fixierte Anna und er war ein wenig enttäuscht, als er erkannte, dass seine Bemerkung keinerlei Reaktion bei ihr hervorrief. Anna war wirklich vollkommen fertig. „Ja gut, dann hätten wir das. Soll ich dich bei Tom für heute Nachmittag entschuldigen?“, bemerkte Enrique arglos. Warum sie unvermittelt in Tränen ausbrach, verstand er erst, als er seine unbedachte Aussage rekapitulierte. Paloma warf ihm einen strafenden Blick zu. „Tut mir leid …“, flüsterte er beschämt. Anna lächelte gequält, dann holte sie tief Luft, wandte sich um und strebte in Richtung Ausgang. Paloma folgte ihr. „Wir sehen uns nachher.“, rief sie Enrique leise zu und verließ zusammen mit Anna sein Büro. Der runzelte die Stirn und sah den beiden Frauen kopfschüttelnd nach. Er hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was passiert sein musste, nachdem Tom gestern Abend unerwartet vor der Schwimmhalle aufgetaucht war. Es passte alles ins Bild. Er hatte mit Tom gesprochen, ihm von dem Shooting erzählt. Dann war er zum Parkplatz und Tom in die Halle gegangen. Enrique wusste, was sein Freund mit dieser Schwimmhalle verband, und er glaubte auch zu wissen, warum er gestern dort war. Was er nicht genau wusste … was war wirklich passiert, nachdem Tom die Schwimmhalle betreten hatte und auf Anna getroffen war, die sich ebenfalls noch in der Halle befunden hatte. Ihre traurigen Augen schossen durch seine Gedanken, gefolgt von Toms ausdrucksloser Miene. Und unweigerlich fragte er sich, ob Anna heute glücklicher ausgesehen und gelächelt hätte, wenn er auf sein Gefühl gehört, und sie von der Wahl dieser Location abgehalten hätte.

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Als Anna mit Paloma die Treppe hinunter kam, herrschte reges Treiben im Büro. Ein Praktikant rollte gerade einen Kleiderständer mit Stücken der neusten Kollektion durch die Gegend, Jasmin steckte hochkonzentriert einen Saum an einem Kleid ab, und Virgin schwebte durchs Büro wie die Heilige Jungfrau Maria persönlich. Anna musste leicht lächeln als sie ihn sah. Er wirkte auf eine erfrischende Weise erheiternd an diesem sonst so trüben Tag. Carla saß an ihrem Schreibtisch und guckte wie ein Pitbull, dem man seinen Lieblingsknochen weggenommen hatte, während sie auf ihrem Bleistift herumkaute. Offenbar suchte sie krampfhaft nach einer passenden Idee. Tja, es war eben nicht leicht, einen guten Gedanken aus einem Vakuum zu extrahieren. An diesem Gedanken festhaltend, gelang es Anna, Carla zu ignorieren, während sie zielstrebig ihren Schreibtisch ansteuerte. Mit derselben Konsequenz vermied sie es, einen Blick in Toms Büro zu werfen, auch wenn sie nichts lieber getan hätte, als sich in seinem Anblick zu verlieren. Letzte Nacht noch hatte sie im siebten Himmel geschwebt, hatte Hoffnung geschöpft. Sie hatte geglaubt, er würde dasselbe für sie empfinden, wie sie für ihn. Doch sie hatte sich getäuscht. Offenbar war sie nicht mehr als ein schnelles Abenteuer, … eine Möglichkeit, Zerstreuung zu finden. „Soll ich dich nach Hause bringen, Süße?“, riss Paloma Anna aus ihren trüben Gedanken. Wie ein Schutzschild hatte sie sich hinter Anna gestellt, fast so als wolle sie sie vor bösartigen Blicken abschirmen, die sich zweifellos in ihren Rücken gebohrt hätten, wäre sie nicht gewesen. „Das ist lieb, aber das geht schon … Ich will hier einfach nur weg.“, sagte sie mit zittriger Stimme und schluckte den Kummerbrocken in ihrem Hals hinunter, der sie erneut zu ersticken drohte. Anna spürte, dass der nächste Ausbruch kurz bevor stand, und wenn es soweit war, wollte sie auf keinen Fall hier sein. Zuviel Publikum. „Ja, ist vielleicht besser so … Tom starrt schon die ganze Zeit zu dir ...“, bemerkte Paloma leise. „Jetzt steht er auf ...“ Das war Annas Stichwort. „Geht’s Ihnen nicht gut, Anna?“ Carlas gehässige Stimme schwappte zu ihr hinüber und riss gefährlich an ihrem labilen Nervenkostüm. Nein, sie würde nicht losheulen. Nicht hier vor dieser intriganten Schlange. Ohne ein weiteres Wort griff Anna ihre Tasche, schnappte ihr Handy und schob sich an ihrem Schreibtisch vorbei. Sie eilte auf den Fahrstuhl zu, als wäre der Leibhaftige persönlich hinter ihr her … sah sich nicht um … registrierte niemanden … fixierte nur starr die Fahrstuhltür – wie einen Rettungsring. Noch fünf Meter … noch zwei. Die Fahrstuhltür glitt auf, und Anna erstarrte … Es war Bruno, der herauskam, mit Mike im Schlepptau … und Anna dankte dem Umstand, dass Bruno zu beschäftigt war, um sie zu registrieren. Was hätte sie auch sagen sollen, wenn er sie nach dem Grund ihres desolaten Zustandes gefragt hätte. Dass sie was ins Auge bekommen hat … oder eine erfundene Oma gestorben war? Oder einfach nur die Wahrheit? Ihr Sohn ist ein emotionaler Krüppel …, dachte sie resigniert. Aber das wusste er vermutlich selbst. Eilig schlüpfte sie in die Kabine. Spontane Erleichterung erfasste sie, als sich die Türen zu schließen begannen. Seufzend und mit rasendem Herzen lehnte sie sich gegen die Fahrstuhlwand und wagte nun doch einen Blick zu Toms Büro. Die Tür war geschlossen … und das war auch besser so.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Sa Jul 07 2012, 19:44

Mini_2010 schrieb:
Lizzy schrieb:
Ich habe mir jetzt alle Teile auf einmal durchgelesen, ich muss sagen das ist echt der Hammer
du schreibst so verdammt gut, es macht richtig Spass es zu lesen Laughing

Freut mich, wenn dir die Geschichte gefällt. Und ich würde mich freuen, wenn du weiter liest. Wenn ich es schaffe, stell ich heute noch ein oder zwei Teile ein. Die Story an sich ist ja bereits fertig Smile

Ich werde auf jeden Fall weiter lesen Smile
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   So Jul 08 2012, 14:12

Teil 8

Tom war nicht entgangen, wie Anna auf einmal ihre Sachen gegriffen hatte und geflüchtet war. Für einen Moment hatte er erwogen, ihr nachzulaufen, nur um zu erfahren, was los war. Doch dann hatte er sich eines Besseren besonnen. Carla, die ihn heute mit besonders wachsamen Argusaugen beobachtete, hätte ihm nur wieder eine tierische Szene gemacht, wenn er auch nur den kleinen Finger in Annas Richtung bewegt hätte. Und darauf hatte er nun wirklich keine Lust. Nun starrte er seit einer geschlagenen halben Stunde auf den leeren Schreibtisch jenseits der gläsernen Wand und mit jeder Minute, die weiter verstrich, wuchs seine Unruhe. Wo nur blieb Anna? Als Bruno schließlich unvermittelt ins Büro gestürmt kam und Tom brutal aus seinen Gedanken riss, war er für einen kurzen Moment gewillt, seinen Vater einfach anzuschreien und hinauszuwerfen. Doch er riss sich zusammen. „Kannst du nicht anklopfen?“, zischte er barsch und schalt sich einen Moment später für seine unbedachte Frage. Sein Vater klopfte nicht an. Sein Vater war hier der Chef und das Genie … und ein Genie ließ sich weder ein- noch aussperren. Tom seufzte, ehe sein Blick wieder zu Annas Schreibtisch glitt. Sie war noch immer nicht zurückgekommen. „Klopfst du denn an meinem Büro an?“, fragte Bruno mit diesem leicht ironischen Lächeln, welches er in den Jahren seines Erfolgs derart perfektioniert hatte, dass Tom es schon leid war, es dauernd sehen zu müssen. Und wieder einmal wünschte er sich, man würde ihn einfach nur in Ruhe lassen. „Du hast kein Büro.“, erwiderte Tom trocken. „Eben … ich hasse geschlossene Räume. Die Kreativität lässt sich nicht einsperren … und ich hasse es, anklopfen zu müssen…“ Der dramaturgische Höhepunkt von Brunos Auftritt stand kurz bevor, und Tom ahnte, was kommen würde, wenn er seinem Vater die Chance gab, sein Genie rauszulassen. Hier. Jetzt. In seinem Büro. Nein! Man sollte Bruno eine eigene Bühne bauen, auf der er sich austoben konnte.

Es klopfte erneut. Tom seufzte erleichtert auf, als Enrique den Kopf hereinstreckte. „Wir sind soweit.“ Tom sprang von seinem Stuhl auf, als hätte ihn etwas in den Hintern gestochen und sah seinen Vater mit hochgezogenen Brauen fragend an. Bruno war mitten im Satz erstarrt, fast so als hätte man ein laufendes Video gestoppt. Es sah reichlich komisch aus, doch Tom konnte sich beherrschen und unterdrückte ein Lachen. Bruno sah ihn an und seufzte schließlich. „Es ist eine Tragik, wenn das Genie unterdrückt wird.“ Du hast ja so Recht …Gott, deine Probleme möchte ich haben. Tom legte seinem Vater eine Hand auf die Schulter und schenkte ihm ein nachsichtiges Lächeln. Dann folgten die beiden Enrique zum Konferenztisch. Toms Blick huschte durch die Runde. Carla grinste ihn auf eine Weise an, die reine Boshaftigkeit gepaart mit Schadenfreude ausdrückte und Tom sofort alarmierte. Paloma flüsterte Enrique etwas zu, wobei sie Tom einen warnenden Blick zuwarf. Bruno ließ sich schwerfällig an der Stirnseite des Tisches nieder und zwinkerte Natascha freundschaftlich zu, während Virgin angestrengt auf seine Fingernägel starrte und vermutlich überlegte, ob er heute noch zur Maniküre gehen sollte, oder doch erst morgen. Der ganz normale Wahnsinn. Tom seufzte gequält und stutzte schließlich. Wo war Anna? Um seine Überraschung über den Umstand, dass Anna nicht anwesend war, nicht zu auffällig zu zeigen, ließ er sich gelassen neben Carla auf den Stuhl sinken und setzte wieder sein allseits bekanntes mürrisches Gesicht auf, in der Hoffnung, sämtliche lästige Fragen damit von vornherein im Keim zu ersticken. Manchmal war diese Fassade wirklich Gold wert.

„Dann lasst mal sehen.“, eröffnete Bruno die Runde. „Was haben wir?“ Paloma und Enrique breiteten die Fotos vom Shooting auf dem Tisch aus. Tom warf einen flüchtigen Blick darauf. Die Fotos interessierten ihn im Moment nicht die Bohne. Er wollte wissen, wo Anna steckte. „Habt ihr eine Auswahl getroffen?“, bemerkte er versucht beiläufig, sah die Fotos jedoch nicht an … und ansonsten auch niemanden in der Runde. Als keiner antwortete, blickte er auf und begegnete Enriques Augen, die ihn sichtlich irritiert musterten. Dann schob dieser die Fotos weiter auseinander und deutet auf zwei der Bilder. „Anna und ich haben uns für diese beiden hier entschieden.“, erklärte er. Toms Blick wurde eisig. Anna und Enrique? Leiser Groll wallte in ihm auf. „Wo ist Anna? Warum ist sie nicht hier?“ Er hatte Mühe, seinen Ärger über die Tatsache, dass Anna nicht an diesem Tisch saß, im Zaum zu halten. Bilder flammten vor seinem inneren Auge auf. Enrique und Anna, wie sie … Eilig schob er sie beiseite und schluckte seinen Frust hinunter. Enrique sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Einen Moment lang fochten sie einen stummen Kampf aus, ehe Paloma einschritt. „Anna ist nach Hause gegangen … Sie fühlte sich nicht gut.“ Tom hob eine Augenbraue und sah Paloma indigniert an. Sie räusperte sich. Toms Blick fiel wieder auf die Fotos auf dem Tisch, ehe er Paloma erneut ernst ansah. „Als ich sie vorhin gesehen habe, ging es ihr zumindest gut genug, dass sie laufen und zeichnen konnte. Richten Sie ihr aus, dass sie unverzüglich herkommen soll. Es gibt im Moment eine Menge zu tun. Lanford kann es sich nicht leisten, seine Mitarbeiter wegen jedem kleinen Wehwehchen nach Hause gehen zu lassen.“ Er fixierte Paloma mit einem Blick, der die stumme Anweisung barg, ihm nicht zu widersprechen. Dann erhob er sich und ging einfach davon.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Mo Jul 09 2012, 16:25

Teil 9

Enrique, dem Toms seltsames Verhalten genauso wenig entgangen war, wie jedem anderen an diesem Tisch – einschließlich Bruno, der ziemlich verstört dreinschaute –, warf Paloma einen beruhigenden Blick zu. Er würde sich seines Freundes annehmen und ihm mal gehörige die Leviten lesen. Sofort. Tom mochte hier der Chef sein, aber deshalb musste er sich noch lange nicht wie ein Neandertaler aufführen, der Spaß daran hatte, seine Keule zu schwingen – ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne ein weiteres Wort erhob er sich und folgte Tom. Mit einer zornigen Bewegung ließ er die Tür zu Toms Büro hinter sich ins Schloss fallen. „Was sollte das?“, fuhr er ihn direkt an. Tom wandte sich um, verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust und untermalte seinen beginnende Frustration mit einem mürrischen Gesichtsausdruck. „Ich dulde derartiges Verhalten nicht. Das ist unprofessionell.“, bemerkte er lapidar. „Wie bitte?“ Enrique sah seinen Freund irritiert an. „Tom, der Einzige, der sich unprofessionell verhält, bist du.“ Toms Augen verengten sich bedrohlich, seine Lippen pressten sich zu einem schmalen Strich zusammen. Die Explosion stand unmittelbar bevor. „Willst du mir etwa vorschreiben, wie ich diesen Laden hier zu führen habe? Ich bin Geschäftsführer, du bist Marketingchef, … “, brüllte er.

Enrique blinzelte ungläubig, dann schüttelte er fassungslos den Kopf. „Tom, Anna geht es schlecht, und es war richtig von Paloma, sie nach Hause zu schicken. Wenn du deine Augen aufmachen würdest, wäre dir nicht entgangen, in welchem Zustand sie sich befindet.“, versuchte Enrique es erneut. Tom funkelte seinen Freund missbilligend an „Ach, trifft Paloma jetzt die Entscheidungen, ob unsere Mitarbeiter krank sind oder nicht? Dafür gibt es meines Wissens nach Ärzte.“, entgegnete er sarkastisch. Enrique schnappte fassungslos nach Luft. Dass hier war nicht der Tom, den er seit Jahren kannte … und für einen Moment kam ihm der abstruse Gedanke, ob man ihn über Nacht vielleicht durch eine weitaus schlechtere Kopie ersetzt haben könnte. Die normale Ausgabe von Tom Lanford war schon übellaunig, aber das hier … spottete jeglicher Beschreibung. „Verdammt, was ist nur los mit dir, Tom?“ „Nichts!“, war die schroffe endgültige Antwort. „Geh bitte, ich hab zu tun!“ „Nein! Erst erzählst du mir was los ist. Und tu nicht so, als wäre nichts. Ich hab Anna gesehen, und sie ist ähnlich drauf wie du. Also, was ist los mit euch? Habt ihr euch gestritten?“ Tom warf seinem Freund einen widerwilligen Blick zu. „Das geht dich nichts an!“, presste er unter zusammengebissenen Zähnen hervor. Wut verzerrte Enriques Gesicht. Er wusste, dass er sich in seiner Position ziemlich weit aus dem Fenster lehnte, aber Chef hin oder her, das hier ging eindeutig zu weit. „Es geht mich sehr wohl etwas an. Anna ist immerhin eine Freundin …“ „Stell deine persönlichen Belange hinten an. Anna ist eine Mitarbeiterin wie jede andere.“, fauchte Tom dazwischen. Enrique sah überrascht auf. „Ach … du meinst, so wie du deine persönlichen Belange auch hintenanstellst?“, gab er ihm ruhig mit einem ironischen Lächeln zu verstehen. Toms Kiefer mahlten, wütend ließ er seine Faust auf den Tisch krachen, ehe er den Stapel Bestellungen, der vorhin bereits Bekanntschaft mit dem Fußboden gemacht hatte, erneut vom Tisch fegte.

Enrique blinzelte überrascht. Einen Moment lang überlegte er, wann er Tom das letzte Mal so hatte ausrasten sehen. Noch nie! Auch auf die Gefahr hin, dass sein Freund als nächstes den Brieföffner nach ihm werfen würde, trat er einen Schritt auf ihn zu. „Was genau ist zwischen dir und Anna vorgefallen, dass du dich aufführst wie der letzte Trottel?“, unterbrach er Toms Wutausbruch. Eine Sekunde lang starrte der ihn einfach nur an, offenbarte einen Blick tiefer Traurigkeit, ehe er Enrique hastig den Rücken zuwandte. Kopfschüttelnd sah Enrique auf Toms Rücken, bemerkte sein hektisches Atmen. Sein Freund stand völlig neben sich. Aber zu sehen, dass er offensichtlich doch über gewisse Emotionen verfügte – diese waren in den vergangenen Jahren quasi zu Mangelware mutiert – , ließ ihn hoffen. „Hol einfach Anna her. Ich will ihre Entscheidung selbst hören.“, gab Tom Enrique tonlos zu verstehen. Der schnappte fassungslos nach Luft, während er mühevoll nach den richtigen Worten suchte. „Hältst du mich etwa nicht mehr für fähig genug, eine simple Aussage richtig zu verstehen und entsprechend weiterzugeben?“, erwiderte er schroffer als gewollt. „Nein, aber …“ Tom wandte sich um und starrte seinen Freund an, dann senkte er den Blick und stieß angespannt den Atem aus. „Ach vergiss es einfach …“ In der Annahme, dass damit wohl zunächst alles gesagt war, verließ Enrique vollkommen verwirrt das Büro. Sein nächster Weg führte ihn direkt zu Paloma. Er gabelte sie am Empfang auf, wo sie sich gerade mit Steffi unterhielt. Ohne ein Wort der Erklärung, fasste er sie an ihrem Arm und zog sie mit sich in sein Büro.

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Anna war einfach nach Hause gegangen? Tom konnte nicht glauben, was er da gehört hatte. Aber wunderte es ihn wirklich, dass sie so reagierte … nach der Abfuhr, die er ihr im Hotelzimmer erteilt hatte? Hatte er ernsthaft erwartet, sie würde nach der Aktion von heute Morgen einfach so in sein Büro geschlendert kommen, ihn anlächeln und sagen „Hey, … tolle Nacht, aber es war nur Sex … siehst du doch bestimmt genauso.“ Trostlos schüttelte er den Kopf. Nein, das hatte er nicht wirklich erwartet. Gott, er hatte ihren Blick gesehen, als er aus dem Hotelzimmer geflohen war. Seitdem verfolgten ihn diese entsetzten Augen, … voller Verzweiflung und Unglauben. Er dachte wieder darüber nach, dass er ihr erklären sollte, was mit ihm los war ... warum er einfach gegangen war. Das Problem war nur, dass er sein Verhalten selbst nicht verstand. Er mochte sie doch … sehr sogar. Vielleicht ein bisschen zu sehr für sein labiles Gefühlskostüm? Wie auch immer, … das gab ihr noch lange nicht das Recht, einfach Unwohlsein vorzutäuschen und der Arbeit fernzubleiben … ihm fernzubleiben. Entschlossen, sich nicht von seinen Mitarbeitern auf der Nase herumtanzen zu lassen, meldete sich sein Drang zur Autorität. Er zog sein Handy hervor, tippte eilig eine SMS ein und schickte sie an Anna … schnell genug, bevor sich sein schlechtes Gewissen wieder einmischte und ihn in seinem spontanen Vorhaben hinderte. Sein Herz raste und seine Finger zitterten, als das Gerät die Versendung bestätigte. Langsam stieß er die Luft aus, die er unbewusst angehalten hatte und legte das Handy beiseite. War doch gar nicht so schwer, Tom … du musst es nur wollen. Drei Sekunden später sprang er auf und begann rastlos in seinem Büro umherzulaufen, während er auf eine Reaktion seines Handys wartete. Er wartete … und wartete … Seine Schritte wurden länger und steifer … Er hasste es zu warten. Nervös kaute er auf seiner Unterlippe herum, schielte zu seinem Handy … doch es regte sich nicht. Und wenn sie ihr Handy ausgeschaltet hat? Erneut griff er nach seinem Telefon und suchte nach ihrer Telefonnummer. Einen Moment lang zögerte er. Sollte er sie wirklich einfach anrufen? Na ja, er war immerhin ihr Chef und sie war krank … und als Chef sollte man sich doch nach dem Befinden seiner Mitarbeiter erkundigen. So ein Quatsch … Das hast du noch nie getan, Tom. Lächerlich, ausgerechnet jetzt damit anzufangen. Resigniert schloss er das Adressbuch und schob das Handy zurück in seine Tasche. Vielleicht sollte er sie besuchen, um zu sehen, wie es ihr ging? Und was sollte er sagen, wenn sie ihn nach dem Grund seines plötzlichen Auftauchens fragte? „Oh, tut mir leid, dass ich Sie in dem Hotelzimmer einfach hab sitzen lassen. Ich wollte trotzdem wissen, wie Sie mit ihrer Seelenqual klarkommen und Sie daran erinnern, dass Sie einen Vertrag mit uns haben.“ … Ja, großartig, Tom. Seufzend ließ er sich in seinen Stuhl zurücksinken und starrte wieder auf Annas leeren Platz. Er konnte sie verstehen. Dennoch wurmte es ihn, dass sie einfach gegangen war. Plötzlich piepste sein Handy. Erschrocken fuhr er zusammen. Mit zitternden Fingern fischte er das Telefon aus seiner Hosentasche, umklammerte das Gerät und starrte auf das Display. Eine SMS … von Anna.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Mi Jul 11 2012, 08:41

Weiter gehts, meine Lieben ...

Teil 10

Was war das denn eben? Drehte Tom jetzt völlig durch? Als Paloma Anna geraten hatte, nach Hause zu gehen, hatte sie nur widerwillig nachgegeben. Schlussendlich war es aber gut so gewesen. Sie hätte sowieso nicht gewusst, wie sie den Tag hätte überstehen sollen … auf der einen Seite mit Carlas Boshaftigkeiten konfrontiert, auf der anderen mit Toms ignoranter Kälte. Sie wusste, dass Tom es nicht dulden würde, wenn sie der Arbeit einfach fernblieb oder früher nach Hause ging, ohne ihn davon in Kenntnis zusetzen. Aber heute war ihr das reichlich egal. Solange sie von ihm keine Erklärung für sein absolut inakzeptables Verhalten erhielt, konnte er sagen, was er wollte. Im Grunde sollte er doch froh sein, dass er ihren Anblick heute nicht mehr ertragen musste, schließlich konnte er heute Morgen auch nicht schnell genug aus dem Hotelzimmer kommen … Und außerdem gab es keinen Grund, in die Firma zurückzukehren. Sie hatte die Fotos mit Enrique ausgewählt und damit ihre Schuldigkeit für heute getan. Und kreativ konnte sie schließlich überall sein, auch wenn ihr Hirn momentan eine Blockade für alles Kreative errichtet hatte. Davon mal abgesehen war es höchste Zeit, dass sich Carla, was die neue Kollektion betraf, auch mal nützlich machte und zeigte dass sie ihr Geld wert war, anstatt immer nur geschwollen daherzulabern und alles madig zu machen …

Tja, soweit zur Theorie. Aber hatte sie wirklich erwartet, dass die Praxis genauso aussah? Dachte sie wirklich, Tom würde so was wie Mitgefühl kennen oder Verständnis für ihre Qualen zeigen. Nein, ein Tom Lanford interessierten andere Menschen und deren Gefühle nicht. Er war der Chef … und damit basta. Und genauso klang auch seine SMS, die sie soeben bekommen hatte. „14.30 Uhr in meinem Büro. TL“ Kurz, prägnant, kalt – wie immer. Anna lehnte sich seufzend in ihre Kissen, während sie das Handy mit der geöffneten Nachricht an ihre Brust drückte. Ihre Gedanken flogen zurück zu letzter Nacht und zu dem anderen Tom … dem Tom, der lieb, sanft und rücksichtsvoll war … dem Tom, der ihr in dieser Schwimmhalle sein Herz geöffnet hatte … dem Tom, den sie seit letzter Nacht vermisste. Wieder und wieder huschten ihre Augen über diese eine Zeile … und heiße Wut verdrängte die heimliche Sehnsucht. Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein? Erst schläft er mit ihr, dann serviert er sie brutal ab … und zur Krönung befehligt er sie nach all dem noch in sein Büro? … In diesem Ton? Hat der noch alle Latten am Zaun? Nein, mein Lieber … so nicht! Sie grub ihre Finger in die Bettdecke und holte tief Luft. Eigentlich wollte sie ihn damit strafen, indem sie seine SMS schlichtweg ignorierte. Aber ihr innerer Stolz nötigte ihr nach allem was passiert war, eine Reaktion geradezu ab. Mit Wut im Bauch tippte sie eine Antwort. „Komme nicht, bin krank. AB“ Kalt, emotionslos, nicht mehr als nötig, … genauso wie er es auch immer tat. Sie drückte auf Senden, stellte das Gerät auf lautlos und beförderte es an eine Stelle, wo sie es nicht mehr sehen musste. Dann drehte sie sich zur Seite, zog die Decke über sich und versuchte zu vergessen, dass es neben ganz normalen Menschen auch Arschlöcher auf der Welt gab. Warum nur musste sie immer an die Arschlöcher geraten? Das war doch nicht fair. Sie schloss die Augen, verscheuchte diese Gedanken aus ihrem Kopf und versuchte zu schlafen, doch ein leises Klopfen an ihrer Tür hinderte sie daran. Die Tür öffnete sich. Anna drehte sich um und erblickte Paloma.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Mi Jul 11 2012, 09:06

Teil 11

Als Tom Annas Antwort gelesen hatte, flog der nächste Stapel Aktenordner vom Tisch. Carla, die gerade zur Tür herein kam, wich erschrocken zurück. Gott, er musste unbedingt seine Emotionen unter Kontrolle bekommen, sonst gab es demnächst noch Opfer zu beklagen. „Ist irgendwas passiert?“, fragte sie und betrachtete missmutig das Chaos in Toms Büro, das an eine mittlere Naturkatastrophe erinnerte. „Nein, ich dekoriere neu.“, erklärte er mit beißendem Sarkasmus. Carla musterte ihn vorsichtig, schwer darauf bedacht, nicht das nächste Ziel einer weiteren Attacke zu werden. Als sie sich einigermaßen sicher zu fühlen schien, trat auf ihn zu. Tom starrte auf die geöffnete Tür, und der Gedanke, einfach abzuhauen, war plötzlich überwältigend. „Was ist nur los mit dir, Tom?“, fragte Carla in seine Gedanken hinein. Er rollte genervt die Augen und wandte sich ab. „Anna widersetzt sich meinen Anweisungen. Und ich kann es nicht leiden, wenn mir meine Mitarbeiter widersprechen.“ Carla hob amüsiert die Augenbrauen. Sie lächelte wie Barbie, die soeben das Traumhaus, das Pferd samt Reiterhof, das Cabrio und Ken dazu bekommen hatte … und das alles für lau. „Dann schmeiß sie doch einfach raus. Du brauchst sie eh nicht mehr.“, bemerkte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. Toms Blick flog zu ihr, seine Augen durchbohrten sie. „Carla, du weißt, dass das nicht geht … Nach dieser Geschichte mit der Presse … Du kennst Brunos Meinung. Anna ist jetzt wichtiger denn je für die Firma.“, fuhr er sie an. In der Tat hatte Anna bei ihrem Auftritt bei Die Nacht ist Jung unfreiwillig für Wirbel gesorgt, als das Gespräch auf ihren verstorbenen Mann und ihrer eigene Situation kam. Für Tom war es der blanke Horror, aber Anna war souverän gewesen und hatte mit ihrer Geschichte unabsichtlich neues Augenmerk auf Lanford geworfen. Und nicht nur auf Lanford. Alle waren gleichsam geschockt wie beeindruckt von ihr, wusste doch bis dato niemand von ihrem Selbstmordversuch. Carla war das natürlich ein Dorn im Auge, zumal sie mit der Inszenierung dieser unfreiwilligen Offenbarung etwas anderes beabsichtigt hatte. Doch der Plan, Anna mit diesem Relikt aus ihrer Vergangenheit zu diffamieren war leider nach hinten losgegangen. Anna stand nun stärker denn je im Fokus. Dabei wollte sie doch einfach nur, dass sie aus ihrem Leben verschwand. Carla rollte die Augen und schnaubte abfällig. „Gott, als ob wir so eine rührselige Geschichte brauchen, damit die Welt über Lanford spricht.“, spöttelte sie.

Tom sah sie strafend an. „Wenn wir sie rausschmeißen, kommen sie wie die Aasgeier … und diese Art von Publicity ist für Lanford alles andere als nützlich.“ Carla stemmte die Hände in die Hüften und verzog mürrisch das Gesicht. „Dann denke ich mir halt was Passendes aus.“, sagte sie auf eine Weise, als ging es sich um die Organisation eines Kindergeburtstages. „Bitte was?“ Tom starrte sie an, als hätte sie ihm soeben eine Ohrfeige verpasst. Fahrig glitten seine Hände durch sein Haar. „Mensch, Carla … mit so was treibt man keine Scherze ... Du kannst nicht einfach was erfinden und damit haussieren gehen … Das ist ernst …“ Seine Hand rieb fahrig über sein Gesicht. Er stand kurz davor, sie aus seinem Büro zu schmeißen. Er war am Ende, und Carlas dämlicher Vorschlag gab ihm noch den Rest. Hatte sie überhaupt nichts begriffen? „Wer sagt denn, dass ich der Welt die gleiche Geschichte auftische?“ Carla lächelte verzückt und klimperte unschuldig mit ihren Wimpern, kurz bevor sie sich umwandte und mit einem delikaten Hüftschwung aus Toms Büro schwebte. Der schaute ihr vollkommen verständnislos nach. Was war das denn bitte? Genervt rollte er die Augen. Erst Bruno … dann Enrique und jetzt auch noch Carla? Waren heute alle übergeschnappt? Annas entsetzter Blick schob sich plötzlich vor sein inneres Auge und kollidierte mit dem beruflichen Chaos in seinem Kopf, ... vertrieb übergangslos die eine Hälfte des Durcheinanders. Er seufzte niedergeschlagen. Wie sie da so auf dem Bett gesessen hatte – so … verloren. Sie folterte ihn. Und er wusste, dass das nie aufhören würde, wenn er nichts dagegen tat. Kurzerhand erhob er sich. Fest entschlossen, heute zumindest eine Hälfte diese Chaos’ in Ordnung zu bringen, griff er abermals nach seinem Handy und wählte Annas Nummer. Es wurde Zeit für eine ehrliche Entschuldigung.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Mi Jul 11 2012, 09:37

Teil 12

Paloma hatte sich zu Anna auf’s Bett gesetzt und betrachtet sie mit besorgten Augen. Anna lächelte gequält. „Was gibt’s?“ Eigentlich wollte sie es gar nicht wissen, aber ihr Anstand gebot es ihr, diese Frage zu stellen. „Tom ist vorhin ziemlich ausgerastet.“, kam Paloma ohne Umschweife auf den Punkt. Anna zuckte gleichgültig die Schultern. „Hat er ganz umsonst.“ Paloma zog verblüfft die Brauen hoch. „Er hat mir aufgetragen, dich in die Firma zurück zu holen. Er meinte, solange du noch kriechen kannst, wäre es eine Unverschämtheit, wenn du der Arbeit einfach fernbliebest.“, bemerkte sie und gab sich Mühe, Toms mürrische Tonlage zu imitieren. Anna sah Paloma an und schüttelte stöhnend den Kopf. „So was in der Art hab ich mir schon gedacht. Er hat mir eine SMS geschickt, in der er mich sehr nett in sein Büro befehligt.“ Genervt rollte sie die Augen und warf sich mit einem entrüsteten Schnauben in die Kissen zurück. „Und?“, fragte Paloma erwartungsvoll. „Nichts und. Ich habe ihm geschrieben, dass ich nicht komme.“ Ihr Blick glitt an die Decke, als sie fühlte, wie Tränen in ihren Augen aufstiegen. „Ich bin doch keine dumme Praktikantin, die er hin und her scheuchen kann, wie es ihm gerade passt.“, gab sie Paloma mit stockender Stimme zu verstehen. „Und wenn der Typ nicht in der Lage ist, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, dann ist das sein Problem. Aber ich werde mich sicher nicht zum Prellbock seiner unterdrückten Emotionen machen lassen …“ Ein Schluchzen rollte über ihre Lippen, kurz bevor die Wucht ihrer Gefühle sie übermannte.

Ein sanftes Vibrieren unterbrach Annas plötzlichen Ausbruch. Sie stieß zittrig die Luft aus, rieb sich hastig die Tränen aus den Augen und schniefte. Dann tastete sie nach dem Handy, welches sie vor kurzem aus ihrem Blickfeld verbannt hatte. Toms Name blinkte im Display auf. Sie zögerte einen Moment. Wegdrücken oder klingeln lassen? Denn Annehmen kam nicht infrage. Anna entschied sich für’s Wegdrücken und betätigte die Taste. Nur so zu tun, als wäre sie nicht da, würde ihm nicht ausreichend klar machen, dass sie nicht mit ihm reden wollte. Davon mal abgesehen hatte er es nicht anders verdient, nachdem er sie heute Morgen genauso eiskalt weggedrückt hatte, als sie mit ihm reden wollte. Frustriert verbannte sie das Handy unter ihrem Kopfkissen, ehe sie sich wieder unter ihrer Decke vergrub. „Was willst du jetzt tun?“, fragte Paloma in ihre Gedanken hinein. „Ihn ignorieren.“, antwortet Anna knapp. „Und du glaubst, du bekommst das hin?“ Anna lächelte schwach und sah Paloma hoffnungsvoll an. „Wenn du mir dabei hilfst…“ Paloma sah überrascht auf. Dann lächelte sie und nickte. „Und wie genau sieht dein Plan aus?“ „Mich die nächsten sechs Monate hier einschließen …?“, flüsterte sie und sah Paloma hoffnungsvoll an. Die brünette Spanierin legte den Kopf schief und sah sie tadelnd an. Dann schüttelten die beiden Frauen gleichzeitig den Kopf. „Nein, keine gute Idee.“, kam es aus einem Mund. Sie lachten und die bedrückende Atmosphäre verlor ein wenig von ihrer Dominanz.

Fürsorglich griff Paloma nach Annas Hand und drückte sie sanft. „Und wenn du noch ein paar Tage zu Hause bleibst?“ Anna lachte abfällig. „Klar, damit Tom als nächstes persönlich hier auftaucht und mich aus dem Zimmer schleift?“ Paloma entging der sehnsüchtige Unterton in Annas Stimme nicht. Sie lächelte wissend. „Wäre das schlimm?“ Anna sah auf und warf Paloma einen entsetzten Blick zu. „Was glaubst du denn? Gott, allein die Vorstellung …“ Sie schüttelte sich, als wäre ihr plötzlich kalt. „Nein, früher oder später muss ich wieder dorthin …“, seufzte sie niedergeschlagen und rieb sich über ihre Arme. „… wohl eher früher als später.“, fügte sie unwillig hinzu. „Und wie willst du mit Tom umgehen?“ Anna zuckte die Schultern und starrte ausdruckslos vor sich hin. „Gar nicht. Ich gehe ihm einfach aus dem Weg. Offenbar ist ihm das ja am liebsten.“, bemerkte sie mit einem Anflug von Zynismus. „Und bei seinem Anruf eben hat es doch auch schon prima geklappt.“ „Aber ihm gegenüberstehen oder mit ihm zusammenarbeiten zu müssen, ist was anderes als ein weggedrückter Anruf oder ein paar ignorierte SMSen, Anna.“, erinnerte Paloma sie sanft. Mürrisch verzog die Blondine das Gesicht. „Na und, ich hab mit diesem Scheiß schließlich nicht angefangen.“, zischte sie mit blitzenden Augen. Dann neigte sie den Kopf und lächelte wieder. „Ich werde schon zu verhindern wissen, dass wir uns zu häufig begegnen.“, gab Anna sich zuversichtlich. Erstaunt hob Paloma die Brauen. „Und wie? Ihr habt Meetings zusammen … oder ihr seht euch an der Kaffeebar …“ Sie hielt inne. „Und mal ganz ehrlich, Anna … wie wäre es, wenn ihr einfach miteinander redet. Ihr seid zwei erwachsene Menschen. Das kann doch nicht so schwer sein.“

Anna schluckte, ehe sie ein Lächeln auflegte, was alles andere als echt wirkte. Sie wusste ja, dass ihre Freundin recht hatte, aber sie hatte keine Ahnung von Tom. Reden mit Tom soll nicht schwer sein? Pah ... Auf einer Skala von eins bis zehn nahm diese Herausforderung eine glatte zwölf ein. Bevor man sich dem Versuch unterzog, mit Tom Lanford zu reden, wählte man lieber eine kalte weiße nackte Wand, denn die war weitaus gesprächiger. Ein Tom Lanford redete nicht, ein Tom Lanford schwieg. Meistens zumindest, Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel, aber die sucht man in diesem Fall nahezu vergeblich. Oh, es war nicht so, dass sie es nicht schon dutzende Male versucht hätte, mit Tom zu reden. Aber dieser sture Idiot ließ ja stets und ständig den Kotzbrocken raushängen, wenn es darum ging, Farbe zu bekennen. Und sie hatte es allmählich satt, immerzu die Vernünftige zu spielen und den ersten Schritt zu machen ... oder ihm gar wie ein treudoofer Dackel hinterher zu laufen, bis der Herr sich mal erbarmte, den Mund aufzumachen. Von nun an wäre dieser nette Zug von ihr Geschichte. „Du hast doch gesagt, du hilfst mir.“, meinte Anna kleinlaut und warf ihrer Freundin einen flehenden Blick zu. „Du meinst, … je größer die Frauenpower, desto kleiner die Chance für Tom, sich dir zu nähern?“ Anna nickte unsicher. „So ungefähr …“ Paloma schüttelte seufzend den Kopf, ehe sich ein breites Grinsen über ihr Gesicht zog. „Könnte funktionierten. Vielleicht sollten wir Enrique einweihen.“ Anna dachte einen Moment über Palomas Vorschlag nach. „Aber die Sache mit Tom …“ „… muss er nicht erfahren.“, sagte Paloma verständnisvoll. Anna nickte, dann hielt sie nachdenklich inne. „Warum eigentlich nicht …“, meinte sie lächelnd. „Enrique ist Toms bester Freund.“, erinnerte Paloma sie. Anna zuckte die Schultern. „Und? Dann muss er sich eben entscheiden, für welches Team er spielt.“, erwiderte sie leichthin. Sie spürte, wie sie unvermittelt neue Energie durchströmte. Ein wunderbares Gefühl. „Ach Süße, mir wäre es trotzdem lieber, wenn du noch ein oder zwei Tage zu Hause bleibst.“, bremste Paloma ihre beginnende Euphorie. Anna sah sie lange an, ehe sie süßlich lächelte. „Meinst du, Carla kommt so lange ohne mich klar?“ Paloma legte den Kopf schief und überlegte angestrengt. Dann grinste sie. „Eher nicht … aber auf der anderen Seite kann so unsere Möchtegern-Diva mal zeigen, dass sie nicht nur zu Dekorationszwecken an ihrem Schreibtisch sitzt.“ Anna schüttelte den Kopf und lachte. „Das Risiko möchte ich lieber nicht eingehen.“

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Mi Jul 11 2012, 11:34

wow, was für wundervolle Teile bitte ganz schnell mehr davon Very Happy Very Happy
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Mi Jul 11 2012, 12:27

Lizzy schrieb:
wow, was für wundervolle Teile bitte ganz schnell mehr davon Very Happy Very Happy

Danke dir! Very Happy bounce
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Fr Jul 13 2012, 19:12

Anbei für euch die Fortsetzung ...


Teil 13

Nach dem achten Klingeln, knackte es in der Leitung. Dann war der Rufaufbau plötzlich unterbrochen. Entsetzt sah Tom auf das Display. Anna hatte ihn weggedrückt. Einfach so. Ohne ihm auch nur den Hauch einer Chance zu geben. Das war wirklich der Gipfel der Frechheiten, die er heute ertragen musste. Erst verweigerte sie die Arbeit, dann verweigerte sie seine Anweisungen und jetzt … verweigerte sie auch ihn. Tom traf die Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht. Er musste zu ihr. Sofort. Ohne darüber nachzudenken, schnappte er sich seinen Mantel und hastete aus dem Büro. Er betete, dass ihn niemand auf dem Weg zu seinem Auto aufhalten würde. Er hatte Glück … keine Carla in Sicht, kein Virgin … „Tom … kann ich dich kurz sprechen?“ Verdammt! Er hatte nicht mit seinem Vater gerechnet, der nun mit großen Schritten auf ihn zugesteuert kam. Seiner Miene nach zu urteilen, brannte ihm etwas unter den Fingernägeln, von dem Tom wusste, dass es getrost Zeit bis morgen hätte, für Bruno aber das schiere Überleben bedeutete. Und egal was es auch sein würde, es musste ganz ganz sicher sofort erledigt werden müssen. Tom seufzte angestrengt und sah seinen Vater ungeduldig an. „Kann das bis nachher warten, ich muss dringend weg.“ „Nein. Du weißt, die Kreativen müssen handeln, wenn sie in Aktion sind. Abbremsen und Verschieben bedeutet Stillstand … Der Tod für unsere Branche.“ Tom seufzte auf. Er hatte es gewusst. Und eine kreative Ansprache seines Vaters war genau das, was ihm heute noch gefehlt hatte. Da Bruno Toms Antwort nicht abwartete, sondern direkt auf dessen Büro zusteuerte, blieb Tom keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Gott, wie er diese Momente hasste. „Was gibt’s, was so wichtig ist, dass es nicht mal ein paar Stunden warten kann?“, fragte er mit einem Zynismus in der Stimme, der Bruno veranlasste, seinen Sohn einen Moment lang aus zusammengekniffenen Augen zu mustern. „Unter vier Augen.“, brummte er und deutete mit einem Kopfnicken auf Toms Büro. Auch das noch. Widerwillig schloss Tom die Tür hinter sich und seinem Vater. Und unweigerlich keimte in ihm die Befürchtung auf, dass er hier wohl nicht so schnell wieder herauskommen würde. Er trat an das Sideboard hinter seinem Schreibtisch, griff die Karaffe und goss sich ein Glas Wasser ein – nicht weil er Durst hatte, sondern um seinen in ihm tobenden Gefühlen Herr zu werden. Beiläufig bot er Bruno ebenfalls ein Glas an. Doch der schüttelte nur den Kopf. Dann lehnte er sich gegen das Sideboard, das Glas in seinen Händen wie eine Waffe haltend – bereit, sie einzusetzen – und sah seinen Vater mit unübersehbarem Frust an.

Bruno, hatte sich angespannt auf einen der beiden Stühle fallen lassen, nur um drei Sekunden später wieder aufzuspringen und durch das Büro zu tigern, augenscheinlich mit dem Ziel, eine unschöne Laufspur in den Teppich zu pflügen. Und während Bruno in seiner Wanderung schweigend vor sich hingrübelte, betrachtete Tom missmutig, wie die Spur in seinem Teppich langsam tiefer wurde, was unweigerlich die Frage in ihm wachrief, wie er das gute Stück wohl vor der grausamen Folter retten könnte. „Ich wollte mit dir über Anna sprechen.“, begann sein Vater unerwartet, und Tom zuckte dermaßen erschrocken zusammen, dass das Wasser in seinem Glas bedrohlich schwappte. Vorsichtig hob er die Brauen und betrachtete Bruno mit gemischten Gefühlen. Oh Gott, bitte nicht eine dieser Moralpredigten. „Wo ist Anna?“, wollte Bruno wissen. Tom stieß angespannt die Luft aus und klammerte sich fester an das Glas. „Ich war gerade dabei, das herauszufinden.“, erwiderte er versucht ruhig, während sein Innerstes, von dieser Frage aufgewühlt, tobte. Bruno neigte den Kopf, runzelte die Stirn und kräuselte nachdenklich die Lippen. Schließlich ließ er sich wieder in den Stuhl vor Toms Schreibtisch fallen, und Tom seufzte leise auf. Sein Teppich war gerettet. „Gut. Finde sie … aber bitte schnell.“, verlangte Bruno. Tom hob überrascht die Brauen, stellte wortlos das Glas ab und strebte zur Tür. Diese Aufforderung würde sein Vater kein zweites Mal aussprechen müssen. „Warte …“, hielt er ihn auf, und Tom rollte genervt die Augen. „Ich bin noch nicht fertig.“

Was denn nun noch …, grollte es in Tom, während er sich langsam wieder seinem Vater zuwandte, die Türklinke sicherheitshalber schon in der Hand. Er verkniff sich eine mürrische Bemerkung, starrte seinen Vater stattdessen erwartungsvoll an. „Carla.“ Tom runzelte die Stirn. „Was ist mit ihr?“ Bruno legte nachdenklich einen Finger an seine Lippen, so wie er es immer tat, wenn er etwas Gewichtiges auf dem Herzen hatte. Tom schluckte schwer. Dieser Blick in Verbindung mit dem Namen Carla hatte mit Sicherheit nichts Gutes zu bedeuten. Augenblicklich begann Tom sich unwohl zu fühlen. „Liebst du sie?“ Tom erstarrte. Er hatte es geahnt. Seit Wochen schon bedrängte Bruno ihn regelmäßig mit dieser Frage. Aber was bezweckte er damit? Wie auch immer, er hatte keine Lust auf dieses Thema. „Natürlich.“, beeilte sich er zu sagen und bemühte sich, einen passenden Gesichtsaudruck zu seinen Worten aufzusetzen. Sein Vater nickte auf eine unheilvoll wissende Art, fast so als hätte er ihm die Lüge von der Nasenspitze abgelesen. Sein Blick ruhte eindringlich in seinem Gesicht. „Kennst du das, Tom … Du hast ein Lieblingsrestaurant und dort schmeckt es dir so gut, dass du immer wieder dorthin willst.“ Tom verzog entgeistert das Gesicht. Worauf zum Teufel wollte sein Vater hinaus? Abwartend sah er ihn an, während Bruno in seinem pittoresken Vortrag aufzublühen begann. Sehnsüchtig starrte er auf die Türklinke, die er noch immer umklammert hielt. „Du erlebst diesen Genuss, kannst gar nicht genug davon bekommen. Doch dann, … mit der Zeit …“ Brunos Gesicht nahm einen gleichgültigen Ausdruck an. „… beginnt das Essen fade zu werden … Man hat genug davon, kann es nicht mehr sehen. Und dann, …“ Ein schiefes Grinsen verunzierte seine Lippen. „… dann sucht man sich einen neuen Gaumenschmaus.“ Tom sah seinen Vater auf eine Weise an, als erkläre ihm dieser zum wiederholten Mal die Welt … und er verstand sie trotzdem nicht. „Papa, … worauf willst du hinaus?“, hakte Tom vorsichtig nach. „Carla … Am Anfang war sie ebenjener Gaumenschmaus, … ich konnte nicht genug von ihr bekommen. Immer wieder hat sie mich überrascht … Ich war geradezu süchtig nach ihr …“ Er hielt inne und sah Tom ernst an. Dann huschte sein Blick durch die Fensterwand zu Carla. Tom ließ die Türklinke los – eine stumme Kapitulation vor dem Fluchtgedanken – trat von der Tür weg und ging zurück zu seinem Schreibtisch. Nachdenklich folgte er Brunos Blick und beobachtete, wie Carla aus dem Fenster starrte und scheinbar still vor sich hingrübelte. „Aber dann…“ Tom zuckte zusammen, als Bruno abrupt aufsprang und wieder in seinem Büro herumzutigern begann. Himmel noch mal, sein Vater sollte echt aufhören, sich so ruckartig zu bewegen, sonst würde ihn noch ein Herzkasper ereilen – und das mit einunddreißig Jahren. Dann hielt er genauso abrupt inne und sah Tom ernst an, ehe seine Augen wieder zu Carla wanderten und sein Blick sich plötzlich trübte. „… dann war der Punkt erreicht, an dem sie nur noch fade wirkte … sie immer weniger überzeugen konnte.“ „Was willst du mir eigentlich sagen?“, fragte Tom betont vorsichtig. Doch anstatt ihm zu antworten, deutete Bruno ihm mit einer recht forschen Handbewegung zu schweigen.

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Fr Jul 13 2012, 20:03

Genial, du schreibst echt wunderschön. Surprised Surprised Surprised
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Fr Jul 13 2012, 20:39

Lizzy schrieb:
Genial, du schreibst echt wunderschön. Surprised Surprised Surprised

Danke. Ist nur im Moment wenig Zeit, aber ich beeile mich, damit es bald Nachschub gibt Wink
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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Sa Jul 14 2012, 13:38

Teil 14

Bruno sah Tom an, wie jemand, der es bedauerte, dass ihm ein genialer Gedanke nicht schon viel früher gekommen war. Ihm schwante nichts Gutes, als Bruno auf Carla deutete. „Sieh sie dir an… Seit Monaten ist ihrem kreativen Köpfchen nichts wirklich Großartiges mehr entsprungen. Das muss doch selbst dir aufgefallen sein …“ Tom stutzte und musterte seinen Vater unsicher. Was das betraf, musste er Bruno Recht geben. Die Haokan-Kollektion entstammte Annas Idee, und was die Unterstützung zur Lanford-Life Kollektion anging, auch da hatte sich Carla nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Und Lanford-Luxery … „Ich habe beschlossen, personelle Veränderungen im Kreativbereich vorzunehmen …“, fuhr Bruno abrupt fort und holte Tom aus seinen Gedanken. Lange sah er ihn an, ehe er weitersprach. „Ich kann Carla nicht mehr gebrauchen, Tom … Lanford kann sie nicht mehr gebrauchen …“ Tom spürte, wie sich bei diesen Worten sein Magen zusammenkrampfte. Fassungslos starrte er seinen Vater an. Er wollte etwas sagen, doch Bruno ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Du kündigst ihr und übergibst den Posten der Chefdesignerin an Anna … Sie ist genau der Genuss, den Lanford braucht. Ihr frisches unverbrauchtes Talent wird Lanford einen ganz neuen Aufschwung verleihen.“, erklärte er, und die Entschlossenheit, die in seiner Stimme mitschwang, sagte Tom, dass es in diesem Punkt keinen Raum für Verhandlungen gab. Entsetzt starrte Tom seinen Vater an. „Bitte was?“ Bruno zog die Brauen hoch. „Carla ist nicht mehr tragbar für Lanford … und das schon seit geraumer Zeit. Ihre Vorstellungen von Stil, Trends und Moderne sind fader als deine … und wir wissen beide, wie viel du davon verstehst.“, fügte er indolent hinzu. Eine schallende Ohrfeige wäre kaum weniger demütigend gewesen. „Danke für die Blumen.“, erwiderte Tom zerknirscht und begann, seinen Vater mit finsteren Blicken zu erdolchen.

Bruno hielt seiner stummen Attacke mühelos stand, während er mit einem resoluten „Lass Carla gehen, Tom!“ seine Anweisung bekräftigte. „Das ist nicht dein Ernst?“, brachte Tom ungläubig hervor. „Ich beliebe, in solchen Dingen niemals zu scherzen. Soweit solltest du mich kennen.“, erinnerte Bruno. Toms Mund klappte auf, während sein Hirn wie ein Kreisel rotierte. War das wirklich sein Vater, der da vor ihm stand? War das wirklich derselbe Mann, der Carla noch vor Monaten in den Himmel gelobt hatte? Sicher, sein Vater war bekannt für seine zeitweilig unkonventionellen Vorstellungen, aber mal so eben die Strukturen zu verändern und eine Designerin mit einer durchaus soliden Arbeit vor die Tür zu setzen, war dann doch ein ziemlich resoluter Schritt. Vorsichtig taxierte Tom das Gesicht seines Vaters, versuchte zu ergründen, wie ernst ihm diese Entscheidung war. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine von ihm spontan ausgesprochene Anweisung kurze Zeit später wieder rückgängig gemacht wurde. Doch Brunos Miene schien entschlossener den je. „Wir schlittern auf ein Desaster zu, weil wir an unproduktiven Ressourcen festhalten.“, bekräftigte der Kreativchef. „Und auf dein halbgares Beziehungsleben kann ich keine Rücksicht nehmen, tut mir leid.“ Tom schnappte entsetzt nach Luft. Jetzt nahm sich sein Vater eindeutig zuviel raus. „Warum Carla? Warum jetzt?“, verlangte er zu wissen. Die Worte kamen barscher über seine Lippen, als beabsichtigt. Bruno seufzte und strich sich über seinen nackten Kopf. „Weißt du, Tom … am Anfang war Carla aufregend, sie war spontan, enthusiastisch und lebensbejahend … Sie sprühte geradezu vor Energie …“ Er unterbrach sich und richtete seinen Blick auf Carla, die ausdruckslos auf ihren Schreibtisch starrte. „Doch mit der Zeit, war sie immer blasser geworden. Sie hat ihren Esprit verloren, ihren Glanz …“ Brunos Blick richtete sich in Toms, während er traurig hinzufügte: „Und sie hat nicht die Kraft, dich da rauszuholen … schlimmer noch, du hast sie mit dir in dieses Nichts hinabgezogen.“

Tom schluckte hart, während Brunos Worte ihn wie einen Fausthieb trafen. „Reden wir hier von meiner Beziehung zu Carla oder ihrer Arbeit als Designerin?“ Bruno sah ihn ernst an. „Es geht um beides, Tom.“ Mit einem abgrundtiefen Seufzen ließ er sich wieder auf den Stuhl vor Toms Schreibtisch sinken. Er legte den Kopf in den Nacken und schloss für einen Moment die Augen. „Deine Trauer um Fannis Verlust … Carla kann dir da nicht raushelfen. Am Anfang hat sie es versucht, und ich gebe zu, dass ich zu hoffen begonnen hatte ...“ Kopfschüttelnd blickte Bruno seinen Sohn an. „Aber sie hat ziemlich schnell aufgehört zu kämpfen … hat sich angepasst, um dir gerecht zu werden … Aber das ist der falsche Weg.“ Sein mahnender Blick veranlasste Tom, genervt die Augen zu rollen. Er hasste diese Leier, und er verspürte nicht die geringste Lust, dieses Thema zu vertiefen. Ganz anders so sein Vater. „Ihr seid Partner, Freunde … aber zwischen euch sehe ich keine Liebe … oder Leidenschaft …“, fuhr er unbeirrt fort. Groll wallte in Tom auf. Er wollte widersprechen, doch Bruno gab ihm keine Möglichkeit. „Wenn du sie gehen lässt, gibst du ihr die Chance, ihr Glück eines Tages zu finden. Wenn nicht, wird sie irgendwann irgendwo landen …, und das wünscht sich keiner von uns für sie.“ Bruno unterbrach sich und sah Tom besorgt an. „Und du, … du bleibst in diesem Strudel hängen, der dir langsam jeglichen Lebenswillen aussaugt … und dich tiefer hinter die dicke Fassade drängt … bis niemand dich dort mehr hervorzulocken vermag.“ Tom starrte seinen Vater fassungslos an. Was war das hier? Eine Stippvisite in die Tiefen seiner psychischen Verfassung? Seine Hände ballten sich zu Fäusten, während sich Brunos Worte wie Messer in seine Eingeweide bohrten. Ja, Carla mochte ihre Eigenarten haben, aber sie war noch immer die Frau an seiner Seite. Und ein Teil von ihm wehrte sich entschieden gegen diese absurde Aufforderung, Carla einfach aus seinem Leben zu streichen. Aber ein anderer, kleinerer Teil … den er stets sorgsam verborgen hielt, regte sich und begann, sich in den Vordergrund zu kämpfen. Er wusste es, tief in seinem Inneren wusste er es ganz genau … Bruno hatte Recht. Nur würde er das niemals zugeben. „Ich kann nicht ohne sie sein … ich liebe Carla.“, verteidigte sich Tom. Bruno warf lachend seinen Kopf in den Nacken. „Liebe? Mensch Tom, mach endlich die Augen auf! Klar, liebst du jemanden … und ich weiß auch genau, wen du liebst … aber es ist nicht Carla.“

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BeitragThema: Re: Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"   Sa Jul 14 2012, 15:55

Toll, toll, einfach toll Smile
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Anna und die Liebe - AnTom FF (Part I) "Liebe findet ihren Weg"
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